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Der Benachrichtigungston meines Handys lässt mich aufschrecken. Aufgeregt öffne ich meine Augen und sehe auf den Couchtisch, der mit Kaffeerändern übersät ist. Das Display zeigt mir einige neue Nachrichten. Nanu? Habe ich die anderen alle überhört? Ich nehme meine Füße vom Sofa und rutsche ein Stück nach vorne, sodass ich mich richtig hinsetzen kann. Ich schiebe eine halb ausgetrunkene Kaffeetasse zur Seite und nehme mein Handy in die Hand. Nachdem ich es entsperrt habe, überfliege ich die Nachrichten. Es ist das übliche Gerede wie: „Mark, was ist mit dir los?“, „Geh endlich ans Telefon!“, „Öffne die Tür! Ich mache mir Sorgen!“ oder „Wann kommst du wieder in die Uni??“. Ich hatte öfters solche Nachrichten von meine Freunden bekommen, doch sie haben zum Glück irgendwann aufgehört mir zu schreiben. Die meisten der aktuellen Nachrichten stammen von Verwandten oder meiner Familie. Wieder nur unnützes Zeug... Können sie mich nicht einfach in Ruhe lassen? Ich will nichts mit ihnen zu tun haben! Ich erinnere mich daran, wie vor ein paar Stunden jemand vor meiner Tür stand, der behauptete, er sei mein Vater und mache sich ernsthafte Sorgen. Er wollte, dass ich die Tür öffnete und ihn hereinließ, was ich natürlich nicht getan hatte. Dachte er wirklich, ich würde ihm einfach so vertrauen und ihn hereinlassen? Ich muss schmunzeln beim Gedanken daran. Was ein Idiot er doch ist, mich für so dumm zu halten. Früher mag ich ihnen vertraut haben, aber heute weiß ich es besser. Sie sind böse, allesamt. Mittlerweile kann ich nicht mehr nachvollziehen, wie ich sie gemocht haben konnte. All die Personen, die sagten, sie seien meine Familie. Sie waren lieb zu mir, ja. Aber sie wollten mir etwas antun. Was genau es war, weiß ich nicht. Aber es hätte mir sicher nicht gefallen. Was ich allerdings weiß, ist, wie es dazu kam, dass ich sie durchschaut habe.

Die erste Stimme hörte ich vor ungefähr einem Jahr. Ich war auf dem Weg in die Uni gewesen und hatte plötzlich ein leises Flüstern vernommen. Ich hatte mich umgedreht und geschaut, ob jemand hinter mir stand, aber dort war niemand gewesen. Also war ich, wenn auch leicht verwirrt, weitergelaufen. Doch schon nach wenigen Schritten hatte sich das Flüstern erneut in mein Bewusstsein gedrängt. Wieder war ich stehengeblieben, mich auf das Flüstern konzentrierend, denn ich hatte herausfinden wollen, was es sagte. Allerdings konnte ich nur einige Wortfetzen verstehen. Ich erinnere mich nur noch an wenige wie: „...Er...wenig...“, ein leises Kichern zwischendurch und: „...Absichten...Sie..“. Ich war verwirrt und auch ein wenig verängstigt gewesen, schließlich hatte ich eine Stimme gehört, die nicht da gewesen war. Letztendlich war ich einfach weiter zur Uni gelaufen und hatte das befremdliche Flüstern für den Rest des Tages aus meinem Kopf verbannt. Aber es hatte nicht lange gedauert bis ich es wieder hören sollte, denn am nächsten Tag, als ich an meinem Schreibtisch gesessen hatte, erschien die Stimme erneut in meinen Gedanken.

