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Ich seufze nicht, aber meine Hände zittern leicht. Es ist merkwürdig, finde ich, dass bei erhöhtem Adrenalinausstoß zwar meine Hände und Arme zu zittern beginnen, meine Atmung etwas eigentümlich flatterhaftes bekommt, jedoch weder meine restlichen Extremitäten noch mein Herzschlag nennenswert beeinträchtigt sind. Zugegebenermaßen ist mein Adrenalinspiegel gerade zwar hoch, jedoch nicht übermäßig.

„Mutter, bitte. Ich habe es dir bereits letztes Jahr erklärt. Und vorletztes Jahr auch. Ich werde das nicht mitmachen, nicht mitansehen und ganz sicher keine anders geartete Beteiligung daran zeigen.“

„Aber meine Liebe, wieso denn nicht? Das hat dir doch früher so viel Spaß gemacht...“

„Au contraire, Mutter. Ich wollte in meiner Kindheit lediglich meinen Eltern alles recht machen. Und jetzt mal ernsthaft, als Teenager sucht man sich gerne mal einen kleinen Stressabbau, und wozu sollte ich irgendwo einbrechen oder mich mit leidlich unintelligenten Klassenkameraden prügeln, mal abgesehen davon, dass ich als Mädchen generell Schwierigkeiten dabei hätte, wenn meine Eltern mir doch eine perfekte Möglichkeit geradezu aufzwingen. Und jetzt bin ich Zwanzig, hab mein Leben relativ im Griff, was nicht euch zu verdanken ist, also verfüge ich weder über die Motivation noch den Bedarf an eurem sehr merkwürdigen Brauch.“

Ich hatte nichts davon wie einen Vorwurf formuliert, gar nichts. Selbst die Äußerung der Merkwürdigkeit bezieht sich lediglich auf meine eigenen Erfahrungen jüngeren Datums bezüglich der Verhaltensweise anderer Leute.

„Aber Schätzchen, ich brauche dich hier. Weibliche Unterstützung, verstehst du? Dein Vater freut sich auch schon darauf.“

Ich seufze. Fuck! Damit habe ich ihr soeben emotionale Angriffsfläche gebot... Haaaalt, stopp! Hab ich nicht. Ha! Anstatt es wie ein Seufzen der Verzweiflung klingen zu lassen, ändere ich meine Strategie in resignierenden, sanften Zorn.

„Mutter, ich sage das ein Mal, nur noch dieses eine vermaledeite Mal: Ich werde nicht mitmachen. Mal abgesehen davon, dass wir hinterher ohnehin die ganzen Teppiche schrubben müssen, bezweifle ich ohnehin, dass mehr dabei herumkommt als ein interfamiliäres Gemetzel, wie man sich das auch im Fernsehen angucken kann.“ Ich zögere, dann füge ich hinzu: „Richte Vater trotzdem meine Glückwünsche zur Silberhochzeit aus, okay?“

Ich warte nicht auf ihre Antwort. Meine Mutter ist wie eine Schlange, die dich hypnotisiert, wie eine Spinne, die dich einwickelt, wie ein Schwarzes Loch, das dich anzieht, dir jede Möglichkeit nimmt und dich letzten Endes zerfetzt.

Nicht dass ihr mich falsch versteht, ich liebe sie, genau wie meinen Vater. Ich sehe sie lediglich vorzugsweise in ihrer ganzen perversen Ekelhaftigkeit.

„War das deine Mutter?“

Die Frage reißt mich aus dem Konzept und ich zucke zusammen, werde mir meiner Situation bewusst. Ich stehe, den Telefonhörer Marke Portable Earie – ganz neues Modell, außerdem eine britische Marke, was mein Interesse geweckt hat – in der Hand und starre gegen die leere Wand. Beziehungsweise drehe ich mich um, jetzt wo die Stimme da ist.

Sie gehört zu meinem Freund Martin, einem schmächtigen, jedoch hochintelligenten Mann von zweiundzwanzig Jahren, der sich eines zauberhaften Lächelns rühmen kann. Erstaunlicherweise war es nicht, wie es in jeder elftklassigen Liebesschnulze aus einem X-beliebigen Groschenroman gewesen wäre, dieses Lächeln, in das sich mein Herz verliebt hat, sondern seine Frisur.

