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Genervt tippelte Bob mit der Hand über den Schreibtisch. Es war doch nur eine Creepypasta, nichts philosophisch oder fachlich anspruchsvolles. Wieso also tat er sich so schwer damit? Gestern noch war er in der Geschichtsklausur in einen regelrechten Schreibwahn verfallen und jetzt?

Seufzend starrte er aus dem Fenster und beobachtete, wie ein einzelner Mensch sich mit dem Müll herumplagte. Wie mochte sein Leben wohl aussehen? War er verheiratet? Hatte er Kinder, deren Müll er ebenfalls entsorgen musste? Oder war er vielleicht einfach nur ein Messi? Aber wieso sollte er dann den Müll rausbringen?

Geknickt wandte Bob sich wieder dem Computerbildschirm zu, der mittlerweile von selbst den Bildschirmschoner aktiviert hatte und ihm einen verschwommenen Blick auf sein Spiegelbild gewährte. Spiegel! Das wäre doch eine Idee! Enthusiastisch klickte er den Bildschirmschoner weg und tippte ein erstes Wort in das Word-Dokument. Doch schon beim zweiten wurde er wieder langsamer und nahm schließlich vollkommen die Finger von der Tastatur. Wie viele Creepypastas mit Spiegeln hatte es denn nun schon gegeben? Zu viele wahrscheinlich, die Geschichte wäre sowieso nur eine unbewusste Kopie, egal, wie komplex und verwirrend er die Handlung gestalten würde. Er biss sich auf die Unterlippe, eine Reaktion, die er immer zeigte, wenn er unter Stress stand. Stress, den mal wieder nur er sich machte. Wen interessierte es denn, ob er jetzt eine seichte Gruselgeschichte verfasste oder nicht? Er könnte natürlich auch etwas polarisierendes, ein Blutbad ungeheuren Ausmaßes kreieren, aber das war sowieso eine Kategorie Geschichte, die er nicht mit seinen persönlichen Prinzipien vereinbaren konnte. Schließlich musste er doch Intelligenz zeigen, sei das nun durch sprachlichen Wortwitz oder getarnte Gesellschaftskritik.

Er seufzte erneut. Es waren die alten Selbstprofilierungsmechanismen, die ihn ums wiederholte Male blockierten; dabei hatte er doch schon vor längerer Zeit versucht, sich dieses elitäres Gehabe abzugewöhnen und einfach Geschichten zu schreiben. Es musste ja nicht alles gleich ein philosophisches Spektrum an verschiedenen Deutungsmöglichkeiten und Formulierungen sein. Doch leider war genau das immer noch sein Anspruch.

Ein kalter Wind strich über sein Gesicht, als er die Tür ins Schloss warf. Er hatte beschlossen, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen und erhoffte sich, auf diesem Weg Ideen sammeln zu können. Angestrengt musterte er die Straße zu seiner rechten und dann die auf der seiner linken Seite. Beide Möglichkeiten sahen nicht sehr einladend aus und er beschloss, das mit dem Spazierengehen seien zu lassen. Was für eine kitschige Idee: Ideenfindung durch einen langen Abendspaziergang, sowas funktionierte schließlich nur in der Filmwelt. Spazierengehen, pah, wie viele Creepypastas wohl schon einen ähnlichen Handlungsstrang gehabt hatten?

Gerade, als er die Tür wieder aufschließen wollte, rauschte der Mann, den er eben noch durch das Fenster beobachtete hatte, aus der zum Innenhof führenden Tür, die nun leeren Mülleimer in beiden Händen. Bob grinste, ihm kam plötzlich eine Idee. Wenn er in der Natur keine angemessene Inspirationsquelle fand, warum sollte er es dann nicht mal mit einem Menschen versuchen?

"Hallo", lächelte er dem Mann entgegen.

"Hallo", lächelte dieser zurück und setzte seinen Weg auf die Haustür, die Bob gerade aufschloss, fort.

"Warum genau haben sie gerade den Müll rausgebracht?", erkundigte Bob sich immer noch lächelnd. Der Mann stockte kurz und legte den kahlrasierten Kopf ein wenig schief, so, als wäre er sich nicht sicher, ob sein Gegenüber das ernst meinen würde.

"Na ja, man will ja schließlich ein bisschen Ordnung im Haushalt haben. So ne Frau und drei Kinder machen schon nen ganz schönen Dreck", antwortete er ein bisschen verwirrt. Kinder, hatte Bob also doch richtig mit seiner Vermutung gelegen. Die Einstiegsfrage war natürlich ziemlich banal gewesen, aber jetzt, wo sie einmal im Gespräch waren, konnte er sich vielleicht genau die Inspiration herausziehen, die er brauchte. Er musste nur das Thema in eine adäquate Richtung leiten.

