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Spiegelbilder.

Ich glaube sie sind das einzige, vor dem kein Mensch Angst hat. Kein Mensch, außer mir. Ich finde es seltsam, so auszusehen wie die Person im Spiegel, die mich jedesmal ansieht, wenn ich vor ihm stehe. Normale Menschen denken nicht über ihr Spiegelbild nach, für sie ist es einfach ein Abbild ihrer selbst. Aber für mich...für mich ist die Person, die da zurückstarrt, wenn ich vor dem Spiegel stehe, nicht meine Reflektion.

Das klingt seltsam, ich weiß. Aber ich habe das Gefühl als wäre mein Spiegelbild kein Teil von mir. Die Person im Spiegel sieht so fremd aus. Und obwohl ich mich vor dieser Person fürchte, ist sie die Einzige, zu der ich mich gleichzeitig hingezogen fühle.

Die Ärzte haben immer nur gelacht, wenn ich ihnen davon erzählt habe. "Jetzt tun Sie mal nicht gleich so, als würden Sie Angst vor etwas natürlichem wie einem Spiegelbild haben," hatte letztens einer von ihnen gehöhnt. Ich hasse ihn. "Das ist fast schon zu kindisch, selbst für jemanden wie Sie, Miss." Niemand von diesen Ärzten glaubt mir. Ich habe ihnen von meinen Sorgen erzählt, aber sie scheinen mir nicht richtig zuzuhören. Sie verschreiben mir nur noch mehr Pillen. Ich habe bereits vor Monaten aufgehört, sie zu nehmen.

Einzig und allein mein Spiegelbild scheint mir zuzuhören. Manchmal, wenn ich erzähle, was mich bedrückt, scheint sogar ein Lächeln über das sonst so traurige Gesicht zu huschen. Selbstgespräche? Ja, so haben es die Ärzte anfangs auch genannt. Aber ich betrachte mein Spiegelbild nicht als mich selbst, also führe ich streng genommen keine Selbstgespräche.

Manchmal frage ich mich, was unsere Spiegelbilder tun, wenn wir gerade einmal nicht in den Spiegel sehen. Sind sie immer noch existent, irgendwo, oder verschwinden sie einfach, wie die Halluzinationen, die mich quälen?

Verrückt. Ja, so haben mich meine Ärzte auch genannt. Paranoid. Schizophren. Wahnsinnig. Deshalb wollten sie mich in die Klinik bringen. Sie wollten mich festnehmen, mich einsperren. Aber das lasse ich nicht zu. Ich habe meinem Spiegelbild erzählt, was ich von ihnen denke. Sie wollen mir nicht helfen. Und sie denken, ich wäre zu dumm, um es zu merken.

"Warum lässt du dir all das gefallen?", zischte mein Spiegelbild eines Tages diabolisch zurück. Ich glaube, ich werde diesen Gesichtsausdruck niemals vergessen. "Du weißt, dass du die einzige bist, die etwas gegen sie unternehmen kann."

Aber wie?, habe ich mich gefragt. Bis mir mein Spiegelbild die Antwort lieferte. "Töte sie...du weißt, dass es das Beste ist. Für alle..." Töten. Dieses Wort klang so eigenartig, wenn man es aussprach. Aber als mein Spiegelbild es sagte, war es mit einem Mal völlig normal. Der Tod an sich war etwas ganz natürliches.

Ich griff nach einer der Rasierklingen, die ich auf dem Waschbecken im Badezimmer liegen hatte. Vorsichtig setzte ich sie an meinem Unterarm an und begann, langsam in mein Fleisch zu schneiden. Blut lief an meinem Arm hinunter und tropfte leise auf den weißen Fließenboden. Ich wusste, dass die Klingen scharf genug waren, um jemandem die Kehle aufzuschneiden.

Der Gedanke schockierte und faszinierte mich zugleich. Die Vorstellung, ich könnte eine dieser Klingen an den Hals eines Arztes halten... "Du weißt, dass du es kannst. Nur du...", ertönte wieder die raue Stimme meines Spiegelbilds. "Ja," antwortete ich schwach. "Ich weiß..." Meine Finger schlossen sich um die Rasierklinge, die mit meinem eigenen Blut befleckt war. Bald würde auch ihr Blut daran kleben.

