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Ich war eine Kinderpsychologin und hatte schon immer eine große Empathie. In meinem Beruf habe ich viel mit Vergewaltigungsopfern, geistesgestörten Kindern und auch Mobbingopfern zu tun, Eigentlich mit allem. Immer wenn ich die Geschichten der Kinder und Jugendlichen hörte, wie sie Zuhause geschlagen werden, misshandelt oder mit dem Selbstmord kämpfen, fühlte ich mich schmutzig. Ich selbst hatte nämlich eine wunderbare Kindheit. Ich wurde nie geschlagen oder misshandelt. Nie kämpfte ich mit dem Selbstmord.

Die Welt ist ein wahrlich grausamer und ungerechter Ort. Wieso müssen all diese Kinder so leiden? Wieso gibt es überhaupt so viel Leid in der Welt? Egal in welche Zeitung oder in welcher Nachrichtensendung, man sah immer leidende Menschen. Immer. Auch auf Plakaten, überall hingen diese "Brot für die Welt" Plakate, auf denen Kinder zusehen waren, die mit traurigen und hungrigen Augen einen direkt in die Seele blickten.

Immer wenn ich solch ein Plakat sah, wurde ich traurig. Wieso war die Welt so ungerecht? Wenn wir hier in den reichen Ländern versehentlich ein Glas Wasser umstießen, war das nicht weiter schlimm. Wir wischten es einfach auf und dachten uns nichts dabei. Aber wenn in Afrika jemand versehentlich Wasser verschüttete war das, als ob jemand ein Stück seines Lebens wegwarf. Wir konnten so viel essen wie wir wollten, doch die armen Menschen in Afrika oder in den anderen armen Teile der Welt nicht.

Zurück zu meinem Beruf als Kinderpsychologin. Ich hatte ein neues Mädchen. Sie hieß Katrin Melron. Katrin war in meine Praxis reingestürmt und war klitschnass von dem Regen der an diesem Tag herrschte. Sie hatte anscheinend kein Termin, was nicht selten vorkam, weil die meisten Kinder ihre Probleme nicht ihren Eltern anvertrauen wollen. Sie flehte meinen Sekretär, Andre, an mich sprechen zu dürfen, doch dieser sagte Nein. Ich sagte ihm immer wieder das er die Kinder gefälligst reinlassen solle, doch er macht eh was er will.

Katrin flehte ihn weiter an und fing an zu weinen. Ich stand in meinem Büro, das Ohr fest an die Tür zum Flur gedrückt, um alles hören zu können. Als Andre ihr nochmal sagte, dass sie jetzt gehen solle und erst wieder kommen sollte wenn sie einen Termin hätte, trat ich aus meine Tür und sagte: "Ach Andre. Lass das Mädchen doch rein." Ich liebte es wenn Andre mich verständnislos anguckte, ich weiß nicht wieso, aber ich liebte es. Er murmelte noch irgendwas vonwegen, dass das schlecht fürs Geschäft wäre, wenn ich immer die Kinder ohne Termin reinlassen würde. Irgendwie hatte er damit auch Recht. Immerhin verdienen ich so weniger Geld. Aber wenn ich ehrlich bin, ist mir das egal.

Jeder braucht jemanden der einem zuhört und sein Problem erzählen kann, also bin ich da, für jeden, ob Termin oder nicht. Katrin blickte mich dankbar an. Dieser Blick, dieser unendlich dankbare Blick. Ich winkte sie in mein Büro. Sie ging herein und setzte sich auf den Stuhl, der vor meinem Schreibtisch stand. Mit ihren nassen blonden Haar, ihrer nassen Kleidung, dem langen Gesicht und den bei nahe komplett schwarzen Augen, saß sie nun da. Ich ging um den Schreibtisch und setzte mich ebenfalls, gespannt auf die Geschichte die sie mir gleich erzählt.

"I-Ich w-weiß d-das, d-das w-was ich i-ihnen nun er-erzähle se-seltsam u-und un-glau-unglaubwürdig klingt... a-aber es... e-es i-ist w-w-wahr." Ich lächelte sie an. Wie oft ich diesen Satz schon gehört habe.. Katrin wartete eine Minute und begann mit fester Stimme mir eine unglaubliche Geschichte zu erzählen: "Ich habe in letzter Zeit seltsame Träume. Ich... ich träume das ich umgebracht werde... Diesen Traum hab ich seit... ein Unbekannter meine Mutter misshandelt hat. Meine Mutter ist daran gestorben. Ich weine mich jeden Tag in den Schlaf deswegen..." Katrin holte kurz Luft und fuhr wieder fort: "In meinen Träumen weine ich und liege wie ich eingeschlafen bin in meinem Bett. Nach einer kurzen Zeit kommt eine Frau und setzt sich zu mir. Sie streichelt mir die Haare und flüstert immer wieder den gleichen Satz, es ist ein Englischer Satz, aber man hört deutlich das sie eine Deutsche ist. Der Satz lautet: 'Don't cry... I'm here.' Kurz nachdem sie diesen Satz flüstert spüre ich ein schmerzhaftes Stechen in meinem Bauch. Es fühlt sich so echt an... Immer wenn ich zu meinem Bauch schaue sehe ich das sie mich mit einem Dolch erstochen hat." "Wie sieht die Frau denn aus?"

