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Der Schnee gleitet langsam herab und legt sich lautlos auf den Boden. Die Spuren, die ich in dieser glitzernden Winterlandschaft zurücklasse füllen sich wieder, als hätten sie nie existiert. Mit ihnen verschwimmt auch der Weg, den ich bereits hinter mir gelassen habe. Das monotone Knirschen, das Zerbrechen der fragilen Eissterne ist alles, was meinen Weg begleitet.

Ich friere nicht, noch ist mir warm. So etwas wie Hitze oder Kälte erscheint mir nur noch wie eine ferne Erinnerung aus einem fast vergessenen Traum. Auch die Frage nach dem „Wo?“ oder „Warum?“ ist längst nicht mehr wichtig. Ich will einfach nur zurück nach Hause, allein dieser Gedanke treibt meine erschöpften Füße an.

Meine Hand öffnet ungeschickt eine der Taschen meines Mantels und bringt ein Stück Papier hervor. Es ist ein Foto, doch das Motiv ist bereits so stark verblasst, das ich nur Schemen erkennen kann. Die Umrisse von Menschen, mehr kann ich nicht sehen. Dennoch, jedes mal, wenn ich sie betrachte keimt eine unglaublich starke Sehnsucht in mir auf. Ich will, nein, muss mich erinnern. Diese Personen dürfen nicht vergessen werden. Warum nur schmerzt es trotzdem so sehr, an sie zu denken?

Genau wie diesem Bild ergeht es auch meiner Umgebung. Anfangs waren die Änderungen fast nicht zu bemerken, doch mittlerweile sind sie unübersehbar. Wo zuvor noch Städte, Felder, Bäume und gefrorene Gewässer meinen Pfad gesäumt hatten liegt nun Schnee. Die weiße Masse erstreckt sich scheinbar endlos. Hin und wieder kann ich einzelne verschlungene Dinge ausmachen, doch wenn ich in die Ferne blicke, erkenne ich nichts als Leere.

Bald schon kann ich eine einzige, weiße Silhouette sehen. Einst muss hier ein kleines Häuschen gestanden haben, doch der Schnee hat es bereits komplett verschlungen und unter sich begraben. Wie gerne hätte ich einen Eingang gefunden und wäre hinein gegangen, aber mein Wille ist zu schwach, als dass ich ernsthaft versucht hätte, mir diesen Wunsch zu erfüllen.

Stadtessen schreite ich vorüber. Sobald ich alles hinter mir gelassen habe und sich vor mir nur noch ebenes weißes Nichts befindet, überkommt mich ein Gefühl des Grauens. Eine plötzliche Windböe reißt mir das Foto aus der Hand und treibt es fort. Die Gewissheit, einen schrecklichen Fehler begannen zu haben lastet plötzlich auf mir, als der Schnee, wenn es ihn überhaupt gegeben hatte, aufhört zu fallen.

Ich drehe mich um, so schnell wie es mein müder Körper erlaubt und erblickte nichts. Mir ist schleierhaft, was ich erwartet hatte, jedoch fühle ich mich, als habe ich etwas Wichtiges verloren. Wozu laufe ich überhaupt, worin liegt der Sinn? Ich lasse mich ausgelaugt fallen und der Boden scheint mir wie ein herrlich weiches Bett. Meine Augen schließen sich ohne mein Zutun und mein Bewusstsein beginnt zu ruhen.


Später, vielleicht nur nach wenigen Momenten oder langen Jahrhunderten, wer weiß das schon, reißt mich etwas aus meinem Schlaf. Erst sind sie entfernt, doch dann kommen sie langsam näher. Schritte, wahrscheinlich zwei Personen. Die leichtfüßigen Schnellen kommen immer näher, während die Anderen in einiger Entfernung stehen bleiben.

Ich öffne mit einiger Anstrengung die Augen, um in das hübsche Gesicht eines kleinen Mädchens zu blicken. Ihre dunklen, beinahe violetten Haare sind mit zwei rosafarbenen Schleifen zu seitlichen Zöpfen gebunden. Ihre Augen sind hell wie der Schnee, passend dazu auch ihr Kleid. Mit einer fließenden Bewegung, fast schon zu geschickt für ein Kind, tritt sie zurück und dreht sich in eine andere Richtung.

Ich vermute, dass sie die zweite Person ansieht, doch diese liegt weit außerhalb meines Sichtfeldes und mittlerweile bin ich nicht mehr imstande, meinen Kopf zu drehen. Dann höre ich ihre liebliche Stimme, hell wie ein Glöckchen, rufen: „Herr, hier liegt jemand!“

„Dann lass ihn schlafen. Das ist schon längst kein „Jemand“ mehr, siehst du das nicht?“ Dies war offensichtlich die Stimme eines Mannes, auch wenn es unmöglich schien, sein Alter zu schätzen. „Was meint ihr? Hier liegt doch ein Mensch aus Fleisch und Blut. Genau da, direkt vor mir“, sie wendet sich nun mir zu, „Hallo, Herr Mensch. Wer bist du?“

Wer... ich bin? Diese einfache Frage, lediglich drei Worte, ergab keinen Sinn für mich. Ich dachte nach, doch ich wusste es einfach nicht. Weder meinen Namen, noch wo ich hingehörte, nicht einmal ob ich Mann oder Frau war. Was mich noch mehr verwirrte war die Tatsache, dass es mir absolut gleichgültig war.

Das Kind blickt mich verwirrt an, bevor es etwas hochhält und langsam fragt: „Gehört das dir? Hab ich vorhin gefunden.“ Ich mustere kurz den Gegenstand in ihrer Hand. Ein einfaches Bild von irgendeiner Familie. Es sagt mir rein gar nichts, weshalb ich desinteressiert den Blick abwende. „Hm... dann behalte ich das, in Ordnung?“ „Finchen, lass uns gehen. Er wird nicht antworten, im Gegenteil, bald wird der Rest dieser schwachen Kreatur vollständig verschwinden.“ „Jawohl, Herr!“ Ihre weißen Augen blicken ein letztes mal auf mich herab, bevor sie sich umdreht und langsam davon läuft.

Meine Augenlider senken sich erneut und diesmal weiß ich, dass sie sich nie wieder heben werden. Während ich langsam von einer angenehmen Teilnahmslosigkeit eingelullt werde, höre ich in der Ferne die schwindenden Stimmen dieser beiden Wesen.

„Herr, warum hat er nicht reagiert? Seine Augen wirkten so leer und leblos...“

„Da hast du doch schon deine Antwort. Wer einmal alles vergessen hat, der wird keinen Sinn mehr finden. Die Menschen nennen es „Tod“.“

Danach scheinen auch meine Ohren zu versagen. Ich sterbe also... Was Leben eigentlich ist weiß ich inzwischen nicht mehr, vielleicht ist es besser so. Mir ist es jedenfalls gleich. Eine willkommene Gefühlslosigkeit ergreift Besitz von meinem Körper und letztendlich bemerke ich ich fast erleichtert, wie mein Herz aufhört zu schlagen.

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