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„Was meinst du damit?“

„Womit?“

„Na damit, dass Michael so ist wie deine zweite Mutter.“

„Ach so, darauf willst du hinaus...“, tippe ich eilig in meinem Handy. Bemüht erinnere ich mich zurück an den letzten Wochen.

„Na ja, er fragt mich die ganze Zeit wie es mir geht.“

„Ist ja nicht so schlimm :) !“

„Hey, er ist letztens mitten in der Nacht in meinem Zimmer gekommen und hat beinahe erste Hilfe unternommen, weil ich einen Alptraum hatte.“

„oh“

„Ein dickes, fettes OH.“, teile ich ihr schmunzelnd mit.

„Glaub mir, große Brüder können extrem anstrengend sein. Damit habe ich zu viel Erfahrung.“

„Dann schenke ich dir mein vollstes Vertrauen.“

„Was hast du gesagt wo deine Eltern sind?“

„Ich glaube sie besuchen eine Technikmesse oder sowas in der Art. Warum?“

„Nur aus reiner Interesse.“

„Und überhaupt nicht aus Neugierde...“

„NNEEEIIIINN“, ich kann mir kein Lachen verkneifen und pruste laut heraus.

Plötzlich höre ich etwas aus dem Flur kommend und ich stecke mein Handy unter die Decke. Auch mein Gesicht ist unter ihr versteckt und das bläuliche Licht des Bildschirms bescheint meine Wangen und meine Stirn.

„Der Mama-Stellvertreter ist wach geworden. Muss aufhören. Bis morgen.“, verabschiede ich mich von Hannah und stopfe das Mobiltelefon unter das Kissen. Schnell lege ich mich in die stabile Seitenlage um meinem Bruder einen Schritt voraus zu sein und bemühe mich ein leises Schnarchen von mir zu geben. Erst jetzt fällt mir ein, dass es von Vorteil wäre, die Augen zu schließen, wenn er reinkommt. Angestrengt spitze ich die Ohren und mustere die Schatten, die das Licht, das unter der Tür durchscheint, entzweibricht. Nur Schritte sind zu hören, vielleicht schlafwandelt er schon wieder, das macht er in letzter Zeit ja oft.

Vom kuschligen Bett betört werden meine Augenlider schwerer.

Schlagartig wird die Tür aufgerissen, so, dass die Bilder auf der mir gegenüberliegenden Wand erbeben.

Erschrocken und mit einem rasenden Herz springe ich auf.

„Verdammt noch mal, was ist los mit dir!?“, schreie ich meinen Bruder an, dessen Silhouette mithilfe des Lichts am Flur erkennbar gemacht wird. Minuten des Schweigens vergehen.

„Michael?“, frage ich. Er hat sich nicht bewegt, seit er mein Zimmer betreten hat. Auch mein Geschrei hat ihn nicht im Fernsten erschüttert. Ich versuche, seinen Gesichtsausdruck auszumachen, kann ihn aber nicht erspähen. Meine Nachttischlampe anzuschalten würde auch nichts bringen, da die Glühbirne nicht vorhanden ist.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, erkundige ich mich nun bei der dunklen Gestalt. Meine Stimme hört sich dabei verunsichert, nahezu ängstlich an.

„Wie geht es dir?“

„Was? Du brichst meine Tür um zwei Uhr in der Früh ein um mich dann zu fragen, wie es mir geht?“, schnauze ich ihn an, während etwas in seiner Hand aufblitzt. Neugierig probiere ich zu erblicken, was er in ihr hält.

In diesem Augenblick macht er einen ruckartigen Satz nach vorn, sodass er nun direkt vor meinem Bett steht. Vor Angst entstellt stürze ich mich in die hinterste Ecke.

„Was hast du für ein Problem?“, brülle ich wütend und würde ihn am liebsten den Erdboden gleichmachen.

Warum starrt er mich so an? Er soll damit aufhören! Doch diese Gedanken bleiben auch welche, denn ich kann kein Wort über die Lippen bringen. Warum habe ich Angst vor meinem eigenen Bruder?

Endlich wendet er seinen Blick ab. Verwirrt blickt er runter zum Boden und dreht seinen Kopf irrsinnig von der einen zur anderen Seite, wobei er seine Hände ratlos vor seine Brust hebt. Da! Erneut ist in seiner Faust etwas aufgeblitzt. Bevor ich es erspähen könnte, senken sich seine Hände wieder. Behutsam dreht er sich um und setzt sich auf die Bettkante.

Noch mit weit aufgerissenen Augen betrachte ich, wie er seinen Kopf hängen lässt.

„Ich hätte das nicht tun dürfen.“, sagt er und bricht damit die wiederholt minutenlange Stille. Allerdings wird sich kein Gespräch entwickeln, da ich ihn noch immer entsetzt anglotze.

„Ich will zwar, dass wir so sind wie eine normale Familie, aber damit habe ich erst recht alles zerstört.“, wovon redet er da eigentlich?

