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Kapitel 5 - 9 (von 14) Bearbeiten

Den Plan zu planen ist der halbe Spaß Bearbeiten

'I'm learing all your tricks'

In den nächsten paar Tagen war Hermine mies drauf. Seit der Feier nach Rons Sieg und seinem Kuss mit Lavender, den sie mit ansehen musste, spürte die Braunhaarige, wie etwas in ihr zerbrach. Nein, nicht einfach zerbrach. Sich befreite würde es viel besser beschreiben. Hermine hatte das Gefühl, irgendetwas hätte bei dem Anblick des Liebespaares seine Ketten gesprengt.

Und dieses Etwas freundete sich nur zu gut mit dem grünäugigen Monster an, welches ihren Körper schon seit längerem fest im Griff hatte. Ihn zermahlte und zerrieb in Gefühlen, die bitter in ihrem Mund schmeckten: Neid, Hass, Wut, Empörung und verletzter Stolz. All das vereinte sich zu einem Schmerz, der sich tief in ihre Psyche grub wie eine frische Wunde.

Aber es gab einen Weg diesen Schmerz zu mildern. Hermine dachte schaudernd an das Gefühl, was sie empfunden hatte, als sie Ron mit den Vögeln attackiert hatte. Es hatte sich so befreiend, befriedigend, gut angefühlt. Eine grimmige Genugtuung war über sie gekommen, zusammen mit einem wilden, unbezähmbaren Trieb, von dem sie gar nicht gewusst hatte, dass er existierte. Hermine hatte Ron leiden lassen. Zwar nur kurz, aber es hatte einen wohligen Schauer über ihren Rücken gesandt. Dieses Mal hatte sie am längeren Hebel gesessen und hatte ihn verletzt. Oh süße Qual...was würde ich dafür geben, dies erneut zu erleben?

Doch das Gefühl des Triumphes und der Genugtuung war nur von kurzer Dauer gewesen. Schließlich liebte Ron Lavender. Diese widerliche, rose Barbie-Puppe! Sie himmelte ihn an und er ließ sie gewähren. Lavender knutschte Ron dermaßen oft ab, dass man meinen könnte, sie könne ihren Libido nicht genug ausleben. Und Ron hatte bei der Feier zum ersten Mal mitgemacht.

Er hatte sie geküsst! Vor ihren Augen! Hermine spürte, wie sie schon bei dem Gedanken am liebsten wieder weinen wollte. Oh, wie sehr ich sie hasse! Alle beide! Das Mädchen dachte an die Stimme, die sie gehört hatte. Wären beide oder auch nur einer von ihnen tot, dann wäre ihr Herz befreit. Befreit von all dem Schmerz und der Neid. Das grünäugige Monster wäre weg.

Hermines schlechte Laune ließ sie wirklich an allem und jedem aus. Das Mädchen schnauzte jeden an, der sie auf irgendetwas ansprach, lief mit leicht geschlossenen Augen und in die Luft gereckter Nase durch die Gänge und ihre Hand umklammerte den Zauberstab so sehr, als müsse sie ihn Lavender in den Hals rammen, um sich abzureagieren.

Die einzige Person, die Hermine an sich ran ließ, ohne sofort wie eine gereizte Katze ihr die Augen auszukratzen, war Harry. Der Schwarzhaarige hatte gemerkt, dass sie litt, war zu ihr gekommen, damit sie sich nicht alleine fühlte. Harry hatte ihr zugehört, wie sie ihm berichtet hatte, wie sie sich fühlte. Wie sehr sie von ihren Gefühlen zerrissen wurde. Liebe. Das schlimmste aller Gifte. Vor allem, wenn es in der falschen Dosis und im falschen Moment verabreicht wurde.

Die junge Gryffindor marschierte gemeinsam mit Harry durch die Gänge. Durch die hohen Fenster fiel das Sonnenlicht und Hermine konnte den Schnee erkennen, welcher in seiner ganzen Pracht funkelnd auf dem Rasen verstreut lag. Die Braunhaarige sog die kalte Luft ein, welche hereinwehte und sich angenehm mit der warmen Raumtemperatur mischte.

Hermine wurde langsamer und ihre Augen verengten sich hasserfüllt, als sie Ron und Lavender erblickten, die auf einem Fenstersims saßen. Das Mädchen mit den schmutzig braunblonden Haaren hatte wie üblich seine eine Hand mit ihren Fingern umklammert und schmiegte sich an ihn. "Ach, das ist mein Won-Won." Die widerliche, hohe Mädchenstimme drang an Hermines Ohr und ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Oh, wie ich sie hasse! Ich hasse sie mehr als das Leiden der Hölle. Sie ist meine Hölle auf Erden.

"Komm", wandte Hermine sich hastig an Harry und zog an seinem Arm, "Ich muss hier raus." Der Schwarzhaarige nickte und folgte ihr. Das braunhaarige Mädchen stürmte an Ron vorbei, nicht ohne ihm einen bitterbösen Blick zuzuwerfen. Selbst aus dieser Entfernung konnte sie die winzigen Kratzer sehen, welche die Vögel in seiner Haut hinterlassen hatten. Es tat so gut sich diesen Moment in Erinnerung zu rufen. Diese grimmige Genugtuung erneut zu spüren. Doch zugleich ahnte Hermine, dass dies ihren Hass nur noch mehr schüren würde, wachsen lassen würde wie eine lodernde Flamme, in die der Wind bläst.

Harry und Hermine stiegen die kleine Steintreppe herab, welche auf den Hang führte. Überall lag Schnee. Er bedeckte weich und flockig den Boden, lag schwer auf den Ästen und malte weiße Tupfen auf die Granitfelsen. Zwischen die Tannen sah Hermine den See aufblitzen. Eine schillernde, hellweiße Fläche. Die Luft war kühl und eine leichte Brise zerzauste ihr Haar.

"Komm, ich will sehen, ob der See gefroren ist", wandte Hermine sich an Harry. Es war eine sinnlose Beschäftigung und sie diente einzig und allein der Ablenkung. Der Schwarzhaarige klapperte mit den Zähnen und verschränkte die Hände unter den Achseln. "Bei der Kälte", stieß er schlotternd hervor, "Garantiert. Ich glaub, das ist bisher der kälteste Tag in diesem Jahr." "Sei nicht albern, Harry", tadelte ihn die Braunhaarige liebevoll, "Ich erinnere mich an einige Winter, wo die Tage kälter waren."

Ihre Stiefel knirschten im Schnee, als die beiden den Hang hinunterstiefelten. Als sie sich den Granitfelsen nährten, ertönte auf einmal eine aalglatte, höhnische Stimme: "Na so etwas, Granger, willst du dich aus Liebeskummer im See ertränken?" Was? Das darf ja wohl nicht wahr sein. Mit vor Wut gesenkten Brauen blieb Hermine einige Schritte vor den Granitfelsen stehen und starrte zu der Person, die davor stand.

Es war ein Junge, flankiert von zwei weiteren. Diese waren so groß und stämmig, dass sie wie die Bodyguards des Schlanken wirkten. Ihre dumpfen, stumpfen Gesichter zeichneten schwache Züge von grobschlächtiger Grausamkeit ab und sie ballten die fleischigen Fäuste.

Der Junge in der Mitte hatte ein spitz zulaufendes, blasses Gesicht und helle, weißlich blonde Haare. Seine hellen Brauen passten sich elegant der Form seiner silbrig grauen Augen an, welche verächtlich funkelten. Er trug einen edel geschnittenen Mantel aus schwarzem Samt und sein Haupt bedeckte eine Mütze aus Dachsfell. Hermine hatte sogar den Verdacht, dass Dracos Handschuhe aus Hermelinfell gefertigt waren. Diese Familie ist so.....unmenschlich, gemein.... Entrüstet knirschte das braunhaarige Mädchen bei dem Gedanken mit den Zähnen.

