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„Viertel vor zwölf“ stöhne ich genervt und wende den Blick von meinem Wecker ab, dessen grell blau leuchtenden Ziffern, als einzige Lichtquelle im Raum, das dunkle Zimmer erhellen.

Wieder einmal liege ich hellwach auf meinem Bett und starre zur Decke. Seit Tagen geht das nun so, der Urlaub, den ich mir genommen hatte, brachte meinen Schlafrhythmus vollkommen durcheinander. Das lange Feiern bis spät in die Nacht vertrage ich einfach nicht mehr.

Ich steige aus meinem Bett und setze einen Fuß auf den kalten Boden, für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich mich nicht doch wieder hinlegen und auf das Einschlafen hoffen sollte. „Nein, etwas Bewegung wird mir gut tun“ murmele ich und schlurfe Richtung Garderobe. Schnell ein ausgelatschtes Paar Turnschuhe über die nackten Füße ziehen und den alten, abgewetzten, schwer als Kleidungsstück identifizierbaren Mantel anziehen.

Erst als ich vor die Haustür trete, merke ich, dass dichter Nebel sich über die Straßen und die Stadt gelegt hat. Kalte Luft umschließt meine Fußknöchel und ein ebenso kalter Wind schlägt mir entgegen. Ich drehe mich um, damit ich die Tür abschließen kann und da ich ein eher vorsichtiger, fast schon ängstlicher Mensch bin, kontrolliere ich, wie immer, gleich doppelt, ob ich auch wirklich abgeschlossen habe. Aber alles in Ordnung, Türe zu und soweit ich es von hier beurteilen kann, sehe ich auch kein geöffnetes Fenster. Also dann, Zeit zum Aufbrechen.

Knapp zehn Minuten jogge ich nun durch die Innenstadt und gewöhne mich allmählich an die unheimliche Atmosphäre. Keinem Mitmenschen begegne ich, auch kein Auto höre ich irgendwo in der Ferne fahren, nicht einmal das Grölen Betrunkener hallt durch die Straßen. Nur das Rauschen des Windes durch die Blätter der Bäume vernehme ich, auch wenn mir der Zweck dieser Bäume wohl nie klar werden wird; das triste Stadtbild verschönern sie kaum, zudem müssen im Herbst die heruntergefallenen Blätter beseitigt werden. Lediglich als Klo für Hunde und manchmal auch für besoffene Jugendliche scheinen sie zu dienen, alles in allem ein teurer Spaß für die Stadt.

Kopfschüttelnd, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, über den genialen Vergleich, der mir soeben eingefallen war, setze ich meinen Weg fort. Meine Angst ist beinahe verflogen, ich blicke kurz nach rechts und links und wieder gerade aus, um die Straße sicher überqueren zu können. Sofort bleibe ich stehen, nicht  etwa wegen eines Autos, nein, ich blicke erneut nach rechts, und was ich dort im Schein der Laterne, keine zehn Meter von mir entfernt, auf der anderen Straßenseite sehe, lässt alles Gefühl von Sicherheit verschwinden und die Angst mich packen.

Die Kreatur, die dort steht, misst ungefähr 2,10 Meter von Kopf bis Fuß, trotz leicht gebückter Haltung. Sie scheint kaum Fleisch auf den Rippen zu haben, allgemein ist sie sehr dürr, als hätte man über das Skelett einfach nur Haut gespannt, eine sehr ledrige und graue Haut. Die Oberschenkel nicht dicker als 5cm, die  Arme reichen bis zu den Knien, Hände und Füße gleichen Klauen, die Finger sind doppelt so lange wie der Handrücken. Das menschlichste an diesem Wesen ist vermutlich noch der Kopf, trotz Augen, die scheinbar nur aus einem Augapfel ohne Iris und Pupille bestehen. Das rabenschwarze, fettige Haar fällt ihm über die knöchrigen Schultern bis hin zur Hüfte. Ein gar grausiger Anblick.