„Bitte, ich will, dass du mir verzeihst.“

Jetzt bin ich mir sicher: Er redet im Schlaf oder er ist komplett wahnsinnig geworden. Mir ist das zu diesem Zeitpunkt aber relativ egal, ich will einfach nur schlafen.

„Vergeben und vergessen, Bruderherz“, wobei das mit dem vergessen sogar der Wahrheit entspricht, wenn ich schon keine Ahnung davon habe was er meint.

Abrupt und blitzschnell reckt er seinen Kopf hoch und ich höre, wie jedes einzelne seiner Wirbel knackst. Ein Schrei bahnt sich den Weg aus meiner Mundhöhle und ich zucke zusammen. Hastig ringt er um Luft, wobei ein ununterbrochenes Gurgeln zu hören ist. Panisch krabbele ich zu ihm rüber um ihm zu helfen. Seine Augen sind nach innen gerollt, die roten Adern sind zu sehen und sein Mund ist weit aufgerissen. OH GOTT, SEINE OHREN! Statt ihnen befinden sich dort nur mehr zwei blutgetränkte Wunden. Instinktiv hüpfe ich runter auf den Boden und zerre an seinem Arm, damit er sich vorbeugt, vergeblich.

„Zum Teufel, Michael, ich will dir helfen!“

Aber er bleibt starr wie eine Statue. Wegen dem schlechten Licht kann ich nicht viel erkennen, dennoch scheint es mir so, als würde sich ein Nebel über ihm breiten.

„Michael!“, schluchze ich. Tränen perlen von meinen Augen zum Kinn. In der Hand, die ich nicht mit aller Kraft quetsche, erkenne ich nun was er hält: eine blutverschmierte Zange.

„Komm schon!“, schreie ich ihn an und schlage ihm wieder und wieder zwischen die Schulterblätter. Dann kommt von ihm ein hoffnungsbringendes Husten, doch das, was er mir jetzt sagt, lässt mir den Atem stocken und das Blut in den Venen gefrieren.

Lauf! Bearbeiten

„Was...“, flüstere ich nervös.

Unvermittelt fällt sein Kopf in eine menschliche Haltung. Der Nebel über ihn scheint sich wieder verzogen zu haben. Er hustet, wahrscheinlich ein gutes Zeichen, und er kann atmen, nachdem er einen großen Batzen schwarzen Schleims auf meine Füße gespuckt hat.

„Bist du okay?“, frage ich lallend.

Im Moment knie ich am Boden vor Michael, der noch immer auf der Bettkante hockt. Mit seinen Schultern in meinen Händen halte ich ihn davon ab, zusammenzusacken. Zögernd öffnet er seine Augen und richtet seinen Blick auf mich, den Mund halb geöffnet und röchelnd.

Ich kann mir kein Lächeln verkneifen, ich hoffe für ihn, dass das kein furchtbarer Scherz war. Auch seine Mundwinkel ziehen sich nach oben. Ich kann mein Glück nicht fassen, am liebsten würde ich ihn umarmen! Andererseits sind sein Gesicht und sein Gewand voller Blut, was ziemlich abstoßend ist.

Er hat zu viel Blut verloren, ruf einen Krankenwagen! „Ich hole schnell mein Handy und hol Hilfe, warte hier.“, sage ich Michael und will aufstehen.

Unvorhergesehen greift er nach meinem Arm. Fassungslos blicke ich zu seiner Hand, in der er seine Zange packt. Das Lächeln verzieht sich zu einem Grinsen. Er steht auf, holt aus und will mich mit der anderen geballten Faust ins Gesicht treffen, doch glücklicherweise gelingt es mir auszuweichen. Draußen explodiert etwas, das Licht geht aus.

Auf allen vieren robbe ich zur Tür, richte mich auf und renne so schnell ich kann. In der Flur ist die Glühbirne der Lampe zerschmettert. Ich haste blind zur Treppe und suche nach einem Lichtschalter, doch im Haus sind alle Wippen abgenommen und es fällt mir schwer in meiner Eile einen zu betätigen. Von Stufe zu Stufe komme ich der Eingangstür näher, halte mich am Geländer fest, um schneller hinunterzujagen, trotzdem kommt mir jeder Schritt vor wie eine halbe Ewigkeit.

Warum bin ich nicht weggerannt, als er es mir sagte? Von oben höre ich nichts, Michael ist wohl in seiner letzten Bewegung verharrt. ...15, 16... Ja! Die letzte Stufe! Ich flitze zur Haustür und rüttele stürmisch am Türknopf. Mehrmals werfe ich mich gegen die Tür. Nein, sie ist zugesperrt! Vom ersten Stock kommt ein dumpfer Knall.

„Verdammt!“, wispere ist verzweifelt zu mir selbst, einen stechenden Schmerz im Hals spürend und mit wässrigen Augen. Ich schaue zu meiner Rechten und laufe in jene Richtung. Panisch haste ich zu jedem Fenster, kontrolliere, ob ich sie entriegeln könnte. Aber jedes ist geschlossen und ich bräuchte die Schlüssel, um sie zu öffnen.

