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„Vocamus geminos, quos spem dant. Vocamus geminos, quos spem dant. Vocamus geminos, quas spem dant.“, ( 8 ) rufen wir wieder und wieder. Ich sehe mich um. Umgeben von meinen besten Freunden stehe ich mitten im Kreis.

Symbol

Eine Ablenkung würde gut tun, damit ich mir vor Nervosität nicht in die Hosen mache. Ich bewundere diese feinen Linien und Kurven. Beinahe fehlerfrei haben wir sie in den Boden geritzt. Vor mir liegt ein Foto, darauf ist mein Bruder abgebildet. Beeindruckt betrachte ich das Symbol im Ganzen.

„Vocamus geminos, quos spem dant...“, ( 9 ) flüstere ich nebenbei, während ich mich mit meinen Gedanken ganz wo anders befinde. Die durchgängige Dunkelheit im Zimmer wird nur von den Kerzenlichtern unterbrochen.

„Vocamus geminos, quos spem dant“, zehn „Vocamus geminos, quos spem dant“, elf. Alle löschen das Feuer der Kerzen aus, die sie vor ihren Gesichtern halten. Jeder, außer ich. Verängstigt blicke in die Gesichter meiner Freunde, die bei diesen Lichtverhältnissen unheilbringenden Fratzen ähneln.

Es ist vollkommen still. Keiner von uns macht einen Mucks. Und nun beginne ich die Sekunden stumm zu zählen.

1, 2 - Endlich höre ich etwas. Es kommt von oben. Schritte, oder ein Klopfen. Man hört auch ein Schlurfen, als würde jemand einen leblosen Körper am Boden schleifen.

3, 4 - Ich lausche. Das Geräusch wird lauter. Es verändert sich. Aber es wird nicht besser. Ganz im Gegenteil.

5, 6 - Es ist so durchdringend wie das Bersten von Knochen. Meine Ohren schmerzen. Alle beobachten mich. Einige halten ihre Augen fest geschlossen. Nach jedem Schritt klingt es, als würden Gelenke brechen.

7, 8 - Ein „Knacks“ sozusagen, worauf dann etwas Fleischiges folgt, ( 9 ) als ob jemand ein Herz in der Faust ausquetscht ( 10 ) und danach das Blut von seinem Ellbogen tropft. 11...

„Voco geminos, quos spem dant.“, sage ich als Alleiniger. Ein kalter Wind. Ich höre wie einige von uns zusammenzucken. Ein leises Schluchzen. Letztmalig sehe ich diese vertrauten Gesichter. Ein plötzliches helles Flackern der Kerze. Dann wird sie gelöscht. Kein Licht mehr. Dunkelheit. Stille, die einen zur Manie bringt.

Ich höre es wieder. Dieses Brechen, dieses Tropfen. Doch jetzt ist es anders. Im Hintergrund. Da ist noch etwas. Aber es hört sich viel menschlicher an. Es ist als würde jemand laut ein- und ausatmen. Und ein Kichern, vielleicht nur eingebildet, ein Produkt meiner Phantasie.

Schweißperlen rinnen von meiner Stirn. Die Muskeln erstarren. Näherkommende Schritte. Ich würde wegrennen, darf aber nicht. Weiterhin starre ich in die Dunkelheit. Es wird still. Erleichterung kommt in mir auf, trotz des Wissens, dass es noch nicht vorbei ist.

Auf einmal ein lauter Knall. Die Haustür wurde aufgerissen und zugeschlagen. Das Kichern ist verstummt. Ein Knurren. Ein fauliger Geruch. Meine Atmung wird hektischer. Die Schritte werden lauter, kommen näher. Dieser Gestank nach verfaultem Fleisch ist furchtbar.

Ich höre Schluchzen, schabende Füße oder Hände um mich. Jeder will hier weg. Die Schritte hören auf. Eine Klaue greift mir auf die Schulter. Der Drang zu schreien setzt sich durch. Im Raum herrscht Lärm. Alle schreien durcheinander. Plötzlich werde ich nach hinten gerissen.

Heftig pralle ich gegen die Wand und falle auf den Rücken. Meine Lungenflügel füllen sich mit einer schleimigen Substanz. Ich muss mich übergeben. Kniend würge ich mehrmals. Ich will es raushaben. Ich huste und jedes mal kommt der Schleim hoch und ich muss mich übergeben.

