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Vorheriger Teil: Diamantenweiß


Wartend reichte er dem Mädchen seine Hand und versprach ihr mit dieser eindeutigen Geste, dass sie sich nun vor nichts mehr zu fürchten brauchte. Nur zögerlich nahm sie jene entgegen. Ihr geistesabwesender Gesichtsausdruck, den sie zum Zeitpunkt ihrer Erinnerung hatte, wich nun einem schüchternen, doch erleichtertem Lächeln. Er selbst kannte diesen Ausdruck nur zu gut. Während sie durch ein grell leuchtendes Portal schritten, das der Junge zuvor heraufbeschworen hatte, erinnerte auch er sich an sein Schicksal zurück. Das Schicksal, das ihn zu dem gemacht hatte, was er heute war.

~

Es war ein kalter, ermüdender Wintertag, als er auf dem Weg zur Schule auf diejenigen traf, denen er sein neues Leben zu verdanken hatte. Der Weg war durch und durch vom, in der blutroten Morgensonne glitzerndem, Eis bedeckt und erinnerte mit dem samtenen Glanz an die Vorsicht, welche man beim Überqueren des Weges haben sollte. Ihm fehlten nicht mehr allzu viele Schritte, bis er das Schulgebäude erreicht hatte. Viel zu oft und zu gern bezeichnete er es auch als „Ort der Hölle“. Doch der Grund darin lag nicht zu verschieden vom dem, was er dort erlebte. Neben dem permanenten Mobbing, was schlussendlich in einer blutigen Prügelei ausartete, wenn er es nicht gut genug oder rechtzeitig schaffte, den spöttischen Bemerkungen anderer den Rücken zu zukehren, gab es noch viel mehr, dass er dort erlebt hatte. Zu seinem eigenen Bedauern war er nie die Art von Mensch gewesen, dem alles egal war. Der die Schläge oder Wörter einfach so wegstecken konnte. Dafür war zu viel passiert. Zu viel, was er nicht in seinem Herzen auseinanderhalten konnte: Eine vorgespielte Freundschaft mit seinem ehemals besten Freund; den Verrat, den er hatte hinnehmen müssen, als sich dieser dann auf die Seite seiner Feinde gestellt hatte; und den Betrug, den er mit ansehen musste, als seine allererste Liebe (gleich nachdem sie zusammengekommen waren) mit einem sinnlichen, ehrlichen Kuss einen anderen vor seinen Augen geküsst hatte und zusätzlich mit einem verschmitzt-belustigtem Lächeln ihm zu verstehen gab, dass zwischen ihnen nichts mehr werden würde.

Allem Überfluss nach hatte er zu guter Letzt das Vertrauen zu einer guten Freundin von ihm verloren, die ihm in all dieser Zeit des Schmerzes Halt geboten hatte. Fast schon flehend hatte er sie gebeten, nichts von dem, was er ihr erzählt hatte, irgendwem anders preiszugeben. Es waren Geheimnisse, die sie für sich zu behalten erklärte. Geheimnisse, die verrieten, dass er seinen besten Freund über alles hasste und ihm – ganz gleich in welcher Form auch immer – eine tiefsitzende, ewige Rache schwor, die ihm schon viel zu lange in seiner zerstörten Seele saß. Doch als sich, viel zu schnell als er sich selbst gewünscht hatte, all diese Geheimnisse in der Schule verbreitet hatten, war da nichts mehr was seine in Rissen eingehende Seele hätte retten können. Die Umstände waren nur noch schlimmer gewesen, was der Junge aushielt. Es wäre falsch zu behaupten, er hätte sich nie Gedanken um seinen Tod gemacht. Das hatte er. Sehr, sehr oft sogar. Auch ein misslungener Selbstmordversuch war dabei gewesen, doch den hatte er nicht vollenden können. Nicht, weil seine Eltern zu ihm in letzter Sekunde gestürmt wären, um ihren Sohn keinesfalls Tod bergen zu müssen, sondern weil er nicht den Mut dazu aufbrachte es zu beenden.

