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Er war schon immer der schönste Junge der Klasse gewesen. Vor der Pubertät hatten schon alle Mädchen, mich eingeschlossen, für ihn geschwärmt. Aber nachdem er seinen Wachstumsschub bekommen hatte und sein Gesicht noch markantere Züge angenommen hatte, da konnte ihm wirklich niemand mehr widerstehen. Nun fanden ihn einfach alle toll. Jedes Mädchen der Schule hatte ihn insgeheim ins Herz geschlossen, auch manche Jungs sahen ihn auf diese gewisse Art an und selbst ein paar Lehrerinnen bewerteten ihn besser, nur weil er der Traum jeder Schwiegermutter war.

Alle belegten sie ihn mit tausenden kleinen Adjektiven. So niedlich. So heiß. So süß. Nicht alle sprachen es aus, aber jedes Mädchen dachte es. Es war schon teilweise ekelhaft gewesen, wie sich die ganzen aufgetakelten B*tches an ihn rangeschmissen hatten, lechzend nach einem kleinen Funken Aufmerksamkeit, nur um ihre überhöhten Egos erhöhen zu können und die kleine Heulsuse hinter der Schminkfassade ruhigzustellen. Rannten ihm hinterher mit ihren lächerlichen Stöckelschuhen und erstickten ihn in Wolken von Parfum.

Ich nicht. Klar, er gefiel mir, wie hätte es auch anders sein sollen, aber ich wollte nicht so sein wie die anderen. Ich wollte deren Gesellschaft nicht. Oder besser, ich wollte mich nicht auf das Niveau dieser Schwachmaten herablassen. Ich hatte weder Lust auf ihre eingebildete Coolness noch auf ihre überhebliche Auffassung von Beliebtheit. Ich hielt es einfach. Kleidete mich schlicht, redete nicht viel, blieb im Hintergrund. Und ich war glücklich damit.

Aber das konnte der feine Herr nicht sehen. Ich fiel ihm auf, wie ich immer allein saß, zufrieden in meiner kleinen Idylle. Ich weiß nicht wieso, aber er fand Gefallen an mir. Er dachte, ich hätte keine Freunde, weil sie mich nicht wollten. Dabei wollte ich doch sie nicht! Er dachte, er könnte mich irgendwie retten oder so. So fürsorglich. So unschuldig. So süß.

Er kam zu mir. Er redete mit mir. Immer und immer wieder. Hinter seinem Rücken lachten sie über ihn, wie er mich nur mögen konnte. Ich wollte diese Aufmerksamkeit nicht. Aber noch viel weniger wollte ich, dass sie über ihn lachten. Denn ich mochte ihn ja auch. Anfangs dachte ich, ich könnte ihn mit Schweigen vertreiben. Er würde merken dass es nichts half und Leine ziehen. Aber das tat er nie. Er setzte sich wieder und wieder zu mir und redete über die belanglosesten Dinge. Die Schule. Das Wetter. Die Anderen. Saß da mit seinem Lächeln und dieser weichen, einfühlsamen Stimme. Er hoffte irgendwie. Dachte, er würde mich rumkriegen können. Was er dann ja auch tat.

Es war ganz komisch. Vom einen auf den anderen Tag waren wir zusammen. Er hatte es auf irgendeine Weise geschafft. Dabei durfte das nicht sein. Ich war doch vorher auch glücklich. Ich brauchte ihn doch gar nicht. Und er wollte mich doch insgeheim nicht haben. Aber trotzdem war es so. Es war wie in einem dieser kitschigen Filme. Plötzlich war ich beliebt, hatte einen wunderbaren Freund. Es war so schön. So romantisch. So süß.

Es verging immer mehr Zeit. Der erste Tag. Die erste Woche. Der erste Monat. Das erste Jahr. Es war schön mit ihm. Auf eine Art. Wir unternahmen viel, hatten Spaß zusammen. Er schien richtig glücklich zu sein. Ich war es auch. Für ihn. Dann, ich weiß nicht mehr wann, begann er über Liebe zu reden. Liebe. So ein kleines Wort und doch so gewichtig. Er träumte von einer Zukunft mit mir. Mit mir! Unsere Bindungen wurden immer stärker. Er erzählte mir seine Geheimnisse und zeigte mir seine dunklen Seiten. Dafür erfuhr er meine.

Irgendwann war es so weit. Er wollte mein größtes Geheimnis hören. Und ich wollte es ihm auch irgendwie erzählen. Es war so schön mit ihm, ich war glücklich. Aber das war ich vorher auch schon. Es gab doch nur einen Grund warum ich ihn überhaupt brauchte. Und das konnte ich ihm einfach nicht verraten. Doch ich wollte es so sehr. Wollte ihm diese eine Sache zeigen. Noch bevor es dazu kam verschwand er. Niemand wusste wohin. Ich war die trauernde Verlassene. Und alle meine "Freunde" kümmerten sich rührend um mich. So lieb. So herzerwärmend. So süß.

Es wurde nie bekannt, was aus ihm wurde. Ich war eine Zeit lang gar nicht glücklich, denn auch wenn ich es vorher ohne ihn war, jetzt war das schwerer. Irgendwann war diese Zeit vorbei. Ich vermisste ihn noch immer, aber ich kam darüber hinweg. Es ging vorbei. Ich dachte noch oft an unseren letzten gemeinsamen Moment. Wie ich ihm von dieser Sache erzählen wollte. Wie ich sie ihm zeigen wollte. Er wollte erst nicht, aber irgendwann widersprach er mir nicht mehr. Ich kochte ein wunderbares Essen für uns, um ihm zu zeigen, was es war. Doch er tauchte nie auf. Immerhin war das Essen lecker. Es war so saftig. Er war so köstlich.

So süß.


von Duschvorhang

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