Doch ich kann nicht. Ich muss es immer runterschlucken. Als ob es wieder hinunterklettern würde damit es seinen Wirt nicht verlässt. Ich krieg keine Luft mehr. Langsam spüre ich, wie das Blut in mein Gehirn strömt. Mir wird schwindelig und ich falle zu Boden.

„Wir müssen sofort das Licht anmachen!“, ruft Mike, den Tränen nahe. Mein Keuchen hallt im Raum. Alle stehen auf. Laute Schritte. Immer wieder ist ein „Fuck“ oder ein „Scheiße“ zu hören. Ein paar von uns weinen und beschimpfen die übrigen, wie sie so dumm sein konnten. Dann wird es plötzlich hell.

Luft! Endlich Luft! Erleichtert darüber, Sauerstoff in der Lunge zu haben zeige ich Jojo, meinem besten Kumpel, ein Daumen hoch.

Er lächelt und ich sehe wie der Satz „Gott sei Dank“ mit seinen Lippen geformt wird.

4 Tage nach dem Ritual sitze ich hier in der Schulkantine. Nachdem wir das Gebäude verlassen haben, sind wir alle zusammen in einem Auto von Haus zu Haus gefahren um jeden nachhause zu begleiten. Zugegeben, es gab nur einen Wagen, doch einige hätten einfach zu Fuß dorthin gelangen können, aber alle hatten zu viel Angst davor, alleine zu sein.

Von einem lauten Schmatzen wird meine Rückblende unterbrochen. Ich sehe zu Jenny, die in diesem Moment das Schweigen bricht.

„Also nochmal: wofür war das gut?“

Alle am Tisch sind plötzlich verunsichert und widmen sich voll und ganz ihrer Nahrung.

„Schau mal: Du weißt doch was ein Dämon ist, oder?“, sagt Jojo, während er genüsslich den Rest des Hamburgers von seinen Fingern leckt.

„Ja, Arschloch“

„Gut. Also: Wir haben jetzt einen gerufen, genauer genommen zwei. Diese heißen Sees, lateinisch für „Hoffnung“. Einer von denen hat von Michael Besitz ergriffen.“, erklärt er und zeigt dabei auf mich.

„Der andere Dämon hat jemand anderes, in diesem Fall Michels Bruder, besessen gemacht.“

„Und woher wollt ihr das wissen?“

„Bei diesem Ritual muss ein Bild des „Opfers“ auf das Symbol gelegt werden. Hierbei war es ein Foto von Dominic. Also werden zwei Menschen von den Dämonen in Besitz genommen. Dabei ist einer von diesen böse, der andere aber gut, so ein Zwillings-Klischee halt. Der Gute muss den Bösen besiegen, ihn aber nicht töten, was aber immer wieder vorkommen kann. Dann verlassen die Dämonen die Körper und der Gute schenkt dem vorher vom Bösen Besessenen Gesundheit. Nun weißt du auch warum die Dämonen so heißen. Sie spenden Trost für die Kranken.“

„Oh, verstehe. Ach ja, Michael?“, ich blicke zu ihr hoch und warte.

„Ich hab schon davon gehört. Es tut mir leid für dich, Michael. Gibt es wirklich keine Heilmethode für diese Krankheit?“

„Nein, es gibt keine.“

„Tut mir wirklich leid.“, sagt sie, während ich den Anflug von Besorgnis in ihrem Gesicht sehe.

„Mir auch.“

Schweißgebadet wache ich in der Nacht auf. Ich setzte mich auf und versuche, etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Nichts Ungewöhnliches, nur ein schlechter Traum. Beruhigt lege ich mich wieder hin. Doch als ich die Augen schließe, höre ich etwas.

Ich richte mich wieder auf. Nichts. Ich blicke zur Tür. Licht kommt aus dem Schloss. Sicher nur Dominic. Denke ich mir, auch wenn ich trotzdem Herzrasen habe.

Es sind nun 2 Wochen vergangen. Es gibt noch immer keine Veränderungen und egal wie oft mich meine Freunde fragen, ich sage stets nur: Alles bestens.

Ich starre weiterhin wie hypnotisiert in dieses Licht. In diesen leuchtenden Punkt. Dieses Licht ist so glühend, in dieser Dunkelheit so anziehend und so... rot?

