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Durchgedreht... Verrückt... Wahnsinnig...! So bezeichnen sie Menschen wie mich. Menschen, die Stimmen hören, fremde Berührungen spüren oder Dinge tun, die sie gar nicht tun wollen. Doch ich bin nicht verrückt und auch nicht geisteskrank... ich habe eine Begabung. Ich kann sie wahrnehmen - vollständig - sie sind immer da, doch die meisten nehmen sie nicht wahr. Ich nicht; sie lassen mich nicht. Die Ärzte meinen, ich sei gefangen in meiner eigenen Fantasie - doch dies entspricht nicht der Wahrheit. Es heißt unter den Blinden ist der Einäugige König, doch obwohl ich als einziger jene Dinge sehen kann, die sich vor den Blicken anderer verbergen, bin ich ein Ausgestoßener. Sie halten mich für geisteskrank und verwirrt, doch es ist kein Hirngespinst; keine erfundene Geschichte. Es ist real, SIE sind real - und ich bin nicht in ihrer Welt gefangen. Denn ihre Welt ist unsere. Er hat es mir erzählt - mein eigenes Ich...

Ich kam gerade von meiner täglichen Beratungsstunde bei meiner Psychologin zurück, als ich schon wieder die Stimmen vernahm. Ich hörte sie dauernd, und sie hörten nicht auf. Ich wusste es zu dem Zeitpunkt noch nicht, doch dies sollte die Nacht werden, in der ich alles verstehen würde. Ich ging ins Bad, hinüber zum Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf; spürte, wie sich das kalte Wasser in meinen Händen zu sammeln begann und es in Form vieler kleiner Tropfen von der Haut meines Gesichts abperlte. Herrlich... das erfrischende Nass beruhigte meine Nerven und entspannte mich. Als ich meinen Kopf hob und einen Blick in den Spiegel warf, hielt ich kurz inne.

Ein Kratzer, direkt an meiner Schläfe. So als hätte mich etwas dort getroffen, dabei hatte ich vorhin doch nur kurz Kopfschmerzen. Ich strich vorsichtig über die Stelle, an der der Kratzer zu sein schien... doch da war nichts. Ich fühlte keinen Schorf oder die Wölbung von einer Beule. Ich kramte mein Handy hervor und machte ein Foto von meiner Schläfe - tatsächlich... es war nichts zu sehen. Ich blickte erneut in den Spiegel, doch diesmal sah ich etwas beängstigt auf den rot verkrusteten Kratzer an meinem Kopf. Die Qualität meiner Kamera ist gut, daran konnte es nicht liegen. Ich trat näher heran und mein Atem beschlug das Glas des Spiegels. In dem Moment sah ich etwas aus meinem Augenwinkel, es war nur für den Bruchteil einer Sekunde, aber ich erblickte es ganz genau... meine Hand; mein Spiegelbild hatte seine Hand gehoben.

Irritiert wich ich zurück - und erstarrte. Mein Spiegelbild tat nichts... es stand nur da und beobachtete mich. Für einen Moment lang wirkte es sogar so, als würde es lächeln.

,,Wer bist du?" hatte ich gefragt und es sagte:

,,Ich bin du und du bist ich. Wir leben nur getrennt."

Ich starrte nur in den Spiegel; konnte mich kaum rühren, so verwirrt war ich. Mein Spiegelbild oder was immer dieses 'Wesen' im Spiegel war, deutete auf die Wunde an seiner Schläfe.

,,Erinnerst du dich an die kleinen Kinder, die an der Bushaltestelle gespielt haben, als du nach Hause gefahren bist? Sie haben mit Steinen gespielt, und einer dieser Steine flog direkt an deinem Hinterkopf vorbei und verfehlte dich nur knapp. Wenige Sekunden später sind die Schnürsenkel deines linken Schuhs aufgegangen, und du bist stehengeblieben. Verspürtest du in diesem Moment einen Schmerz am Kopf?"

Woher...? Mit offenem Mund stand ich da und wusste nicht, was ich sagen sollte. Was ging hier nur vor sich? War ich nun vollends durchgedreht?

,,Meine Schnürsenkel sind 0,462 Sekunden früher aufgegangen, weshalb ich ein paar Zentimeter vorher stehen blieb. Der Stein erwischte mich an der Schläfe und fügte mir eine schmerzhafte Wunde zu. Wir stehen soeben in unterschiedlichen Badezimmern, sind jedoch ein und dieselbe Person."

,,Wer bist du? WAS bist du?!"

Ich musste mich zusammenreißen, um nicht panisch aus dem Zimmer zu stürmen. Ich hatte Angst, aber ich wollte Antworten. Diese Stimmen in meinem Kopf. Dieses... Ding im Spiegel wusste woher sie kamen - es musste die Antwort einfach kennen.

,,Ich bin du und du bist ich. Wir sind eins, jedoch getrennt. Auf meiner Seite haben wir bereits vor Jahren herausgefunden, dass es ein Paralleluniversum mit exakten Kopien von jedem einzelnen gibt. Bei euch ist dies jedoch nicht der Fall. Warum? Es ist wie mit dem Stein und den Schnürsenkeln; kleine Veränderungen haben oftmals gravierende Folgen. Hast du dich jemals gefragt, warum du in deinen Träumen vertraute Dinge siehst, die aber dennoch keinen Sinn ergeben? Wir träumen zusammen und unsere Erinnerungen weisen so kleine Unterschiede auf, dass sie quasi gleich sind, sich aber nie eins zu eins ähnlich sein würden und wir deshalb oft nur wirres Zeug träumen."

