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„Ich fühle mich bedroht.“. Ein simpler Satz, der aus meinem Mund kam, mit einer erstaunlich festen Stimme, die ich mir selbst gar nicht zugetraut hätte. Nicht in meiner Situation.

Der Mann, dem ich gegenüber saß, blieb gelassen. Sicherlich hörte er solche Aussagen viel zu oft. Immerhin war er von Berufs wegen Bodyguard. Und offensichtlich einer, dem man sein Leben anvertrauen konnte: Etwa 1,90 Meter groß, breite Schultern und Arme wie ein Braunkohlebagger. Ein kräftiger Kerl, der jeden, der ihn, beziehungsweise mich, bedroht, in der Luft verhungern lassen könnte.

„Sie haben ja schon am Telefon eine Menge erzählt.“, merkte er mit einer tiefen, rauen Stimme an: „Aber Sie sagten auch, Sie hätten etwas neues bekommen?“.

Ich nickte und griff in meine Tasche, um ihm mit zittriger Hand den Brief zu geben, der heute vor meiner Haustür lag. Weißes Druckerpapier, mit einem Text bedruckt, der mir das Blut in den Adern hat gefrieren lassen:


Du solltest lieber vorsichtig sein, sonst kann es sein, dass dir eines Tages ein Schatten erscheint. Anfangs wirst du ihn nur als Einbildung sehen, doch sobald meine warme Klinge in dein Fleisch schneidet und dein Blut aus deinen Venen tropft, wirst du feststellen, dass das, was du getan hast, Unrecht war. Nur schade, dass dir dieses Wissen nichts mehr nützen wird. Vielleicht werde ich in den letzten Minuten deines bedauerlichen Daseins Salz in deine Wunden schütten oder ein wenig darin herumstochern, nur damit du weißt, welche grausamen Erfahrungen ich durch dein Verhalten habe einbüßen müssen.


Sein Gesicht hatte sich ein wenig verzogen, während er den Brief las. Dann senkte er ihn und sah mir in die Augen: „Ich will ehrlich zu ihnen sein, Miss. So eine heftige Drohung habe ich selten gesehen. Ich muss Sie jetzt fragen: Haben Sie eine Ahnung, wer diesen Brief geschrieben haben könnte? Und warum?“.

Ich schüttelte den Kopf: „Ich... weiß es wirklich nicht. Seit einiger Zeit werde ich von jemandem verfolgt, und vermutlich hat dieser Jemand auch den Telefonterror gestartet, der mich seit einigen Tagen in die Verzweiflung treibt. Zuerst nur eine Begrüßung, dann Drohungen. Und jetzt dieser Zettel... Aber ich weiß wirklich nicht, wer er ist, oder warum er das tut.“.

Er musterte mich. Hatte er bemerkt, dass ich gelogen habe? Nein, zum Glück nicht. Er gab mir seine Zustimmung für Personenschutz zu sorgen, was mich ungemein beruhigte. Der Kerl, der diesen Zettel geschrieben hatte... Er würde seine Drohung wahr machen, da war ich mir sicher.



In dieser Nacht schlief ich das erste mal seit langem wieder ruhig. Nur kurz war ich aufgeschreckt, weil ich sein Gesicht im Traum gesehen hatte, und musste an das denken, was ich getan hatte.

Es war in der Schule. Ich war eines dieser Mädchen, die sich für besser hielten, besser als alle anderen. Ich gehörte damals zu einer Clique aus fünf Mädchen, und wir waren alle etwa Siebzehn, als wir angefangen haben, diesen kleinen Jungen zu mobben. Ein Sechstklässler, den wir einfach nicht leiden konnten. Er war dick, langsam, er konnte sich nicht wehren.

Ich will mich nicht an Einzelheiten erinnern, aber es steht fest: Ich habe jeden Grund anzunehmen, dass er seine Drohung wahr machen will.

Selbst wenn ich nicht die letzte von meinen Freundinnen wäre, die noch nicht ermordet wurde.


Als ich am nächsten Morgen mein Zimmer verlassen wollte, erschrak ich, als plötzlich dieser Muskelberg mit dem Rücken zu mir stand. Er hatte tatsächlich die ganze Nacht wache gehalten.

Ich wünschte ihm einen guten Morgen, und er fragte, ob ich gut geschlafen habe. Der übliche Smalltalk. Danach ging ich unter die Dusche, um mich für den Tag frisch zu machen.


