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Kennst du diese Momente im Leben, wenn dein Dasein dir eingefroren scheint? Wenn alle Möglichkeiten und Zukünfte, die du dir in der Naivität und dem idealistischen Feuer deiner Jugend zurechtgelegt hast, zusammenschrumpfen auf die erstickende Enge eines ganz und gar durchschnittlichen Augenblicks? Wenn nichts mehr wirklich weh tut und nichts mehr einen tiefen sinnlichen Rausch auslöst? Wenn es keine Gipfel und Tragödien mehr gibt?

Ich kenne dieses Gefühl sehr gut. Aber für mich gibt es ein Heilmittel. Doch es sind weder Pillen noch Menschen noch Worte. Es ist die rohe und ewige Kraft der Natur. Du spürst sie, wenn der Regen deine Frisur ruiniert und dein Makeup verwischt. Wenn der Wind dir etwas aus der Hand reißt. Wenn die Kälte dich erzittern lässt, oder die Hitze dir den Schweiß aus den Poren treibt.

Doch diese Dinge sind nicht das, was ich meine. Sie sind nur eine schüchterne Mahnung an unsere Machtlosigkeit. Ein leises Brodeln im Untergrund.

Was mich wirklich bewegt, sind die großen Machtdemonstrationen der Natur. Wenn sie ihre taktische Zurückhaltung aufgibt. Wenn sie sich schamlos und nackt zeigt. Wenn sie sich so präsentiert, wie sie wirklich ist. Denn sie ist nicht dieses schüchterne, romantische Wesen, als das sie Künstler und Poeten gerne skizzieren. Sie ist ein rasender Berserker, der seine Ruhephasen nur dazu nutzt, Kraft zu sammeln, um dann um so gewaltiger zu wüten. Die Natur ist ein Serienkiller. Nur eben einer mit gutem Ruf.

Sobald ein Sturm übers Land zieht und Autos, Tiere und Menschen davonweht wie Spielzeuge, wenn Dächer abgedeckt werden und Bäume wie Dartpfeile umherfliegen, auf der Suche nach Häusern und Leben, deren Dasein sie beenden können. Wenn Gewitter ihre Kräfte entladen und sich ihre Opfer herauspicken wie ein zorniger Gott. Wenn Hagel, Starkregen und Flutwellen das Korsett unserer Zivilisation durchlöchern und uns einen kurzen Blick auf das grenzenlose, freie Spiel der Gezeitenkräfte gewähren. Dann – und nur dann – fühle ich mich wirklich lebendig.

Das war schon vor dem Pakt so. Seitdem hat sich die Lust daran nur noch verstärkt. So ein starkes Gefühl hat nicht mal Susanne in mir auslösen können. Jedenfalls bis jetzt. Bis zu diesem Moment, in dem sie angefangen hat, mit diesem Weichling rumzumachen. Blumen, Romantik, Mondschein. Ich könnte kotzen. All der Kitsch ist beinah schlimmer als die Tatsache, dass der Typ sich an meine Freundin ranmacht. Da ich vom Dach der alten Schule einen guten Überblick habe, kriege ich so ziemlich jedes Detail ihrer Fummelei hautnah mit.

Gut, Casanova. Die erste Runde geht vielleicht an dich. Aber womöglich wird der Abend ja nicht ganz so romantisch, wie du dir das gedacht hast.

Schon bevor ich mich richtig konzentriert habe, beginnt der Wind aufzufrischen, so als würde er meinen Zorn spüren. Genau das tut er ja auch.

Zuerst spielt er nur mit den Haaren von Susanne und diesem schleimigen blonden Typen. Fast als wäre er selbst ein Liebhaber. Dann aber wird er immer stärker. Schwarze Wolken ziehen auf und verdecken erst den Mond, dann die Sterne. Die beiden hören damit auf, sich gegenseitig anzusabbern, und suchen nach einem Unterschlupf. Ich verstärke den Wind weiter. Eine plötzliche Böe erfasst Mister Schmalzlocke und schleudert ihn mit aller Macht gegen die harte Steinwand der Schule. Benommen sinkt er zu Boden. Susanne rennt zu ihm und will ihm helfen. Aber nicht mit mir, Schätzchen. Ich drehe den Wind und halte sie davon ab. Sie schafft es nicht, sich von der Stelle zu bewegen. Trotzdem versucht sie es weiter. Treulose Hure. Für mich hatte sie nie so viel Leidenschaft übrig. Mir kommt eine Idee.

Mit einem Mal gebe ich die Kontrolle über den Wind auf. Es wird vollkommen windstill. Nur die Wolken bleiben drohend und schwarz am Himmel und schlucken alles Licht außer dem der Straßenlaternen. Susanne rennt zu ihrer neuen Flamme. Sie fühlt seinen Puls und prüft seinen Atem. Sie merkt, dass er lediglich unter Schock stand und langsam wieder zu Bewusstsein kommt. Sie zieht ihn auf die Beine und nimmt ihn in den Arm. Sie weint vor Erleichterung und drückt ihn fest an sich. All das nehme ich hin, sammle die Wut in mir und warte. Erst als sie erneut zu einem Kuss ansetzt, gebe ich meine Energie frei.

Ein einzelner Blitz löst sich aus den pechschwarzen schweren Wolken und schlägt mitten in die Umarmung der beiden hinein. Es funkt heftig zwischen ihnen, wortwörtlich. Die elektrische Entladung und die damit verbundene Hitze sind so stark, dass die beiden förmlich davon zusammengebacken werden. Eine verkohlte Statue zu Ehren der Liebe. Der Geruch von verschmortem Fleisch und ionisierter Luft zieht zu mir hinauf. Aus dem Himmel höre ich ein höhnisches Lachen. Mein Geschäftspartner ist zufrieden. Er verlangt pro Jahr eine gewisse Anzahl Opfer von mir. Doch bisher musste ich mich dafür nie besonders anstrengen. Menschen, die den Tod verdienen, treffe ich dauernd. Von Jahr zu Jahr häufiger, wenn ich so darüber nachdenke. Untreue Geliebte, verräterische Freunde, unfreundliche Kollegen. Mein Zorn ist schnell geweckt, und er ist fatal. Dabei fällt mir auf: Mein Partner ist vielleicht zufrieden. Aber ich bin es nicht.

Erneut zapfe ich meine gewaltigen Kräfte an und rufe Hagelkörner herbei. Einige größer als Tennisbälle, andere klein, spitz und unglaublich schnell. Zuerst lasse ich sie auf den noblen Wagen des blonden Unbekannten niedergehen, bis davon nicht mehr als Altmetall übrig ist. Dann lenke ich meinen Willen auf das im Tode vereinte Paar. Susanne und Schmalzlocke werden durchlöchert, zerdrückt, zermahlen und pulverisiert, bis von ihnen nichts anderes mehr bleibt als ein großer Haufen eiskalter Hagel.

Die gleiche Kälte hält nun auch bei mir Einzug, und ich weiß, dass sie in mir verbleiben wird, bis das nächste Gewitter heraufzieht.

Während ich vom Dach heruntersteige und dann unter dem klaren, sternengesprenkelten Himmel nach Hause gehe, denke ich daran, dass es wohl Zeit wird, sich wieder auf Partnersuche zu begeben. Allzu schwer sollte es nicht werden. Ich sehe nicht schlecht aus. Und viele lieben meine stürmische Art.

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