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Im Lazarett Ende 1943


An Max Gruber

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Mein treuer Freund Max,


ich schreibe dir aus dem Lazarett welches kürzlich und eigens für uns Überlebende aus Stalingrad errichtet wurde. Ich habe starke Schmerzen in meinem linken Bein, oder vielmehr was davon übrig geblieben ist und nicht in Fetzen von meinem Knochen baumelt. Ich werde hier zwar recht gut versorgt doch ich finde keinen Schlaf, keine Glücksgefühle, kein Gewehr mehr in der Hand halten zu müssen, keinen Willen, weiter zu kämpfen.


Wie du weißt, wurde mein Bataillon vor einer Woche nach Stalingrad versetzt. Wir dachten anfangs, dass wir schnell die Oberhand über diesen Ort erlangen könnten, doch der Winter, dieser eisige Winter hat uns in seinen kalten Klauen mit diesem eisigen Wind förmlich den Elan aus der Brust gerissen.

Wir wollten so schnell wie möglich Deckung suchen, doch die Russen hielten ihre Stellung gnadenlos, sodass uns nichts Anderes übrig blieb, als am Rande einer Ruine im Schutt und Schnee Zuflucht zu finden. Es war so bitterkalt, Max, dass wir kaum ein Auge zu bekamen, doch als ich es endlich geschafft hatte, unter diesen Bedingungen einzuschlafen, zog mich ein grausamer und von Schmerz getriebener Schrei aus meinem unsanften Schlaf. So schnell wie der Schrei ertönte, so schnell verstummte er auch wieder.

Auch meine Kameraden, viele von ihnen glaubten schon lange nicht mehr an den Endsieg, erwachten durch den Schrei und sahen sich um. Wir wussten nicht, was geschieht und noch kurz bevor wir uns sammeln konnten, hörten wir schon die nächsten Schreie, diesmal näher. Auch sie verstummten schnell, doch diesmal konnten wir hören, warum sie so schnell verstummten. Die Russen ertranken an ihrem eigenen Blut. Dieses Röcheln und Ringen nach Atem ist unverwechselbar, mein Freund.

Zuerst wussten wir nicht, ob wir uns freuen sollten, oder schussbereit machen sollten, also verließen wir uns auf unseren Instinkt, und griffen zu unseren Gewehren.

Wir wollten das Haus erkunden, aus dem der Schrei an unsere Ohren gedrungen war und machten uns in der Deckung der Nacht auf zu dem Haus, aus dem die Schreie kamen. Der Schnee knirschte unter unseren Stiefeln und hörte sich so laut an, dass man meinen konnte, wir spazierten über Landminen.

Als wir das Haus betraten, übergab sich der Jüngste unserer Gruppe und ich sollte sofort feststellen, wieso. Vor uns lag ein Russe, dem der Kopf abgetrennt und der Darm heraus gerissen wurde. Einige drehten sich weg, ich nicht. Ich wollte wissen, was hier passiert war und durchschritt das Erdgeschoss des Hauses. Es war nicht besonders groß, aber an den Türrahmen waren überall Spuren von Krallen und tote Russen, einer schlimmer entstellt als der andere. Diese armen Teufel wurden zum Großteil im Schlaf getötet.

Ich fragte mich wer oder was zu solchen Taten fähig wäre, doch ich wurde schnell aus meinen Gedanken gerissen als meine Kameraden, welche zurückblieben, das Feuer eröffneten. Ich sprang in ein Zimmer, um mir Deckung zu suchen und schaute behutsam hinter dem Türrahmen hervor. Anfangs schienen meine Kameraden ins Leere zu schießen, doch dann sah ich eine schwarze Gestalt vor ihnen auftauchen. Die Kugeln ihrer Gewehre schmetterten durch seine Haut, doch kurz nachdem die Geschosse sie durchbohrt hatten, schlossen sich die Wunden wieder.

Mit einer fast schon anmutigen Leichtigkeit schlitzte es meinen Kameraden sauber die Kehle auf und machte sich über sie her. Ich ging einen Schritt zurück und hörte das Schmatzen dieser Kreatur. Es war ein widerliches Geräusch und betäubte meine Sinne noch mehr. So sehr, das ich nicht einmal merkte, wie mir mein Gewehr aus den Händen fiel. Doch als es auf den Boden aufschlug, erwachte ich aus meiner Trance und bemerkte wie das Schmatzen und Kauen aufgehört hatte. Ich hob mein Gewehr auf und dachte, dass ich mir das alles nur eingebildet habe und schaute aus dem Türrahmen, um nach meinen Kameraden zu sehen.

Als ich meinen Kopf in den Flur streckte, wurde ich starr vor Angst. Es, was auch immer es war, stand nun direkt vor mir. Ich konnte es nun genau erkennen. Es hatte lange Beine und Hände mit spitzen Klauen an den Enden der Finger, es war von schwarzem Fell bedeckt und sein Kopf war der Schädel einer Ziege. Ich stolperte nach hinten in das Zimmer und rannte durch eine Doppeltür, welche mich in eine Art Küche führte. Ich schaute mich flüchtig um und erblickte eine Leiter welche zu einem Loch in der Decke führte, hastig kletterte ich sie hinauf und hörte ein heiseres Hecheln hinter mir.

Ich trat die Leiter um, als ich oben angekommen war und fühlte mich in Sicherheit. Doch dann hörte ich leise Fußschritte auf dem Parkett hier im ersten Stock. Sie waren langsam, aber beständig. Ich hielt vor Schock den Atem an, als die Schritte vor dem Zimmer in dem ich nun war zum Stehen kamen.

Einen Moment herrschte Stille. Sie wurde zerrissen von einem Kratzen an der Tür.

Danach flog die Tür auf und es stolzierte in den Raum. Es packte mich am Kragen und hob mich auf seine Augenhöhe hoch, als wäre mein Gewicht irrelevant.

Das letzte an was ich mich erinnere, ist der faulige Geruch seines Atems und der Schmerz, den ich verspürte, als ich aus dem Fenster geworfen wurde und mein Bein vom Stacheldraht zerrissen wurde.


Niemand glaubt mir hier, nicht einmal unsere Truppen die mich fanden. Die Leichen waren nicht aufzufinden, so sagte man mir und ich hätte ganz allein im Schnee gelegen – bewusstlos.

Ich höre dieses Röcheln jeden Abend Max, jede verschissene Nacht. Mach, dass es aufhört, mach, dass ich in Frieden schlafen kann.

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