"Wisst ihr", fuhr Draco Malfoy hämisch fort, "wenn ich es genau nehme, so muss ich Weaselbee jetzt mal loben. Endlich hat er mal eine richtige Entscheidung gefällt. Gewiss, Brown ist eine nervtötende Tratschtante, aber immerhin ist sie reinblütig. Etwas, was man von dir ja nicht behaupten kann. Wahrlich, wer würde ein Schlammblut wie dich lieben?"

Die Wut schoss durch Hermines Wirbelsäule in ihren Kopf wie der Schmerz, wenn man auf einen Dorn getreten war und dieser sich tiefer in die Haut bohrte. Das Mädchen beschleunigte seine Schritte. Ihre braunen Haare flogen bei der schnellen, ruckartigen Bewegung. Hermines Augen blitzten und sie stürmte wie ein aggressiver Panther auf Malfoy zu.

Crabbe und Goyle hoben die Stäbe. Na wartet, so nicht! Hermine war schneller. "Furunkulus!", rief die Braunhaarige aus und wies mit ihrem Stab auf die Gesichter der beiden. Sofort quollen unzählige, hässliche, rote, eitrige Pickel aus der Haut und bedeckten die Antlitze der beiden fetten Jungen wie ein widerlicher Ausschlag.

Malfoy warf einen raschen Blick auf seine beiden Beschützer, welche wimmerten und sich krümmten. Sein blasses Gesicht wurde noch heller. Er entschied sich für den Rückzug. Draco versuchte an Crabbe und Goyle vorbei den Hang hoch zulaufen, doch er hatte den Schnee nicht in seine Überlegung mit einbezogen: Der hellhaarige Junge rutschte auf dem schlurfigen Weiß aus und fiel auf seinen Rücken.

"Du! Du verachtenswerte, kleine, widerliche Kakerlake!", spie Hermine aus. Schon war sie über dem Blondhaarigen, beugte sich vor und packte seinen Schal. Während das Mädchen diesen brutal anzog, sodass Malfoys Kopf etwas angehoben wurde, richtete sie ihren Zauberstab auf sein Gesicht und sagte: "Nimm zurück, was du da eben gesagt hast! Nimm es zurück!"

"Sonst was?" Dracos Stimme klang ungewöhnlich laut, hastig, übertrieben überzeugend, er versuchte tatsächlich von seiner Situation und der damit verbundenen Angst abzulenken, "Was wirst du dann machen? Mich so lächerlich verhexen wie die da? Ich wette, du kannst noch nicht einmal einen schwarzmagischen Zauber, Granger."

Hermine bebte. Ihr Zauberstab zitterte in ihrer Hand. Das Haar tanzte bei ihren raschen Atemzügen. Dieser arrogante, dreiste, eingebildete, verlogene.... Dass er sich das traute! Und doch, sie konnte erkennen, dass Draco Angst hatte. Er gab es nur nicht zu. Er versteckte seine Furcht hinter diesem lächerlich wichtigtuerischen Gehabe.

"Du niederträchtiger, kleiner Bastard", stieß Hermine hervor. Bedrohlich langsam ließ sie seine Krawatte los und richtete sich auf. Draco atmete auf. Offenbar schien er noch mal davon zu kommen. Das glaubst aber auch nur du.

Die Braunhaarige wandte sich etwas ab, holte aus und schlug zu. Ein scharfes Rumsen, begleitet von einem gepeinigten Aufschrei ertönte. Hermine stand auf und ging einen Schritt nach hinten. Draco kam mühevoll auf die Beine. Sein Gesicht war verzogen vor Schmerz. Aus seiner Nase tropfte Blut.

Draco stolperte zu Crabbe und Goyle, die wimmernd ihre Pickel befühlten. Er schien irgendeine Beleidigung zu suchen, die er Hermine zurufen konnte, um das letzte Wort in diesem Streit zu haben, aber da ihm offenbar nichts einfiel, ließ er es bleiben und rannte davon. "Malfoy, warte!", brüllten seine beiden dicken Kameraden und rannten ungelenkig hinterher.

Hermine sah ihnen nach. Gut.... Es hatte sich so unglaublich gut angefühlt, Malfoy zu verprügeln. Gewiss, schon in der dritten Klasse hatte sie ihn damals ziemlich umgehauen. Aber das...das fühlte sich viel befreiender an. Immerhin hatte Draco sie sehr gekonnt beleidigt. Indem er ihre größte Schwäche ausgenutzt hatte. Ihre Zuneigung zu Ron, der sie ohnehin nicht mehr sah. Nur noch seine blöde Barbietussi. Ich hasse sie. Ich hasse sie alle drei.

Harry stand etwas oberhalb des Hanges. Hermine konnte nur seine Seite sehen, da er den Blick von ihr abgewandt hatte und ebenfalls Malfoy, Crabbe und Goyle nachsah. Dann wandte der schwarzhaarige Junge sich um. Zu Hermines Überraschung lächelte er fast schon ein bisschen schadenfroh.

"Das war stark", meinte Harry anerkennend, "Wirklich." Hermine nickte dankbar. Stimmt. Es war nicht nur stark gewesen, es hatte sich auch sehr, sehr gut angefühlt. Berauschend. Erneut hatte sie Malfoy dominiert. Nur für einen kurzen Moment. Wie er geschaut hatte. Wie ein verschreckter Junge. Herrlich. Genauso wie der verstörte Gesichtsausdruck von Ron, welchem das Blut aus den Kratzwunden ins Auge gelaufen war, sodass er blinzeln musste.

Macht. Berauschend wie guter Wein. Die Freude daran, andere leiden zu sehen. Erquickend wie frisches Gift. Beides zusammen eine gefährliche Mischung. Und doch genoss Hermine diese Mischung. Dieses Böse, Animalische, Wilde, was so frei von den Grenzen der Schule und des Zaubereiministeriums war.

Eine kalte Hand legte sich ihr zwischen die Schulterblätter. Hermine spürte einen kühlen Atem, der ihre Ohrmuschel liebkoste. Die Stimme, samtig, weich und leise, hauchte: Töten, töten...Zeit zum töten. Das braunhaarige Mädchen wollte sich umdrehen, um dem Sprecher ins Gesicht zu blicken, doch dies klappte nicht. Also beschränkte sie sich nur darauf Luftzuholen und zu fragen: Wirklich? Jaaa!, war die gewisperte Antwort.

Das Licht des Mondes malte fahlen, perlmuttartigen Glanz auf die Säulen der Gänge, den Spiegelglatten Boden und ließ Schatten über die hübsch verzierten Wände huschen. Diese wurden noch stärker und die gesamte Umgebung grauer und dunkler, wenn sich hin und wieder einzelne Wolken vor das weiße Auge schoben, welches am dunklen Himmel prangerte. In der Ferne schrie eine Eule.

Tap, tap, tap. Die leisen Schritte waren kaum zu hören. Der Urheber schlich durch den Gang, lautlos und geschwind wie ein Schatten. Selbst die scharfen Augen Mrs Norris, der mageren, räudigen, staubgrauen Katze des Hausmeisters Argus Filch, würden nichts Verdächtiges bemerken.

Hermine fühlte den Umhang kaum, welcher ihren Leib bedeckte. Der Stoff war fein wie Seide, weich wie Samt und leichter als Luft. Er glitt ihr durch die Finger wie Wasser. Die Braunhaarige wusste, sollte Harry jemals herausfinden, dass sie seinen unsichtbar machenden Tarnumhang entwendet hatte, würde er vor Zorn die Wände hoch gehen. Der Mantel bedeutete ihm alles, war er doch ein Geschenk seines Vaters gewesen. Aber das, was Hermine vorhatte, erforderte die Möglichkeit, unsichtbar zu sein.

