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Ich liege auf dem Rücken. Um mich herum ist nichts als undurchdringbare Finsternis.

Wo bin ich?

Ich habe absolut keine Erinnerung daran, wie ich hier hergekommen bin. Das Knacken meiner Gelenke durchbricht die völlige Stille in diesem Raum, als ich mich langsam von dem kalten, harten Boden aufrichte.

Die tiefschwarze Dunkelheit drückt auf meine Augen, ich kann nicht die leichtesten Konturen in meiner Umgebung ausmachen. Die Hände tastend nach vorne ausgestreckt bewege ich mich langsam vorwärts.

Meine anderen Sinne sind wegen der Dunkelheit geschärft, aber trotzdem höre ich nichts außer meinen eigenen tapsigen Schritten und dem leisen Rascheln meiner Kleidung, wenn ich mich bewege. Plötzlich streifen die Fingerspitzen meiner rechten Hand ein Hindernis. Kalt, glatt und hart. Ich mache noch einen kleinen Schritt und taste mit beiden Händen die Betonwand ab. Von ein paar winzigen Rissen abgesehen ist sie absolut eben.

Meinem Instinkt folgend gehe ich nach links weiter, mich mit der rechten Hand an der Wand entlangtastend. Langsam beginne ich, mich unwohl zu fühlen, dieser Raum scheint größer zu sein, als ich angenommen hätte. Das Echo meiner Schritte von den kahlen Wänden klingt, als würde es mich verfolgen. Ich bleibe stehen. Das Geräusch meiner Schritte verstummt auch, leicht versetzt. Ich verfluche meinen Verfolgungswahn.

Irgendetwas in mir sträubt sich dagegen, weiter zu laufen, mich noch weiter von dem Ort zu entfernen, von dem ich losgelaufen bin. Ich löse mich von der Wand und laufe wieder in die Richtung, in der ich meinen Ausgangspunkt vermute, die Arme immer noch nach vorne gestreckt wie ein Zombie.

Ruckartig ziehe ich meine Hände zurück. Ich bin wieder an etwas angestoßen. Weich, nachgiebig. Vorsichtig strecke ich meine Hände wieder aus, um dieses neue Hindernis zu betasten. Es ist etwas größeres, fühlt sich an wie aus Leder... irgendetwas an der Form kommt mir seltsam vor.

Ich taste noch weiter nach oben, die Oberfläche unter meiner Hand hat sich verändert, das ist definitiv kein Leder mehr und da sind... erschrocken zucken meine Hände wieder zurück, ein unangenehmer Schauer läuft durch meinen Körper.

Das unter meinen Fingern eben war ein menschliches Gesicht.

Ich überwinde meine Angst und berühre noch einmal zögerlich, nur mit einer Hand den Oberkörper der Gestalt vor mir. Sie hat offensichtlich eine Lederjacke oder so etwas ähnliches an und bewegt sich keinen Millimeter. Das Ding ist vermutlich nur eine Wachsfigur, aber trotzdem ist mir diese Art von Gesellschaft hier unheimlich. Ich mache einen Bogen um sie und gehe weiter, dabei versuche ich, den unangenehmen Nachhall meiner Schritte zu ignorieren.

Vielleicht zehn oder elf unendlich lange Meter weiter bleibe ich wieder stehen.

Wo will ich eigentlich hin?

Vielleicht wäre es eine bessere Idee, wieder zu der Wand zurückzugehen und die einmal ganz abzulaufen, irgendwo muss es ja einen Ausgang aus diesem Raum geben. Ein wenig beruhigt von der Tatsache, dass ich jetzt etwas wie einen Plan habe, drehe ich mich auf der Stelle einmal um und gehe denselben Weg zurück, den ich eben gekommen bin. Meine Schritte werden langsam sicherer und es fällt mir leichter, mich in der völligen Dunkelheit zu orientieren.

Noch drei oder vier Schritte und ich bin wieder bei der Wachsfigur...

Ich muss an ihr vorbeigelaufen sein, so weit war es eigentlich nicht. Nur um meinen Orientierungspunkt wieder zu haben, um zu wissen, wo ich gerade bin, laufe ich erst fünf Schritte nach links, aber da ist sie auch nicht. Dann in die andere Richtung, ich laufe im Zickzack, mit immer größeren Abweichungen nach links und rechts.

Die Figur ist nicht mehr da. Ich stehe verloren ganz allein in der Dunkelheit. Blind. Dieses Gefühl der völligen Orientierungslosigkeit gefällt mir nicht.

Ich laufe weiter. In irgendeine Richtung, taste mich weiter durch die undurchdringliche Schwärze. Fünf, sechs, sieben... um mich besser zurechtzufinden zähle ich jetzt meine Schritte... achtzehn, neunzehn... ich frage mich, wie lange ich jetzt schon hier herumirre... dreißig, einunddreißig.

