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Mein Kopf war förmlich am Explodieren. Ich wusste weder wo ich war oder wie ich dahin gekommen war, ich wusste nur eins: Das dürfte eigentlich nicht so sein. Das Letzte, was ich noch wusste, war, wie ich in einem vollbesetzten Flugzeug ohne Rettung und mit einem mysteriösen Piloten in die Weiten des Meeres gestürzt war. War ich... war ich also tot? Ich musste es doch sein, oder? Wie sollte ich denn einen solchen Sturz überlebt haben? Völlig unmöglich. Ich schien irgendwo zu sitzen, ich spürte eine Art Stuhl unter mir. Mein Kopf war auf eine Platte gelegt, kalt und eisern. Was ging hier vor sich? Langsam hob ich meinen Kopf und durchlitt höllische Qualen, als würde sich jeder einzelne Wirbel meines Halses aus tausenden Stücken erst mühselig zusammensetzen. Mein Körper knackte, brennende und dumpfe Schmerzen fuhren wie zwei durchgedrehte Kutscher wild durch meinen Körper. Ich weiß nicht, wie ich es aushielt, einige Male stand ich kurz davor, mein Bewusstsein wieder zu verlieren, spürte, dass ich diese letzte Chance hier so gut wie verspielt hatte. Aber dann schaffte ich es doch, meinen Oberkörper wieder in eine aufrechte Position zu bringen. Die letzten Ausläufer der Pein zuckten noch durch meinen Hals. Dann schlug ich die Augen auf.

Ich hatte mit vielem gerechnet. Einem Krankenhaus, in das ich wundersamer Weise gebracht worden war. Oder die unendlichen Fegefeuer, in die ich für mein Vergehen an all diesen Passagieren gebracht worden war. Sogar ein Palast auf dem finsteren Grund des Meeres, beherrscht von einer überlegenen Fischspezies hätte mich wahrscheinlich weniger überrascht. Aber nein, stattdessen saß ich in einem Büro. Ja, ein Büro. Es war ein spartanisch eingerichteter Raum. Die Wände waren weiß, kein einziges Fenster durchbrach ihre Oberfläche. Mir gegenüber befand sich eine stählerne Tür, völlig schmucklos in ihrer Einfachheit. Sie fügte sich perfekt in die Kulisse. Ich saß auf einem dieser billigen Klappstühle, wie man sie manchmal beim Zelten verwendete, vor mir stand ein einfacher metallener Tisch, dessen glänzende Oberfläche das kalte Licht der Neonlampen zurückwarf. Und mir gegenüber, auf der anderen Seite, saß ein weiterer Mann und musterte mich.

Er war gekleidet wie einer dieser Ermittler aus einem alten Fernsehkrimi. Zerknitterter Anzug, wilde Haare, entschlossenes Gesicht. Ein Spitzbart überdeckte einen Teil seines Gesichts, der wirkte, als wären die Haare aus purer Finsternis entstanden. Er hatte einen dunklen Teint, wirkte fast arabisch. Doch das faszinierenste waren seine Augen. Als hätte man die gesamte Nacht in zwei Kugeln gepresst saßen sie dort in seinem Gesicht und starrten mich eindringlich an. Ich war so auf diese kleinen schwarzen Löcher fixiert, dass ich gar nicht bemerkt wie er seinen Mund öffnete und zu sprechen begann. "Sind Sie der Copilot der... verunglückten Maschine?" Es kam mir vor, als hätte er sich die letzten beiden Worte mühselig zusammenklauben müssen. Die Art, wie er sie aussprach, zeigte, dass er etwas anderes sagen wollen. Noch wie hypnotisiert von der so normalen und doch unglaublich autoritären Ausstrahlung des Mannes antwortete ich: "Äh ja. Der bin ich." Ein kurzer Ausdruck huschte über sein Gesicht, irgendetwas zwischen Enttäuschung und Trauer. "Wir werden dann hier wohl einige Fragen durchgehen müssen." Seine Stimme hallte durch den Raum, als würde sie gleichzeitig von allen Seiten und doch nirgendwo an mein Ohr herangetragen werden. Aber was wollte er denn für Fragen stellen? War ich hier etwa bei der Polizei oder so? War ich vielleicht... noch am Leben?

