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Das erste Mal, als ich von dem Tier träumte, dachte ich: Was soll das denn? Gemeine Scheren. Die zwicken und kneifen. Überall waren sie auf mir. Rote Chitinpanzerkörper mit vielen spitzen Beinen. Ich spürte sie überall auf mir. Das war einfach ekelhaft. Ich erwachte an dem Morgen mit dem Gefühl, sie würden immer noch auf mir krabbeln. Aus Reflex griff ich mir an meine Brust. Wischte und fegte diese imaginären Teufel von mir. Los wurde ich damit zwar die Illusion, aber nicht den Schmerz in der Brust.

Ich ging ein paar Tage später essen, mit meiner Freundin. Geistesabwesend griff ich mir an die Brust. Kratzte und juckte mich. Aber das Gefühl blieb. Ich sah, dass meine Liebste mein Verhalten störte. Ihr ungeduldiger Blick sprach ganze Buchbände. Ich hatte nicht einmal mitbekommen, was sie sich bestellt hatte. Mein Wunsch war ein großes Rinderfilet mit Kartoffeln und einer überbackenen Gemüsepfanne. Als meine Essen gebracht wurde, folgte ihres direkt hinterher. Meeresfrüchte, wie es schien. Ein paar Garnelen waren neben diesem roten Tier angerichtet, über das sie sich gleich hermachte. Scheren. Schon wieder. Und wieder griff ich mir an die Brust. Ich fragte sie, warum sie sich das bestellt hatte. Ein wenig zu forsch vielleicht. Ihr Ärger wuchs ob meines Tonfalls, und ihre kaltschnäuzige Erwiderung war einfach, dass sie Lust darauf gehabt habe. Ob ich ein Problem damit hätte, ob es mir zu teuer wäre. Ich verneinte und beschwichtigte sie. Wir hatten dennoch einen angenehmen Abend. Die sich verstärkenden, stechenden Schmerzen ignorierte ich.

Das ging einige Wochen so. Ich träumte immer und immer wieder von diesen Tieren. Sie zwickten und taten mir weh; und es wurden immer mehr. Jeden Morgen wachte ich mit stärkeren Schmerzen auf. Ich bekam kaum noch Luft. Der erste Griff ging dann immer auf den Nachttisch; ich nahm, was ich brauchte, und zog mich kurz zurück. Natürlich war das kein Dauerzustand. Irgendwann musste ich was unternehmen.

Der Stuhl, auf dem ich saß, war unbequem. Die Lehne zu hart, das Kissen durchgesessen. Mein Blick schweifte geistesabwesend durch den Raum. Mich beeindruckten die vielen Bücher, Diagramme und Schaubilder. Hier und dort ein Hinweis auf Gruppentreffen. Der Mann vor mir sagte irgendwas. Es schien wichtig zu sein. Hören konnte ich ihn aber nicht. Mein Blick war wieder auf dieses Tier gerichtet. Es war klein. Rot. Aus Plastik. Es stand in dem Regal, vor einem Stapel Bücher, hinter dem Mann. Ein wenig neigte ich den Kopf zur Seite. Wieso traf ich dieses Tier praktisch überall? Acht fiese Beine, ein plumper, fester Körper und diese verdammten Scheren. Was hatte sich die Natur dabei gedacht? Der Mann sah mich immer noch an. Schwieg aber. Er sah mich durchdringend an. Irgendwas erwartete er von mir. Eine Reaktion? Eine Antwort? Warum? Ich schüttelte mich ein bisschen, das Gefühl loswerdend. „Und jetzt?“, fragte ich.

„Nun, es tut mir furchtbar leid, aber in diesem Stadium können wir nichts...“

Wieder hörte ich den Arzt nicht mehr. Ich fixierte nur dieses Tier. Dieses furchtbare, ekelhafte und doch irgendwie unscheinbare Tier, das einem erwachsenen Menschen nicht einmal nennenswerten Schaden zufügen kann.

Habe mich schon immer gefragt, was das soll. Eine Krankheit nach einem so seltsamen Tier zu benennen.

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