Er hatte die Schnalle seines Gürtels nicht zu lange, streng um seinen Hals ziehen können, weil er Angst bekam. Angst davor Narben zu hinterlassen, die sicherlich viel schmerzhafter waren, als seine eigenen, die er sich zu gelegt hatte. Es wären Narben des Verlustes gewesen, die er seiner Familie mit unerträglicher Pein eingebrannt hätte. Aus diesem Grund lebte er weiter. Er atmete, er aß, er schlief. Aber in seinem Inneren war er schon längst gestorben. Seine Seele war in zehntausend Einzelteile zersprungen, die kaum jemand wieder zusammenfügen konnte. Nicht mal seine Familie, ganz gleich, wie sehr sie bei ihm nachhakte. Immer wieder die Worte: „Alles ok, Vincent?“ von seiner Mutter oder „Geht es dir gut, mein Junge?“ von seinem Vater zu hören, fasste Vincent zwar mit einer Gutmütigkeit auf, doch würde das Reden ihm nicht helfen. Schon immer, war er derjenige gewesen, der mehr über sein Leid schwieg, als es lang und breit irgendwem zu erzählen, da er wusste, dass man ihm nicht helfen konnte. Man würde ihm nicht helfen, sondern auf seine Fehler aufmerksam machen und dann erst mit einem Standardsatz wie: „Beim nächsten Mal musst du mehr drüber nachdenken!“ kommen. Um sich diese Sinnlosigkeit zu ersparen, fraß er alles in sich hinein. Die einzige Möglichkeit, die ihm noch blieb dem wachsendem, permanentem Druck zu entkommen, war es, alles, was seine Gedanken quälten in künstlerischer Form auszudrücken. Er malte über seine Gedanken, anstatt sie auszusprechen. Bislang war es für ihn die beste Medizin gewesen, die ihm helfen konnte. Und so führte er sein erbärmliches Leben weiter, bis zu jenem Tag, der alles mit einem einzigen Schlag änderte.

Drei Schüler aus seiner Klasse standen unmittelbar vor ihm und begrüßten ihn mit einem rotzigen Anflug von schleimigen Speichel in sein Gesicht. Den Kopf nach unten gesenkt, wischte er sich angewidert die fremde DNA von seinem Antlitz fort und wollte still und ohne ein Wort zu verlieren seines Weges ziehen, als die Schüler ihn anfingen aus bloßer Lust heraus auf die Straße zu schubsen. Vincent wehrte sich nicht. Er hatte es schon lange aufgegeben sich gegen solcher Art von Schikanen zu wehren. Selbst wenn er von Außen es nicht zeigte, brodelte in ihm eine unberechenbare Wut, dessen Grenzen unergründlich waren. Zugern wollte er ihnen dasselbe antun, was sie ihm angetan hatten. Zu sehr, wollte er sie auf die Straße schubsen; wollte er sie verprügeln; wollte er ihnen hässige Bemerkungen an den Kopf werfen, worüber er lachen würde und sie im betroffenem Schweigen eingehüllt gewesen wären. Dennoch blieben all diese Taten bloße Vorstellungen in Form von zeitlosen Träumen, die er sich nur erträumen würde. Selbst einmal, wenn er im Reich Gottes angelangt wäre.

Ungeachtet dessen, dass sich ein Auto der Fahrbahn näherte, gaben die drei ihm einen letzten Schubs, so dass er schmerzend auf das glatte Eis frontal mit dem Gesicht fiel und sich im Gemisch durch das noch dünne doch harte Eis und dem darunter verborgenen Teer sein Antlitz blutig aufschürfte. Als er sich gerade erheben wollte, kam ihm der Pkw entgegen und hatte keine Zeit mehr zu bremsen. Der Fahrer, hatte ihn zu spät bemerkt. Der Fahrer vernahm nicht einmal, ehe er aus blanker Angst weiter fuhr, das widerwärtige Knacken des Knochens und die gepeinigten Schreie des Jungen, die unter seiner viel zu lauten Musik und dem schweren Bass erstickten. Auch seine Mobber hatten sich, ohne um Hilfe zu rufen, panisch aus dem Staub gemacht. So lang Vincent dort. Von den schlimmsten physischen Schmerzen begleitet, blutüberströmt, nicht in der Lage auch nur eines seiner Gelenke bewegen zu können. Sie waren unter dem Druck des Reifens gebrochen. Gurgelnd spuckte er Blut hervor, welches von seinem erfolglosen Versuch stammte durch seine zerquetschen Lungen zu atmen.

Für ihn war es, als würden Stunden voller Qual vergehen, obgleich inzwischen mehrere Leute ihren Halt bei dem Jungen machten und voller Panik den Krankenwagen zu kontaktieren zu versuchten. Zumindest war es das, was Vincent in seiner verschwommenen, schwachen Sicht ausmachen konnte. Doch wusste er selbst, dass ihn nichts mehr retten würde. Vollkommen belanglos, wie schnell die Ärzte erscheinen würden. Eine immer mehr zunehmende Kälte breitete sich in seinem zerstörten Corpus aus, während alle Stimmen der Leute um ihn herum immer mehr an Klang verloren. Als wäre er als einziger in einem durchsichtigen Hohlraum eingesperrt, zudem all Klänge von außerhalb wie ein stummes Summen zu ihm drangen. Selbst die Stimme seiner Eltern vermochte er nicht unter dem tosenden Gewirr zu erkennen. Als dann schlussendlich das Licht in seinem Augen immer mehr zu erloschen begann, vernahm er in undenklicher Nähe, dass schönste Mädchen, dass er wohl je zu Gesicht bekam. Sie war um Welten schöner als seine Exfreundin die ihn betrogen hatte. Obgleich ihr Aussehen einem nachtschwarzen, mystischen Gespenst glich, waren ihre Augen, als sie ihm näher kam von solch einem silberglänzendem Schein umgeben, dass er nicht anders konnte als sie anzulächeln, während erneutes Blut, dass sich in seinem Mund gesammelt hatte, sein nahes Ende verkündete. Das fremde Mädchen beugte sich zu ihm nieder und gab ihm einen leichten Kuss auf seine von jenem Lebenssaft bedeckte und dreckbeschmutzte Stirn. Augenblicklich verschwand die Kälte und eine sinnliche Wärme breitete sich in seinem Körper aus, womit er wohlwollend und dem Gedanken dem Tod (wenn auch nur durch einen ungewollten und ungewünschten Zufall) endlich begegnen zu können.

