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Ich befand mich auf dem großen Kirchturm unserer Stadt. Zumindest an der höchsten Stelle, wo man noch hinkonnte, wenn man sich an den Nachtwächtern vorbeischlich. Ich stand auf einem Balkon, direkt unter dem Ziffernblatt der großen Kirchturmuhr. Hinter mir konnte ich den Mechanismus der Uhr durch die Ritzen der geschlossenen Tür hören. Wie lange stand ich nun schon hier? 30 Minuten, 40 Minuten, vielleicht sogar schon eine Stunde. Die Sonne würde bald aufgehen, aber jetzt war es noch dunkel. Und ich war nicht alleine.

Wolltest du nicht springen? Gestern früh warst du noch fest entschlossen zu springen.

Ich glaube es hat Angst.

Die Stimmen. Wie lange waren sie nun schon in meinem Kopf? Ich wusste es nicht mehr. Oder warte; das erste Mal hörte ich sie, kurz nach dem Verkehrsunfall. Ich war damals erst sechs Jahre alt. Mein Vater fuhr mich von der Schule nach Hause, als uns ein Auto von der rechten Seite rammte. Der Fahrer des Autos starb und ich wurde schwer verletzt. Ich lag mindestens eine Woche im Koma. Und während des gesamten Komas redeten die zwei Stimmen im Kopf mit mir. Sie erzählten mir Geschichten, fröhliche und traurige. Spielten mit mir und spielten mir Streiche. Alles in einer Welt in meiner Phantasie.

Nachdem ich endlich aufgewacht bin, dachte ich zuerst, ich würde diese Stimmen nie wieder hören. Doch ich irrte mich. Sie besuchten mich auch weiterhin in meinen Träumen. Und an meinen neunten Geburtstag hörte ich sie das erste Mal, außerhalb meiner Traumwelt. Sie meinten, ich wäre davor noch zu jung gewesen, um sie im echten Leben zu verstehen. Und sie fingen an mich zu begleiten. Überallhin. Und irgendwann waren sie nichtmehr die freundlichen Stimmen aus der Phantasiewelt. Sie begannen mich zu beschimpfen, zu verspotten. Ich bekam Alpträume, sah Dinge die nicht da waren. Wachte auf, um festzustellen, dass ich immer noch schlief. Es war der reinste Horror. Und sie begleiteten mich noch immer.

Aber wieso sollte es Angst haben? Es wollte uns doch endlich loswerden. Wollte frei sein. Also spring!

In meiner Klasse war ich immer der Außenseiter. Der der sich seltsam benahm. Der der sich nicht in die Gruppe einfügen konnte. Der Verrückte. Die Lehrer waren ratlos, meine Eltern wussten nicht weiter und die Schüler mieden oder verspotteten mich. Ich hatte niemanden von den Stimmen erzählt. Ich konnte nicht. Ich wollte. Ich wollte es jemanden erzählen. Aber jedes Mal wenn ich es mir vornahm, gingen mir diese schrecklichen Gedanken durch den Kopf. Bilder wie sie an mir Versuche durchführten, wie sie mich aufschnitten. Wie sie mich einsperrten und mich testeten. Mich quälten.

Hallo, schläfst du im Stehen? Du wolltest springen.

Erzähle uns nicht, du wärst den ganzen Weg nur gegangen, um die Aussicht zu genießen. Wir sind in deinem Kopf. Wir wissen was du denkst. Du wolltest springen. Aufgeben.

Ich bin mir sicher, dass diese Stimmen die Bilder und Gedanken durch meinen Kopf gehen ließen. Sie wollten mit mir spielen.

Der Wind wehte jetzt stärker. Auf der Straße unter mir liefen vereinzelt Menschen umher. Wieso. Wieso ich. Wieso konnte ich kein normales Leben führen. Wieso drängten sie mich so zum Springen. Ich wollte nicht mehr. Ich wollte weg von diesem Balkon.

Ich drehte mich um und wollte den Balkon verlassen. Aber da war keine Tür mehr. Nur noch die Wand des Kirchturms.

Na na na. Wo willst du denn hin. Weißt du etwa nicht mehr, warum du hier hochgekommen bist? Du wolltest aufgeben. Diese Welt verlassen. Springen.

Sie hatten die Realität verändert. Sie ließen mich nicht mehr von diesem Turm. Warum. Warum ich. Was hatte ich nur falsch gemacht.

Oh du hast nichts falsch gemacht. Du warst nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Du wolltest springen oder hast du das etwa wieder vergessen.

Sie verspotteten mich. Sie lachten mich aus. Sie spielten mit mir und wollten mich in den Wahnsinn treiben. Eine Träne lief mir aus dem linken Auge, die Wange entlang und fiel zu Boden.

Oh, schau mal. Es weint. Warum machst du es dir nicht einfach und gibst endlich auf? Spring, ich verspreche dir, wir werden dir nicht in den Tod folgen.

Ich wollte nicht sterben. Ich wollte Frieden. Frieden.

Du willst Frieden? Dann spring!

Ich stieg über das Gerüst. Der Wind wehte durch meine Haare. Wehte sie mir in die Augen. Ich konnte sie nicht wegstreichen ohne zu riskieren vom Turm zu fallen.

Spring!

Ich schaute in die Tiefe.

SPRING!

Ich schluckte den Kloß in meinem Hals.

SPRING! SPRING!

Ich sprang.

Ins Licht der aufgehenden Sonne.

Ich saß an der Bushaltestelle nahe der Kirche. Es war noch sehr früh und ich war noch nicht ganz wach. Ich blinzelte in die ersten Sonnenstrahlen, als eine Frau neben mir schrie. Ich schaute mich um und sah, wie ein Kind vom Kirchturm fiel. Es landete mit einem hässlichen Geräusch. Ich rannte los. Vielleicht konnte man es noch retten. Als ich neben ihm ankam, kniete ich mich hin. Aber es war schon zu spät. Es schaute mich an und lächelte leicht. Und dann schloss es die Augen und hörte auf zu atmen.

Geschockt kniete ich neben der Leiche, aus der langsam das Blut lief. Es war in meinen Händen gestorben und ich hatte nichts dagegen tun können. Die Sirenen eines sich nähernden Krankenwagens rissen mich aus meinen Gedanken. Immer noch wie in Trance stand ich auf. Ich konnte einfach nicht begreifen was gerade passiert war.

Und dann hörte ich eine Stimme;

Hallo, Mister.

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