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Du wohnst erst seit ein paar Tagen hier. Alles ist dir noch fremd und du rutschst etwas unruhig in deinem Sessel herum. Erfüllt von einer inneren Angespanntheit, die bei vielen mit neuen Orten einhergeht. Unbewusst versuchst du keine allzu lauten Geräusche von dir zu geben. Ein verhaltenes Räuspern, bedingt durch das lange Schweigen. Immer wieder taxierst du deine Umgebung ganz genau, versuchst dich mit dem Neuen anzufreunden. Ein Gähnen. Bewusst ungeniert. Du willst dich in deinem eigenen Haus nicht wie ein Gast fühlen.

Vielleicht brauchst du auch einfach nur etwas zu tun. Vielleicht etwas aufräumen? Etwas zu Essen machen? Irgendwie fehlt dir der Appetit. Du fühlst dich kraftlos. Ausgelaugt. Du sollst dich ausruhen, das haben die Ärzte gesagt. Dich an die Anordnungen halten. Alle meinen, sie könnten dir sagen, was gut für dich wäre. Was du machen sollst. Was nicht. Aber auch wenn du dem Rat folgst, geändert hat es bisher noch nie etwas. Du fühlst dich krank. Schwach und krank. So hast du dich immer gefühlt. Zumindest kommt es dir so vor, weil die Zeit davor so weit weg scheint, dass sie auch die Erinnerungen eines anderen sein könnten. Vielleicht wird es Zeit, etwas in deinem Leben zu ändern. Vielleicht solltest du es auf deine Weise probieren, überlegst du und lachst freudlos auf. Ein seltsames Geräusch, das da so völlig aus der Stille heraus entsteht. Fast ein bisschen schuldbewusst ziehst du erschrocken die Schultern hoch. Nein, auf deine Weise werden die Dinge auch nicht funktionieren, wer bist du schließlich schon. Alles was du tun kannst, ist darauf zu warten, dass du dich wieder erholst. Hoffen. Bangen. Und dazwischen nur das haltlose Schweben in der Leere. Das übliche Prozedere. Du gehst in die Küche. Öffnest die Schränke. Hattest du nicht noch Tabletten? Schulterzucken. Dann musst du am Montag halt neue holen. Bis dahin wird es eine Paracetamol auch tun. Du spülst sie mit einem großen Schluck Wasser hinunter und sie rutscht deinen Hals hinab. Jetzt vielleicht etwas fernsehen. Den Kamin anzünden. Vielleicht kehrt der Appetit irgendwann zurück und du kannst dir ein paar von den Marshmallows rösten, die dir vorhin in die Hände gefallen sind. Das wäre doch eine nette Idee. Die kleinen Dinge sind es, so sagt man doch oder? Es wird Zeit, dass du deine Winterdepressivität niederringst. Und wenn es der Ortswechsel nicht tat, wird ein schöner ausgedehnter Spaziergang vielleicht ein wenig Klarheit in deine trüben Gedankengänge bringen. Aber nicht mehr heute. Es ist ja schon beinahe dunkel. Und kalt. Dich fröstelt es bereits, wenn du nur daran denkst, jetzt dort draußen sein.