Zuerst wollte ich einkaufen, wobei ich mir ein wenig komisch vorkam, mit diesem Bodyguard, der mir überall hin folgte, aber es hatte seine Vorteile.

Bis zu meinem üblichen Nachmittagsspaziergang.


Er führte mich wie üblich durch den nahe gelegenen Park, einen Ort, an dem man für sich sein konnte, ohne auf die Gesellschaft anderer Menschen verzichten zu müssen, und gerade das war mir in letzter Zeit immer wichtiger geworden. Der Natur war ich schon immer gerne nahe gewesen.

Dieses Mal war es nicht ganz so angenehm, wegen meinem Leibwächter, aber dieses Opfer war ich gerne bereit einzugehen.

Ich hatte mich spontan dazu entschieden, mich auf eine recht einsam gelegene Bank zu setzen (mein Bodyguard setzte sich sofort daneben), als ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm.

Ich sah mich um und blieb schließlich an einem Mann hängen, der sich lässig und doch irgendwie angespannt an einen Baum gelehnt hatte, nur maximal zwanzig Meter von mir entfernt. Er hatte einen grauen Kapuzenpullover an und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, aber als ich ihn ansah, hob er den Kopf.

Selbst auf die Entfernung konnte ich diese kalten, toten Augen erkennen.

Ich muss angefangen haben zu zittern oder schneller zu atmen, denn auf einmal hörte ich die Stimme meines Leibwächters fragen, ob alles in Ordnung sei. Als Antwort deutete ich nur auf die Stelle, an der der Kerl gestanden hatte. Im selben Moment schnellte der Mann auf und rannte davon, noch bevor ich oder mein Wachmann irgendwie hätten reagieren können.

„War das der Kerl? Der, der Sie belästigt?“. Ich nickte. Dann flüsterte ich: „Ich... ich will nach Hause.“.


Den restlichen Tag über verbrachte ich in meinem Haus. Hinter verschlossenen Türen und Fenstern. Ich wartete, bis der Abend hereinbrach, stumm und angespannt. Mein Bodyguard ist zwar überaus nützlich und beruhigend, aber für ein lustiges Gespräch ist er nicht zu haben.

Ich ging dieses mal ein wenig früher ins Bett, und wegen meiner Anspannung dauerte es auch ein wenig, bis ich einschlief.



Ein dumpfer Aufschlag weckte mich. Es hörte sich so an wie ein zusammengerollter Teppich, den man auf den Boden wirft.

Ich richtete mich auf, steif vom langen Liegen, und stolperte zur Tür. Öffnete sie einen Spalt.

Und wurde zurückgeworfen, als sie mit Wucht aufgestoßen wurde.

Ich fiel zu Boden, knallte mit dem Kopf auf und sah für einen Moment Sterne. Im nächsten die Blutlache, in der mein Bodyguard lag.

Dann bemerkte ich das Paar Füße, das vor mir stand, und folgte ihm mit dem Blick, die Beine nach oben, den Torso entlang... bis zu den kalten, toten Augen.

„Ich hatte dich gewarnt.“, hauchte die emotionslose Stimme des Mannes, der mir die Hölle verdankte: „Ich hatte dich gewarnt. Jetzt ist es zu spät.“.

Ich blieb einfach liegen. Tat nichts mehr. Mein Kopf schmerzte, und nur unscharf erkannte ich einen länglichen, glänzenden Gegenstand in seiner rechten Hand. Ein Messer?

Merkwürdigerweise spüre ich keine Angst, nur Taubheit.

Er hockt sich nieder und murmelt:

„Du solltest lieber vorsichtig sein, sonst kann es sein, dass dir eines Tages ein Schatten erscheint. Anfangs wirst du ihn nur als Einbildung sehen, doch sobald meine warme Klinge in dein Fleisch schneidet und dein Blut aus deinen Venen tropft, wirst du feststellen, dass das, was du getan hast, Unrecht war. Nur schade, dass dir dieses Wissen nichts mehr nützen wird. Vielleicht werde ich in den letzten Minuten deines bedauerlichen Daseins Salz in deine Wunden schütten oder ein wenig darin herumstochern, nur damit du weißt, welche grausamen Erfahrungen ich durch dein Verhalten habe einbüßen müssen.

Ich habe dich gewarnt. Jetzt bezahlst du.“.

Kurz darauf begann die Taubheit dem Schmerz zu weichen.

Und es dauerte lange, bis der Schmerz dem Licht wich.

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