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Ich brauchte lange, um herauszufinden, was mein Vater war. Wenn ich jetzt zurückblicke scheint es so offensichtlich, und dennoch hätte ich nicht davon zu träumen gewagt. Mein Vater ging auf Geschäftsreisen und ließ mich und meine Mutter zurück. Er fuhr durch das ganze Land, darauf bedacht, in jeder Stadt Halt zu machen. Er hatte eine große Liste von Städten, die er abhakte. Ich dachte immer, er wäre ein fahrender Händler. Bis ich ihn eines Tages begleitete.

Natürlich nahm er mich nicht mit rein, sondern setzte mich in einem Motel ab. Er ging mitten in der Nacht und kam am nächsten Morgen zurück. Wir blieben ungefähr eine Woche in dieser Stadt. Ich war bestimmt nicht älter als dreizehn. Eines Nachts kam er zurück, sah ganz furchtbar aus, brach auf dem Bett zusammen und schlief ein. Seine Tasche lag auf dem Boden. Ich hätte niemals nachschauen dürfen.

Aber ich tat es. Ich war so neugierig, wollte mit meinem Vater verbunden sein, ihn besser kennenlernen. Ich schlich aus dem Bett. Es war, als würde das Ding in der Tasche nach mir rufen. Ich ging darauf zu und öffnete sie. Ich weiß nicht mehr, was ich darin sah. Ich weiß nur, dass mein Herz anfängt weh zu tun, wenn ich zu lange darüber nachdenke. Das nächste, was ich weiß ist, dass ich auf dem Boden aufwachte, Papa war über mir. Er war blass und verängstigt. Ich habe meinen Vater nie so gesehen. Er gab mir ein Taschentuch und sagte, ich solle meinen Mund abwischen. Das Taschentuch wurde rot. Ich wusste nicht einmal, dass ich blutete. Wir gingen noch in derselben Nacht nach Hause, und es war mir fortan nicht mehr erlaubt, ihn je wieder zu begleiten.

Ein paar Jahre später hörte ich beim Nachhausekommen, wie mein Vater mit jemandem am Telefon sprach. Er sagte Sachen wie "Du kannst nicht, er wird dich finden" und "Sie wissen es schon. Sie wussten es immer." Aber er nannte zu keinem Zeitpunkt einen Namen. Ich begriff erst bei folgenden Worten worüber er sprach: "Wieso sollte das funktionieren? Der Unfall mit dem Objekt war nicht meine Schuld, es war...“. Eine Woche später begann ich, nachzuforschen. Je mehr ich suchte, desto mehr verängstigte es mich, und je mehr es mich verängstigte, desto mehr interessierte es mich. Mein Vater fand es heraus. Er schwieg jedoch dazu. Er redete einfach nicht mehr mit mir. In jenem Sommer ging er und kehrte nie zurück.

Ich dachte immer, er wäre gestorben, und machte einfach mit meinem Leben weiter. Ich wollte nicht mehr über die Halter und die Objekte nachdenken, doch ich hatte es wohl im Blut. Eines Tages ging ich in eine Nervenheilanstalt in einer Stadt, die ich gerade besuchte, nur zur Vorsorge, so machte ich es mir jedenfalls vor. Ich näherte mich dem Mann hinter dem Tresen und fragte, ob hier jemand wäre, der sich "Der Halter der Unschuld" nennt. Der Mann hinter dem Tresen sah aus als würde er weinen, aber bloß auf einem Auge. Ich rannte sofort weg von diesem Platz und kehrte nie mehr zurück. Nicht mal in dieselbe Stadt. Ich schwor den Nachforschungen ab und versuchte, mein Leben fortzusetzen. Bis ich den Anruf erhielt. Er war es, sagte mir, er würde sterben und dass dies das letzte Mal sei, ihn sehen zu können. Wie hätte ich ihm diese Chance abschlagen können?

Er war allein im Krankenzimmer, ich setzte mich neben ihn. Er sah nicht wirklich krank aus. Er sah recht gesund aus. Ich war nervös, fragte mich, wieso er mich herbestellt hatte. Er entschuldigte sich dafür und sagte mir: nun, da ich Bescheid wüsste, könne ich nicht mehr aufhören, nach ihnen zu suchen. Ich fragte ihn das Einzige, woran ich denken konnte, die eine Frage, die mich beschäftigte, seit ich es wusste.

Ich fragte ihn, warum er begonnen hatte, sie zu suchen. Er lächelte. Er öffnete die Schublade neben sich und holte eine Schriftrolle heraus. Er übergab sie mir, sagte mir, sie wäre die einzige, die er von ihnen behalten hatte können. Ich überlegte ihn zu fragen, wer Sie waren, aber ich tat es nicht. Die Rolle war mit merkwürdigen Symbolen bedeckt, die aussahen wie ein Text. Ich konnte es weder lesen, noch erkennen. Ich sagte mir, das müsse wohl die Sprache der Halter sein. Ich fragte ihn, warum er sie mir gab, und er sagte, er würde fortgehen. "Stirbst du?", fragte ich. Er schüttelte den Kopf, meinte, der Tod wäre besser. Doch er könne sich Ihnen nicht überlassen. Also musste er sich auf die einzige Art schützen, die ihm bekannt war. Da sah ich sie. Hinter dem Blumentopf auf dem Nachttisch neben ihm. Die Tasche. Ich sah meinen Vater an. Er sagte mir, dass er und sie sich gegenseitig schützen würden, dass dies der einzige Weg wäre. Das war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich meinen Vater weinen sah.

Drei Tage später las ich in der Zeitung über einen massiven Stromausfall im Krankenhaus, in dem mein Vater sich aufhielt. Später an diesem Tag bekam ich einen Anruf vom Krankenhaus, in dem man mir mitteilte, dass mein Vater vermisst werden würde. Doch ich wusste es. Ich wusste es genau wie Sie. Ich wusste, zu was er geworden war.

Heute gehe ich in den nahegelegenen Park, werde versuche die Schlange zu finden und den Hammer aufzuheben. Wenn ich lebe, werde ich ein weiteres finden und es an mich nehmen. So lange, bis ich genug habe. Dann werde ich zurückgehen und meinen Vater finden. Oder zumindest das, was einmal mein Vater war. Er ist jetzt ein Halter. Er hat einen neuen Namen. Der Halter des Endes.

-S.

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