Ich liebe braunes Haar, und da ich zu feige zum Färben bin, habe ich gerne mal darauf geachtet, dass in meinem Freundeskreis jemand im brünetten Stadium war. Bescheuert, ich weiß. Aber seht es mal von der praktischen Seite aus: In dunkelbraunen Haaren sind Blutflecken kaum zu erkennen, wenn man nicht darauf achtet. Außerdem war seine Frisur pragmatisch. Zu kurz um sie lang zu nennen, zu lang um sie kurz zu nennen und simpel gestyled... dachte ich damals jedenfalls. Heute weiß ich, dass er einmal die Woche mit einem Kamm durchgeht und das war alles.

Pragmatisch, mein Herzblatt.

„Ja, war sie.“ Ich lege den Hörer beiseite (Bis zu fünf Meter von der Ladestation entfernt läd es sich trotzdem noch, was ich allerdings erst nach dem Kauf erfahren habe) und gehe die drei Schritte auf Martin zu. Er lässt es zu, dass ich ihn umarme, ebenso einen Kuss auf Mund und Wange, ersteren erwidert er sogar. Scheinbar war sein Arbeitstag heute erfreulich.

„Und was wollte sie?“ Er legte eine Hand auf meine Schulter, von hinten, und zog mich – sanft, wie ich anmerken möchte – ein wenig auf Abstand. Scheinbar doch kein sooo guter Tag.

„Mich zu ihrer Silberhochzeit einladen. Party, people, Punsch. Das ganze verfickte Hochzeitsprogramm.“

Er hob seine linke Augenbraue, was bei ihm einer Reaktion der Missbilligung am nächsten kam. Noch ein Grund, weshalb ich es liebe, mit ihm zusammen zu sein: Streit gibt es de facto nicht. Höchstens Diskussionen mit unterschiedlichen Standpunkten... oder ein Stirnrunzeln.

„Was ist? Hab ich...?

Natürlich habe ich. Er mag es nicht, wenn ich fluche und ich mag es selbst nicht. Scheinbar hat das Gespräch mit Mutter mich mehr aufgewühlt als gedacht.

„Entschuldige.“

„Da gibt es nichts zu entschuldigen.“ Er murmelt. Er murmelt oft, wenn er lügt, damit ich mich besser fühle. Vermutlich merkt er es nicht einmal. Scheinbar tut es ihm aber nicht leid genug, um mich tröstend in den Arm zu nehmen, der kleine Schlawiner.

„Ich vermute, da du nicht besonders gut aussiehst, dass du abgesagt hast... und es zum Streit kam?“

Ich nicke unwillkürlich, auch wenn das nicht ganz der Wahrheit entspricht. Den Streit hab ich abgewürgt. Aber wieso sehe ich nicht besonders gut aus? Ich frage ihn, und die Antwort verunsichert mich.

„Du bist blass. Ich würde vermuten, du wärest krank, wenn du nicht heute morgen so gut ausgesehen hättest, darum nehme ich an, der Streit hat dich mitgenommen.“

Jetzt nimmt er mich in den Arm. Endlich. Erst da wird mir klar, wie sehr ich darauf gehofft hatte.

„Wieso hast du denn abgesagt? So eine Silberhochzeit ist immerhin etwas Besonderes. Und ich wette, deinen Eltern bedeutet es sehr viel, wenn du erscheinen würdest.“

„Das mag sein, aber bei uns ist das so eine Sache... also in meiner Familie, meine ich. An jedem Hochzeitstag wurde eine Party geschmissen, man könnte sagen eine Art Mottoparty... Und wie du gesagt hast, die Silberhochzeit ist was Besonderes. Ich fürchte einfach, dass es eskaliert.“

Das muss er schlucken. Bitte, lass es ihn schlucken. Ich mache mir sogar das Zittern meiner Hände zunutze, um ihn davon zu überzeugen, wie sehr es mich aufgewühlt hat. Ich sehe in seinen Augen, dass es wirkt, als ich nach seinen Händen greife. Feelings vs. Brain Runde Eins und sofortiges technisches K.O., Sieg für die Hormondrüßen. Yippieh ka yeah, Amygdala!

