FANDOM


Jürgen nahm die Fernbedienung in die Hand und schaltete den Fernseher aus.

„Ich bin aber noch gar nicht müde!“, rief Lucy ihm zu. Dann nahm sie ihre Puppe, die neben ihr lag, in den Arm und drückte sie fest. Währenddessen gähnte sie leise.

„Oh doch, du musst ins Bett. Der Sandmann kommt und du willst doch nicht, dass er dich außerhalb des Bettes erwischt, oder?“ Schnell schüttelte sie den Kopf und stand auf. Ihre Puppe in ihrer Hand haltend stand sie nun vor ihrem Vater.

„Bringst du mich noch ins Bett?“, fragte sie aufdringlich.

Jürgen lächelte, stand auf und nahm seine Tochter auf den Arm, um sie in ihr Zimmer zu bringen. Dort angekommen legte er sie ins Bett und gab ihr sanft einen Kuss.

„Schlaf gut“, flüsterte er ihr zu.

Als er sich dann gerade umgedreht hatte und Lucys Zimmer verlassen wollte, hörte er ihre leise Stimme: „Papa, meine Puppe will, dass du uns noch eine Geschichte erzählst.“

Jürgen blieb stehen und drehte sich um. Dann blickte er auf seine Armbanduhr.

„Es tut mir leid, aber es ist schon zu spät für eine Geschichte. Du müsstest schon längst eingeschlafen sein.“

Traurig sah seine Tochter nach unten. „Das wirst du aber morgen nachholen müssen. Morgen gibt es zwei Geschichten!“

„Okay, aber nur wenn du jetzt direkt einschläfst.“

Rasch nickte Lucy. „Ich werde nur noch auf den Sandmann warten, dann schlafe ich ein.“

Jürgen schmunzelte. Diese Träume und Vorstellungen eines Kindes sind etwas Großartiges. Alles ist noch möglich, auch der Sandmann. Jürgen hoffte, dass Lucy noch lange diese Vorstellungen haben könnte. Er löschte das Licht und schloss leise die Tür hinter sich.  Kurze Zeit lauschte er noch, ob irgendetwas bei Lucy nicht stimmte, doch als er nichts hörte, ließ er sie in Ruhe.

*

Ohne Geschichte im Bett zu liegen und versuchen wachzubleiben, war schwierig. Lucy versuchte angestrengt ihre Augen offen zu halten, aber sie wurden von Minute zu Minute schwerer. Der Sandmann war bisher noch nicht gekommen. Dabei war es schon sehr spät. Lucy konnte die Uhr noch nicht lesen, aber so dunkel war es noch nie draußen gewesen, also musste es später sein als sonst. Sie legte sich auf den Rücken und beobachtete die Decke. Ab und zu bewegten sich die Schatten an der Decke, doch das taten sie jede Nacht. Immer dann, wenn irgendetwas draußen vorbeifuhr. Verzweifelt schaute sie ihre Puppe an. Auch sie war noch nicht eingeschlafen. Lucy wälzte sich hin und her, legte sich auf den Bauch und schließlich wieder auf den Rücken. Es half nichts, sie konnte nicht länger liegenbleiben ohne einzuschlafen. Also stand sie auf, so leise wie möglich, damit ihr Vater sie nicht hörte. Mit ihrer Puppe im Arm lief sie nun zum Fenster. Draußen war es finster, der Himmel war schwarz und weißer Nebel war auf den Straßen und Wiesen zu erkennen. Und mitten auf der Kreuzung stand ein Mann. Er stand mit den Rücken zu Lucys Fenster und doch wirkte er wie ihr Vater. Lucy verspürte den Drang zu dem Mann zu gehen. Er sah so einsam aus. Frierte er nicht?  Es sah kalt draußen aus, er musste doch frieren. Vielleicht war er verletzt. Lucy fasste den Entschluss ihm zu helfen. Sie öffnete ihr Fenster und kletterte hinaus. Gut, dass ihr Zimmer im Erdgeschoss war, so konnte sie problemlos entkommen. Draußen lief sie so schnell wie möglich zu dem Mann auf der Kreuzung.  Kurz bevor sie ihn erreichte wurde sie langsamer.  Es war nicht ihr Vater aber der Mann hatte sie bemerkt und drehte sich um. Panik zeichnete sein Gesicht. Er hatte ein Messer auf sie gerichtet. Es dauerte ein paar Sekunden bis der Mann realisierte, dass keine Gefahr von dem kleinen Mädchen ausging. Er atmete erleichtert auf und ließ das Messer sinken. Er kauerte sich vor Lucy und begann zu sprechen: „Was machst du denn alleine, Nachts hier draußen in der Kälte?“