Nach einer Woche, in der das Flüstern beinahe jeden Tag wiedergekommen war, hatte ich mich dazu durchgerungen, meine Freunde um Rat zu fragen. Es war mir unangenehm gewesen, ihnen zu erzählen, was in der vergangenen Woche geschehen war. Kurz hatte Stille geherrscht, dann hatten sie untereinander diskutiert, und waren zu dem Schluss gekommen, dass das nicht normal und definitiv nicht gut war und ich dringend einen Arzt aufsuchen sollte. Ich war strikt dagegen gewesen, was meine Freunde natürlich nicht gutgeheißen hatten. Nach einer weiteren Diskussion hatte ich ihnen dann versprechen müssen, dass ich zum Arzt gehen würde. Aber ich war nicht zum Arzt gegangen. Auch nicht eine Woche später. Ich hatte mich zu sehr gefürchtet, krank zu sein. Schließlich, so hatte ich gedacht, würden die Stimmen schon wieder verschwinden. Dass ich nicht beim Arzt gewesen war, hatte ich meinen Freunden natürlich nicht erzählt. Ich hatte ihnen gesagt, der Arzt hätte mir Tabletten verschrieben.

Von Woche zu Woche war die Stimme lauter geworden und hatte immer mehr gesprochen. Es waren auch immer mehr Stimmen geworden. Sie hatten geschrien, gelacht, geflüstert oder geweint; sich unterhalten, gestritten oder Selbstgespräche geführt. Sie hatten über Dinge geredet, die ich nicht verstand, und manchmal sogar Wörter verwendet, die ich nicht kannte. Aber eins hatten sie immer wieder wiederholt: Die Menschen wollen mich nur benutzen. Sie wollen mir etwas antun, wenn sie mich nicht mehr brauchen. Man kann ihnen nicht vertrauen, und selbst wenn sie nett zu seien scheinen, haben sie immer böse Absichten.

Nachdem die Stimmen lauter geworden waren, hatte ich beschlossen, nicht mehr in die Uni zu gehen. Ich war ohnehin unaufmerksam gewesen und hatte es sattgehabt, meinen Freunden ständig neue Lügen zu erzählen. Ich hatte besorgte SMS von ihnen bekommen, warum ich nicht mehr in die Uni ginge und ob ich krank sei, doch ich hatte sie ignoriert, denn ich konnte ihnen einfach nicht mehr trauen. Ich war mir unsicher gewesen, ob die Stimmen nicht doch Recht gehabt hatten. Denn wenn, durfte ich gar keinem mehr vertrauen. Aus meiner Unsicherheit war Klarheit geworden, als die Stimmen mir mehr erzählt hatten. Jeden Tag hatten sie mir erklärt, dass ich besser vorsichtig sein solle, dass ich die SMS besser ignorieren solle. Und irgendwann hatte ich angefangen, ihnen zu vertrauen. Sie schienen so viel mehr zu wissen als-

Ein schrilles Klingeln, gefolgt von einem energischen Klopfen, unterbricht meine Gedankengänge. Der nervige Ton aus Richtung meiner Wohnungstür bohrt sich in meinen Kopf und scheint dort unendliche Male widerzuhallen. Ich knurre gefrustet und fasse mir an die Schläfe. Wer kommt bitte auf die Idee, bei mir zu klingeln? Und vor allem: Warum?! „Mark?! Mark, bitte mach die Tür auf! Ich bin´s, deine Nachbarin! Dein Vater war vor ein paar Stunden bei mir, er macht sich wirklich Sorgen! Ich will dir nichts tun, ich will nur kurz mit dir reden!“ Kommt es von hinter der Tür. Ich öffne schon meinen Mund, um das nervtötende Weib zu verscheuchen, doch dann höre ich wieder die Stimmen in meinem Kopf. Eine kichert, die andere schreit: „HALT!“. Augenblicklich fasse ich mir wieder an den Kopf. „Vielleicht...“, spricht die Stimme, die mich eben noch angeschrien hatte, „...solltest du aufhören dich zu verstecken und... angreifen?“ Die zweite Stimme fängt an, lauter zu lachen, und meine Augen weiten sich. „Angreifen...“, murmele ich und ignoriere die Nachbarin, die wieder anfängt, an meine Tür zu klopfen. Vielleicht ist das wirklich eine gute Idee... überlege ich. Ich brauche einen Plan! Ich fange an zu kichern. Wie aufregend!