Die Bücherei war in der Dunkelheit ein ganz neuer Ort. Die Regale schienen entweder mit den Wänden zu verschmelzen oder selbst zu Wänden zu werden, die Hermine einengten. Die Seiten der Bücher raschelten empört, als wüssten sie, dass jemand unbefugt hier eingedrungen war.

Hermine legte den Tarnumhang nicht ab. Noch bestand die Möglichkeit, dass Filch bei einem seiner Kontrollgänge sie entdecken würde. Oder Mrs Norris würde hinein platzen. Diese skelettdürre Gestalt hatte die Angewohnheit wie aus dem Boden gewachsen vor einem zu stehen, den Schüler anklagend aus ihren großen, unheimlich leuchtenden, lampenartigen, gelben Augen anzustarren und dann mit einem schauerlichen Miauen Flich herbei zu rufen.

Hermines Ziel lag im tiefsten Winkel der Bücherei. Kaum zu finden zwischen den dunklen Regalen befand sich ein abgetrennter Bereich. Dunkles Glas, durchzogen von Facetten und metallenen Adern verbarg den Einblick ins Innere. Über einer dunklen Tür, die mit einem schweren Riegel verschlossen war, stand in goldenen Buchstaben 'Verbotene Abteilung'.

Argwöhnisch spähte Hermine, immer noch verborgen unter dem Tarnumhang, hinter sich. Es wäre wahrlich ungünstig, wenn sie jetzt den Mantel ablegen und Filch sie dabei beobachten würde, wie sie die Verbotene Abteilung betrat. Dieser Bereich war nicht umsonst den Schülern nicht zugänglich. Die Bücher behandelten schwarz-magische Themen, welche in Hogwarts nicht gelehrt wurden.

Aber niemand war gerade anwesend. Weder der unheimliche Hausmeister, noch seine skelettdürre Gruselkatze. Hermine holte tief Luft und legte den Tarnumhang ab. Sie faltete den schimmernden Stoff sorgfältig zusammen und legte ihn in eine kleine beutelartige Tasche aus lila Stoff, durchzogen von hellvioletten Streifen. Das Mädchen zurrte den Beutel zusammen und steckte ihn in ihre Hosentasche.

Ihre Finger umschlossen den Riegel, zogen ihn zur Seite und sie drückte die Tür auf. Die Atmosphäre hier war ganz anders als in dem Bereich der Bibliothek, der der Öffentlichkeit zugänglich war. Die Luft fühlte sich viel feuchter an und schmeckte fahl und bitter auf Hermines Zunge. Staub kitzelte in ihrer Nase und Moder betäubte sie, zusammen mit dem Duft von abgegriffenen Leder.

Und doch war da noch etwas anderes. Etwas, das Hermine nicht benennen konnte. Es fühlte sich dunkel an, bedrohlich und kalt. Als würden Schatten aus den Ritzen im Holz und den Buchstaben fließen und ihre Finger nach ihr ausstrecken. Stimmen flüsterten ihr Verführungen ins Ohr.

Hermine zog ihren Zauberstab. Sie war froh, dass Harry ihr damals im ersten Jahr von seinen Erfahrungen in der Verbotenen Abteilung erzählt hatte. Eine hastig umgestoßene, erloschene Lampe hatte ihn damals verraten. Hermine wollte nicht denselben Fehler machen.

"Lumos." Um die schmale Spitze erstrahlte ein weißer Lichtpunkt. In seinem Schein konnte Hermine die Verbotene Abteilung zum ersten Mal besser betrachten. Mehrere dunkle Regale standen hintereinander. Der Abstand zwischen ihnen war so schmal, dass man gerade so hindurch passte. Die Bücher, welche in den Regalen standen, waren alle sehr dick, sehr schwer, uralt und in abgenutztes Leder geschlagen. Manche Titel waren mit sonderbaren Zeichen bedruckt, die noch älter zu sein schienen als die Runen, welche Hermine dank ihres Wahlfaches sehr gut beherrschte.

Langsam wie ein schweigender Schatten lief Hermine an den Regalen entlang. Ihre Füße knarrten leise über die Dielen. Doch ansonsten wurden alle Geräusche von der beängstigenden Stille verschlungen, die hier herrschte. Flüche und Gegenflüche, las Hermine, Magier des neunzehnten Jahrhunderts, Foltermethoden - Von der Antike bis zur Neuzeit, Die dunkelsten Geheimnisse der Schwarzen Magie.

Das Mädchen blieb vor dem Regal mit dem betreffenden Buch stehen. Sie leckte sich nachdenklich über die Lippen. Ja, das könnte das richtige sein. Vorsichtig zog Hermine den dunklen Wälzer vom Regal. Am liebsten wollte sie es jetzt gleich an Ort und Stelle aufschlagen, doch rief sie sich Harrys zweiten Fehler ins Gedächtnis: Als dieser ein Buch in der Verbotenen Abteilung aufgeschlagen hatte, hatte es geschrien.

Vielleicht hört der Zauber auf, wenn man die Abteilung verlässt. Hermine wühlte in ihrer Hosentasche und zog den Stoffbeutel hervor. Sie stopfte das Buch hinein. Dann schulterte das Mädchen seinen Fund über der Schulter und marschierte so leise und schnell wie sie gekommen war nach draußen. Tapp, tapp, tapp. Ihre nahezu lautlosen Schritte entfernten sich von der Bibliothek und verschwanden in dem Gewirr der Schlossgänge.

Hermine lief in den Kerker, in genau den Raum, in welchem der Spiegel Nerhegeb stand. Hier hatte sie ihrem Bösen das erste Mal ins Gesicht geblickt und hier sollte auch der nächste, große Schritt vollzogen werden.

Das Mädchen griff in ihre Tasche und holte das Buch heraus. Es war in nachtschwarzes, sehr hartes, straff gespanntes Leder gebunden, die Ecken waren mit Silber verstärkt worden. Mit matt glänzenden Buchstaben prangerte der Titel in der Mitte des Covers. Dieses glich einem verstaubten Fenster in der Kirche, von silbrigen Adern durchzogen. Schön. Es sieht richtig schön aus. Aber auch gruselig.

Hoffentlich wirkte der Zauber nicht mehr. Hermine nahm all ihren Mut zusammen und schlug das Buch auf. Kein ohrenbetäubender Schrei, der sie zurück schrecken ließ. Kein heran eilender Filch. Keine glühenden Katzenaugen, die aus dem Nichts auftauchten. Meine Annahme hat gestimmt. Wenn die anderen Schüler dies gewusst hätten, so wäre es ihnen viel leichter gefallen, Bücher aus der Verbotenen Abteilung zu entwenden.

Hermine setzte sich im Schneidersitz auf die kalten Fliesen und durchblätterte das Buch. Die Seiten waren vergilbt und gebleicht von dem Mangel an Sonnenlicht und mit einer feinen, körnigen Staubschicht überzogen. Die Schrift, welche elegant geschwungen über das Papier lief, war so rot wie Blut.

Ob es wohl echtes Blut ist? Hermine wusste es nicht. Aber sie nahm eh an, dass der Macher des Buches einen besonders schaurigen Eindruck auf den Leser haben wollte. Geschichten, Legenden, Mythen machten solch schwarzmagischen Objekte doch noch viel gruseliger als sie ohnehin schon waren.

Die Seiten in dem Wälzer waren alle exakt gleich aufgebaut. Die Überschrift, umrahmt von Verschnörkelungen stand in der Mitte oben auf der Seite. Dann folgte der Text. Und dieser behandelte ganz unterschiedliche Dinge. Mal war es eine Erklärung zu einem Phänomen, dann die Anleitung für einen Trank oder die Beschreibung der Wirkung eines Spruches. Manche Dinge waren so grauenvoll, dass Hermine sie sich lieber nicht zu detailliert ausmalte.