"Ich habe letztens zufällig durch ihr Fenster gesehen, dass sie sie Horrorfilme schauen", startete er einen ersten, kläglichen Versuch. Er war wirklich kein Rhetorikmeister. Sein Gegenüber legte den Kopf noch ein wenig schiefer und musterte Bob mit seinen wachen, blauen Augen.

"Ja, aber das war eher eine Ausnahme. Meine Frau ist ein ziemlicher Fan von so Horrorfilmen, am liebsten von Splatterfilmen. Ich persönlich finde die ein wenig ekelhaft, aber sie fährt da voll drauf ab", erwiderte der Mann seinen Versuch, nun sichtlich verwirrt.

"Also ist sie eher so der Fan von seichtem Pseudo-Horror?", fragte Bob verärgert. Wieso polarisierten immer die idotischsten Themen?

"Äh, wenn sie das so sehen, vielleicht, ja", entgegnete der Mann ein bisschen verschreckt. Bob machte einen Schritt auf ihn zu.

"Wissen sie, dass mich soetwas aufregt? Ich versuche als Autor stets, Horrortexte mit aktuellem Bezug zu verfassen und sie so zu wertvollen Dokumenten unserer Zeit zu machen. Und dann kommen Leute wie ihre Frau daher und ziehen sich lieber so eine niveaulose Scheiße rein. Da könnt ich an die Decke gehen", zürnte Bob weiter. Der Mann hatte jetzt eine straffe Haltung angenommen und den Rückwärtsgang, den er als Reaktion auf Bobs aggressiven Tonfall eingeschlagen hatte, gestoppt.

"Hören sie mal, ich kenn sie nur vom flüchtigen Sehen und möchte eigentlich schnell wieder in meine Wohnung, ich habe noch andere Verpflichtungen, als hier zu stehen und meine Frau von ihnen beleidigen zu lassen", geifte er jetzt zurück. Das gab Bob den Rest. Da sagte man wenigstens einmal die Wahrheit und dann soetwas. Kein zustimmendes Nicken, nein, soetwas.

"Sie sind ein ignoranter Spinner, wissen sie das?", fragte Bob in einer ruhigen, aber doch bedrohlichen Art, während er langsam auf den Mann zulief, "aber wissen sie noch was? Als Autor bin ich verpflichtet, auf die Wünsche meines Publikums einzugehen" Die Miene seines Gegenübers vollzog erneut einen Charakterwechsel, die Entschlossenheit und Wut von gerade eben war Verunsicherung und einer leichten Spur von Angst gewichen. Bob lächelte.

"Das ist ja schön und gut, aber was hab ich jetzt damit zu tun? Dürfte ich jetzt bitte ins Haus zurück?", versuchte der Mann sich zu fangen. Bob zog sein Lächeln im Gegenzug noch etwas breiter.

"Sie nicht, wahrlich nicht. Aber ihre Frau. Und hängen sie dann nicht auch irgendwie mit drin?", quittierte er die Fragen und brachte seinen Gegenüber damit erneut aus dem gerade erst wiedergewonnenen Konzept. Der Mann schaute erneut verwirrt und Bob schlug zu. Seine Faust traf den Mann am Kinn und er spürte, wie etwas knackte. Den nächsten Hieb setzte er gezielt in die Magengrube und fühlte, wie die Haut sich unter der Wucht seiner Gelenkknochen nach innen spannte. Seine Frau wollte also billigen und sinnlosen Splatter? Dann sollte sie auch billigen und sinnlosen Splatter bekommen, dachte sich Bob, während er zu einem weiteren Schlag auf die Nase ansetzte. Auch hier hörte er etwas knacken und als er die Faust zurück zog, klebte Blut an seinen Fingern. Der Geschlagene stürzte nun endgültig zu Boden und Bob feuerte eine Welle harter Tritte auf ihn ab. Schließlich bückte er sich und zerrte den stöhnenden Mann in Richtung der Bordsteinkante, positionierte seinen Kopf so auf selbiger, dass sein Opfer nach links schaute. Nach ein paar weiteren Tritten im Schädel- und Gesichtsbereich ebbten die Körperbewegung seines Opfers langsam ab. Bob bückte sich erneute, umfasste mit beiden Händen die Kehle des vor ihm liegenden Mannes und drückte zu, bis auch der Brustkorb seine letzten Aktivitäten aufgab. Dann drehte er sich um.

Langsam schloss er die Haustür auf und betrat lächelnd den Hausflur. Wie viele Creepypastas wohl schon so geendet hatten?

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