"Also, Frage eins: Wie viele Passagiere befanden sich denn ungefähr in Ihrem Flugzeug?" Seine Stimme klang zwar interessiert, aber seine Mimik machte sich keine große Mühe seine offensichtliche Langeweile zu verbergen. "Äh...so um die 200." Ich dachte er würde sich vielleicht Notizen machen, aber er sah mich einfach nur an und nickte. Was ging hier vor sich? "Und wie viele, glauben Sie, haben davon den Unfall überlebt?" "Ich denke, nur einer." "Und wer soll das gewesen sein?" Ich wollte antworten, aber ich kam kurz ins Stocken. War die Antwort nicht relativ offensichtlich? "Ähm...ich." Er verzog keine Miene, aber ich glaubte, in der undurchdringlichen Schwärze seines Blickes einen Funken Belustigung erkennen zu können. "Aha." Er musterte mich noch immer, sagte jedoch erst einmal nichts. Eine unangenehme Stille legte sich über die gesamte Szenerie. Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Ich war abgestürzt. War aufgewacht. In einem Büro, ohne augenscheinliche Verletzungen, aber mit großen Schmerzen. Ich wurde, nun ja, ich wurde verhört. Ein äußert befremdliches Verhör. Ein Verdacht überkam langsam meine Seele, so düster wie die Haare meines Gegenübers. Es war nicht unbedingt ein Gedanke, mehr ein Gewissen, eine Art Vorahnung, die ich schon die ganze Zeit gehabt hatte, ohne auch nur die Idee zu wagen, sie auszusprechen. Aber ich musste einfach erfahren was hier vor sich ging. Ich blickte in seine Augen und für einen Augenblick hatte ich das Gefühl, mich in der Endlosigkeit und Trostlosigkeit dieser vollkommenen Dunkelheit zu verlieren. Dann öffnete ich den Mund, um meine schlimmste Befürchtung loszuwerden. "Entschuldigen Sie, aber bin ich tot?"

Alles hier war so surreal. Ich befand mich in einem kahlen Raum, der einzige Ausgang für mich versperrt, durch meinen sonderbaren Gesprächspartner. Und als wäre das nicht schon genug fragte ich nun auch noch, ob ich tot sei. Er sah mich noch immer mit dem gleichen neutralen Ausdruck an, den er schon die gesamte Zeit besaß. "Ja, das sind Sie." Es traf mich wie ein Dolch in die Brust. Ein kaltes, unnatürliches Gefühl schlich sich in mein Herz und ließ sich dort wie die Schneekönigin nieder. Aber das war nicht die Überraschung oder der Schock über die Tatsache, dass ich nicht mehr am Leben war. So skurril das auch klingen mag, es war viel mehr die Überraschung, dass ich genau diesen Schock nicht erfuhr. Es wunderte mich kein bisschen. Ich war tot. Und weiter? Doch was machte ich dann hier? Oder passierte das hier überhaupt? "Ist das... ist das hier wirklich?" Er sah mich an. Starrte. Versuchte, in meinem Gesicht den Ernst dieser Frage zu erkennen. Dann lachte er.

Es war ein grausames Geräusch. Auf der gesamten Welt gibt es nichts, was diesem entsetzlichen Laut auch nur nahekommt und keine Sprache der Menschen kennt ein Wort, das dieses Geräusch beschreiben könnte. Ich konnte seine perfekten Zähne sehen, die wie spitze Klingen in seinem Mund steckten und ich spürte die Umgebung um mich erzittern. Ich sah, wie die Decke über mir Risse bekam und war mir auch bewusst, dass ich am besten unter den Tisch krabbeln sollte, aber ich war wie gelähmt. Er lachte und lachte, ein Klang, als würden gleichzeitig alle Vulkane des Planeten zu einer einzigen Sonate der Zerstörung ausbrechen. Das Licht begann zu flackern, so dachte ich zumindest. Doch dann sah ich, wie es wirklich war. Schatten, die aus allen Ritzen des Raumes zu quellen schienen, schossen auf meinen geheimnisvollen Partner zu und umhüllten ihn wie eine Aura der Finsternis. Seine dunklen Augen starrten mich an, purer Wahnsinn entsprang ihnen und vereinigte sich in mir mit der nackten Angst. Ich fühlte eine Furcht, wie kein lebendes Wesen sie je spüren sollte. Mein eigener Geist wurde von ihm angezogen, wie Eisen von eine Magneten, er strebte danach, sich mit der Masse aus Schwärze zu vereinen und diesem Mann, dieser Kreatur, zu dienen. Der helle Schein meines eigenen Ichs drohte meinen Körper zu verlassen, ich spürte wie er langsam die Oberfläche meiner Haut durchstieß und an den Stellen meines tiefsten Inneren eine schmerzhaft brennende Kälte zurückließ. Unter den höllischen Klang dieser Verdammnis mischte sich nun das Brechen der Wände, als würde ein gigantischer Tsunami über uns hereinbrechen. Dann war es vorbei.