Aber sie suchte ja auch nicht etwas, womit man jemanden möglichst qualvoll und auffällig umbrachte. Nein, ein schneller, leiser, aber doch schmerzhafter Tod war der Braunhaarigen viel lieber. Immerhin durfte das Mädchen kein Aufsehen erregen. Aber sie war fest entschlossen, sich zu rächen. Und wenn sie über Leichen gehen würde.

Hermine blätterte um und wurde endlich fündig. Der wohlschmeckende Tod. Was das wohl war? Es hörte sich auf jeden Fall interessant und viel versprechend an. Die Braunhaarige steckte die Nase tief in das Buch und begann zu lesen. Das ist der komplizierteste Trank, von dem ich je gelesen habe. Er ist sogar noch schwerer als der Vielsafttrank. Ein einziger Fehler könnte meinen Tod bedeuten. Und die Zutaten. Also Flussgras und Faultiergehirn, das finde ich im Schrank für die Schüler. Aber Peruanisches Viperzahngift, Klapperschlangenhaut und Hornschwanzstacheln, die finde ich nur in den privaten Schränken der Lehrer. Mal ganz zu schweigen von den Gerätschaften, die ich brauchen werde.... Es sah ganz danach aus, als ob eine Menge Arbeit auf sie zukommen.

In den nächsten paar Tagen bereitete sich Hermine still, heimlich und zielstrebig darauf vor, den Trank zu brauen. Das Mädchen achtete genau darauf, dass weder Harry, noch Ron, noch eine Lehrkraft etwas davon mitbekam. Dass sie die Regeln brach, war ihr bewusst. Und doch...manchmal gab es Momente, Situationen, Zustände, da galten die gewöhnlichen Regeln nicht mehr.

Hermine konnte die meisten Zutaten während des Zaubertrankunterrichtes auflesen. Ein paar Halme Flussgras hier, einige Gramm Faultiergehirn da. Die winzigen Brocken landeten alle regelmäßig in ihrer Perlentasche, welche die Braunhaarige gut versteckt in ihrer Kleidung mit sich trug. Doch nicht alle Dinge konnte sie so heimlich während des Unterrichtes verschwinden lassen.

Für manche Dinge, wie dem Gift und den benötigten Utensilien, musste Hermine zu extremeren Methoden greifen. Also gab sie Neville mit blanker Absicht einen falschen Rat. Das Ergebnis: Der plumpe Junge vermasselte den Trank und löste dabei eine Pestilenz aus, die bei nahezu allen einen schweren, juckenden, roten Ausschlag auf der Haut auslöste. Slughorn musste die jammernden, sich kratzenden Schüler in den Krankenflügel bringen. Hermine nutzte die allgemeine Verwirrung, um sich in Slughorns und früher auch Snapes Hinterzimmer zu schleichen und die gebrauchten Substanzen und Gegenstände zu entwenden.

Vier Tage waren vergangen, seitdem Hermine das Buch aus der Verbotenen Abteilung entwendet hatte. Nun hatte das Mädchen in mühevoller Kleinarbeit alle Zutaten und Utensilien besorgt, die sie würde brauchen müssen. Sie hatte den Abend abgewartet und sich nach dem Essen geradewegs in den bereits ihr vertrauten Kerkerraum geschlichen.

Vor dem Spiegel standen auf dem Boden nun ein bauchiger Kupferkessel, einige Petrischalen und in Stoff eingewickelte Messer, Mörser und lange Nadeln. Zudem eine große Kiste, die mehrere kleine Fächer enthielt, in die Hermine jede einzelne Zutat hinein gelegt hatte. Außerdem hatte das Mädchen sich aus der Küche eine große Kanne Kaffee besorgt. Laut dem Autor war man in der Lage den Wohlschmeckenden Tod innerhalb einer Nacht fertig zu brauen. Und Hermine war sich sicher: Wenn sie verhindern wollte, dass sie im Stehen umkippte, würde sie einen starken Kaffee brauchen, um wach zu bleiben.

Hermine holte vorsichtig Die dunkelsten Geheimnisse der Schwarzen Magie aus ihrer Tasche. Behutsam schlug sie das Buch auf. Sie war noch nicht weit gekommen, als ein tiefes, anklagendes Miauen sie aufsehen ließ. Glühende Augen taxierten das Mädchen. Erschreckt ließ Hermine das Buch fallen. Scheiße, war ihr erster Gedanke, Ich bin doch nicht etwa geschnappt worden.

Sie rechnete damit, dass Filch jeden Augenblick um die Ecke kam, ihre Gerätschaften und das Buch entdecken, und ihr dann mit bösem Grinsen eine kleine Standpauke halten würde, bevor er sie zu einem der Lehrer bringen würde, welcher sie dann hochkant von der Schule verwies.

Doch dann trat der Urheber der leuchtenden Augen ins Licht. Hermine stieß den Atem aus vor Erleichterung und hob langsam das herunter gefallene Buch wieder auf. "Verdammt, Krummbein, hast du mich erschreckt!", rief sie aus, "Ich dachte, du wärst Mrs Norris." Der Kater trat ins Licht. Er war sehr kräftig und muskulös, hatte langes, dichtes, leicht filziges, orangerot getigertes Fell und ein eingedrücktes Gesicht, was ihm den Eindruck verlieh, als wäre er vor kurzem gegen eine Mauer gerannt.

Krummbein stakste zu dem Kessel und beschnüffelte diesen, sowie die verschiedenen Geräte und Zutaten sorgfältig. Dann drehte der Kater sich zu Hermine um. Obwohl es der Braunhaarigen immer noch etwas schwer fiel, in dem Gesicht ihres Haustieres zu lesen, konnte sie den Blick erkennen, welchen sie selbst hatte, wenn jemand eine Regel brach.

Hermine zischte: "Ich weiß, dass du dies nicht billigst, Krummbein, und ich die Regeln breche. Aber das ist mir egal. Du hast die Wahl: Entweder, du bleibst hier und siehst zu oder ich jage dich raus." Sie war noch nie rüde zu der Katze gewesen. Krummbein schien das ebenfalls zu merken, denn er nieste entrüstet. Doch dann setzte sich das orangerote Tier genau neben den Spiegel, hoheitsvoll wie ein Löwe, und beobachtete seine Besitzerin aus klugen, grünen Augen.

Schön, dass dies geklärt ist. Ich hoffe, ich kann jetzt weiter machen. Hermine richtete die entschlossen blitzenden Augen auf den Text. Zuerst musste die Basis gefertigt werden. Sie war in der Lage die eigentliche Gabe des Trankes aufzunehmen und bestand aus sehr simplen Zutaten.

Hermine lief zu der Truhe mit den Fächern und holte das Faultiergehirn und das Flussgras heraus. Das Mädchen nahm ein kleines Messer, schichtete die Halme zu einem Haufen und begann sie zu zerschneiden. Das Gras war faserig und die Stücke, die heraus kamen, ähnelten am entferntesten zerkleinerter Petersilie.

Die Braunhaarige gab den grünen Haufen in den Kessel. Dann schnitt sie das Faultiergehirn auf und ließ das Blut hinterher fließen. Sicherheitshalber drückte das Mädchen auf dem Organ herum, damit auch der letzte Rest des roten Saftes im Topf landete. Iihhh, das fühlt sich so ekelig an. Das Hirn war sehr weich und plump, seine Konsistenz ähnelte ein wenig Matsch oder nassem Teig. Die Reste klebten ihr an den Fingern, welche sie vorsichtig säuberte.

