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Ihre großen, ausdruckslosen Augen blicken in die Meinen. Mit den Jahren sind sie so geworden, ich erinnere mich an eine ferne Zeit, in der sie noch strahlten wie der blaue Himmel. Die glücklichen Tage, an denen wir zusammen unter eben diesem spielten und in der warmen Sommersonne badeten, sind vorbei. Sie endeten, als er kam. Wir wurden aus unserer glücklichen Welt gerissen, als unser Vater vor Jahren verschwand und ein unwürdiger Ersatz folgte. Er lies die friedvolle Blase platzen, in deren Inneren wir behütet lebten.

Sie blinzelt teilnahmslos, bevor sie den Blick wieder senkt. Zwischen uns steht ein niedriges Tischchen, gedeckt mit feinem Porzellan. Ihre, in seidene Handschuhe gehüllten, Hände liegen gefaltet auf ihrem Schoss. Ich weiß, dass sie sie hasst und nicht etwa trägt, weil sie so schön zu dem kindlichen, viktorianisch angehauchten Kleid passen. Eine große rosane Schleife ist um ihre Taille gebunden, das Gegenstück dient als hübsches Haarband. Der Stoff läuft in unzählige Rüschen aus und verteilt sich wallend auf dem Boden. All die Schichten verhüllen die tiefen Narben, die er ihr zugefügt hat. Einige stammen auch von ihr selbst.

Doch so, wie sie dort kniet, ist sie äußerlich eine perfekte und wunderschöne Puppe, mit ihren glatten schwarzen Haaren, der hellen Haut und den tiefroten Lippen. Nur die dunklen Schatten unter ihren Augen wirken fehl am Platz und zeugen von dem Terror, dem sie ausgesetzt ist. Mit meinem zerbrechlichen Körper kann ich meine Freundin nicht schützen und ich hasse mich selbst dafür.

„Tee?“, fragt sie leise und streckt eine zierliche Hand nach der Kanne aus. Ich schweige, sie lässt den herben Kräutersud in meine geblümte Tasse laufen. Auch, als sie mir Honig und Milch anbietet, antworte ich nicht und bekomme sie trotzdem. Dann sitzen wir uns gegenüber, blicken im Zimmer herum oder sehen dem Dampf zu, der von dem heißen Getränk aufsteigt. Ich mustere einmal mehr den Raum, doch ich kenne bereits jedes Detail in ihm. Überall türmen sich mit Watte gefüllte Tiere, egal ob auf der weißen Wäsche des schmalen Bettes oder in den vier Ecken. Auch auf den Regalen sitzen sie und blicken mit ihren wissenden Glasaugen traurig auf uns hinab.

„Ich bin froh, dass du da bist“, murmelt sie plötzlich. Ihr glattes, unbewegtes Gesicht passt nicht zu den hoffnungsvollen Worten, die aus ihrem Mund kommen. Ich will sie in die Arme nehmen und ihr Trost spenden, doch meine steifen Glieder lassen es nicht zu. So bleibt mir nur, stumm dazusitzen und bei ihr zu bleiben. Für immer.

Sie steht vorsichtig auf, geht hinüber zu der alten Kommode, von der bereits Farbe abblättert und nimmt einen winzigen Kamm heraus. Dann kommt sie, ihre langen Röcke achtlos hinter sich herschleifend, zurück zu mir. Hinter meinem Rücken geht sie in die Hocke und greift sanft in mein gelocktes Haar. „Sie sind so schön, wie Wellen aus Gold. Ich wünschte, meine wären genauso. Vielleicht würde es ihm nicht gefallen, wenn ich sie färbe, wäre das nicht gut?“, spricht sie leise in den Raum hinein. Du bist doch auch so wunderschön, Liebes, will ich sagen, doch meine Stimme verweigert mir den Dienst. Dies tat sie schon seit meiner Geburt, doch in diesen Momenten, wenn sie in Trauer zu versinken droht, wünsche ich mir mehr als alles andere, zu ihr sprechen zu können. Und sei es nur ein einzelnes, unwichtiges Wort.