Sein Gesicht, dieses geliebte Lächeln, dass er selbst in angespannten Situationen vorzeigen kann, verblasst, als er eine Hand von meiner löst und mir über die Wange streicht.

„Wow. Das nimmt dich wirklich mehr mit als ich dachte... Wusste gar nicht, dass du so einen Groll gegen Mottopartys hast.“

Bei seinem letzten Satz ist das Lächeln wieder da. Ich kann nicht anders, als mich daran anzustecken.

„Martin, du weißt doch, wenn du versuchst lustig zu sein, scheiterst du unweigerlich.“

„Und doch lächelst du. Ich würde sagen, das geht als Teilsieg durch?“

„Darauf können wir uns einigen.“

Eine Sekunde Schweigen. Um das Thema der Silberhochzeitsfeier zu beenden, frage ich nach seinem Tag.


Lasst mich ein paar Dinge über Martin und mich ausführen, wenn es nichts ausmacht. Ich hatte nie eine wirklich glückliche Beziehung, jedoch insgesamt vier, Martin nicht mitgezählt, die definitiv unglücklich waren. Ich könnte nicht genau sagen, woran es lag, vielleicht an meinem eingeschränkten sexuellen Verlangen (im Teenageralter muss eine Freundin offenbar bereit dazu sein, jederzeit und an jedem Ort das kleine Sexpüppchen zu sein) oder an meiner kühlen Art, mit denen ich den Jungs das Gefühl gab, sie nicht zu begehren.

Martin ging es nicht unähnlich. Er hatte, bis er mich im Alter von neunzehn traf, keine einzige Beziehung gehabt, da seine Art noch weitaus kälter wirkte als meine und er diverse... nun, nennen wir sie Ticks hatte. Dass er Körperkontakt bestmöglich vermeidet ist nur die Spitze des Eisbergs. Dabei ist es nicht einmal etwas psychologisches wie Asperger oder Autismus oder wie die alle heißen. Es gefällt ihm einfach nicht.

Hinzu kommen Dinge wie seine monotone Stimme, die im Gegensatz zu seinem Lächeln steht. Man könnte meinen, man spräche mit einem Roboter, wenn man ihn nicht kennt.

Kurz gesagt, wir waren wie zwei Eiswürfel, beide kalt, beide abweisend, aber wenn man zwei Eiswürfel lange genug aneinander hält friert der eine doch an dem anderen fest und umgekehrt. Wie genau das bei uns passierte ist letztlich doch egal, aber ihr solltet wissen: Ich liebe ihn, und egal wie kalt er scheinen mag, er liebt mich, und er kümmert sich um mich.

Zugegeben, Geschlechtsverkehr fällt flach, aber das kümmert ja zum Glück keinen von uns. Eine intellektuelle Beziehung kann ähnlich erfüllend sein, nicht wahr?

Das Problem ist nun der Anruf meiner Mutter. Denn wenn er herausfindet, was es mit diesen Mottopartys tatsächlich auf sich hat bin ich am Arsch. Und so schlau wie er ist würde ich nicht einmal daran zweifeln, dass er es herausfindet. Darum die kleine emotionale Show vorhin.


So, zurück zur Gegenwart, wo wir uns das Bett zwar teilen, aber doch alleine schlafen. Ich liege an diesem Abend noch lange wach und lausche den rhythmischen Atemgeräuschen meines Freundes. Normalerweise ist er der mit den Schlafstörungen, aber diese Nacht geht es ihm gut.

Mir nicht.

Ich liege wach und lasse diverse Horrorszenarien vor meinem geistigen Auge ablaufen, ironischerweise hat kaum eines davon tatsächlich die Party als Hauptthema, sondern Martins Reaktion. In einem der Szenarien spuckt er mir vor die Füße und rennt weg. In einem anderen schlägt er mich zusammen. In wieder einem anderen, dem vielleicht Schlimmsten, sieht er mich einfach nur an und in seinem Blick scheint das bisschen Liebe, zu dem er mir gegenüber fähig ist, zu zerbrechen.

