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Dort stand sie wieder: Die alte Frau mit dem langen, schwarzen Mantel vor der Tür meines Nachbarn. Jeden Sonntag hörte ich ihre schlurfenden Schritte, vorbei an meiner eigenen Tür. Es war mir zur Gewohnheit geworden ihnen zu lauschen. Manchmal wippte ich sogar im regelmäßigen Takt mit und sobald sie verstummten, steckte ich meinen Kopf aus der Tür. Mein Nachbar bekam von niemand anderen Besuch. Er war ein junger, aber verbitterter Mann. Ich wusste nicht viel über ihn, denn gesehen hatte ihn so gut wie niemand, nach seinem Einzug vor einem Jahr in unser Haus. Doch seine Probleme drangen aus seiner sicheren Festung hinter der dünnen Holztür hervor.

Alkohol und der Geruch nach Rauch drangen durch die kleinen Spalten der Tür und regelmäßig waren dumpfe Schläge zu hören, als würde jemand seinen Kopf gegen die Wand schlagen. Nun beobachtete ich wieder die alte Frau, wie sie den verwelkten Strauß Blumen auf die staubige Matte vor seiner Tür niederlegte. Ich kannte die Blumen: Es war Schafgarbe, die Blume hatte ihren Namen vom Gott Achilles und war eine wichtige Heil-Pflanze, soviel wusste ich. Aber wieso brachte die Frau, dem scheinbar völlig Fremden Schafgarbe- und dann auch noch verwelkte? Schnell zog ich mich zurück, als die Frau sich wieder umdrehte, einen Moment die Tür anstarrte und dann wieder kehrt machte.

Leise kichernd kauerte ich wieder hinter der Tür und wartete. Das klingt vielleicht etwas seltsam, doch ich freute mich besonders auf den heutigen Besuch der Frau. Denn heute war sozusagen ihr "Jahrestag":  Heute vor genau einem Jahr hatte sie angefangen den Mann zu besuchen und jedes Mal brachte sie den verwelkten Strauß mit. Würde heute etwas Neues passieren? Wieder entfuhr mir ein Kichern, als ich mir die Frau vorstellte, wie sie "Happy Birthday" oder ähnliches sang. Ich spitzte die Ohren. Da waren sie wieder: Die schlurfenden Schritte der alten, buckligen Frau. Schlurf, schlurf, schlurf... Stille. Ich öffnete die Tür, fast schon euphorisch was mich erwartete, was natürlich völlig irrsinnig war. Doch die Frau war nicht vor der Tür des Mannes stehen geblieben. Sondern vor meiner. Ich zuckte kurz zurück und stand kurz vor einem Herzkasper, atmete schwer und starrte sie an. Dann fuhr mein Kopf zur Tür des jungen Mannes herum. Sie stand offen, ich konnte ein Fenster sehen, es war geöffnet. Die zerfetzten Gardinen flatterten unschuldig im Wind, ein Zettel schwebte zu Boden und eine leere Bierflasche rollte vom Tisch. Wie in Zeitlupe kam sie am Boden auf und zersprang in scharfe, im Sonnenlicht glitzernde Scherben. Es herrschte weiter Schweigen und ich wandte mich wieder der Frau zu. Sie schaute mich unverwandt an und drückte mir einen Strauß in die Hand, den ich perplex annahm. Sie lächelte gütig. Ich senkte den Blick. Ein verwelkter Strauß Schafgarbe. Ich war ebenso verwirrt wie erschrocken über die Szenerie. Ein vertrocknetes Blatt flatterte zu Boden, direkt vor die schwarz lackierten Schuhe der alten Frau. Sie schaute mir in die Augen, das Gesicht voller tiefer Falten und die Augen leicht milchig, als wären sie vom Alter verfärbt. Das Lächeln wurde breiter, es kamen strahlend weiße, ordentliche Zähne zum Vorschein. Fast wollte ich es erwidern und mich mit einem freundlichen Grüß zurück ins Zimmer verkriechen. Doch da machte sie eine ruckartige Bewegung und abermals zuckte ich zusammen. Sie lächelte weiter und starrte mir in die Augen, währen sie das am Boden liegende Blatt mit ihrem Absatz zerbröselte. Fast unwillkürlich bekam ich einen Schweißausbruch. Dann trat die Frau zurück und hörte auf zu Lächeln, drehte sich um und schlurfte den schlecht beleuchteten Flur entlang. Ich starrte das kleine Häufchen Staub an, welches das Blatt zurückgelassen hatte. Dann auf den Strauß in meiner Hand und zum offenen Fenster meines Nachbarn. Die Schritte der Frau verhallten langsam, als sie die vielen Stufen der 6 Etagen hinab stieg. Mir schauderte erneut und ich stürzte sofort zu meinem PC und knallte die Tür zu. Meine Finger flogen über die Tastatur.

Schafgarbe... Die Blume des Kummers und der Sorge. Und der Genesung.

Ich starrte auf den eilig auf den Tisch geworfenen Strauß. Ein weiteres Blatt löste sich vom verblichenen Stiel und schwebte zu Boden.

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