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„Ich will das nicht!“

„Doch, willst du.“

„Nein!“

„Vertrau mir, ich bin dein bester Freund.“ Ich lege eine Kunstpause ein. „Hab ich dir jemals einen schlechten Rat gegeben?“

„Nein“ Diesmal zögerlicher.

„Na siehst du“, säusle ich.

Deine Haltung verändert sich, erschlafft. Genauso wie dein Widerwille.

„Geh da rein und sag ihnen, dass du nichts mehr mit ihnen zu tun haben willst“, ermutige ich dich. „Du wirst es nicht bereuen, glaub mir.“

Du atmest tief durch, dann nickst du und betrittst dein Elternhaus. Ich warte draußen, kann dank der schlechten Dämmung dennoch wenig später euren Streit mitanhören. Worte verstehe ich zwar keine, aber der Lautstärke nach zu urteilen ist es eine heftige Auseinandersetzung. Damit habe ich gerechnet. Deine Eltern sind cholerische Kontrollfreaks. Es war klar, dass sie nicht gerade begeistert sein würden, wenn sie erfahren, dass du ihre ganzen Regeln und Grenzen nicht mehr akzeptierst. Es war auch nicht einfach dich davon zu überzeugen, dass du deine Eltern nicht mehr brauchst. Obwohl du schon fast volljährig bist, hast du immer noch großen Respekt vor ihnen. Wobei Respekt eigentlich das falsche Wort ist. Du bist eingeschüchtert und hattest Angst vor der Auseinandersetzung. Und das obwohl ich ganz genau weiß, welche Wut du in letzten Jahren in dich hineingefressen hast. Wut, dass deine Eltern jeden deiner bisherigen Schritte kontrolliert haben. Im letzten Jahr hast du dich langsam etwas abgekapselt und öfter das gemacht, was du wolltest. Nur den letzten Schritt – dich völlig von deinen Erzeugern loszusagen – hast du nicht gewagt. Aber dafür hast du ja mich. Ich weiß, dass du einfach nur einen Tritt in den Hintern brauchst um sowas durchzuziehen.

Und ich soll Recht behalten. Du siehst etwas zerstreut aus, als du wieder aus dem Haus kommst.

„Ich hab’s getan!“

Dieser Satz kommt erst ungläubig über deine Lippen, dann erstaunt und schließlich zufrieden.

„Ja, das hast du. Gut gemacht“, lächle ich.

„Danke, dass du mich dazu überredet hast.“

„Hey, das ist doch mein Job“, erwidere ich dir schmunzelnd.


„Sie sind falsch. Kontrollsüchtig, genau wie deine Eltern.“

„Aber das sind meine Freunde!“

„Nein, das sind sie nicht. Oder haben sie dich je wie einen von ihnen behandelt?.“

„Aber …“ Darauf fällt dir nichts mehr ein. Du weißt, dass ich Recht habe.

„Vertrau mir.“

Deine Schultern sinken nach vorn. Du nickst. „Na gut.“

Ich beobachte, wie du dich der Gruppe näherst. Vier Kerle in deinem Alter stehen dort und schauen dir entgegen. Dem Gespräch selbst kann ich nur Wortfetzen entnehmen, allerdings muss ich auch gar nicht mehr verstehen. Den Jungs stehen ihre Gefühle ins Gesicht geschrieben. Sie verstehen nicht, warum du plötzlich nichts mehr mit ihnen zu tun haben willst. Natürlich nicht. Sie haben dich immer nur wie ein Schoßhündchen behandelt, dich von ihnen abhängig gemacht. Nicht zugelassen, dass du noch andere Freunde außer ihnen findest. Dass du dich jetzt von ihnen lossagst, ist ein Schock für sie. Damit hätten sie nie gerechnet. Das merkt man ihnen auch an. Zu Beginn sahen sie noch besorgt aus, was schnell von Verwirrung abgelöst wurde und nun sind sie bei Unverständnis angelangt. Schließlich mischt sich zu der Verständnislosigkeit auch noch Wut hinzu, wodurch das Gespräch auch deutlich lauter wird. Irgendwann drehst du dich einfach um und gehst.

„Du bist ohne sie besser dran.“

Du straffst die Schultern und nickst. „Du hast Recht. Ich brauche die nicht. Ich habe ja dich.“

Unwillkürlich muss ich lächeln. „Ja, das hast du.“


Nur wenige Tage später wird dir klar, wie einsam du bist. Zu deinen Eltern kannst du nicht, genauso wenig zu deinen Freunden. Schließlich hast du ihnen allen den Rücken gekehrt. Und sonst hast du niemanden. Außer mir. Und einem Mädchen, das sich nichts sehnlicher wünscht, als deine Liebe.

Du weißt das, hast schließlich viel Zeit mit ihr verbracht und irgendwann auch angefangen Gefühle für sie zu entwickeln. Aber du weißt auch, dass das falsch ist.

Denn sie war meine Freundin. Bis du sie mir weggenommen hast. Ihr habt zwar nichts miteinander angefangen, aber ihr habt Gefühle füreinander entwickelt. Du fühlst dich deshalb schuldig, aber ich weiß, dass du sie haben willst. Dieser Zwiespalt bereitet dir schon lange Kopfschmerzen. Ich denke es wird Zeit, dich davon zu erlösen.

