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Die erste große Erkenntnis nach meinem Ableben war, Achtung, Spoiler: Da ist kein großes Licht am Ende des Tunnels. Nicht mal für jemanden, der sich vor den Zug schmeißt endet das Leben vor einem großen Licht. Auch von Erlösung des Leidens konnte kaum eine Rede sein.

-ghostread- Thumbnail Selbst ist der Mörder

„Oh Kacke, tut das weh!“, am Anfang, beim ersten Cut noch war ich so zugedröhnt mit Adrenalin und ich muss gestehen auch mit Alkohol, dass ich quasi nichts gespürt hatte.

Abgesehen von diesem seltsamen Gefühl auszulaufen. Tropfen für Tropfen rotes Blut auf Haut und auf Kleidung, auf dem Boden und an der Wand, sogar auf dem Sofa. Ich weiß noch, dass ich meine tauben Finger zuletzt in die Lehne krallte und abrutschte, als mich die Kräfte und das Leben endgültig verließen. Dann war da lange Schlaf, bis hin zum Schmerz der mich geweckt hat.

Da kam die zweite Erkenntnis meines Ablebens: Sich die Adern aufzuschneiden war weder stilvoll, noch edel oder schnell vorbei. Höchstens war es sehr dramatisch, je nachdem von wem man danach inmitten seines eigenen Blutes liegend gefunden wird… und wann.

Das sollte bei mir wohl noch etwas dauern, stellte ich resigniert fest. Woher ich überhaupt weiß, dass ich tot bin? Hauptsächlich vermute ich das, weil ich seit beinahe einem Tag neben meinem Körper auf dem Boden sitze und ihm beim Verfall zusehe.

Gut, Zerfall ist vielleicht noch etwas überstürzt formuliert. So schnell fällt ein Körper dann doch nicht in sich zusammen. Aber immerhin trocknet langsam das ganze Blut und verklebt den Raum. Phu und gut riecht es hier auch nicht gerade.

Leider sieht das nach einer Weile auch gar nicht mehr so hübsch dramatisch aus. Getrocknetes Blut ist nämlich nicht lange nachdem es seinen natürlichen Lebensraum, haha Lebensraum, da lebt sicher nix mehr an dem Typ, egal, nachdem es seinen natürlichen Lebensraum verlassen hat ist es jedenfalls nicht mehr rubinrot und lebendig und aufregend, sondern eher beschissen braun und so sah das Zimmer jetzt auch aus. Beschissen.

Wie passend zu meinem Leben. Oder meinem Tod, je nachdem auf welcher Seite man steht. Mein Körper hat seine Farbe auch verloren. „Du bist ein verdammt hässlicher Toter du elendes Elend. Und es kommt auch keiner, der dich hier findet.“, schloss ich mit der Leiche auf dem Boden ab, als es vor dem Fenster langsam dunkel wurde.

In ein paar Tagen spätestens würde die ganze Misere hier so stinken, dass irgendwer kommen würde um nach der Quelle der Verwesung zu suchen. Aber so lange wollte ich hier eigentlich nicht warten, ich meine, was hielt mich noch hier? Offensichtlich hatte mich ja nicht einmal mehr etwas hier gehalten, als ich noch aktiv am Leben war.

Jetzt war ich ziemlich aktiv tot. Schön, was macht man so als Toter oder als Geist der was auch immer mich jetzt für ein Fluch getroffen hatte. Ich hob die Arme, Bewegung ging noch einwandfrei. Allerdings nicht schmerzfrei, denn meine Unterarme waren immer noch komplett aufgeschlitzt.

Kaltes Blut trat weiter unaufhörlich aus den offenen Wunden, aber die Tropfen reichten nicht ganz bis zum Boden. Vorher schienen sie zu verschwinden. Ich schauderte. Das ganze Tod sein war noch ziemlich ungewohnt.

Das Konstanteste neben dem Schmerz, den ich mir, scheiß Emo, selbst zugefügt hatte, war die Kälte, die alles umgab. Ich wollte frieren, aber das ging irgendwie nicht. Auch zeigte sich keine Gänsehaut auf meinen Armen oder ein Zittern. Es war einfach nur kalt, resigniert, ohne Gegenreaktion.

„Ich hasse dich, das weißt du oder?“, fragte ich an mich selbst auf dem Boden gerichtet, als ich mich zum Gehen wandte.

„Oh selbstredend weiß er das, Idiot.“, als die fremde Stimme erklang, schreckte ich zusammen und fuhr herum. Auf dem Sofa saß ein Mädchen und ich schwöre bei diesem unbarmherzigen dreckigen Saftsack der sich Gott schimpft und für das hier verantwortlich ist, die war vorher noch nicht da. Ich kannte sie auch nicht.

„Wer zum Himmel bist du und wie kommst du in meine Wohnung?“, wie erstaunlich menschlich diese erste Reaktion noch war. Vielleicht wäre es naheliegender gewesen, sie zu fragen, warum sie so ruhig dasaß, während eine Leiche und der dazugehörige Geist das Zimmer zierten.

„Oh, ich glaube du hast dein Recht auf diese Wohnung oder auf sonst etwas verwirkt, als du das da getan hast.“, ein langer bleicher Arm wies mit genauso bleichen Fingern auf eine unsauber aufgerissene Schachtel Rasierklingen, neben dem Toten.

Damit hatte ich es getan. 5,99 hatte die Packung gekostet, ich hatte vor dem Regal gestanden und noch mit mir gehadert. Es waren die billigsten gewesen. War ich mir tatsächlich so wenig wert, vor allem jetzt, da Geld eigentlich keine Rolle mehr spielte.

Wieso machen Menschen, die sich schon für den Suizid entschieden haben eigentlich so selten eine Weltreise mit ihrem letzten Geld. Ich meine, sie brauchen es ohnehin nicht mehr, können es sinnlos auf den Kopf hauen. Blackjack and Hookers, yay. Vermutlich, weil es sinnlos ist. Wie alles andere auch.

Ein anderer Grund dafür könnte sein, dass die meisten Selbstmorde eher im Affekt geschehen, als von Lange geplant. Oder die Leute schon viel zu depressiv sind um noch etwas erleben zu wollen. Oder überhaupt ihre Brieftasche auszupacken, haa ja, damit kann ich mich identifizieren. Nur um danach herauszufinden, dass die ganze Farce noch weitergeht.

Die dritte Erkenntnis meines Ablebens war, dass die anderen Toten Selbstmörder nicht mögen. Vielleicht waren sie neidisch auf uns, weil wir die Wahl gehabt hatten.

Vielleicht sahen sie uns auch als undankbar an, weil wir unser Leben einfach so wegwarfen, während viele von ihnen keine andere Wahl hatten, als zugekrebst dahinzusiechen, abgeknallt zu werden oder ihr Leben und diverse Gliedmaßen in einem Autounfall einzubüßen.

„Im Ernst Frau, was willst du von mir?“, ich breitete die Arme aus und starrte das Mädchen durchdringend an. Erst jetzt fiel mir die Eintrittswunde an ihrer Schläfe auf. Die andere Seite ihres Schädels, die bis dato im Dunkeln gelegen hatte, war komplett zerstört.

Ich schluckte. So war sie gestorben. Gottverdammt, man sah den Toten an, wie sie abgetreten waren.

„Im Ernst du Arsch, verpiss dich. Du wolltest nicht mehr hier sein, dann verschwinde, geh und spuk in einer Klapse rum, wo deinesgleichen hingehören und schon hingehört hätten, als ihr eure erbärmliches Leben noch hattet. Bevor ihr beschlossen habt, es wegzuwerfen wie Müll. Ihr beschmutzt unsere Welt hier, wir wollen euch nicht.“, Hass schoss mir entgegen und im gleichen Moment schoss mir ein Zeitungsartikel durch den Kopf.

Ich erinnerte mich noch daran, weil es aktiv um die Wohnung ging, in der ich lebte. Der Grund dafür, dass die Miete so traumhaft tief war, lag an dem Mord, der hier geschehen war.

„Du bist das Mädchen, das von seinem Vater getötet wurde. Der, der durchgedreht ist und seine ganze Familie niedergeschossen hatte.“, rutschte mir heraus. Im Leben wie auch im Tod immer schön reden, wenn keiner gefragt hat, so macht man sich beliebt.

„Raus hier, raus, RAUS!“, sie schrie jetzt und kam vom Sofa auf mich zugestürzt, aber kurz bevor sie mich erreichte, war sie verschwunden und Panik ergriff meinen, ja was eigentlich, Körper? Alles in mir sagte, dass ich hier nicht bleiben konnte, dass sie recht hatte und tiefe Verzweiflung ergriff mich.

Dieses Gefühl sollte schnell ein vertrautes werden, denn auch nachdem ich endlich die Wohnung verlassen hatte, was konnte ich für meinen leblosen Körper schon noch tun, wiederholte sich die Szene mit anderen Gestalten.

Tote, nehme ich an.

Die letzte Erkenntnis meines Ablebens, die ich mit euch teilen möchte ist, dass ich seit dem Tag an dem ich gestorben bin, abgesehen von meinem toten Körper und der zählt nicht wirklich, auf keinen lebenden Menschen gestoßen bin. Da war kein Leben mehr.

Nicht im Haus, auf der Straße oder in der Stadt. Überall war nur noch der Tod. Und der Tod mochte mich nicht. Und das ließ er mich spüren.

Es gibt kein Licht am Ende des Tunnels.

Es gibt überhaupt kein Licht.

Und überhaupt kein Ende.

Da ist nur noch der Tod.

Fuchs [ghostread]

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