Das Adrenalin in meinem Blut lässt mein Herz regelrecht rasen und meine Beine fühlen sich federleicht an. Ich beiße die Zähne zusammen und atme hastig ein und aus. Ich kann hier nicht raus! Das Glas der Fenster ist dazu noch verstärkt, was auch den Versuch, ihn zu zerbrechen, zwecklos macht.

Versteck dich! Jede Faser von meinem Körper zittert. Stürmisch eile ich mit vorgestreckten Armen zur nächsten Wand. Als ich sie erreiche, atme ich erleichtert auf. In dieser kurzen Pause nehme ich die Geräusche wahr, die von der Treppe kommen. Er ist fast unten angekommen. Leise aber schnell taste ich mich, weiter an die Wand gedrückt, voran. Nach ein paar Metern erreiche ich die Tür der Speisekammer. Bevor ich ihn öffne, höre ich genau hin. Scheinbar in Zeitlupe steigt er die Stiege runter, ist schlussendlich aber am Fuß von ihr angelangt.

Noch in der letzten Minute greife ich an den Platz, wo wir die Küchenmesser aufbewahren, und schnappe mir eine. Ich reiße die Tür auf, nehme den Schlüssel aus dem Schlüsselloch, stürme hinein und schließe sie wieder ab. Möglichst geräuschlos gehe ich in Deckung. Von draußen kommende Schritte kommen näher. Mit vor dem Mund gehaltenen Händen fixiere ich die Türklinke. Der Boden erschüttert sich unter mir. Gleich wird er die Tür öffnen.

„Dominic, alles okay bei dir?“

Ich erstarre, als ich diesen Satz höre.

„Mach die Tür auf, ich kann dir helfen. Lass mich rein.“

Etwas stimmt hier nicht, ganz und gar nicht. Ich bleibe noch immer wie angewurzelt. Dich werde ich sicher nicht reinlassen.

„Hey, ich spreche mit dir!“, erhebt er seine Stimme. Ich bleibe weiterhin ruhig und unterdrücke jegliches Schluchzen.

„Ich weiß, dass du da drin bist!“, schreit er und hämmert gegen die Tür. Ich packe den Griff des Messers. Fieberhaft reißt er die Tür auf, erschreckt springe ich auf. In seiner linken Hand hält er die Zange. Er stürzt sich auf mich, jedoch komme ich ihm zuvor. Instinktiv beuge ich mich nach unten und als sein Leib auf meinen Schultern und meinem Rücken lastet, steche ich zu. Ich vermute seinen Darm getroffen zu haben und denke, er hätte keine ernsthaften Verletzungen. Doch da fließt zu viel Blut. Er hat schon vorher viel verloren. Ich nehme ihn so vorsichtig wie möglich von mir runter und laufe zum Telefon, um einen Krankenwagen zu rufen. Jetzt hocke ich hier, fühle mich dem Geschehen so fern und weine neben Michael, meinem großen Bruder, meinem besten Freund, und sehe zu, wie er stirbt und zum letzten Mal um Vergebung bittet...

Jetzt sind schon acht Monate vergangen. Ich konnte mich psychisch leicht von diesem Vorfall erholen, muss dennoch oft daran denken, warum er das getan hat. Erst nach seinem Tod begreife ich, dass ich ihn kaum kannte. Er war zwar mein Freund, mein Verbündeter, trotzdem hätte ich nie gedacht, dass er zu so etwas fähig wäre. Als er von diesem Wahn besessen war, konnte sich seine gute Seite weiterhin durchsetzen.

„Dominic, Schatz, kommst du?“

„Ja, Mama“, rufe ich die Treppen runter. Zum letzten Mal sehe ich dieses Zimmer, in welchem sich keine Möbel mehr von mir befinden werden. Mit diesem Raum verbinde ich alles, was in dieser Nacht geschehen war. Ich verabscheue es, hier zu stehen und in meinen Erinnerungen zu schweben, weil mir dabei andauernd Fragen im Kopf schwirren.

Wie etwa, ob er wirklich dachte, dass er mich besiegen kann. Er weiß ganz genau, dass junge Körper hartnäckige Seelen besitzen. Ich muss lachen, als ich mich daran erinnere, wie er versucht hatte mithilfe einer Zange meine Ohren abzureißen, um meine Seele diesem Leib, der nicht mir gehört, zu entlocken.

„Dominic!“

„Ich komme schon!“, schreie ich. Als mich Michael das letzte Mal um Vergebung bat, konnte ich ihm nicht verzeihen, da ich ihm nur danken konnte. Er hat versucht, diesen Körper zu heilen. Jetzt ist er gesund und ich besitze ihn stets. Ich steige die Treppe hinunter, schreite durch die Tür hinaus, begebe mich in den Wagen und lasse mein altes Leben zurück. Während der Fahrt muss ich an den letzten Satz denken, den Michael mir in dieser Nacht gesagt hatte. Und er hatte recht.

Ich war tatsächlich da drin und werde es auch in Zukunkt sein.


Spes

Spes 2

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