Das Mädchen entzündete den Reisig und beobachtete, wie die Flammen unter dem Kessel leise hervorzüngelten. Hermine richtete den Blick auf den Inhalt. Eine matschige, undefinierbare Pampe, der sie jetzt noch weitere Zutaten beigab, unter anderem Blutegel und Einhornschweifhaar.

Dann wartete Hermine. Das Mädchen richtete den Blick auf das Buch. Die Basis musste jetzt eine gute halbe Stunde vor sich hin köcheln und regelmäßig umgerührt werden, damit sie nicht anbrannte. In der Zwischenzeit kann ich ja schon mal das Elixier zubereiten. Dieses war das eigentlich wichtige an dem Zaubertrank. Eine Kombination aus höchst toxischen Stoffen.

Hermine holte aus ihrer Kiste einen kleinen Glasbehälter, zwei Flaschen, sowie drei dreißig Zentimeter lange, scharfe, elfenbeinfarbene Stacheln. Außerdem legte sie noch eine Kristallschale und einen Mörser hinzu.

Hermine rührte probeweise in der leise blubbernden Flüssigkeit herum, welche nun die Konsistenz von Sirup erhalten und die Farbe von Teer bekommen hatte. Das wird wohl noch dauern. Seufzend besah sich das Mädchen der Anleitung. Keine Klümpchen dürften vorhanden sein. Die Basis sollte einer geschmeidigen, dunklen Masse gleichen. Davon war sie aber noch weit entfernt.

Hermine richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Flaschen. Sie entkorkte die erste und goss den Inhalt in den Glasbehälter. Salamanderblut. Von den drei Gegenständen der einzige Stoff, der kein Gift enthielt. Wie Hermine wusste, produzierte der Feuersalamander sein Gift auf der schwarz gelb gemusterten Haut. Nein, sein Blut hatte nur die Aufgabe das Elixier mit der Basis zu binden.

Das eigentliche Herz des Wohlschmeckenden Todes befand sich in der zweiten Flasche. Gift des Peruanischen Vipernzahns. Eine Drachenart, die bevorzugt Jagd auf Menschen machte, weshalb ihr Gift auch aus Stoffen bestand, die dafür ausgelegt waren, den Kreislauf und die Nervenbahnen möglichst schnell lahm zu legen.

Nachdem Hermine auch diese Zutat in den Glasbehälter geschüttet hatte, begann sie damit die Schwanzstacheln des Hornschwanzes mit dem Mörser zu Pulver zu verarbeiten. Obwohl es nur zwei oder drei waren, musste das Mädchen viel Kraft aufwenden um das harte, elfenbeinfarbene Material zu zerkleinern. Das Mädchen drehte den Kolben im Kreis, den haltenden Arm voll ausgestreckt und die Augen konzentriert verengt. Endlich sammelte sich in der kleinen Schale ein reinweißes, grobkörniges Pulver.

Dieses gab Hermine erst in den Glasbehälter und dessen Inhalt dann in den Topf, wo die Basis inzwischen eine glatte, nachtschwarze Masse geworden war. Ein zischendes Geräusch ertönte, als die beiden Flüssigkeiten aufeinander trafen. Sofort begannen sie sich miteinander zu vermengen wie zwei lebende Tiere, die um die Vorherrschaft in dem sehr begrenzten Gebiet kämpften.

Die Braunhaarige trat von dem Kessel zurück. Sie wusste, dass der Trank nun selbst arbeiten musste. Jegliches Eingreifen von Menschenhand könnte das Gebräu verunreinigen und dies wollte Hermine vermeiden. Das Mädchen lief zu dem Spiegel und setzte sich auf den Boden. Sie zog ein wenig die Beine an.

Krummbein stand von seinem Posten auf und kletterte schwer auf ihren Schoß. Der orangerote Kater machte es sich bequem und rollte sich zu einer großen Kugel zusammen, das dichte Fell und der buschige Schweif hingen etwas über ihre Beine. "Vorsicht", rief Hermine, die nun ihre Glieder bewegte, um in eine angenehmere Position zu kommen.

Das Mädchen hob eine Hand und kraulte Krummbein sachte hinter den Ohren, während sie wartete. In der Anleitung hatte gestanden, dass dieser erste Wandlungsprozess mehrere Stunden dauerte. Seufzend beschwor Hermine sich eine Tasse herauf und beförderte die Kaffeekanne zu sich. Sie goss das schwarze Getränk in den kleinen Behälter und nippte daran.

Nachdenklich musterte das Mädchen den Kessel. Ob der Trank wohl gelingen würde? Theoretisch gesehen wäre er jetzt in der Lage zu töten. Allerdings fehlte noch die letzte Zutat, der letzte Schliff, welcher den Wohlschmeckenden Tod wahrhaft perfekt machte. Doch vor dieser Zutat grauste es Hermine. Sie würde sie besorgen müssen. Und sie musste frisch sein. Gerade erst abgezapft.

Überhaupt wäre das Mädchen in der Lage so einen Schritt zu gehen? Konnte sie wirklich jemanden töten? Hermine senkte den Kopf und sah in Krummbeins grüne Augen. Der Kater starrte sie groß an, fast als wolle er sie anflehen, nicht weiter zu machen. Sein Blick ähnelte einem bettelnden Welpen. Falscher Gedanke, Hermine! Dies drängte ihr nur wieder brutal Lavender ins Gedächtnis.

Bilder blitzten vor ihrem inneren Auge auf. Lavender, welche erneut ihre kitschige, kleine Liebesbekennung auf das Glas hauchte. Die mit Ron rumknutschte und auf sie herabsah. Hermine und Lavender hatten sich schon immer nicht gut verstanden. Lavender bemängelte Hermines angeblich fehlende Emotionen, während das Mädchen selbst kritisierte, dass die andere nicht rational genug dachte und an albernen Kitsch wie Wahrsagerei glaubte. Lavender war, seitdem sie als Rons Freundin durch die Schule stolzierte, noch herablassender und verächtlicher geworden als ohnehin schon. Sie schien zu glauben, dass allein die Tatsache, dass sie mit Ron herumknutschte, ihr das Recht gab, auf Hermine herab zu blicken.

Allein diese wenigen Gedanken ließen die Wut sich in ihrem Körper ansammeln wie Wasser hinter einem Staudamm. Hermine sprang so schnell auf, dass Krummbein sich kurz an ihrer Jeans festkrallte, um nicht herunter zu fallen. Seine Krallen pieksten in ihre Haut. Das Mädchen verzog das Gesicht. "Runter von mir, Kleiner", stieß sie gepresst hervor. Der Kater jaulte erschreckt auf, als sie ihn wegstieß.

Hermine trat zu dem Kessel. Sie sah hinein. Das Gebräu war nun glatt, dünnflüssig und ebenmäßig. Es glich tiefschwarzer Tinte. Eine Zutat noch. Ihre braunen Augen schlossen sich und sie stieß den Atem aus. Vor der letzten Zutat graute es ihr, schon seit sie das Rezept gelesen hatte. Es war furchtbar so etwas von einem Menschen zu verlangen.

Hass, direkt aus dem Herzen. Dies war die allerletzte Zutat. Sie würde dem Trank die Fähigkeit geben, unnachweisbar zu sein. Kein Geruch, kein Geschmack, keine verräterischen Spuren. Die perfekte Mordwaffe. Aber zu was für einem Preis?

"Ich kann euch lehren, wie ihr Ruhm in Flaschen zieht, Glanz und Ansehen zusammen braut, ja sogar wie man den Tod verkorkt - vorausgesetzt ihr seid nicht so ein großer Haufen einfältiger Stümper wie ich sie sonst in meiner Klasse habe." Das waren Snapes Worte gewesen. Und zwar gleich in ihrer ersten Stunde. Hermine hatte nun deutlich verstanden, dass ein Zauberer sogar in der Lage war, Gefühle aus einem Körper zu ziehen. Nur gab es ein Problem: Das Mädchen hatte dies noch nie gemacht. Mit Slughorn waren sie noch nicht so weit.