Es war 07:34 Uhr. In wenigen Minuten würde meine reguläre Sitzung bei ihnen beginnen. Die Rasierklingen hatte ich in meiner Tasche versteckt. Ich würde es tun.

Mit einem letzten tiefen Atemzug betrat ich das Gebäude. Ich fand meinen Weg in Zimmer B-06 ohne von der Krankenschwester aufgehalten zu werden. Als ich den Raum betrat, konnte ich einen von ihnen schon, mit dem Rücken zu mir gewandt, dort am Fenster stehen sehen. Meine Finger glitten in meine Tasche, bis ich die Klingen fühlen und mit meiner Hand umschließen konnte. Gut.

"Mister?", sprach ich den Arzt so zögernd wie immer an. Er drehte sich mit einem Lächeln zu mir um, während ich die Tür hinter mir schloss. Aber sein Lächeln war nicht freundlich. Es war so verzerrt wie immer. "Ich nehme an, sie wollen mit mir heute wieder über ihr Spiegelbild reden, habe ich recht?", fragte er mit einem unterdrückten Grinsen. "In der Tat.", antwortete ich und ließ mich auf einen der freien Stühle gleiten, der im Raum stand. Er setzte sich mir gegenüber. "Hat ihr Spiegelbild ihnen erneut etwas erzählt? Vielleicht irgendwelche Mordgedanken?" Die Hand, die die Klingen umschloss begann zu zittern.

"Ja, um ehrlich zu sein, schon." Er zog verwundert die Augenbrauen hoch. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ich so gelassen blieb. "Tatsächlich?" Ein Lächeln huschte über meine Lippen. Mein Spiegelbild hatte recht gehabt. Er war wirklich nicht schlau genug, um etwas zu ahnen.

"Wie würden Sie es finden, wenn Sie einmal das Opfer wären?", fragte ich, ohne eine Miene zu verziehen. Verwirrt rückte der Arzt ein Stück von mir ab. "Was meinen Sie damit, Miss?"

"Hatten Sie schon einmal Schmerzen, Doktor? Ich glaube, Sie sollten endlich auch einmal erfahren, wie sich ein Patient fühlt. Denken Sie nicht auch?" Ich brachte ein leises Kichern hervor. Der Arzt war mittlerweile von seinem Stuhl aufgestanden und sah mich alarmiert an. "Miss?", fragte er unsicher.

Ich erhob mich und zog eine der Klingen hervor, die ich bisher in meiner Tasche versteckt hatte. Als der Arzt sie entdeckte, stolperte er, von plötzlicher Panik ergriffen, in Richtung Tür. Doch so weit kam er gar nicht. Ich war mit wenigen Schritten bei ihm und hatte die Rasierklinge an seinen Hals gepresst. Als ich sie langsam über sein Fleisch gleiten ließ, stieß er einen Schmerzenslaut aus. Er trat nach mir und schlug mir einige Male gegen den Oberkörper. Aber die Wunde an seinem Hals war bereits aufgerissen. Blut floss heraus und einige Spritzer davon landeten auf meiner Hand, als ich die Klinge erneut ansetzte. Er war zu schwach, um sich jetzt noch zu wehren.

Keuchend vor Schmerzen ging er zu Boden, während sich sein Blut immer weiter ausbreitete. Ich blieb neben ihm stehen, solange, bis auch der letzte Tropfen der roten Flüssigkeit aus seinem Körper gesickert war. Er sah mit einem Mal so friedlich aus, wie er dort lag.

"Gut gemacht...", hörte ich eine bekannte Stimme hinter mir. Ich sah direkt in die Augen meines Spiegelbilds. Augenblicklich fragte ich mich, warum ich dem wunderschönen, großen Wandspiegel des Therapiezimmers noch nie Beachtung geschenkt hatte. Aber das zählte jetzt sowieso nicht mehr.

Ich hatte noch eine Menge Arbeit vor mir. Ich konnte die Stimmen der anderen bereits auf den Gängen hören. Sie machten sich auf den Weg in dieses Zimmer, um ihre üblichen Gespräche mit mir zu führen. Aber diesmal würde unsere Unterhaltung anders verlaufen.

"Du hast recht.", raunte mein Spiegelbild. "Wir haben noch eine ganze Menge Arbeit vor uns..." Ein Lächeln huschte über meine Lippen und ich betrachtete die blutige Klinge in meiner Hand.

"Oh ja, das haben wir..."

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