Das Kaminfeuer fängt langsam an zu brennen und du hältst behaglich deine Hände der Wärme entgegen. Ein Blick zum Fernseher verrät dir, dass du die nächsten 10Minuten wohl nichts Besseres als Werbung zu erwarten hast. Du versuchst eine gemütliche Position auf dem Sofa zu finden. Legst die Füße hoch und fliegst geradezu durch die Kanäle. Bunte Bilder brechen sich vor deinem Auge zu einem chaotischen Farbwirbel und du verringerst auf Geratewohl deinen Druck auf die Taste. Aha. Nachrichten. Na ja, das war wohl nichts. Aber irgendwas an dem Bild, welches vor deinem Auge kaum merklich flimmert, hält dich gefangen. Ein Gesicht, welches du eher in einem Horrorfilm als in einer Nachrichtensendung erwartet hättest, blickt dir ausdruckslos entgegen. Unschöne und schlecht verheilte Verbrennungen. Narben. Eine spaltete die gesamte linke Wange  in ein furchterregendes Narbengeflecht. Wahrlich kein schöner Anblick. Du müsstest dem Nachrichtensprecher nicht einmal zuzuhören, um zu erfahren, dass dieser Kerl keiner von denen ist, denen man im Dunkeln auf der Straße begegnen möchte. Nicht einmal im Hellen. Manchmal bestätigt sich das Klischee eben doch. Und von irgendwo her muss es ja schließlich auch stammen. Von einer morbiden Neugierde gepackt, verfolgst du die Ausführungen des Sprechers. Einer von denen, die wie geleckt aussehend mit ihrem 0-8-15 Gesicht monoton ihren Text runterleiern, als würden sie über Belanglosigkeiten und nicht über die schlimmsten Gräueltaten berichten. Hochgezogene Augenbrauen hier, ein souveränes Lächeln dort. Ja, das ist furchtbar. Nein, machen Sie sich keine Sorgen. Die Polizei wird ihn schon finden. Skeptisch verfolgst du das Szenario. Du kannst einen leichten Schauer nicht ganz unterdrücken. Sowas nennt man vielleicht Mitgefühl. Für die Toten, dich sich zu häufen scheinen, seitdem der Kerl seinen Weg aus der Anstalt gefunden hat. Vielleicht aber auch nur ein tief vergrabener Urinstinkt, der irgendwelche fellbekleideten Menschenaffen vielleicht einst davor bewahrte als Säbelzahntigermahlzeit zu enden. Oder vor dem was da vor Urzeiten  noch so nach Menschenfleisch gierte. Du weißt, dass du nichts zu befürchten hast. Du bist hier im Warmen. Das Haus ist gut verschlossen. Es liegt etwas außerhalb von den vielbefahrenen Straßen. Aber nicht so weit außerhalb, dass man hier einen Psychokiller vermuten müsste. Du hast nicht mal genau hingehört, wo genau das überhaupt passiert sein soll. Einfach nur eine weitere von den täglichen Horrorgeschichten, die kaum bis zum Schluss deine Aufmerksamkeit fesseln konnte. Nur das Gesicht, das siehst du selbst jetzt noch vor dir. SO ein Gesicht vergisst man schließlich auch nicht so schnell. Bestimmt wird ihm das zum schnellen Verhängnis werden, denkst du dir, da hilft auch ein angeklebter Bart nicht viel. Ein leises Bedauern hast du für die Opfer empfunden, sinnloses Blut vergießen, weil irgendein Trottel von Pfleger eine Tür nicht richtig verschließen konnte. Doch jetzt bist du wieder in deiner eigenen kleinen Realität angekommen und hier gibt es keine entstellten Irre, sondern lediglich ein behaglich prasselndes Kaminfeuer und den Schnee der draußen in den verblassenden Strahlen der untergehenden Sonne seinen Weg zielstrebig in Richtung Erde sucht.  Dein Mund fühlt sich trocken an und etwas geistesabwesend gehst du zurück in die Küche. Du solltest eh viel mehr trinken, dann gehen vielleicht auch die Kopfschmerzen weg. Während du Leitungswasser in dein Glas laufen lässt, beobachtest du fasziniert die Schneeflocken, die lautlos vor dem Küchenfenster niedergehen.

Plötzlich nimmst du aus dem Augenwinkel einen Schemen war. Ruckartig drehst du den Kopf. Was ist das?! Ein streunender Fuchs? Angestrengt kneifst du die Augen zusammen. Dein Gesicht verliert jede Farbe. Da steht doch jemand! In deinem Garten! Ein Nachbar? Du bist viel zu konzentriert, um zu merken, wie das kalte Leitungswasser über den Rand des Glases hinweg deine Finger benässt. Du fühlst dich bereits kalt. Bis in dein Innerstes, während kleine Schauer deinen Rücken hinablaufen. Du halluzinierst. Du musst halluzinieren. Denn wie anders lässt es sich sonst erklären, dass der Mann – der Mann, den du keine 5min zuvor im Fernseher so eingehend betrachten konntest! dort in deinem verfluchten Garten steht. Du weichst angsterfüllt zurück. Eine Panik, die dich so plötzlich und unerwartet bis in den letzten Winkel auszufüllen scheint. Es ist mehr ein Schemen, wie eine Erscheinung, kaum mehr, die dir durch das Küchenfenster direkt in die schreckensweiten Augen zu blicken scheint. Deine Seele erstarrt zu Eis. Du stehst still. Die Zeit steht still. Nichts bewegt sich, selbst das Schneetreiben scheint zu verharren, als würde es auf etwas warten. Eine Entscheidung. Du zwingst die Leere aus deinem Kopf, die der Schrecken hinterließ und lässt die Angst zu. Das ist real. Wie du selbst sagtest, so ein Gesicht erkennt man, sofort. Du kannst hier stehen bleiben und warten, bis es näher kommt. Ein tanzender Fleck in der Dunkelheit, der schnell, viel zu schnell an Schärfe gewinnen wird, auch durch die beschlagene Scheibe und das Schneetreiben hindurch. Und wenn dich diese kalten Augen vollends gefangen nehmen, wirst du nicht mehr in der Lage sein, zu rennen. Oder zu schreien. Du wirst keinen Muskel bewegen, bist du keinen Muskel mehr bewegen kannst. Oder das Gesicht verschwindet, so lautlos und unerwartet, wie es gekommen ist. Du wirst dir einreden, dass es nichts war, bis du es glauben kannst. Und wenn du heute Nacht im Bett liegst, holt dich der Gedanke ein und vielleicht kommt der Gedanke nicht allein. Drei Optionen. Und du entscheidest dich zu rennen. Einen Vorsprung herauszuholen, bevor die Jagd überhaupt erst beginnen konnte.

