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Ryan war nie ein empfindlicher Typ gewesen. Abgetrennte Beine, aufgeschlitzte Körper und nervöse Hände, die versuchten Gedärme wieder in ihre Bäuche zurück zu quetschen. Leute, die in ihren letzten Minuten nur noch hin und her wippten und seltsames Zeug vor sich hin lallten, während ihr Blick sich langsam von dieser Welt löste. Als junger Sanitäter erschien Ryan in Vietnam der Tod oft schöner als das Leben.


Terrence hielt ihm beiläufig einen Becher hin. „Kaffee?“ Die tiefe Wunde, die sich quer über dessen Gesicht zog, und in der Maden sich wälzten, beeindruckte Ryan aus der Nähe betrachtet dann doch. „Danke.“ Er schlürfte kurz an seinem Kaffee – schwarz, ohne Zucker – und wollte noch etwas sagen, doch die schrille Sirene schnitt ihm das Wort noch in der Kehle ab.

„Weiter geht’s!“, tönte es aus einem Megaphon. „Lizzy kommt nach Hause und findet Jack, Take 3.“


„Oh Shit!“ Terrence hatte sich bekleckert beim Versuch mitten im Schluck innezuhalten. Zwischen hübschen roten Blutflecken zierte nun auch ein hässlicher hellbrauner Kaffeefleck sein Holzfällerhemd. „Fuck. Hier, halt mal.“


Ryan nahm ihm den Becher ab und sah zu, wie sein Freund sinnlos an seinem Hemd rubbelte und zwischen zusammen gebissenen Zähnen fluchend Richtung Set watschelte.


Take 3 wurde noch schlechter als Take 2. „Lizzy“ hatte schon wieder übertrieben und beinahe hysterisch rumgeschrien, als sie ihren geliebten „Jack“ tot und halb verwest am Fuß der Treppe vorfand. Sie würden einen vierten machen, oder aber einfach Take 1 nehmen müssen und darauf hoffen, dass Lizzy’s fehlende Mimik beim Publikum als bewusste Zurückhaltung und hervorragende schauspielerische Leistung ankommen würde. Ryan war’s egal; er war sich sicher „Ripped“ würde sowieso ein absoluter Scheißfilm werden. Der Tod war nicht so laut und grell und spektakulär. Der Tod war geräuschlos, und wurde immer noch leiser, er war farblos, und wurde immer noch durchsichtiger. Ryan trank gerade den letzten Schluck von seinem kalt gewordenen Kaffee und warf Terrence’s in den Müll. Er schlenderte hinüber zum Set, während sich die gesamte Film-Crew als solche auflöste und nur noch einzelne Menschen kreuz und quer wuselten wie Ameisen ohne gemeinsame Mission. Er sah seinen Freund Terrence auf der Treppe sitzen, wie er sich seitlich ans Geländer lehnte und Schultern und Kopf hängen ließ. Niemand beachtete den Mann auf den gerade eben noch vier Kameras gerichtet gewesen waren.


Doch als Ryan nahe genug gekommen war, sah er den dünnen Speichelfaden, der von Terrence’s Unterlippe herunter hing bis zum Boden. Ryan zog den Stoff seiner Hose ein wenig hoch und ging in die Knie, um Terrence Gesicht sehen zu können. Dessen Mund formte lautlos und kraftlos Worte. Ryan versuchte sie zu entziffern, schaffte es aber nicht und fühlte eine sanfte Enttäuschung darüber an seinem Herz anklopfen.


„Hey“, sagte er.


Keine Reaktion.


„Hey!“, rief er dieses Mal ein bisschen lauter, vor allem aber eindringlicher.


Als Terrence wieder nicht reagierte, nahm Ryan dessen schlaffen Kiefer mit der fleischigen Haut darüber zwischen Daumen und Zeigefinger und zog sein Gesicht hoch. Terrence’s Blick flackerte. Da, weg; da, weg; wieder kurz da, und wieder weg. Bryan hob das Kinn seines Freundes noch ein Stück an, bis Terrence’s leerer Blick genau den seinen traf. Er sah, wie sich der Blick schwallweise von dieser Welt löste und immer wieder schwach aber mit letzter, mobilisierter Kraft an diese Welt heftete und Halt suchte. Ryan schaute ihm so tief in die Augen und in die Seele, wie er nur konnte. Er blendete das ganze bedeutungslose und ablenkende Wirrwarr um sie herum aus – für sich und für Terrence – und reichte ihm seinen Blick, an dem sich Terrence zurück ins Leben ziehen sollte.


Ryan spürte den Moment. Die Luft um sie herum war wie elektrisiert und es schien eine Glasglocke über sie gestülpt worden zu sein. Durch ihre Blicke trafen sich ihre Seelen. Ein Moment perfekter Intimität. Ryan lockerte den Griff etwas von Terrence’s Kiefer und erst als er sich sicher war, dass Terrence für den Augenblick voll und ganz da war, voller Hoffnung und ganz bei ihm, sagte er: „ Du       bist      allein .“


Es dauerte volle 30 Minuten – nämlich bis zum Ende der Pause – bis jemand bemerkte, dass Terrence/“Jack“ seinen letzten Tod gestorben war. Terrence’s Kaffee wurde nie gefunden.






(Verfasser: Philipp König)

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