Seufzend blätterte Hermine in Die dunkelsten Geheimnisse der schwarzen Magie, bis sie auf die Seite stieß, wo sehr genau erklärt wurde, wie man den Hass aus dem Herzen einer Person zog. Theoretisch gesehen ähnelte der gesamte Ablauf einer Blutabnahme, nur mit dem Unterschied, dass dies erstens im Inneren des Körpers stattfand und zweitens viel gefährlicher war.

Hermine wickelte das Bündel auseinander. Auf dem mattgrauen Stoff lagen eine sehr lange, rasiermesserscharfe Nadel, eine Kanüle und ein langer, elastischer Schlauch. Das Mädchen schluckte schwach. Allein bei dem Gedanken, was es nun tun musste, wurde ihr schlecht. Der Hass musste aus dem Herzen gezapft werden, was bedeutete, dass sie dieses Instrument durch den Rachen in ihre Brust einführen musste. Manchmal machte man es auch, indem man unter die Rippe an der Brust stach. Egal, welche Variante man wählte, die Chance eine tödliche Verletzung zu erleiden, wer enorm hoch.

Hermine entschied sich für die zweite Möglichkeit. Dort war für sie die Kontrolle einfacher. Das Mädchen zog sich erst die schwarze Uniformjacke, dann die hellgraue Weste aus. Zuletzt schob sie ihr Unterhemd nach oben, um ihren Brustbereich sehen zu können.

Krummbein drückte sich auf den Boden. Er fauchte und sein Nackenfell sträubte sich. Die Schwanzspitze zuckte hin und her. Hermine sah die Katze an. Grüne, zusammen gekniffene Augen erwiderten ihren Blick und Lefzen entblößten fauchend spitze Zähne. Tu es nicht!, schien die Geste zu sagen.

Hermine seufzte. "Zu spät, Krummbein", wisperte sie, "Viel zu spät." Das Mädchen ergriff die lange Nadel, welche sie inzwischen mit dem Schlauch und der Kanüle verbunden hatte. Sie tastete mit den Fingern über ihre Brust, erfühlte die Rippen. Dann richtete sie die rasiermesserscharfe Nadel auf sich. Bevor Hermine irgendwie zögern konnte oder sie die Angst erneut überkam, stach sie die Waffe zwischen die Rippen hindurch, geradewegs in Richtung Herz.

Ihren Lippen entrang sich ein hoher Schmerzensschrei. Die Brust krampfte. Den Stich hatte sie mit einer solchen Intensität gespürt wie ein noch lebender Schmetterling, den man auf den Boden mit einer Reißzwecke pinnt. Verdammt! Warum tue ich mir so etwas an? Eine lähmende Taubheit breitete sich auf ihrer Haut aus und das Herz machte ein paar Extraschläge.

Krummbein jaulte hysterisch auf, als er seine Besitzerin schwanken sah. Hermine griff sich an die Brust, taumelte wie das Opfer eines Schusses. Ihr Atem kam schnell und vor ihren Augen verschwamm alles. Ihr Herz kämpfte so sehr, als würde jeder Schlag der letzte sein. Atme, Hermine! Na los! Aber es war, als hätte sie einen Kiesel verschluckt, der in ihrer Kehle stecken geblieben war.

Etwas Weiches streifte ihre Beine, als sie nach hinten stolperte. Ihr Fall wurde schlagartig gemindert. Sachte berührte ihr Rücken die Wand, als sie nach unten glitt. Hermine landete ungelenkig auf dem Hosenboden. Die Finger umklammerten immer noch die Nadel. Ihre Muskeln wanden sich unter ihrer Haut und Schwärze kroch in ihr Blickfeld.

Ängstlich schloss Hermine die Augen. Ihre Lippen zitterten. Ihre Gedanken schienen irgendwie zu verrückt zu spielen, denn anstatt Schwärze rauschte ein Blitzfeuerwerk an Bildern an ihr vorbei.

Draco Malfoy, dieser arrogante Blödmann, der sie verhöhnte und verspottete. Lavender, welche Ron während der Siegesfeier küsste. Ron, welcher unsicher fragte, was die Vögel da über ihrem Kopf sollten. Der über ihre Klugheit lästerte. Als könne er ihre Schmerzen nicht sehen. Dieser taktlose Vollidiot! Harry, welcher immer den ganzen Ruhm abbekam, obwohl sie es war, die die ganze Arbeit machte. Und Dumbledore, der ständig versuchte Harry zu beschützen, aber den Jungen doch immer wieder in Gefahr brachte. Pansy Parkinson, die über ihr Aussehen ablästerte.

Es war, als würde Hermine all jene sehen, auf die sie eine Wut hegte. Bei manchen war ihr das klar gewesen, aber andere, wie etwa Dumbledore, den sie doch sonst in den höchsten Tönen lobte, überraschten sie. Waren das wirklich ihre Gedanken? Überhaupt, was geschah hier mit ihr? Hermine fühlte sich benebelt, abgeschottet, wie in Trance.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie aus ihrem Anfall erwachte. Ihr Kopf wummerte, ihr Atem kam leicht stoßweise und Schweiß verklebte die Haare an ihrer Stirn. Hektisch sah Hermine sich um. Krummbein stand neben ihrer Schulter. Als eine Art Begrüßung knallte er ihr den rundlichen Schädel gegen den Hals und brummelte entrüstet. Mach so einen Mist nie wieder! Es war nicht schwer diese Geste zu deuten.

Hat es geklappt? Hermine sah an sich herab. Eine dunkelgrüne, von lila Schattierungen durchzogen Flüssigkeit sickerte aus der Kanüle in den Schlauch. Hass, genau aus dem Herzen gezogen. Sprachlos sah das Mädchen die Lymphe an. Wie eigenartig sie aussah! Und gruselig. Sonderbarerweise spürte Hermine nicht, dass sie weniger Hass auf Ron, Lavender und Draco empfand. Dieser schien eher gleich geblieben zu sein.

Hermine stand auf, nahm den Schlauch und lief zu dem Kessel. Vorsichtig ließ sie den flüssigen Hass in den unfertigen Trank rinnen. Interessiert beobachtete sie die Reaktion, als beide Flüssigkeiten aufeinander trafen. Der Wohlschmeckende Tod wurde durchsichtig und klar wie Wasser. Er roch nach nichts.

Zufrieden holte Hermine mehrere Phiolen aus ihrer Kiste und zog das giftige Elixier hinein. Sie steckte die Gläser in ihre Perlentasche. Ihre Augen flackerten düster. Jetzt hatte sie etwas in der Hand, was geeignet war, ihren Feinden ein Geschenk zu geben, das sie nie vergessen würden: den Tod.

Wie man mit Stil mordet Bearbeiten

'I'm gonna make you suffer'

Es war kaum zu glauben, dass der Frühling vor der Tür stand, wenn Hermine die kalte Luft um sich herum spürte. Der stetige Windhauch war noch relativ kühl, aber immerhin sprossen bereits zaghaft die ersten Blätter der Eichen, der Schnee und Frost, welcher den Boden hart gemacht hatten, waren größtenteils verschwunden und durch kurzes Gras ersetzt worden.

Hermine saß auf einer hölzernen Bank der Zuschauertribüne des Quidditchfeldes. Diese war so hoch gelegen, dass man einen guten Blick auf die Umgebung hatte. Das Mädchen hatte die Hände auf dem Schoss gebettet. Ihr grauer Wintermantel war bis zum Kragen hoch zugeknöpft.