Mit einem Schrei fahre ich auf und merke, dass ich eingeschlafen sein muss. Zumindest das letzte Szenario war ein Traum gewesen.

„Fuck.“

Ich flüstere, meine Lippen zittern, es hört sich an wie „hack.“

Wenn ich meine Mutter in die Finger kriege, dass ich nur wegen diesem einen Anruf solche Horrorgedanken habe, bringe ich sie um.

Scheiß drauf, ob das das eigentliche Problem an der ganzen Sache ist oder nicht.

Ich drehe mich um und merke, dass Martin nicht neben mir liegt. Müde, erschöpft und, wie ich merke, mit Tränen in den Augen, lehne ich mich in mein Kissen zurück. Ich schluchze nicht. Würde es gerne, aber ich kann nicht. Ich bin zu stolz dazu.

Als mir aber ein nach Morphin stinkendes Tuch auf die Nase gepresst wird, schreie ich.

Bevor ich das Bewusstsein verliere denke ich, dass ich dazu nie zu stolz war.



Eine düstere Welt voller Albträume ist es, die ich durchschreite, doch keinen davon betrachte ich. Stellt euch meine Traumwelt als einen Gang voller Türen vor, wie in Matrix, nur ist der Gang schwarz und die Türen aus Glas, sodass ich sehen kann, welches Grauen mich auf der anderen Seite erwarten würde. Ich schreite hindurch wie ein Junkie, taumelnd, torkelnd, zitternd.

Hechelnd.

Ich atme kühle Luft ein, merke etwas nasses an meinen Füßen und sehe herunter. Wasser, das ansteigt. Höher, höher, bis ich ertrinke. Und aufwache.



In dem Moment, in dem ich die Augen aufschlage, höre ich, wie der Schlauch, mit dessen Wasser ich vollgespritzt wurde, ausgeschaltet wird. Das Plastikende lässt ein trockenes Klacken ertönen, als es auf dem Boden aufschlägt und eine mir nur allzu gut bekannte Stimme lautstark verkündet: „Sehet da, Judas ist aufgewacht. Sollen wir ihn kreuzigen?“

Ich suche unwillkürlich nach einer neunmalklugen Antwort, die ich meinem kleinen Bruder an den hohlen Schädel knallen kann. Irgendwas wie...

„Judas hat sich erhängt, er wurde nicht gekreuzigt.“

„Eine Frau mit einem männlichen Namen und Artikel zu beschreiben kommt dir nicht komisch vor?“

Notfalls so etwas wie „Halt einfach dein verdammtes Scheißmaul, wenn du nicht mal ordentlich nachdenken kannst. Man könnte dich sonst für blöd halten.“

Unnötig zu erwähnen, dass ich mit dieser kleinen Kackbratze seit sechzehn Jahren nicht auskomme. Unnötig zu erwähnen, dass ich nichts davon ausspreche. Stattdessen spucke ich Wasser und frage mich, was zum Teufel hier abgeht.

„Vielleicht überlässt du das Reden lieber uns, Timmie. Mit ihr muss man etwas behutsamer umgehen.“

„Behutsam? Ihr habt mich betäubt und fast ertränkt!“ Ich beginne langsam zu begreifen, was hier vorgeht, außerdem gewöhnen sich meine Augen langsam an die Dunkelheit, den Kellerraum kenne ich.

Traurigerweise wird dadurch eine Angst nur durch eine andere ausgetauscht.

„Behutsamer als mit deinem kleinen Freund.“, murmelt mein Vater, während er sich neben mich setzt. Dass seine Anzughose dabei nass wird, interessiert ihn wohl nicht.

Mich interessiert, was er gesagt hat und fürchte, dass man das in meinem Gesicht lesen kann.

„Martin? Was ist mit ihm?“

„Mach dir keine Sorgen.“ Meine Mutter aus dem Hintergrund: „Er ist oben, auf dem Speicher...“

„Wie es ihm verflucht noch mal geht, will ich wissen, du Miststück!“

Unkluge Wortwahl, was mein Vater mir mit einer Ohrfeige klar macht. Ich weiß schon, warum ich sonst so kontrolliert reagiere. Und warum Martin das tut.