„Ich wollte nicht einschlafen.“

„Du wolltest nicht? Warum? Mädchen in deinem Alter sollten nicht alleine weggehen.“

„Ich habe auf den Sandmann gewartet, aber er kam nicht.“

Lucy sah, wie der Mann bleich wurde. Dann hörte sie eine dritte Stimme. „Du hast auf mich gewartet? Wie nett. Aber weißt du denn nicht, dass ich es hasse, Kinder außerhalb ihres Bettes zu sehen?“

Lucy drehte sich um. Nun stand vor ihr ein großer Mann. Er war in einen dunklen Mantelgehüllt und trug einen ebenso dunklen Hut, wodurch sein Aussehen nur erahnt werden konnte.

„Du... du...du bist der Sandmann?“, stotterte der Mann, der nun hinter Lucy war. Er hatte das Messer auf den Neuankömmling gerichtet, doch es zitterte in seiner Hand.

Der Mann hob einladend die Hände. „Ja, der bin ich“, sagte er amüsiert.

„DU MONSTER!!!“, schrie der Mann den Sandmann an, „MEINE TOCHTER...“

„Aber bitte, doch nicht vor dem Mädchen“, unterbrach der Sandmann ihn. Der Mann biss die Zähne zusammen. Dann stürmte er mit dem Messer vor. Doch der Sandmann bewegte sich zu schnell für ihn. Er nahm ihm das Messer ab und erstoch ihn augenblicklich. Röchelnd sackte der Mann zusammen. Lucy wich von der Leiche zurück. Der Sandmann wendete sich an sie.

„Und darum sollen kleine Kinder in ihren Betten bleiben. Nachts ist es nicht sicher auf den Straßen.“

Lucy kullerten Tränen die Wangen hinunter. „Ich will das nicht mehr sehen“, schluchzte sie.

„Oh, das musst du auch nicht mehr.“

*

Jürgen ist wie immer sehr früh aufgestanden. Morgens holte er sich immer eine Zeitung, bevor er seine Tochter weckte. Er verließ das Haus und ging auf die Straße, als er mitten auf der Kreuzung ein kleines Mädchen stehen sah.

„Lucy?“, rief er als er sich langsam näherte.

Keine Antwort. Je näher er kam desto sicherer war er, dass es Lucy war und desto schneller wurde er, bis er schließlich rannte.  Dabei rief er weiterhin ihren Namen.

Als er sie erreicht hatte, sagte er böse: „Warum bist du nicht in deinem Bett. Dir hätte was passieren können. Lucy? Lucy ich rede mit dir! LUCY!“ Er trat noch einen Schritt näher an sie heran und hörte sie singend, einen Satz wiederholend: „Sandmann, lieber Sandmann...“

Das reichte Jürgen. Er packte ihre Schulter und drehte sie um. Dann brach er zusammen und krabbelte nach hinten, die Augen immer auf deine Tochter gerichtet, nein, das war nicht seine Tochter. Das war ihre tote Hülle. Sie war bleich und hatte zwei große schwarze Löcher, aus denen Blut lief, da, wo einmal ihre Augen gesessen hatten.  

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki