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Der Mann strich mit dem Zeigefinger über das vergilbte Papier und erschauerte, als das raue Material an seiner Haut rieb. „Was hat uns nur hierher gebracht, Nostradamus, an diesen absoluten seelischen Tiefpunkt?“, fragte er ins Nichts und seufzte zum Steinerweichen. Er erntete nur Schweigen. Natürlich. Die Zukunft war nur noch ein Hirngespinst der Vergangenheit und es schnürte ihm die Kehle zu, wenn er an das heraneilende Ende dachte.

Zögerlich schaute er auf, und ließ den müden Blick aus dem Fenster schweifen, das beinahe blind von Schmutz und Alter war. Der Himmel war gelblich braun wie an jedem Tag und die Sonne nur noch ein kleiner, blasser Schimmer, dem es kaum gelang, definierbare Schatten am verödeten Grund zu werfen. Die gigantischen Gebäude, welche die gesamte Planetenoberfläche bedeckten wie ein Heer von Giftpilzen, waren zum Großteil verfallen, geschliffen von der Zeit und nur noch spärlich bewohnt.

Die Nahrung reichte schon seit vielen Dekaden nicht mehr aus um die Bevölkerung zu versorgen, also sah man sich gezwungen Ausweichmöglichkeiten finden... Ein Zittern fuhr über seinen ausgemergelten Körper, trotz der Windstille und erdrückenden Hitze, die sich durch die leergefegten Straßen quälte wie ein verendendes Tier.

Der Mann blickte zurück in den kargen Raum, der ihn in den letzten drei Dekaden hatte überleben lassen und ließ sich schwer auf seinen knarzenden Schemel fallen. Die Statik und Ausweglosigkeit seiner Situation bohrte sich schmerzhaft in sein Gehirn, fraß sich tief in ihm durch die Eingeweide, bis er es nicht mehr ertragen konnte, kreischend aufsprang, seine Hände gegen die zerkratzte Steinwand presste und immer und immer wieder seinen Schädel dagegen schmetterte.

Immer und immer und immer wieder... bis Blut aus seiner Stirn sickerte und ihm in die brennenden Augen tropfte. Ein blassroter Schleier legte sich über seine Welt und für einen Augenblick wünschte er, diese Art der Wahrnehmung würde ewig andauern. Doch dann rollten ein, zwei blutige Tränen aus seinen Augenwinkeln und alles wurde wieder grau.

„Nostradamus!“, heulte in eine Zimmerecke. „Oh Gott, Nostradamus! Wo bist du? Warum hast du uns wissentlich in diese Hölle rennen lassen? Warum?!“ Ein krampfartiges Schluchzen quoll aus seiner ausgedörrten Kehle und schüttelte seinen Leib. „Warum...“, fragte er noch einmal gebrochen, dann raffte er sich auf, wankte auf sein Schreibpult zu und beugte sich wieder über die alten Schriften.

Weil ich wusste, dass ich eines Tages mit dir sprechen werde.


Er fuhr zusammen. „Was...? Wer...?!“

Ich wusste, dass ich eines Tages Kontakt mit dir aufnehmen kann, Sindile.

„Woher kennst du meinen Namen?“

Ich kenne jeden Namen. In der Vergangenheit, der Gegenwart, als auch der Zukunft. Ich weiß alles.

Sindile fasste sich an die blutverschmierte Stirn und stöhnte. Ein grauenhafter Kopfschmerz tobte im Inneren seines Schädels. „Wieso sprichst du erst jetzt zu mir? Ich habe dich bereits so oft gerufen!“ Anklagen blickte er in die leere Zimmerecke.

Sindile! Sagte die Stimme scharf und lies ihn zusammenzucken wie unter einem Peitschenhieb.

Fordernd zu reden steht dir nicht zu! Folge allein meinen Anweisungen und du wirst diese verkommene Welt verändern. Ich will... dass du mein Nachfolger wirst.

Sindile stand zitternd auf und lehnte sich an die schmutzige Wand. Alles um ihn herum drehte sich... nein. Die Welt nahm ihre wahre Gestalt an. Plötzlich hatte er das Gefühl, klarer sehen zu können, als jemals ein Mensch zuvor. Sein Geist schien sich auszudehnen, die Grenzen seines engen Hirns zu durchbrechen und sich über das gesamte Universum hinweg zu erstrecken. Ein grauenerfüllter Schrei wand sich aus seiner Brust nach draußen und erschallte schrecklich und schön zugleich. Die Welt erbebte. Dann versank sie wieder im Stillstand.

