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„ … Und, was bist du?“ Ich schaue von meinen Matheaufgaben auf und begegne dem leicht dümmlichen Blick meiner Sitznachbarin. „Hä? Sorry, ich war grade ein bisschen auf diese unglaublich tollen Bruchrechnungen fixiert. Hast du was gesagt?“ Es ist mir eigentlich gleichgültig, aber man will ja nicht unhöflich sein. Auch hasse ich Mathe, doch dafür gibt es Sarkasmus, oder?

Sophie, die sich eines Tages einfach neben mich gefletzt und uns als „BBF's“ bestimmt hatte, seufzt genervt: „Hast du mir überhaupt zugehört? Ich hab da letztens ein Buch gelesen, ging um SM und so was. War echt spannend, kann ich nur empfehlen-“ „War's das?“, frage ich, während meine Augen schon wieder zu meiner Arbeit schweifen. „Ey, hör doch mal zu! Ich wollte wissen, was du bist: Sadist oder Masochist?“ Ich blocke ab: „So was fragt man nicht, vor allem nicht während des Unterrichts.“ „Komm, sag schon!“ „Vergiss es, dass geht dich nichts an“, murmle ich, als ich den mahnenden Blick unseres Lehrers bemerke. „Arbeite lieber, der guckt schon her...“


Nach weiteren Stunden, die ich neben meiner wundervollen Freundin verbringen durfte, ertönt endlich der Gong. Jener schrille Klang, der für mich schon immer Freiheit bedeutet hatte. Ich renne, sobald ich die große hölzerne Eingangstür durchschritten habe, los. Eine weitere Begegnung mit Sophie hätte mir nur die Laune verdorben, außerdem wohnt sie sowieso in einer anderen Richtung.

Als ich die Schule hinter mir gelassen habe und den langen Waldweg betrete, atme ich entspannt ein. Frische, kühle Herbstluft. Es riecht nach Laub, die Abgase der Stadt können diesen Ort nicht verpesten. Im Moment kann meine Kleidung der Kälte noch standhalten, aber wenn ich mich nicht beeile wird es bald dämmern. Mit der Dunkelheit wird es nicht nur eisig, auch der Weg wird von ihr verschluckt werden.

Im Laufschritt schreite ich den dünner werdenden Pfad entlang, immer nach den ersten Ausläufern des Waldes Ausschau haltend. Ich weiß nicht, was sich meine Familie dabei gedacht hat, in eine Waldhütte zu ziehen, aber abgesehen von dem umständlichen Heimweg war es herrlich. Die großen Bäume schluckten jeden Lärm, abgesehen vom Rauschen des Windes, dem frechen Rasseln des Unterholzes und den Lauten der Tiere. Mir gefällt diese Ruhe, sowie auch die Abgeschiedenheit.

Eine Weile später, als die Sonne den Himmel bereits rot färbt, als würde sie bluten, erreiche ich meine grüne Festung. Lächelnd streiche ich über die raue Rinde einer alten Birke, in welche ich am Tag meines Einzuges meinen Namen geritzt hatte. Nun ist er schon fast nicht mehr zu sehen, aber diesen einen Baum würde ich immer wieder erkennen. Nach einem schnellen Blick auf meine Armbanduhr beeile ich mich und laufe weiter in das Dickicht hinein.

Die Äste wölben sich über mir, als würden sie sich an den Händen halten. Das schützende Dach lässt gerade genug Strahlen der sterbenden Sonne hindurch, dass ich den Weg vor mir sehen kann. Heute ist es ungewöhnlich still, aber die Tiere der Nacht werden sicherlich bald aktiv. Gleich werde ich zu Hause sein.

Plötzlich lässt mich ein lautes Rascheln aufschrecken. Als ich mich danach umdrehe, kann ich gerade noch ein kleines Tier, vielleicht einen Hase, im Unterholz verschwinden sehen. Erleichtert atme ich auf. Das einzige Wesen, welches mir hier wirklich gefährlich werden könnte, wäre schließlich ein Mensch. Bären und Wölfe gab es in dieser Gegend nicht, und auch diese sind nicht bösartig.

Um genau zu sein, sind in der Nähe momentan nur zwei Personen: Ich selbst und meine kleine Schwester, welche zu Hause wartet. Unsere Eltern gönnen sich einen kleinen Urlaub, da sie mich, mit meinen 16 Jahren, für verantwortungsbewusst genug halten.

Bald kann ich Licht sehen, welches durch die Fenster des kleinen Häuschens fällt. Ich angle den Schlüssel aus meiner Tasche und entriegle die schwere Haustür. „Bin wieder da!“, rufe ich freudig, als ich meine Tasche in eine Ecke werfe und mich auf den Weg in mein Zimmer mache. In der Küche greife ich mir noch einen Apfel aus der Obstschale, bevor ich die Treppe herunter tapse und die Tür öffne.

Ich strecke mich ein wenig und beiße dann in das knackige Obst. Nicht zu sauer und trotzdem saftig, wie lecker! Nachdem ich mein Abendessen abgefertigt habe, gehe ich durch den Raum und öffne eine Schublade. Darin liegt mein hübsche, in Leder gebundenes Tagebuch, welches ich nun aufschlage. Zwischen zwei Seiten versteckt liegt ein scharfes Stück Metall.

Mit der Rasierklinge in der Hand setze ich mich an meinen Tisch. Der alte Stuhl gibt ein protestierendes Knarren von sich, hält aber mein Gewicht. Dann ziehe ich den Ärmel des rosanen Pullovers hoch und setze die Klinge an. Ich lächle, als sich das Fleisch teilt und das Blut über die helle Haut fließt. Wie schön es doch ist, Schmerz zu sehen.


Als die Stille von einem gellenden Schrei durchbrochen wird, erinnere ich mich an Sophies Frage.

„Ich...“, flüstere ich mir selbst zu, „bin ganz klar...


...S

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