Oh Gott, Martin. Wenn die mir nur endlich sagen würden, was mit ihm passiert ist. An jedem anderen Hochzeitstag würde ich das wissen, das Prozedere ist alles in allem ein Ritual, aber wie Martin selbst sagte: Silberhochzeiten sind anders.

Scheiße!

„Das ist keine Art, mit deiner Mutter zu reden, Schatz. Zugegeben, dein Zorn ist verständlich, ich meine... ich wäre auch sauer, wenn man mich entführt. Um dich zu beruhigen, deinem Loverboy geht es ganz gut. Er dürfte inzwischen wach sein, mit heftigen Kopfschmerzen, aber sonst ist er in Ordnung. Wir brauchen ihn immerhin noch.“

Den Rest blende ich aus.



In der Schule war ich gut darin, mich auf mehrere Dinge gleichzeitig zu konzentrieren, auch wenn eine der Sachen die andere überspielte. Ich konnte mich mit meiner besten Freundin unterhalten, während der Lehrer eine Aufgabe erklärte, und wenn er dann mich dran nahm, glaubend, dass ich nicht aufgepasst hätte, konnte ich dennoch antworten. Ein gemeiner Trick, der mir nun nützlich wurde.

Während meine Familie mir erklärte, was sie für die Party in zwei Tagen geplant hatten, konnte ich mich auf das Rauschen in meinen Ohren konzentrieren und glauben, ein Fernseher mit schlechtem Empfang zu sein, eine Muschel am Meer, ein Tinitus im Ohr eines Anderen. Und dennoch weiß ich jetzt, zwei Stunden später und alleine an die Wand gekettet, genau Bescheid.

Ich kann nicht einschlafen und hoffe, dass Martin mit seinen Schlafstörungen klar kommt.



Partystimmung will sich nicht so recht einstellen mit dem möglichen eigenen Tod und dem sicheren Tod des einzigen Menschen, den man je wirklich, wirklich liebte, vor Augen. Mag vielleicht auch an den eingeschränkten Lichtverhältnissen im Keller liegen. Die Arschlöcher, die sich Familie schimpfen, hätten mir wenigstens eine Leselampe dalassen können.

Ich habe keine Uhr, aber ich vermute, dass es nicht länger als eine halbe Stunde dauern kann, bis es losgeht. Ich frage mich, ob ich eine Waffe bekomme. Ob Martin eine Waffe bekommt. Er hat immer gesagt, er würde Gewalt verachten, jedoch im Erstfall dazu bereit sein. Ich hab das immer für die Art hartes Gerede gehalten, mit der Machos ihre Gespielinnen beeindrucken wollen – und die er ganz gewiss nicht nötig hat – und nie geglaubt, dass er wirklich... na ja, kämpfen kann.

Ich kann es, darum geht es weniger, aber auch der Rest unserer verkorksten Familie hat Erfahrung. Mutter und Vater machen das seit fünfundzwanzig Jahren, mein kleiner Vollidiot von einem Bruder ist dabei, seit er einen Baseballschläger aus Holz zwei Minuten lang aufrecht halten kann, damals war er zehn. Das macht sechs Jahre Erfahrung auf dem Schlachtfeld. Ich war seinerzeit acht, aber die letzten zwei Jahre fehlen mir. Ich habe es geschafft, mich erfolgreich zu drücken... bei dem besonderen Jubiläum sollte ich dann wohl doch wieder unbedingt dabei sein.

Scheißefresser allesamt.

Die Tür geht auf und das Neonlicht vom Flur blendet mich. Ich schließe die Augen und sehe somit nichts. Ich höre nur, wie jemand mit schnellen Schritten auf mich zuläuft. Dann der Schmerz an der linken Schläfe und erneute Schwärze.