Geh ans Fenster, befahl Nostradamus. Sieh nach unten, auf die Straßen.

Sindile überwand den Schwindel und starrte auf den staubigen Asphalt, der sich viele hundert Meter unter ihm durch das Gewirr der verfallenen Wohntürme schlängelte. Dort bewegte sich etwas. Ein winziger, dunkler Fleck im gelblichen Dämmerlicht. Mit zusammengekniffenen Augen erkannte der Mann, dass es sich dabei um einen Menschen handelte. Plötzlich gesellten sich zwei weitere dunkle Gestalten dazu, die erste rannte, allerdings nicht weit. Sie fiel. Die zwei anderen umringten sie, ließen nicht von ihr ab und dann breitete sich ein größer werdender schwarzer Schatten auf dem lehmfarbenen Untergrund zu ihren Füßen aus.

Sindile wandte sich erschöpft ab. Er wollte nicht mehr.

Nein!, fauchte der Seher in ihm. Verharre! Folge meinen Worten!

Und dann begann der große Nostradamus einen Monolog, dessen Inhalt nicht von dieser Welt war und der bis daher unausgesprochenes Grauen enthielt. Sindile schrie, zerkratzte sich Haut an Armen und Gesicht, wollte sich mit glühenden Nadeln das Hirn aus dem Schädel kratzen, doch der Prophet schwieg nicht. Als sich Sindile vor Qualen aus dem Fenster stürzen wollte, verwehrte sein Meister ihm diesen Wunsch und er musste gezwungenermaßen gehorchen. Nach Äonen, so schien es dem Mann, endete Nostradamus seinen Vortrag und verstummte.

Sindile, der zuckend am Boden lag, brauchte lange um sich zu erholen. Speichel rann aus seinen eingerissenen Mundwinkeln, sammelte sich im Staub zu kleinen Pfützen an und Blut floss aus seinen Augäpfeln. Irgendwann hatte er genug Kraft gesammelt um sich am Schreibtisch hochzuziehen und einen kurzen Blick aus dem milchigen Fenster zu werfen. Entgegen seiner Erwartungen waren die Gebäude noch nicht zu Staub zerfallen und nicht einmal die schwächliche Sonne hatte es sich dem Horizont weiter genähert.

Sindile strich mit dem Zeigefinger über das vergilbte Papier und erschauerte. Dort lagen die letzten noch existenten Schriften des Necronomicons. Die Allerletzten. Plötzlich wurde sein verzagtes Herz von Stolz erfüllt. Er war der letzte lebende Nachfahre Abdul Alhazreds, er war der Besitzer des letzten Necronomicons, er hatte mit Nostradamus gesprochen und war sein Schüler geworden. Er war Sindile.

Zakamuva Sindile. Der letzte Überlebende.

Die Welt lag in Trümmern und er würde sie von dem letzten Rest an Schmutz befreien, der noch auf ihr existierte. Schwankend stand er auf und griff nach der verstaubten Axt, die unter seinem Schreibtisch lag. Dann machte er sich auf den Weg nach unten. Er verließ zum ersten mal nach drei Dekaden den Turm, der ihm so viele Jahre lang Schutz geboten hatte. Er brauchte diesen Schutz nun nicht mehr. Denn er war nicht mehr allein.

Es brauchte lange, beinahe zwei Stunden, bis er unten angekommen war und sich sein Körper an den höheren Luftdruck gewöhnt hatte, er klar sehen und atmen konnte. Er machte ein paar Schritte nach draußen und spürte zum ersten mal seit einer Ewigkeit, das wärmende, wenn auch schwache Sonnenlicht auf seiner Haut. Dann stieß er auf die Leiche. Man hatte sie sauber filetiert und ausgenommen. Alle verwendbaren Teile gestohlen.

Anhand der Kleidung erkannte Sindile, dass es sich um eine Frau gehandelt haben musste. Schwere Stiefelabdrücke waren um sie herum verteilt, denn das Schlachtfest hatte einen wahren See aus schwarzem Schlamm hinterlassen. Staub und Asche gemischt mit Blut. Der Schlick trocknete bereits und Fliegen surrten um den Kadaver. Sindile warf einen spähenden Blick in das Gewirr der Häuserschluchten, dann schulterte er seine Axt und folgte den feuchten Spuren, die sich von dem Leichnam wegbewegten. Er schlurfte langsam durch die Straßen, ganz ruhig und gemächlich.

Früher oder später würde er dem ersten Abschaum begegnen. Die Axt glänzte matt in der Sonne.

Er war bereit.

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