Nach einigen Überlegungen stehe ich auf und gehe Richtung Tür, hinter der immer noch meine Nachbarin steht. Das wird lustig! Ich muss mir ein Lachen verkneifen. Mein Plan ist einfach großartig! „Mark?! Mach endlich auf, ich warte hier, bis ich mit dir geredet habe!“, fängt sie wieder an zu rufen. Ich packe die Türklinke und drücke sie herunter. Sofort hört sie auf zu schreien und seufzt erleichtert. „Gott sei Dank, Mark! Endlich hast du reagiert! Tut mir leid, dass ich so geschrien habe, aber ich habe mir echt Sorgen gemacht!“. Ich öffne die Tür ein Stück und schaue sie an. Ihre Haare sind ein wenig durcheinander und ihr Blick wirkt besorgt als sie mich sieht. „Darf ich reinkommen?“, fragt sie. Ich trete zurück und öffne die Tür noch ein Stück mehr. Sie lächelt zufrieden und betritt vorsichtig meine abgedunkelte Wohnung. Als sie sich umschaut, muss ich grinsen. Ich schließe die Tür hinter ihr ab. Alles läuft perfekt! Sie wendet sich wieder mir zu und mein Lächeln verschwindet. Sie soll ja nichts mitbekommen... „Wollen wir... uns setzen?“, fragt sie ein wenig schüchtern. Ich nicke und gehe Richtung Couch. Sie folgt mir und setzt sich, ich hocke mich ihr gegenüber vor den Couchtisch, auf dem nach wie vor Kaffeeflecken zu sehen sind. Sie scheint diese auch bemerkt zu haben, denn sie mustert den Tisch skeptisch. „Worüber willst du reden?“, breche ich die Stille, und muss feststellen, dass meine Stimme ungewohnt kratzig klingt. Sie sieht mir in die Augen. „Dein Vater hat mir erzählt, dass du seit mehreren Monaten nicht mehr in der Uni warst. Und ich habe dich auch schon ewig nicht mehr gesehen. Was ist los?“. Ich überlege eine Weile. „Weißt du...“, setze ich vorsichtig an und schaue ihr direkt ins Gesicht. Erwartungsvoll erwidert sie meinen Blick. Ich stehe auf und setze mich neben sie. Ich kann mir das Kichern gerade so verkneifen, als ich ihr ins Ohr flüstere:„...ich höre Stimmen!“ Angesichts der Tatsache, dass ihr Gesichtsausdruck von einer Sekunde zur Anderen geschockt wird, kann ich es nicht mehr einhalten und muss laut loslachen. „Verrückt, nicht?“, frage ich sie. „D-Du bist verrückt!“, ruft sie und will aufstehen, doch mein Lachen verstummt und ich packe sie. „Du gehst nirgendwo hin!“ Ich drücke sie fest auf die Couch, bemerke ihre Versuche, sich zu wehren, kaum. Bevor sie noch etwas sagen kann, nehme ich ein Kissen und drücke es in ihr Gesicht. Sie bekommt Panik und gibt erstickte Laute von sich. Ihre Hände suchen hektisch nach meinen Armen und reißen an diesen, doch ich lasse nicht nach. Die Stimmen in meinem Kopf fangen an, manisch zu lachen, und ich muss einstimmen. Laut hallt mein Gelächter von den Wänden wider. Ich presse das Kissen fester in ihr Gesicht, während sie immer noch verzweifelt versucht, sich zu befreien. Irgendwann wird sie ruhiger und hört letztlich ganz auf, sich zu bewegen. Mein Hals schmerzt vom Lachen, weswegen ich damit aufhöre. Stattdessen ziert ein breites Grinsen mein Gesicht, als ich das Kissen von ihrem Kopf nehme. Ihre Mimik ist erschlafft und ihre Haut leicht blau angelaufen. Die Stimmen kreischen und rufen Beifall.

Das war Nummer Eins!

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