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Kennt ihr das Gefühl, beobachtet zu werden? Wenn es euch erscheint, als würde hinter jeder Ecke, an jedem Fenster, hinter jeder Tür etwas lauern? Meistens sind diese Ängste irrational. Ein Schatten am Fenster stellt sich als die Zweige eines Baumes in der Abenddämmerung heraus, eine Silhouette an der Tür als der alte Garderobenständer. Bei mir allerdings ist dieses Gefühl weit mehr als nur Einbildung oder eine irrationale Befürchtung, die sich als nichtig herausstellt.

Denn ich werde bereits seit Wochen verfolgt. Überall, wo ich bin, ist auch er. Wenn ich morgens aufwache, steht er bereits am Zaun vor meinem Haus und starrt zu mir hinauf. Wenn ich in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit sitze, befindet er sich stets im selben Abteil wie ich. Manchmal am anderen Ende des Ganges, manchmal setzt er sich sogar mir gegenüber, nur um mich anzustarren. Bei jedem Weg, den ich zu Fuß gehe, höre ich seine Schritte hinter mir. Ob beim Einkaufen, beim Stadtbummel oder bei einem Spaziergang durch den Park... er ist jedes verdammte Mal direkt hinter mir!

Er bringt mich so weit, dass ich das Haus nicht mehr verlassen will. Ich muss es tun, allein um auf die Arbeit zu kommen oder für die nötigsten Besorgungen. Aber sobald ich daheim bin, verschließe ich die Tür doppelt, ebenso wie das Sicherheitsschloss. Die Rolläden habe ich seit Wochen nicht mehr hochgezogen, die schweren Vorhänge verdecken zusätzlich die Sicht nach draußen... oder viel eher hinein zu mir. Die Luft hängt inzwischen stickig und schwer in den Räumen, aber ich wage es nicht, zu lüften. Ich mag das Kunstlicht nicht, das meine Deckenlampen erzeugen, aber mir bleibt nichts anderes übrig.

Trotz all dieser Vorkehrungen fühle ich mich nicht sicher. Ich weiß, dass er da ist. Dass mir, wenn ich das Fenster öffnen würde, sein Gesicht entgegen blickte. Dass, sobald ich doch nach draußen gehe, sei es am Morgen oder um vier Uhr nachts, er dort steht und nichts tut, als mich anzustarren. Ich ertrage das nicht mehr! Kaum etwas vermag mich abzulenken. Das einzige Hobby, dass mich noch beschäftigt, ist das Basteln von Schmuck. Meine eigens angefertigte Perlenkette jedoch liegt seit Wochen unfertig hier herum. Mir fehlen nur noch ein paar neue Perlen, um sie zu beenden, aber ich wage es nicht, loszugehen um sie mir zu besorgen. Nicht, solange dieser Irre mich verfolgt!

Ich bin froh, dass ich alleine lebe, denn ich habe bisher noch niemandem hiervon erzählt. Ich habe es auch nicht vor, denn niemand würde es verstehen können. Sie würden mir sagen, ich solle zur Polizei gehen oder ihn zur Rede stellen. Es ist nicht so, als hätte ich Letzteres nicht schon versucht. In kleinen Augenblicken des plötzlichen Mutes habe ich mich schon zu ihm herum gedreht und ihm entgegen geschrieen: "Was willst du?!" Nur, wenn er mich so mürbe machte, dass ich meine Furcht vor ihm vergaß.

"Gib sie mir zurück", ist das Einzige, was er je zu mir gesagt hat. Ich weiß nicht, wovon er spricht. Glaubt mir, wüsste ich es, ich hätte es längst getan, nur damit dieser Albtraum endlich ein Ende findet.

Es ist Freitagabend und als ich heimkomme in meine muffige Bude, die Tür wie immer vierfach verriegele, weiß ich, dass ich diese Räume das ganze Wochenende nicht verlassen werde. Nicht, dass die Sache dadurch besser würde. Doch es ist schon der Ansatz eines tröstlichen Gedanken, zwei Tage lang nicht seinen Anblick ertragen zu müssen. Den dieser dunklen, leeren Augenhöhlen, die mich unentwegt anstarren.

Ich schlendere zum Couchtisch herüber und nehme meine unfertige Perlenkette in Augenschein. Zu schade, dass ich die Arbeit an ihr noch nicht beenden konnte, denn ich weiß, sie wird mein Meisterstück sein. Behutsam nehme ich sie an ihren losen Enden auf und trete mit ihr vor zu dem kleinen, viktorianischen Spiegel, der über meiner Kommode hängt. Ich halte mir die Kette an den Hals und weide mich an diesem Anblick. Sie ist schon jetzt etwas schwer, aber das stört mich nicht weiter. Die sechs großen Perlen, die ich bereits daran aufgereiht habe, sind Einzelstücke. Weiß mit einer blauen Mitte, der Faden, an dem sie hängen, ist bordeauxrot. Zwei dieser herrlichen Perlen fehlen mir noch.

Vorsichtig lasse ich die Kette sinken und lege sie auf der Kommode ab, um sie noch eine Weile zu betrachten. Hoffentlich kann ich sie bald beschaffen. Sobald dieser kranke Bastard endlich damit aufhört, mich zu verfolgen.

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