Ich bin wach, schon ein paar Minuten, verstehe aber die Situation nicht so ganz. Ich bin in einer Ecke einer Handballhalle, meine Mutter, mein Vater und mein Bruder je in einer der anderen. In der Mitte der Halle sitzt Martin, an Händen und Füßen gefesselt. Sein Gesicht zeigt keine Regung, aber irgendetwas daran gefällt mir gar nicht.

Vielleicht ist es die Art, wie er mich ansieht...

Vielleicht die Art, wie er danach aufhört, mich anzusehen.

Eine Träne rinnt meine Wange herunter. Vor mir auf dem Boden liegt eine Kneifzange aus schwerem Stahl, von meiner Position aus erkenne ich weitere Waffen, je eine für jedes meiner Familienmitglieder. Mutter hat ein Messer, Vater einen Hammer.

Mein Bruder etwas, das wie eine Saigabel aussieht. Wusste nicht mal, dass diese Dinger noch zu beschaffen sind.

Was ich weiß, ist, dass diese Dinger verteufelt gefährlich sind. Martin hat keine Waffe.

Ich verstehe nicht, was das soll. Vater hat von einem besonderen Spiel erzählt, in dem Martin als Opfer dienen soll. Er sprach nicht von einem leeren Raum, in dem wir uns gegenseitig abschlachten sollen. Ohnehin hat es bisher nie tatsächliche Tote gegeben, auch wenn es nah dran war. Meine Mutter hat nur noch anderthalb Brüste, wenn euch das eine kleine Vorstellung gibt.

Eine Stimme ertönt, es ist die meiner Mutter. Sie bewegt sich nicht, es muss eine Aufzeichnung sein.

„Zum allgemeinen Verständnis und für unsere besonderen Gäste, die sicherlich ein wenig verwirrt sein dürften: Heute werden wir ein simples Fest feiern. Um es kurz zu machen: Es gilt jeder gegen jeden, aber die Regeln besagen dieses Mal etwas anderes als sonst: Zuerst muss der Schwiegersohn getötet werden...“

Ich werde zornig. Soll das ein Witz sein? Ich bin nicht mal in die Nähe des Gedankens gekommen, Martin je zu heiraten.

Andererseits sind diese Freaks alle komplett durchgeknallt, also was solls.

„... und danach wird so lange gemetzelt, bis niemand mehr steht. Der Countdown beginnt. Zehn... neun... acht...“

Ich überlege fieberhaft. Freaks, perverse, kranke Freaks... Scheiße, Gedanken des Zorns haben mich drei Sekunden gekostet. Gut, nachdenken... komm schon, Hirn, lass mich nicht hängen...

Hängen... Seil... Kneifzange. Ich muss Martin befreien, das geht am besten mit einem Messer, welches meine Mutter hat, aber die Kneifzange passt auch dazu. Wenn Martin frei ist, kann er sich wehren. Gott möge geben, dass er tatsächlich wie jeder gute König ist: Den Krieg meidend, doch stets bereit für ihn.

„Eins... Null.“

Ich renne los und erkenne, dass mein Bruder schneller ist als ich. Der Kerl muss trainiert haben. Aber wie ich von Martin gelernt habe, als er einer Prügelei mit einem deutlich größeren Typen entgehen konnte, indem er redete: Brain beats muscle.

Ich hole aus, springe, um keine Zeit einzubüßen, und werfe die schwere Kneifzange in Richtung meines Bruders. Nur wenige Sekunden später vernehme ich einen dumpfen Aufprall und einen gurgelnden Schmerzenslaut. Ich habe ihn direkt unterhalb der Kehle getroffen.

So schnell wird der keinen dummen Kommentar mehr abgeben können.

Während ich weiterrenne, erkenne ich meinen Fehler. Der Trottel ist aufgehalten, aber meine Waffe... und viel wichtiger, mein Werkzeug um Martin zu befreien, ist weg. Ich überlege was ich tun soll, als ich bei Martin ankomme. Ich habe etwa drei Sekunden zum Nachdenken, bevor meine Mutter hier ist. Mein Vater hat eine schwere Waffe und war nie sportlich, da bleiben noch Acht Sekunden.

Martin ist wie immer schneller im Denken als ich. Er rollt sich auf den Rücken, behält mit den gefesselten Händen das Gleichgewicht und stößt mich dabei, vollkommen überrumpelt, zur Seite.