Du fragst dich sicherlich, warum nur du es bisher weißt... du bist auserwählt. Du gehörst du denen, die es wissen; zu denen, die es sehen können, die die andere Seite, unsere Seite, spüren können. Auch auf meiner Seite gibt es nur wenige, doch hier lassen sie Menschen wie uns nicht hinter schweren Stahltüren verrotten, sondern sie verehren uns. Es gibt keine Geisteskrankheiten in eurer Welt, genauso wenig wie in unserer - es sind Auserwählte, die sie in Irrenhäuser sperren - Menschen wie du, doch auf deiner Seite ist man sich dessen noch immer nicht bewusst. Multiple Persönlichkeitsstörung? Dies ist die Folge davon, dass du auf unserer Seite verstorben bist und dich willkürlich mit einem anderen, fremden Körper vereinst. Sie sagen euch, dass diese 'Krankheit' von schweren Misshandlungen aus der Vergangenheit ausgelöst wird, aber das stimmt nicht ganz. Ich werde es dir nun so erklären, wie es mir damals beigebracht wurde.

A lebt in beiden Dimensionen, Welt 1 und Welt 2, und die beiden haben das gleiche Leben, die gleichen Freunde, das gleiche Auto, den gleichen Job... Jedoch gibt es ab und zu Veränderungen. Sie sind klein, doch die Folgen können riesige Ausmaße annehmen. Stell dir vor, A wird als Kind von seiner Mutter misshandelt, geschlagen, verprügelt, fast getötet... A aus Welt 1 überlebt die Tortur, doch kleinste Veränderungen können bei starker Misshandlung dazu führen, dass die Grenze zwischen Leben und Tod so schmal wird, dass A in Welt 2 verstirbt. A ist nun alleine und hat keine Verbindung mehr zu Welt 2, doch wir brauchen einander; es basiert alles auf dem Gleichgewicht zwischen den Welten. Hat A keine Verbindung mehr zur anderen Seite, so bricht dieses Gleichgewicht auseinander.

Sicherlich hast du schon einmal vom Energieerhaltungssatz gehört. Laut diesem kann Energie nicht verbraucht, sondern lediglich umgewandelt werden. Die, nennen wir sie Seele, von A kann also nach dessen Tod nicht verschwinden und verbindet sich nach wenigen Sekunden mit einem anderen Körper, auch wenn es Konsequenzen für ihn hat, aber es ist eine physikalische Regel, und die Physik achtet nicht auf das Wohl von Lebewesen. Sie verschont schließlich auch kein Kind, dass versehentlich eine Klippe hinunterstürzt. Es ist ein Gesetz der Natur und so verbindet sich A mit B, C, D oder irgendeinem anderen Körper auf seiner Seite. Von da an teilen sich zwei Seelen einen Körper; sind miteinander verbunden.

Ein anderes Beispiel sind Fehlgeburten. Kinder, die nie das Licht der Sonne erblicken dürfen, die nie einen Atemzug getan haben. Es hat einen Grund warum manche Kinder sterben müssen. Es mag grausam klingen, doch die Natur kann es sich nicht leisten ins Ungleichgewicht zu geraten. In Welt 1 zum Beispiel lernt A eine Person kennen, die sie in Welt 2 nicht kennenlernt. Sie beginnen eine gemeinsame Zukunft und erwarten bald schon ein Kind. Dieses Kind jedoch darf nicht existieren, da es in Welt 2 keine Kopie hätte und somit das Gleichgewicht beider Welten ins Wanken geraten würde.

Und dann gibt es noch dein sogenanntes Leiden.

A lebt in beiden Welten glücklich und zufrieden, hat aber in Welt 1 eine Person kennengelernt, als er versehentlich in sie hineingelaufen ist. In Welt 2 ist A an dieser Person vorbeigelaufen und hat sie nie getroffen. A verbringt in Welt 1 nun öfters Zeit mit dieser Person. Sie berühren sich, flüstern sich Dinge ins Ohr und treffen beispielsweise am Samstag Abend andere Menschen auf Partys. In Welt 2 verbringt A die Zeit alleine im Bett und liest ein Buch... doch dann dringen die Stimmen jener Personen, mit denen sie in Welt 1 kommuniziert, an ihr Ohr, und sie beginnt, immer wieder fremde Stimmen zu hören. Diese Menschen werden bei uns mittlerweile als Auserwählte anerkannt, doch in deiner Welt gelten sie als Verrückte. Hör mir zu: Irgendwann in deinem Leben bist auch du an einer Person vorbeigelaufen, während ich sie in mein Leben eingelassen habe. Du fühlst, was ich fühle, hörst, was ich höre.

Lasse die Welt wissen, dass sie nicht alleine ist! Lass' sie wissen, was du weißt! Du bist vielleicht keine wichtige Person auf deiner Seite, doch du kannst dennoch versuchen, es den Menschen zu erklären; nutze das Internet, schreibe ein Buch, aber lass' es sie wissen! Versuche diese Welt im Gleichgewicht zu halten; versuch' sie zu beschützen - und vergiss niemals:

Du und ich, ich und du; wir sind eins. Getrennt vom Raum, verbunden im Geiste. Ich bin dein Schatten, und du bist meiner.

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