Du weißt die Türen verschlossen. Aber du bist allein. Ganz allein. Du warst in deinem ganzen Leben noch nie so allein wie heute. Zwischen dir und ihm steht nur eine Tür. Eine Tür aus Holz wohlgemerkt. Du bist dir viel zu sicher, dass sie mehr Zierde als Schutz darstellt. Und Fenster, aus einem Material, für dessen Zerstörung du bereits als kleines Kind nicht mehr als ein paar Steine benötigt hast. Also rennst du. Du rennst so schnell wie noch nie in deinem Leben. So schnell, wie es dir vor wenigen Minuten noch nicht einmal möglich erschien,- noch nicht einmal möglich gewesen wäre. Aber jetzt ist nicht der Moment für Bescheidenheit. Du stolperst schweißgebadet die Treppen hoch. Stolperst wirklich. Rappelst dich hoch. Sekunden werden zu einer Ewigkeit. Doch plötzlich hast du dein Arbeitszimmer erreicht. Nur noch eine Tür trennt dich, dieses Mal, vor einem vorläufigen Zufluchtsort. Deine Gefechtsstation. Und der Ort, an dem sich ein Telefon befindet. Hoffnung durchströmt dich. Und entweicht wie aus einem zerplatzen Ballon, als du Schritte hörst. Das ging schneller als du befürchtet hattest. Der Tod ist dir auf den Fersen und du verschwendest deine Zeit mit hoffen. Noch nie war dir so schlecht, die Welt noch eben ein friedlicher, wenn auch trister Ort, explodiert vor deinen Augen. Du nimmst mehr wahr als da sein dürfte und die Eindrücke schlagen auf dich ein. Schritte. Auf der Treppe. Gestank. Kälte. Übelkeit. Angst. Das Knarzen der Stufen. Du stürmst durch die Arbeitszimmertür. Doch du warst nicht darauf gefasst, was du erblicken würdest. Dir wird erst klar, dass du noch Boden unter deinen Füßen glaubtest, als du ihn verlierst. Fassungslos blickst du auf Blut, viel Blut. Abgetrennte Gliedmaßen. Könnte das eine Frau sein? Gewesen sein? Ein Kind an sich gepresst? So viel Blut. Direkt vor dir starren dir die zwei toten Augen eines einsamen Kopf vorwurfsvoll entgegen. Der Raum ertrinkt in Rot. Wo sind meine Beine? Beine, Arme? Wo ist der Rest von mir?! Scheinen sie klagend zu fragen. Zur Antwort übergibst du dich würgend ins Zimmer. Doch was auch immer von deinem Überlebensinstinkt diesen Anblick überlebt hat, zwingt dich jetzt dazu, weiter zu hetzen.

Du taumelst mehr als dass du rennst und erreichst keuchend das Ende des Flures. Deine Lunge fühlt sich an, als würde sie kollabieren. Aber du musst keine weitere Energie verschwenden, um dich nach deinem Verfolger umzudrehen. Der Flurspiegel offenbart dir das gesamte Ausmaß deiner Situation, von der es kein Entrinnen zu geben scheint. Mit letzter Kraft stolperst du links in Badezimmer hinein, wirfst dich gegen die Tür.Dein Blick fällt zum Fenster. Vielleicht musst du springen. Ein Ausweg. Vielleicht auch nur ein naiver Wunschtraum. Aber dein Körper spornt dich an. Ein letztes Mal blickst du dich um. Deine Augen ruhen auf der Klinke. Sie bewegt sich nicht. Doch dein Herz hat längst aufgehört zu schlagen. Dein Blick huscht zurück auf den Spiegel an der Tür. Du siehst. Du siehst nicht. Begreifen scheint nur ein Wort, dessen Bedeutung du nicht kennst. Aber auch dieses Mal weiß deiner Körper als einziger was zu tun ist. Deine Knie treffen schmerzhaft auf die Fliesen. Dein Oberkörper sackt nach vorne, als wäre jegliche Energie mit einem Schlag verpufft. Ein Schlag aus dem Nichts. Ein Schlag von der anderen Seite des Spiegels. Eine einzelne Träne läuft über deine narbenverwüstete Wange. Wenn da noch irgendetwas von dir wäre, würdest du vielleicht den Kopf heben, um deinen kalten Blick zu erwidern. Vielleicht würdest du deine Finger heben und ungläubig über die verbrannte Haut streichen. Vielleicht. Aber da ist nichts mehr von dir. Verloren, als reale Welt und Spiegelwelt aufeinandertrafen.

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