Der Kamm streicht zart durch meine Haare, immer wieder in einem stetigen Rhythmus. Nach einer kurzen Ewigkeit legt sie ihn wieder zurück. Stumm setzt sie sich auf ihr Bett, das Ticken der Uhr dröhnt uns in den Ohren, als wir, Minute um Minute, warten. Nach einer Weile vernehmen wir das schallende Knallen der Haustür, welches von ihr lediglich mit drei gebrochenen Wörtern kommentiert wird: „Er ist da.“


Bewegung kommt in das Zimmer, als sie zu mir eilt, mich auf den Arm nimmt und in mein Versteck trägt, damit er mir nichts antun kann. Aber ich weiß, dass er mich gar nicht will und ich weiß, dass sie innerlich weint. Völlig unbewegt verweile ich hinter den Türen des geschlossenen Schrankes und blicke durch den kleinen Spalt hinaus.

Wenige Momente später öffnet sich die Tür und ich muss mitansehen, wie er mürrisch auf sie zusteuert. Ihm ist deutlich anzusehen, dass er einen schlechten Tag hatte und ich fürchte umso mehr um das Wohl meiner Freundin. Auf seinem Gesicht erscheint ein ekelhaftes Grinsen, als seine Augen über ihren Körper wandern. „Hallo, mein Püppchen, ich bin wieder hier.“ Seine Stimme trieft vor falscher Freude, während er etwas aus einer pinken Tüte zieht. Violette Schuhe mit niedrigen Absätzen kommen zum Vorschein, wie geschaffen für eine puppengleiche Schönheit.

Sie würdigt dem Geschenk keinen Blick und starrt stur zu Boden, um ihm auszuweichen. Als er ihr näher kommt, fängt ihr Körper an, unmerklich zu zittern, doch auch als er die Schuhe direkt vor sie hält, wendet sie die Augen ab. Kehlig lachend greift er unsanft nach ihrem Kopf und reißt ihn schmerzhaft an den Haaren herum. Aber sie schreit nicht. Sie schreit nie.

Endlich tritt ein Gefühl in ihre Augen und füllt die Leere. Abgrundtiefer Hass strahlt ihm entgegen, doch er lacht nur noch lauter. „Gibts du mir auch was im Gegenzug?“, fragt er spöttisch, als er sie loslässt und auf das Bett schubst. Sie sind jetzt außerhalb meiner Sicht, doch ich kann die Geräusche hören, auch wenn ich mir eher wünsche, taub zu werden. Das protestierende Ächzen des Bettes, das laute Reißen von Stoff und dann diese monströsen Laute, die er immer von sich gibt, wenn er sie quält. Von ihr kommt nichts, keine Hilferufe, kein Weinen, nicht der geringste Laut. Es ist, als wäre sie bereits tot, nicht nur innerlich sondern auch körperlich.


Fast eine Stunde dauert es, bis er endlich von ihr ablässt und, als wäre nichts passiert, aus der Tür hinausgeht. Lange ist es ruhig, bis ich irgendwann ein Rascheln wahrnehme uns sie wieder in meinem Sichtfeld erscheint. Das Kleid, dass am Morgen noch so schön gewesen war, hängt in Fetzen an ihr herunter und offenbart einige der Schnitte, die ihre Arme zieren, sowie großflächige Blutergüsse am ganzen Körper. Die Haare stehen zerzaust in alle Richtungen ab, die Schleife fehlt vollkommen.

Dann öffnet sie schwach den Schrank und hebt mich heraus, nur um sich auf den Boden sinken zu lassen. Fest presst sie mich an ihre Brust, ich kann das reine Herz in ihr hören. Es schlägt heftig, wie ein Vogel, den man in einen Käfig gesperrt hat. Nun weint sie endlich und erlaubt sich selbst, ihre Gefühle zu zeigen. Dicke Tränen fließen wie silberne Flüsse über ihre Wangen und fallen auf mich. Es ist zu spät dafür. Wenn ich nur reden könnte, würde ich nach Hilfe suchen, doch dass kann ich nicht. Denn ich bin, wie sie, nur eine stille Puppe.

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