Während ich taumele gehen mir drei Dinge in dieser Reihenfolge durch den Kopf:

1. Er muss mich hassen, er kann die Situation unmöglich gänzlich verstehen. Ich bin für ihn jetzt nur noch ein kranker Teil einer kranken Familie. Und ich werde ihm erzählen müssen, etwas derartiges schon zehn Mal mitgemacht zu haben.

2. Wenn er sich jetzt dreht könnte er als Kreisel mit leicht menschlicher Form durchgehen. Ob das als Kunst gewertet werden könnte?

3. Er hat nicht gelogen. Der Tritt, den er meiner Mutter mit beiden Füßen und aus dem Schwung einer Art Sprung heraus verpasst, müsste ihr, frei geschätzt nach Winkel und Intensität, mindestens eine Rippe gebrochen haben.

Hoffentlich mehr.

Sie schreit, taumelt, lässt das Messer aber nicht fallen. Aber dafür hat er ja mich. Ich stürze mich wie das, was gerne als Furie bezeichnet wird, auf die Frau, die mich damals aus ihrem Bauch gepresst hat, und bohre ihr mein Knie in selbigen. Greife nach ihrer bewaffneten Hand.

Breche sie.

Ich habe entweder meine eigene Kraft in den letzten Jahren unterschätzen gelernt, oder aber meine Mutter hat alte Knochen bekommen.

Vielleicht beides.

Der Schrei ist mir egal, das Messer habe ich in der Hand, und keine Sekunde zu früh. Martin versucht denselben Trick-Tritt bei Vater anzuwenden, der jedoch aufgepasst hat und ausweicht. Stattdessen erntet Martin einen schlecht ausgeführten Tritt in den Rücken, der ihn zwei Meter weit weg schleudert... womit ich interessanterweise mehr Zeit bekommen habe. Einem inneren Instinkt folgend schleudere ich das Messer über den Boden zu Martin, kann jedoch nicht darauf achten, ob er es bekommt, denn ein Hammerschlag von unvermuteter Intensität zertrümmert sowohl Elle als auch Speiche meines linken Arms. Ich schreie, wie meine Mutter schreit, und werde mir der Tatsache bewusst, dass gerade einmal Dreißig Sekunden vergangen sein können. Dreißig Sekunden lang hab ich es geschafft, Martin zu retten.

Es gibt Leute, die würden nicht mal fünf durchhalten.

Es gibt Leute, die würden Stunden aushalten.

Mein Vater sagt etwas, ich verstehe es nicht, denn parallel dazu verformt der Hammer auf Basis irgendwelcher physischen Gesetze, die ich nie kapiert habe, meine Kniescheibe zu einem mehligen Etwas. Vielleicht könnte es irgendwann als Skulptur von Quasimodo durchgehen. Wenn es gut verheilt.

Wenn es überhaupt verheilt.

Mein Schrei übertönt alles, auch das nasse Gurgeln meines Vaters, welches er von sich gibt, als ihm eine Edelstahlklinge seitlich durch den Hals fährt.

Das scheint mir nicht ganz korrekt. Sie schiebt sich gemächlich durch Fleisch und Haut, dann wieder zurück. Was Martin sagt, höre ich.

„Ich bin mir nicht sicher, wie gut Sie mit der menschlichen Anatomie vertraut sind...“

Er ist außer Atem, zittert, aber er schafft es dennoch, eine relativ ruhige... kalte Stimme zu bewahren.

So kalt.

„Ich bin es kaum. Aber So viel weiß ich. Dieser Stich tötet Sie nicht. Nicht direkt. Sie werden mitbekommen wie Sie verbluten. Es wird Minuten dauern.

Das ist dafür, dass sie Tanja wehgetan haben.“

Es klingt banal, wie aus einem schlechten Actionfilm, aber er sagt es und ich beginne wieder zu hoffen. Er lässt meinen Vater leiden, für mich. Weil er mich noch liebt.

Danke, Gott, danke. Einfach danke.