Gerade haderst du wieder mit dir ob du sie nun anrufen sollst. Deine Schuldgefühle sind scheinbar nicht so stark wie dein Wunsch sie zu sehen. „Du weißt, dass das falsch ist.“

Vor Schreck fällt dir das Handy auf den Boden. Rasch hebst du es wieder auf, senkst aber ertappt den Blick. „Ja… aber ich mag sie wirklich.“ Du klingst wie ein kleines Kind, das man dabei erwischt hat, wie es sich einen Keks aus der Keksdose stiehlt.

„Sie hat etwas Besseres verdient. Genau wie du. Oder willst du ständig mit diesen Schuldgefühlen leben?“

Du atmest tief durch bevor du endlich den Blick wieder auf mich richtest. „Wir würden das irgendwann vergessen.“

Mir entweicht ein leises, freudloses Lachen. „Glaubst du das wirklich?“

Ich kann förmlich sehen wie du nachdenkst. Wie dein Hirn arbeitet. Und zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis kommt.

„Jedes Mal, wenn du ansiehst, wirst du Schuldgefühle haben. Jedes Mal, wenn du sie anfasst. Jedes Mal, wenn du an sie denkst. Willst du dir das wirklich antun?“

Du weißt genauso gut wie ich, dass du das niemals durchstehen würdest. Auch wenn du sie noch so sehr liebst, das würde dich kaputt machen. Das tut es ja jetzt schon.

„Tu ihr und dir selbst einen Gefallen und beende das. Sonst wirst du nie damit abschließen können.“

Noch zögerst du, scheinst in Gedanken abzuwägen, was du nun tun sollst. Allerdings dauert es nicht lange, bis du zu einem Ergebnis kommst. Deine Schultern sinken nach vorn und dir entweicht ein leises Seufzen. Einen Moment lang starrst du auf das Handy in deiner Hand, dann wählst du ihre Nummer.

Du versuchst zwar sachlich zu klingen, aber ich kann sehen, dass deine Hände zittern. Du weißt, dass sie dich nach diesem Gespräch hassen wird. Nachdem du schließlich aufgelegt hast, lässt du dich auf dein Bett fallen. Du bist bleich und selbst für deine Verhältnisse ungewöhnlich still.

Ich lasse dich erst mal allein. Du sollst in Ruhe über alles nachdenken.


Es dauert nicht mal eine Woche, bis du die Einsamkeit kaum noch aushältst. Du hast deinen Eltern den Rücken gekehrt, dich von deinen Freunden losgerissen und dem Mädchen deiner Träume einen Korb gegeben. Sonst gibt es niemanden in deinem Leben an den du dich wenden könntest. Und du erträgst eine solche Einsamkeit einfach nicht. Du grübelst den ganzen Tag vor dich hin und bunkerst dich in deiner Wohnung ein. Du greifst sogar einmal zum Telefon und versuchst das Mädchen zu erreichen. Sie nimmt sogar ab, allerdings ist das Gespräch schnell beendet, weil sie dich anschreit, dass du dich gefälligst nicht mehr bei ihr melden sollst. Danach bist du nur noch deprimierter. Dir wird klar, dass es keinen Rückweg mehr gibt. Du hast niemanden mehr. Und deine Entschuldigungen ändern auch nichts mehr. Es wird nie mehr so sein wie es mal war. Das wird dir immer deutlicher bewusst. Es deprimiert dich immer mehr. Du versuchst alles um dich irgendwie abzulenken, doch jeder Versuch scheitert kläglich. Langsam wird dir klar, dass du allein bist. Dass du allein bleiben wirst. Dass sich niemand mehr um dich schert. Dass sich niemand mehr dafür interessiert, was du tust oder eben nicht tust. Du bist es gewohnt, dass jeder deiner Schritte beobachtet und beurteilt wird.

Wie paradox. Erst vor kurzem wolltest du doch nichts mehr, als endlich frei zu sein. Du wolltest sein wie ich. Bei Freunden beliebt, unabhängig von den Eltern und eine umwerfende Freundin an deiner Seite. Obwohl wir uns schnell angefreundet hatten, warst du immer eifersüchtig auf mich. Ich habe dir immer schon geraten dein Leben zu ändern. Es umzukrempeln. Aber du hast lange nicht auf mich gehört.

Jetzt wünschst du dir wahrscheinlich du hättest es nicht getan. Doch nun ist es zu spät. Du bist allein.

„Es interessiert niemanden, ob ich lebe oder sterbe.“ Eine leise Feststellung. Ich widerspreche nicht.


Schuldgefühle können einen innerlich zerfressen. Man wird ständig an das erinnert, was man falsch gemacht hat und kann nie so richtig damit abschließen. Man versucht sich abzulenken, aber das funktioniert über kurz oder lang nicht. Irgendetwas erinnert einen ständig an das, was vorgefallen ist.

Noch schlimmer werden die Schuldgefühle, wenn man einsam ist und dementsprechend noch mehr Zeit zum Nachdenken hat. Je länger man über die Situation sinniert, desto mehr wird einen das runterziehen. Es ist schwer aus einer solchen Abwärtsspirale allein wieder herauszukommen.

Ich betrachte deinen leicht baumelnden Körper vor mir. Du hast aufgegeben. Konntest die Einsamkeit und die ständigen Schuldgefühle nicht mehr länger ertragen. Der Strick hat deinem Dasein ein Ende bereitet.

Doch Mitleid empfinde ich keines. Du hast diesen Weg selbst gewählt. Hast dich von Eifersucht leiten lassen und dann ausgerechnet meine Hilfe angenommen. Damit hast du mir direkt in die Hände gespielt.

Denn von mir Mitgefühl und Verständnis zu erwarten, war ziemlich naiv von dir.

Schließlich warst du doch derjenige, der mich erwürgt hat.


- Leezah97

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