Endlich! Irgendetwas berührt meine Fingerspitzen.

Es ist nicht die Wand. Es ist nachgiebig, weich. Ich stehe schon wieder vor der Wachsfigur. Diesmal nicht frontal, ich kann ihre Schulter unter der Kleidung fühlen. Sie schaut nach links, also muss ich nur in diese Richtung gehen und bin gleich wieder an der Wand, die ich vorher entlanggegangen bin.

Zwanzig kurze Schritte weiter bin ich immer noch nicht da... dreißig... so lange hatte ich letztes Mal für die Strecke auf keinen Fall gebraucht... vierunddrei- verdammt, was wenn hier mehrere von diesen leblosen Kerlen herumstehen?

Noch fünf Schritte. Vielleicht war es mir vorher nur nicht so lange vorgekommen. Die Arme so weit es geht nach vorne ausgestreckt, erwarte ich mit jedem Zentimeter, den ich mich vorwärts bewege, endlich wieder auf die kühle Betonwand zu stoßen.

Aus fünf Schritten werden zehn. Dann fünfzehn. Dieses finstere Gefängnis ist viel zu riesig. Langsam lässt mich mein Zeitgefühl im Stich. Wann war ich aufgewacht? Vor zehn Minuten? Zwanzig? Einer Stunde? Und immer noch um mich herum nichts als Dunkelheit. Mein Atem ist das einzige Geräusch in der tiefschwarzen Leere. Er klingt so abgehackt, unregelmäßig.

Ich versuche, die langsam in mir aufkeimende Panik zu bekämpfen. Höchst unwahrscheinlich, dass ich ganz ohne zu sehen immer geradeaus gelaufen bin. Egal, so groß kann der Raum gar nicht sein. Früher oder später muss ich wieder an der Wand ankommen. Ich drehe mich nach rechts. Laufe fünf Schritte, sechs Schritte... es wäre womöglich besser gewesen, einfach weiter geradeaus zu laufen... sieben... egal, noch einmal umdrehen ist jetzt genauso verkehrt... acht, neun... ich beschleunige meinen Gang etwas, will endlich weg hier... neunzehn, zwanzig... jetzt fängt auch noch mein Gleichgewichtssinn an, nachzulassen... einunddreißig, zweiunddreißig... immer öfter stolpere ich fast... fünfunddreißig, sechsunddreißig... die Luft hier drin müsste eigentlich für eine Weile reichen... achtunddreißig... vorausgesetzt, sie war nicht schon zu verbraucht... neununddreißig... wie weit denn noch, verdammt noch mal?!... vierzig, einundvierzig, zweiundvierzig... meine Schritte werden immer hastiger, ihr Hall mischt sich mit dem Trommeln meines Herzens und den kurzen, schnellen Atemstößen zu einer fürchterlichen Melodie... achtundvierzig... ich kann nicht mehr... neunundvierzig... verzweifelt lasse ich mich auf den Boden fallen.

Ich versuche zur Ruhe zu kommen, aber meine Gedanken sind ein einziges Chaos. Dieses, dieses NICHTS macht mich wahnsinnig! Ich will einfach hier sitzen bleiben, warten bis ich aufwache aus diesem Albtraum.

Und das leise, beständige Summen in meinen Ohren soll aufhören. Obwohl ich weiß, dass es nichts hilft, halte ich sie mit den Händen so fest ich kann zu.

Das Summen verstummt.

Ohne Nachzudenken nehme ich die Hände wieder von meinem Kopf und stehe auf. Drehe den Kopf ein paarmal hin und her und gehe wie ferngesteuert auf die Quelle des kaum hörbaren surrenden Tons zu.

Ich komme langsam immer näher, allmählich bin ich mir ziemlich sicher, dass dieses Geräusch wirklich nicht aus meinem Kopf stammt.

Dann bin ich da. Das schwache Summen kommt jetzt von direkt über mir. Ich greife nach oben.

Nein.

Ich ignoriere die Schmerzen.

Nein.

Der von der Decke baumelnde Glaskolben, um den sich meine Hand schließt, ist so glühend heiß, dass er mir die Haut verbrennt.

Nein, nein, nein, nein, nein!

Von der Wucht der Erkenntnis getroffen taumle ich zurück.

Das kann nicht wahr sein!

Ich stoße beim Rückwärtsgehen gegen etwas.

Wieder eine Wachsfigur.

Instinktiv drehe ich mich um und will sie festhalten, aber sie fällt nicht, schwankt nicht einmal.

Meine blinden Augen starren angsterfüllt in die unendliche Finsternis vor mir, während ich den warmen Atem auf meiner Haut spüre.


-scratch- (Diskussion) 21:15, 17. Mai 2014 (UTC)


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