Nichtsdestoweniger ist die Gefahr nicht gebannt. Ich, unfähig mich nennenswert zu bewegen, sehe, wie mein Bruder auf Martin zutorkelt, in der Hand die Saigabel. An Martins Blick merke ich, dass er diese Waffe kennt und sie nicht unterschätzt. Ich höre ihn wieder reden. Er hat oft gerne geredet, wenn er sich seiner sicher war und einen unliebsamen Kritiker verbal unterminieren wollte.

„Du hast zuletzt damit geprahlt, mich so lange am Leben zu lassen, dass ich sehen kann, wie du deine eigene Schwester ermordest.“

Er dreht die Klinge in den Händen, mein Bruder antwortet nicht. Sein Schlüsselbein scheint gebrochen zu sein.

„Ich habe damals gehofft, in eine Situation wie diese zu kommen.“

Er blickt mich an, in seinen Augen ist etwas, was ich selten sehe: Zweifel, aber auch Mitgefühl. So viel Mitgefühl.

„Nun, zumindest... fast eine solche Situation. Ich denke schnell, und ich hatte zwei Tage Zeit, mir diese Situation auszumalen. Ich kann mir aktuell um die zweihundertachtzehn Ausgangsmöglichkeiten vorstellen...“

Mein Bruder taumelt, er ist noch drei Meter entfernt. Martin macht keine große Show daraus, dass er meinem Bruder das Messer zielgenau ins linke Auge wirft.

„... keine davon endet gut für dich.“

Er geht auf den leblosen Körper zu und will auf Nummer sicher gehen. Drückt das Messer so weit wie möglich in seinen Kopf. Bricht die Klinge ab.

Mein Vater verblutet auf dem Boden, mein Bruder ist tot, meine Mutter ist aufgestanden und tritt auf mich ein, regelrecht überraschend. Ich beginne, das Bewusstsein zu verlieren und sehe nur noch, wie Martins Gesicht sich verzerrt. Wie er auf meine Mutter zurennt.

Ich schreie: „Bring die Schlampe um!“

Ich verliere das Bewusstsein.




„Was halten Sie davon?“ Tanja blinzelt und versucht, ihrer Therapeutin in die Augen zu sehen. Wie immer scheitert sie. Dr. Marion Vernarr hingegen lehnt sich mit versteinertem Gesichtsausdruck zurück: „Ich bin mir nicht sicher, um ehrlich zu sein. Ich hätte da eine Handvoll Fragen.“ „Bitte, nur zu. Nur zu...“

„Nun denn: Wieso haben Sie es im Präsenz erzählt?“ Tanja neigte den Kopf zur Seite, ihre Halswirbel knackten: „Weiß nicht. Es bot sich an. Aber wie ich Sie kenne haben Sie dazu schon eine Theorie?“ „Die habe ich tatsächlich. Ich glaube, es liegt daran, dass du nach wie vor mit dem Umständen kämpfen musst. Dass du den Kampf, den Terror, auch jetzt noch mit dir herumschleppst und sozusagen aktuell in diesem Kampf gefangen bist.“

„Sie meinen wie in einer sich ewig wiederholenden Zeitschleife? Wie in Doctor Strange?“ Dr. Vernarr lachte ein wenig: „Ein netter Vergleich, aber es wäre dann wohl mehr eine Zeitblase. Du durchlebst den gleichen Moment nicht immer wieder, sondern dauerhaft, jedenfalls mental.“

Tanja nickte, sie verstand: „Das kann gut sein... aber na ja, dafür bin ich ja hier. Was ist Ihre nächste Frage?“

„Was mit Martin passiert ist. Sie haben bisher selten von ihm gesprochen, eigentlich gar nicht, und ich denke...“ „Nein.“ Tanjas Stimme war hart: „Ich will nicht... ich will nicht darüber reden.“

Natürlich redete sie darüber. Es war eine emotionale, aufreibende Sitzung für beide, Tanja und Dr. Vernarr, aber sie half. Das sagte Tanja auch, als sie aufstand und sich verabschiedete.

Weder beim Aufstehen noch beim Gehen zeigte sich irgendeine Form der Beeinträchtigung am Knie.

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