Harry stand mit seinem Team auf dem Rasen. Einige Meter hinter ihm befanden sich mehrere Ringe, welche auf hohen Stangen standen. Die Tore. Die Spieler bildeten um ihren Mannschaftskapitän einen Halbkreis und wartete, was dieser zu sagen hatte. "Zunächst einmal", begann Harry, "möchte ich euch alle loben. Die Wintersaison lief spitze bei uns. Ich glaub, wir sind noch nie in so kurzer Zeit auf den ersten Platz der Tabelle gerückt. Gut gemacht."

Alle jubelten und grinsten. Hände klopften lobend auf die Schultern ihrer Kameraden. Wortfetzen wie "Im letzten Spiel warst du unglaublich.", "Wie du den Ball gehalten hast, war der Wahnsinn." und "Ohne euch zwei hätte dieser Klatscher mich glatt erwischt." machten die Runde.

Harry hob die Stimme an und die Anwesenden wandten ihm wieder die Aufmerksamkeit zu. "Das Jahr hat jedoch gerade erst angefangen. Ihr wisst, wir bekommen den Quidditch-Pokal erst, wenn wir auch die Sommersaison hinter uns bringen. Das wird ein steiniger Weg. Vor allem da Slytherin Tabellenzweitbester ist und garantiert alles versuchen wird, um uns von unserem Platz zu drängen."

"Deswegen werden wir jetzt einige Foulsituationen üben beziehungsweise nachstellen, damit wir wissen, wie wir damit umzugehen haben. Ron ist wieder der Hüter. Ihr anderen teilt euch in zwei Gruppen auf. Eine ist unser Team und eine die Gegner. Alles klar? Dann los!"

Und die Spieler stiegen auf ihre Besen, stießen sich ab und schossen in die Luft. Ihre roten Roben flatterten im Wind. Hermine beobachtete, wie Ron seinen Platz zwischen den Ringen einnahm. Sie musste an das Trainingsspiel denken, in welchem Harry die Hüter ausgelost hatte. Da hatte Ron verspannt und aufgeregt gewirkt, jetzt saß er ganz gelassen auf seinem Besen und musterte die Umgebung wachsam. Harrys kleiner Trick hat bei ihm wahre Wunder bewirkt.

Die Spieler schossen über den Platz. Ginny Weasly ganz vorne. Rons jüngere Schwester war von den anderen Mannschaftsmitgliedern zur Torschützenkönigin gekürt worden. Hermine konnte verstehen warum. Das Mädchen mit den langen, roten Haaren fühlte sich in der Luft fast so zu Hause wie Harry. Sie flog Schlangenlinien, Loopings und andere rasante Manöver, bei denen Hermine schwindelig vom Zugucken wurde.

Ginny übernahm bei dieser Trainingseinheit einen der Gegner. Sie baute in ihre ganzen Flugkünste noch eine Menge Fouls ein: Rammte Mitspieler, sodass diese einige Meter zur Seite geschleudert wurden, zog Leuten am Besen und warf auf so brutale Art und Weise den Ball, als wolle sie Rons Magengrube treffen. Der Rothaarige musste sich ziemlich anstrengen, um diese fiesen Aufschläge zu halten. Hermine hörte ihn manchmal leise keuchen.

Lavender Brown saß etwas vor ihr. Die großen, blauen Augen waren unverwandt auf Ron gerichtet. Ihre Hände knautschten den kurzen, geblümten Rock, den sie trug, und ihre Lippen murmelten leise Worte. Hoffnungen und Bangen. Es war klar, dass die Braunhaarige mitfieberte. Wenn Ron einen besonders schweren Wurf hielt, sprang Lavender mädchenhaft kreischend auf, klatschte und pfiff so schrill, dass es Hermine in den Ohren schmerzte.

Unbehaglich wandte sie den Kopf. Ihre Brauen wanderten etwas umher und sie befeuchtete die Lippen. Oh, wie sehr sie diese Barbie hasste! Geduld, Hermine, Geduld. Wenn alles nach Plan lief, würde sie das lächerliche Puppengesicht schon bald für immer los sein.

Hermines braune Augen spähten unauffällig umher. Sie behielt einen besorgten Gesichtsausdruck bei, als würde sie ebenfalls mit Ron mitfiebern. Doch in Wahrheit scannte sie die Umgebung nach neugierigen Blicken oder Personen, die zufällig in ihre Richtung sahen. Niemand beachtete sie.

Jetzt! Hermine hielt sich die Hand vor den Mund. Sie wandte sich etwas ab, wie jemand, der hustet und aus Höflichkeit nicht will, dass dies jemand mitbekommt. Doch ihren Lippen entrang sich kein Niesen oder ein anderer Laut einer Krankheit. "Confundus", wisperte Hermine kaum hörbar.

Rons Besen scherte nach links aus. Er knallte mitten zwischen die Ringe. Knirschend brach das Holz. Ron vollführte einen Überschlag, bevor er von dem Stiel glitt und zu Boden stürzte. Dumpf schlug er auf dem Grund auf, Arme und Beine von sich gestreckt, das Gesicht auf dem Boden.

Entsetzensschreie wurden laut. "Stopp!", brüllte Harry, obwohl es unnötig war, das Training zu unterbrechen. Alle hatten den Unfall mitgekriegt und ihre aktuelle Tätigkeit eingestellt. Hermine stand auf. Lavender reckte hysterisch den Hals. "Mein Won-Won...", fragte sie angespannt.

Harry rauschte nach unten. Er landete, warf den Besen an Ort und Stelle auf den Boden und stürzte zu Ron. "Ron", rief er und kniete sich neben ihn, "Steh auf, bitte steh auf!" Die Spieler des Teams hatten sich inzwischen um den Jungen mit der feinen Blitznarbe auf der Stirn gescharrt. Besorgte Augenpaare ruhten auf Rons Körper. Hermine lief etwas langsamer zu der Gruppe, während Lavender schluchzend versuchte zu Ron zu gelangen. Allerdings ließ sie keiner durch. "Ich hole Professor McGonagall", sagte Ginny ernst.

Im Krankenflügel war es warm und der Raum von dem Licht aus den großen Fenstern erhellt. Das marmorne Gestein schimmerte. In langen Reihen standen mehrere Betten mit kupferfarbenem Gestell, weichen, weißen Bezügen und links von ihnen jeweils ein Nachttisch. Die Luft roch trotz allem etwas steril und nach Medikamenten.

Hermine saß an dem Bett, in welches man Ron gelegt hatte. Sie konnte den Rothaarigen gerade nicht so gut sehen, denn Madam Pomfrey, die Ärztin, hatte sich über ihn gebeugt und tastete vorsichtig seinen Brustkorb ab. Ginny, Harry und McGonagall standen auf der anderen Seite.

"Nun Poppy?", fragte Minerva. Die grauhaarige Lehrerin richtete besorgt den Blick auf die kleine, schlanke Frau, als diese sich aufrichtet. "Rippen gebrochen", antwortete diese auf die unausgesprochene Frage, "Mindestens drei." Erschrecktes Luftholen seitens Ginny und Harry. "Keine Sorge. Sie sind so glatt gebrochen, dass man sie leicht wieder zusammenwachsen lassen kann."

"Ms Weasly und Mr Potter, was genau ist passiert?", fragte McGonagall, "Sie haben erwähnt, Mr Ronald Weasly wäre von seinem Besen gefallen. Haben Sie da etwas Genaueres beobachtet?" Harry schüttelte den Kopf und Ginny meinte: "Nicht viel. Sein Besen hat einfach einen Sprung zur Seite gemacht, ist gegen das Tor geknallt und dann entzwei gebrochen."