Ich blinzelte. Dann nochmal. Nichts änderte sich. Ich saß wieder auf meinem Stuhl, der Mann mir ganz gelassen und ruhig gegenüber. Dann sprach er. "Ist es wirklich, fragst du mich?" Der pure Hohn schwang in seiner eiskalten Stimme mit. "Was ist denn überhaupt wirklich? War dein Leben wirklich? Ist es dieser Raum? Ist es diese Unterhaltung? Man weiß es nicht. Aber es spielt auch keine Rolle. Vielleicht suche ich dich auch nur in deinem eigenen Kopf heim, aber wo ist da der Unterschied? Tot hier zu sein oder für immer im eigenen Geiste. Ist das dann nicht auch eine Art des Todes? Ist der normale Alltag, die Routine eines jeden deiner Spezies nicht eigentlich auch der Tod? Der Tod zu Lebzeiten? Lebt ihr, wenn ihr euch doch nur jeden Tag den gleichen Dingen zuwendet? Nein, ihr seid schon tot in dem Moment, in dem ihr beginnt zu begreifen. Wenn ihr euch eures Seins bewusst werdet und der Gesellschaft in der ihr lebt, wenn es heißt, sich festen Schemata zu fügen, um zu leben, in diesem Moment sterbt ihr eigentlich schon. Wo wäre also die Verbesserung, wenn du eigentlich noch am Leben wärst, das alles hier nur eine, wie sagt ihr, Halluzination? Hast du denn überhaupt jemals gelebt? Ich glaube kaum. Im Prinzip steht ihr doch alle schon immer vor einem Abgrund. Jeder hat diese eine Sache, die er seine gesamte irdische Existenz fürchtet und am Ende dann doch von ihr eingeholt wird. Es gibt kein Entkommen, denn es gibt nur eine Sache, der sich eure Spezies wirklich sicher sein kann: den Tod. Und schon bald werdet ihr von meinen Geschwistern in diesen Abgrund gestürzt werden, weil ihr ihre Rache provoziert habt. Die Welt erhebt sich gegen euch, versteht ihr nicht? Und dieses Mal könnt ihr niemandem die Schuld dafür geben, denn sie liegt bei euch. Ihr habt die Geister der Natur gegen euch aufgebracht, ein Verbrechen, das nur mit Vernichtung gesühnt wird. Ihr werdet alle fallen. Aber ich werde hier sein, um euch aufzufangen. Verlasst euch darauf."

Die letzten Worte klangen aus seinem Mund wie die schlimmste Drohung, die er vorbringen konnte. Ich wollte etwas sagen, irgendetwas erwidern, doch ich konnte nicht. Die pure Macht, die seine Worte entfesselt  hatten, hielt mich zurück. Er würdigte mir noch einen verächtlichen Blick, dann stand er auf und ging zur Tür. Ich wollte etwas entgegnen, etwas um ihm die gute Seite der Menschen zu zeigen, die er anscheinend nicht sah. Doch ich konnte nicht. Selbst wenn ich sprechen hätte können, mir wären keine Worte eingefallen. Ich war doch nur ein armer Copilot, warum sollte ich die ganze Menschheit verteidigen? Wie sollte ich das schaffen? Er legte die Hand auf den Türknauf, dann sagte er, ohne sich umzudrehen: "Du glaubst noch an das Gute in eurer Art, hm? Deswegen hat mein Bruder dich vermutlich zu mir geschickt, er mochte euch von uns allen immer am meisten. Wahrscheinlich wollte er mich zur Sanftheit überreden. Was für ein jämmerlicher Versuch. Aber komm, überzeug mich. Warne deine Kameraden, vielleicht kannst du sie ja noch umstimmen." Er lachte kurz, dieses Mal jedoch mit einer tödlichen Ironie, die wie tausend kleine Nadeln auf meinen Kopf einprasselten. Dann, schon im Türrahmen, schnipste er und vor mir erschien ein Laptop. Ich sollte die Menschen warnen, hatte er gesagt. Auch wenn er mächtig war, überzeugt hatte er mich nicht. Es musste etwas in den Menschen geben, was ich wachrütteln könnte. "Ach ja, eins noch. nenn ihnen ruhig meinen Namen, wenn du hiervon erzählst..."

"Mein Name ist Tartaros. Ich bin der Abgrund."

<- vorheriger Teil


von Duschvorhang

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