Und so war es geschehen, dass Vincent zu einem jener Seelen wurde, die anderen das alte Leben nahm und ihnen ein neues gab. In dem Ort, in dem er schon ein halbes Jahrhundert lebte (es befand sich fernab vom Reich Gottes und fernab der brütenden Hölle des Teufels), bekam er eines Tages den Auftrag sich des Nachts um eine verlorenes Wesen zu kümmern, dass sich nichts sehnlicher als den Tod wünschte. Ein konkretes Ziel gab es nie. Die Seelen waren selbst bestimmt dazu, die richtige Person zu finden, die unter unergründlichem, unaushaltbarem Leid zu zerbrechen drohte. Gerade als Vincent seine Suche jedoch als erfolglos abstempeln wollte, sah er durch ein schwach beleuchtetes Zimmer eines alten Hauses ein Mädchen im Dunkeln sitzend, wie sie mit drei Kerzen und einem Zettel in der Hand etwas zu murmeln schien. Solche Wesen wie er, waren in der Lage trotz der Dunkelheit gut sehen und trotz des dämmenden Fensterglases sehr gut hören zu können.

Während er dem Mädchen zuhörte, wie es offensichtlich mit gescheitertem Resultat einen Dämon versuchte heraufzubeschwören, empfand er eine gewisse Sympathie für sie. Er selbst konnte sich nicht erklären, weshalb doch wusste er, dass es die Richtige sein musste. Sie war es, nach der er die ganze Zeit gesucht hatte. Tief in seinem langsam schlagendem Herzen verspürte er, dass ihr Leid Ähnlichkeiten mit seinem hatte. Wenn sie nicht sogar größere Folgen zu tragen hatte, als er damals. Ihm würde ewig in Verschwiegenheit bleiben, dass sie mit Anschuldigungen aufgrund eines schweren Mordes zu kämpfen hatte, aus denen sie nie mehr rauskommen würde. Die wärmende Sonne verkündete mit ihren kommenden Strahlen im fernen Horizont, den erwarteten Morgengrauen. Der Junge verschwand im sich langsam lösendem Schatten der Bäume, nicht weit von dem Mädchen entfernt. Doch wusste er, dass er sie bald wieder besuchen würde. Sehr bald.

~

„Wo wirst du mich hinführen?“, fragte sie, ihre Hand, war immer noch in der seinen verhakt. So fest, als hätte sie Angst,sich beim Loslassen in Luft aufzulösen. Diese gesamte Situation kam ihr äußerst suspekt vor, wenngleich sie irgendwo tief in ihrem Inneren wusste, dass es kein Traum sein konnte. Es musste real sein, das spürte sie. Vincent lächelte, ehe er mit einer sanften Stimme antwortete: „Ich bringe dich zu uns. Hab etwas Geduld. Der Weg zu deinem neuen Zuhause ist lang und anstrengend, aber nach den grellen Lichtern wirst du etwas erkennen, das es noch nie in deinem Leben gab! Zumindest nicht… in deinem früheren Leben“, setzte er schnell hinzu und räusperte sich verlegen. „Wie ist eigentlich dein Name?“, fragte das Mädchen nun, ohne den suchenden Blick von den Lichtern abzuwenden. Ziellos wanderten sie wie kleine weiße Punkte vor ihren Augen hin und her, während die Wände in ihren Augen zu fluoreszieren schienen: Gelb, blau, grün; in ihr nahezu alle erdenklichen Farben, wenngleich, sie es auf ihre Einbildung schob, da rings um sie herum nichts war, was hätte einen weiteren Strahl von anderem Licht werfen können.

„Vincent“, antwortete ihr Begleiter knapp, den Blick immer noch nicht von ihr abgewandt. „Und du?“, stellte er die Gegenfrage. Sie lächelte schüchtern, ehe sie im leisen Flüsterton antwortete: „Mein Name ist May“.


BlackRose16 (Diskussion) 13:26, 9. Jun. 2017 (UTC)

Nächster Teil: Silberglänzend

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