Erst jetzt bemerke ich, dass ich nicht zur Tür schaue. Ich sehe schon die ganze Zeit zu meinem Fenster. Die Rollos sind ganz unten, sodass man nicht mal erkennen könnte, ob die Sonne bereits scheint.

Endlich verstehe ich. Dieses Licht kommt nicht von draußen. Es ist in meinem Zimmer. Und es ist kein Licht. Es ist ein Auge. Ein rotes, glühendes Auge, das vor mir schwebt. Ein Auge, das mich die ganze Nacht angestarrt hat. Zähne blitzen hervor. Die Pupille wird kleiner.

Ich kann mir ein langes Fell, Krallen und Hörner ausmalen, was aber nur meiner Phantasie entspricht. Denn ich sehe nicht die ganze Gestalt. Doch schon das Wenige, was ich erkenne, reicht mir.

Wieder spüre ich, wie Schleim hochkommt. Schnell wende ich mich zum Lichtschalter. In diesem letzten Moment der Dunkelheit packt es meinen Fuß. Panisch schalte ich das Licht an und muss würgen, husten, keuchen, fluchen.

Erschöpft blicke ich um mich. Es ist nun verschwunden. „Mag wohl keine Schimpfwörter“, sage ich und muss über meine Feststellung lachen.

Seit dem Ritual sind schon 3 Wochen vergangen. Man hat gesagt, dass ich echt „beschissen” aussehe. Kein Wunder. Denn ich fühle mich, als hätte man kleine Metallteile in mein Ohr geschüttet wodurch mein Gehirn bei jeglicher Erschütterung regelrecht zerfetzt wird.

Bei Dominic bemerke ich noch keine großen Veränderungen. Er erzählt mir nur, dass in letzter Zeit in seinen Träumen jedes Mal derselbe fremde Mann erscheint. Ich wünschte, mir würde es auch so ergehen.

Wenigstens schlafe ich mittlerweile jede Nacht wie ein Stein. Ich hab fast schon Angst davor, nicht mehr aufzuwachen. Allerdings ist es schwer einzuschlafen. Ich höre etwas. So etwas, wie ein permanentes Murmeln oder Summen. Ich wünschte ich könnte es wenigstens verstehen, wenn es schon nicht weggeht.

Ich versuche zuzuhören, doch immer kommt dann der Schleim hoch. Ach ja, ich hab sogar eine neue Theorie: Dieser Schleim könnte eine Warnung sein. Vielleicht sollte ich diesen Stimmen keine Aufmerksamkeit schenken. Jedoch ist es schwer sie zu ignorieren.

Denn diese Stimmen, sie flüstern nicht. Sie schreien. Ich kann sie bloß nicht verstehen, weil es dann doch irgendwie leise ist. Was für ein Paradoxon, nicht? Schreie, die ohrenbetäubend und doch zu leise sind.

...mitten in dieser Finsternis steht jemand. Er starrt in einen riesigen Spiegel, der sich vor ihm befindet. Ich sehe nur seinen Rücken, das Spiegelbild wird auch von ihm verdeckt.

Es ist still, nur hier und da ertönt es ein lautes Knallen, worauf dann ein scheinbar endloses Echo folgt. Der ganze Raum ist in Dunkelheit getaucht. Es gibt keine Wände, nur eine Decke und den Boden. Säulen unterbrechen die Schlichte des Raums. Ionische, wenn ich mich nicht irre.

Ich will wissen, wer vor mir steht. Ein Pullover verhüllt den Kopf, aber mithilfe des Spiegels könnte ich ihn trotzdem erkennen. Könnte. Aber etwas hält mich zurück. Ein Instinkt, das mir befiehlt „Schau nicht hin, lauf schnell weg!“. Meine Neugierde ist aber zu groß.

Mit schweren Schritten gehe ich nach rechts. Jede Faser meines Körpers schreit nahezu „Ergreif die Flucht!“. Ich bleibe stehen. Nur noch ein einziger Schritt. Ich hebe zum letzten Mal mein Bein und senke sie dann langsam zu Boden.

Mein Blick ist noch dem Boden zugewandt. In meinem Augenwinkel erkenne ich die Silhouette der Person. Vorsichtig hebe ich meinen Kopf. Mein Blick wandert zum Spiegel. Dann erkenne ich ihn, oder besser gesagt: Mich. Dieses andere ich grinst und betrachtet sein Spiegelbild.