Katrin starrte mich ängstlich an und erklärte mir: "Sie, sie sind die Frau." Ich hauchte ungläubig: "Was?" Wie konnte das sein?! Ich bin diesem Mädchen noch nie begegnet! Wie kann sie von mir träumen?! "Bist du dir sicher Katrin?" Sie nickte. "Immer... nachdem ich diesen Traum mit ihnen hatte, fühlte ich mich... seltsam glücklich..."

Sie erzählte mir noch wie glücklich sie sei mich gefunden zu haben. Dann ging sie, mit einem Lächeln auf den Lippen.

Die nächsten Wochen waren so seltsam. Immer mehr meiner Schützlinge, wie ich sie gerne und liebevoll nannte, erzählten mir das sie von mir träumen würden. Wie ich sie umbringe... Und diesen Satz flüsterte. Auch waren alle, wie Katrin glücklich nach dem Traum.

Als ich wieder nach einer Schicht nach Hause kam, setzte ich mich auf mein Sofa und dachte über die Aussagen der Kinder nach. Wenn alle von mir träumen... Und ich in jedem Traum sie umbrachte. Und sie sich danach glücklich fühlten. Wieso... Setzte ich das dann nicht in die Tat um? Wenn es sie glücklich macht... und tröstet. "Ein blöder Gedanke", sagte ich zu mir selbst. Doch, je mehr ich darüber nach dachte, desto besser fand ich die Idee.

Laut einem Jungen namens James, trug ich in seinem Traum ein zerrissenes weinrotes Kleid und eine Kette mit einer Perle in der Form einer Träne. All dies besaß ich. Nur das Kleid war nicht zerrissen. Ich zog es an und suchte die Kette. Ich fand sie in meiner Schmuckschachtel. Es war eine meiner Lieblingsketten. Ich öffnete die Öse und legte sie mir um. Als ich das Kästchen zurück stellte fiel mein Blick auf den Spiegel. Ich hatte blondes Haar, was ich zu einem Zopf gemacht über meine Schulter gelegt hatte. An meinem Hals hatte ich eine Narbe, die von einem kleineren Unfall kam. Meine Blauen Augen schauten prüfend an meinem Körper herunter. Alles stimmte. Nur einen Dolch hatte ich nicht. Oder? Ich überlegte, dann fiel mir ein, dass ich einen kleinen goldenen Dolch besaß, welcher in meinem Nachtschrank lag. Ich lief durch die Tür in mein Schlafzimmer und durchwühlte meinen Nachtschrank. Der Dolch lag ganz unter in einer ledernen Dolchscheide. Diesen Dolch hatte ich von meinem Großvater bekommen, nachdem er gestorben war.

Lange Zeit überlegte ob ich das wirklich machen sollte. Doch die Seite die 'JA!' sagte siegte. Ich griff nach dem Dolch, zog ihn aus der Scheide und schaute ihn mit einem Lächeln an. Das Lächeln wurde immer breiter und breiter und wurde schließlich zu einem fröhlichen Lachen. Lachend steckte ich den Dolch wieder zurück und verließ mein Haus.

Mein erster Patient, den ich von seinem Kummer erlösen wollte, war Katrin. Ich lief durch die Straßen meiner Stadt. Fast eine Stunde suchte ich nach ihrem Haus. Bis ich es schließlich fand. Katrin stand vor ihrem Fenster und weinte, nach einer halben Minute machte sie ihr Fenster weit auf und zog die Vorhänge zu. Ich wartete noch eine halbe Stunde in der Kälte ehe ich die Wand (Zum Glück waren es Ziegel) zu ihrem Fenster hoch kletterte. Ganz leise schnarchte Katrin und um sie nicht zu wecken schlich ich zu ihrem Bett. Vorsichtig setzte ich mich auf die Bettkante und beobachtete Katrin wie sie, noch mit Tränen in den Augenwinkeln, schlief. Ich zog den Dolch aus der Scheide und nahm ihn in die Hand, fest entschlossen diesen gleich zu benutzten.

Katrin schreckte auf. Offenbar war der Traum zu Ende. "Du...", hauchte sie. "Ja... ich" Ich streichelte ihr das Haar und flüsterte zu aller ersten mal: "Don't cry... I'm here." Nach diesem Satz stach ich mit dem Dolch zu. Sie schrie nicht. Sie starb ganz ruhig.

Seit meinem ersten Mord sind nun schon einige Tage vergangen. Natürlich war es in den Nachrichten gewesen. Ich hatte keine Angst das sie mich fanden. Meine Praxis habe ich geschlossen. Schließlich habe ich jetzt wichtigeres zu tun.

Nämlich: Jeden, der traurig war, auf meine Art zu trösten. Ich hatte sogar schon einen geeigneten Namen gefunden. Ich nenne mich ab heute Tears.

Tränen.

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