Nur für einen kurzen Augenblick mustere ich dieses Wesen, eine Ewigkeit kommt er mir vor. Ohne weiter Überlegungen anzustellen sprinte ich los, ich sehe noch wie das Monster den Kopf nach mir dreht. Ich renne weiter in die Stadt hinein, biege an jeder Kreuzung ab, in der Hoffnung es so abzuhängen. Ich blicke nach hinten, nichts zu sehen, noch Blick, wieder nichts zu sehen.

Weinend breche ich hinter einem parkenden Auto zusammen, mein Herz schlägt wie verrückt, kann kaum einen klaren Gedanken fassen und spüre außer meiner Angst nur eisige Kälte. Ich bete inständig, dass ich diese Kreatur abgehängt habe,  aber um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob sie mich überhaupt verfolgt hat, denn außer den beiden Blicken gerade eben, habe ich mich nicht ein einziges Mal umgedreht.

„Scheiße, scheiße“ fluche ich, bin aber kaum imstande richtig zu artikulieren, zu sehr zittere ich noch. „Okay, vielleicht haben dir deine Augen nur einen Streich gespielt“ versuche ich mich zu beruhigen, „du hast das Ding nur das eine Mal gesehen“. Ich versuche meine Atemfrequenz zu senken und schaue mich dabei vorsichtig um. Nichts zu sehen.

„Und wenn es dir nur auflauert?“ schießt es mir plötzlich durch den Kopf und vorbei ist es mit meiner Ruhe. Der Gedanke lässt mich nicht mehr los und panische Angst ergreift mich erneut.  Denn egal, ob es nun existiert oder nicht, hier im Dreck hocken bleiben kann ich nicht, doch der Gedanke jetzt weiter zu müssen behagt mir ebenfalls nicht.

Auch wenn es unvorstellbar klingen mag, hinter diesem Auto fühle ich mich wie ein Kind unter seiner Bettdecke; einerseits sicher, andererseits ständig von der Angst geplagt doch entdeckt zu werden.

Ich erhebe mich langsam und trete hinter dem Auto hervor, meine Augen suchen die Straße ab, entdecken aber keine dürre Gestalt. Unsicher setze ich den einen Fuß vor den anderen und beschleunige mit jedem gegangenen Meter meinen Schritt, bis ich mich nach kurzer Strecke wieder im Sprint befinde. Die Hoffnung sicher nach Hause zu kommen, lässt mich das Stechen in der Brust vergessen, das mich nun durch das ständige Rennen und die Panik quält. Auch wenn es sich anfühlt, als würden meine Lunge und mein Herz jeden Moment kläglich ihren Dienst verweigern und aufhören zu arbeiten, verlangsame ich das Tempo nicht.

Allerdings nehme ich nicht den direkten Weg nach Hause, um zu vermeiden, dass ich an dem Ort vorbeikomme, an dem ich die Kreatur sah. Nach einer gefühlten Ewigkeit der Furcht erblicke ich mein Haus am Horizont, doch spüre noch keine Erleichterung, erst wenn ich im Haus bin, kann ich mich in Sicherheit wiegen.

Noch während des Laufens krame ich die Schlüssel aus meiner Manteltasche hervor und hechte zur Haustür. Mit einem Sprung gegen die Tür, versuche ich abzubremsen um dann aufzuschließen.

Doch da ist nichts zum Abbremsen noch zum Aufschließen, die Tür gibt nach und schwingt nach innen auf.

Ohne überhaupt zu realisieren, kippe ich vorne über, stolpere über die Schwelle und lande bäuchlings im Hausflur.

„Unmöglich, d-da-das ist unmöglich“ stottere ich, derweil mich eine leise Ahnung beschleicht. „Ich schwöre bei Gott, ich habe noch nie vergessen abzuschließen“. Ich erhebe den Kopf und blicke in die weißen Augen einer mageren Gestalt, die sich keuchend über mich beugt.

Mir ist nicht klar, wie sie in das Haus kam, das einzige was ich weiß, ist, dass dies mein Ende ist. Das letzte, was ich fühle ist, wie die hageren Finger dieses Wesens meinen Hals mit unbändiger Kraft umschlingen.

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