Es bewegt sich kein bisschen. Nur sein Bauch hebt und senkt sich. Bei jedem Ein- und Ausatmen. Ich gehe noch ein paar Schritte, damit ich es besser sehen kann. Ich sehe den Spiegel nur noch von hinten. Es lächelt weiterhin und schenkt seine ganze Aufmerksamkeit nur dem Spiegel.

So kann ich sein Gesicht genauestens inspizieren. Seine Haut ist genauso blass wie meine. Augenringe zieren die Wangen. Es trägt normale Klamotten. Eine Jeans, ein T-Shirt und ein Hoodie. Unter der Kapuze sind schwarze Haarsträhnen zu erkennen. Die grünen Augen stechen hervor bei diesem trostlosen Anblick.

Dieses andere Ich sieht kein bisschen anders aus als ich. Aber etwas beunruhigt mich trotzdem. In diesem Moment bewegt es sich. Er hat seine Hand schnell gehoben und winkt jetzt langsam mit ihr. Es winkt zum Spiegel. Ein Schauer läuft mir über den Rücken.

Ich erkenne nichts hinter diesem anderen Ich. Also trete ich vor zum Spiegel. Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen aus. Im Spiegel sehe ich diese Person, die noch immer jemanden zuwinkt. Seine Augen wandern umher. Sein Blick wandert von Säule zu Säule.

Denn hinter ihm gibt es keine Leere. Bei fast jeder Säule gibt es eine Klaue mit schwarzer Haut und langen Nägeln. Und in dieser Dunkelheit schwebt ein roter Punkt. Der rote Punkt, den ich schon oft in meinem Zimmer gesehen habe.

Plötzlich bewegen sich die Hände. Es sieht so aus als würden sie nach etwas greifen. Dann fällt mir wieder das andere Ich ein. Bei seinem Spiegelbild ist nichts anders als vorher. Es winkt noch immer dem Spiegel zu. Auf einmal höre ich neben mir etwas.

Ein leises Kichern. Ich blicke langsam nach links. Es starrt mich an und steht direkt neben mir mit diesem kranken Grinsen. Mit einem lauten Schrei falle ich gen Boden. Es sieht mich immer noch an. Diese Stimmen in meinem Kopf. Sie sind so laut. Sie brüllen, befehlen mir, ES zu Ende zu bringen.

Mein Gehirn fühlt sich so an, als könnte es in jedem Moment explodieren. Meine Ohren. Diese Schmerzen sind wie die Hölle. Ich probiere sie zuzuhalten, damit ich diese Schreie endlich nicht mehr hören muss. Aber deren Ursprung ist schon in meinem Gehirn.

Ich kauere mich am Boden zusammen und schreie dieses Ding an, damit es aufhört. Doch es grinst mich einfach nur an. Diese Höllenqual. Schmerzensschreie entkommen meiner Kehle.

Im Spiegel sehe ich, wie die Arme endgültig das Spiegelbild meines anderen Ichs erreichen. Es wird gepackt und zum ersten Mal hört es auf zu grinsen. Angst ist in seinem Gesicht zu erkennen, bis es dann von den Armen in die Finsternis gezogen wird.

Ich wünschte auch dieses Ich würde verschwinden. Die Stimmen werden langsam leiser. Ich verstehe sie noch klar und deutlich, aber sie schreien nicht mehr. Der Schmerz lässt nach. Letztmalig blicke ich in das Gesicht meines Gegenüberstehenden. Das Lächeln ist aus dem Gesicht verschwunden.

Es greift zu seinem Ohr und nimmt dann die Hand wieder weg. Eine rote Flüssigkeit fließt links und rechts von seinem Gesicht runter. Es sieht mich an und sagt: „Du hättest uns nicht rufen sollen.“...

... dann werde ich aus dem Land der Träume gerissen. Ich taste dorthin, wo für gewöhnlich mein Ohr sein sollte. Doch ich ertaste keines. Ich nehme meine Hand weg. Blut. Neben mir entdecke ich eine Zange. Daneben zwei Klumpen. Ich verstehe was sie sagen, diese Stimmen.

Und sie sagen mir, dass es so weit ist.


Spes 2

Spes 3

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