Die Lehrerin kniff die Augen zusammen. Besorgt sah sie zu Ron, welcher da lag. Seine Augen waren ermattet geschlossen, das Gesicht vor Schmerz verzerrt. Die roten Haare klebten eigenartig an seiner Stirn. "Denken Sie, er wird wieder gesund?", fragte McGonagall die Heilerin. "Gewiss", meinte Madam Pomfrey ruhig, "Ich habe schon schlimmeres gesehen als gebrochene Rippen. Etwas Ruhe, eine harte Bandage sowie ein Knochenstärkungstrank werden dafür sorgen, dass er bald wieder auf den Beinen ist."

Während sie sprach, stellte die Heilerin ein Glas auf den Tisch, daneben eine Flasche, welche mit Knochenornamenten und einem Totenkopf verziert war. "Sie können jetzt gehen", meinte sie ruhig. Professor McGonagall entfernte sich rasch. Harry und Ginny wechselten unsichere Blicke. Hermine blieb, wo sie war.

"Ich möchte ein wenig auf ihn aufpassen, falls euch das nicht stört", erklärte die Braunhaarige, als fragende Blicke auf sie gerichtet wurden. Madam Pomfrey meinte: "Nun, dann können Sie ihm ja sagen, dass er seine Medizin einnehmen soll, wenn er wach ist." Und sie entfernte sich. Hermine senkte hastig den Kopf, um ihr Lächeln zu verbergen. Keine Sorge. Ich werde wahrlich darauf achten, dass er seine Medizin bekommt.

Harry sagte: "Wenn du hier bleiben willst, dann werden wir dich nicht weiter stören." Ginny fasste nach seiner Schulter. "Komm Harry", wisperte sie sanft, "Wir sollte den anderen Teammitgliedern Bescheid sagen, dass sich Ron erholen wird. Die sind bestimmt alle krank vor Sorge." Bildete sich Hermine das ein oder huschte bei der Berührung der Rothaarigen tatsächlich eine leichte Röte über Harrys Gesicht?

Der schwarzhaarige Junge nickte hastig. "Ja, gute Idee, Ginny", meinte er schnell, "Bis später, Hermine." Die Braunhaarige knetete vorsichtig die Hände, während sie den sich entfernenden Schritten lauschte. Liebe. Ein so wunderschönes Gefühl, was einen zum Narren hielt. Ein Luxus, der einem zweischneidigen Schwert glich. Hell und wunderschön, doch schmerzhaft, wenn es sich gegen einen richtete.

Es dauerte keine fünf Minuten, bis Lavender Brown in den Krankenflügel stürmte. Ihre schmutzig braunen Haare flogen. "Wo ist mein Won-Won?", fragte sie besorgt und bremste schliddernd bei dem Bett ab, in welchem der Rothaarige lag, "Hat er schon nach mir gefragt?" Ihre Stimme an sich klang schon widerlich, aber nun war es das allerletzte. So kitschig, mädchenhaft, welpengleich......verabscheuungswürdig, wie Hermine fand.

Lavender brauchte offenbar etwas, bis sie Hermine bemerkte. "Was macht die denn hier?", wollte sie entrüstet wissen. Die Braunhaarige stand von dem Hocker auf. "Ich könnte dieselbe Frage stellen!", rief sie aufgebracht. Lavender machte einen angriffslustigen Schritt nach vorne. "Entschuldigung, aber ich bin seine Freundin!"

Das ist doch...! Diese dreiste, arrogante Schnepfe! Dass sie sich das traute! Hermine erwiderte: "Nun, ich bin seine...." Sie suchte nach dem richtigen Wort. "beste Freundin." Ihre Stimme war nur ein leises Flüstern. Das Mädchen senkte leicht den Kopf. Es atmete schnell und leise. Nicht nur vor Wut, sondern auch vor Aufregung. Sie nährte sich ihrem ersten Ziel. Es war das Gefühl beim Marathonlauf, wenn man das Zielband in der Ferne erblickt und noch mal einen Extraspurt hinlegt, um sicher zu sein, dass man das Ziel erreicht.

"Ach, ja?", erwiderte Lavender höhnisch, "Dass ich nicht lache! Ihr habt seit Wochen nicht mehr miteinander gesprochen. Und jetzt, wo er interessant geworden ist, da beachtest du ihn wieder!" Hermine sog die Luft ein. Ihre Brauen stachen zu einem spitzen V zusammen. "Er ist von seinem Besen gestürzt und hat sich die Rippen gebrochen, du dumme Kuh!", rief sie entrüstet aus, "Außerdem fand ich ihn schon immer interessant." Aber ich bin doch bereit ihn zu töten. Ich könnte es nicht ertragen, Lavenders Küsse auf seinen Lippen zu finden.

"Was ist mit dir los?", fragte Lavender empört und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie reckte das Kinn. "Du scheinst doch ganz gewiss ein Problem zu haben!" "Was mein Problem ist?" Hermines Stimme klang hell, klar, überschlug sich leicht und ähnelte fatal einer Irren. Sie lachte kurz auf. "Du bist mein Problem! Du nimmst dir etwas, das mir gehört."

"Das dir gehört", äffte Lavender Hermine nach. Sie meinte: "Also wirklich. Du willst es einfach nicht akzeptieren, dass er mich mehr mag als dich." Das Mädchen schaffte es gerade so nicht zusammen zu zucken. Messer, welche sich treffsicher in ihr Herz gruben. Der Schmerz über diese unerwiderte Zuneigung war tief wie eine frische Wunde.

Die Atmosphäre in dem Krankenflügel schien sich zu verschlechtern. Die Ruhe vor dem Sturm. Hermine spürte mit jeder Faser ihres Körpers, dass der Moment sich nährte, auf welchen sie die letzten paar Wochen hingearbeitet hatte. Es würde so gut sein, ihrem Hass endlich ein Ventil zu geben.

Hermine stieß hervor: "Sei still! Ein Wort noch und...." "Und was?", höhnte Lavender. Es war offensichtlich, dass sie keine Ahnung von der Wut in Hermines Bauch hatte. "Was willst du dann tun? Mich schlagen wie Draco?" Ihre Stimme wurde zu einer kitschig weinerlichen, hilflosen Mädchenstimme. "Ich hab ja sooo 'ne Angst! Huuuuuhhh!" Das ist auch berechtigt!

"Nein." Hermines Stimme klang kalt wie Eis. Die braunen Haare tanzten schwach bei ihren Atemzügen. Tief und schnell zugleich. Hermine stand kerzengerade da und ihre Augen waren genau auf Lavender gerichtet. Pure Entschlossenheit und ein gefährlicher Wille strahlten von ihr aus. Es sprach von dem Töten einer anderen Person ohne zu zögern.

Dann in einer schnellen, verschwimmenden Bewegung riss Hermine den Zauberstab hoch und richtete ihn auf Lavender. "Avada Kedavra!" Ihre Stimme klang wütend, laut, aber zugleich so samtig und kühl, als würde der Hass und Zorn sie abkühlen. Das hübsche Stück Holz in ihrer Hand vibrierte leicht von der aufgestauten Energie, bevor der grüne Blitz aus seiner Spitze brach.

Der Fluch traf Lavender an der Brust. Ihr wurde der Boden unter den Füßen weggerissen und sie flog durch die Luft. Der Körper vollführte mehrere Drehungen, bevor er gut zwei Meter von dem Krankenbett entfernt auf dem Boden aufschlug, die Arme steif von sich gestreckt, die Augen starr und blicklos.

Hermine atmete langsam die Luft aus. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass sie die ganze Zeit den Atem angehalten hatte. Ihre Beine knickten um und sie setzte sich auf den Hocker. Das Mädchen griff sich an die Brust. Sie zitterte am ganzen Körper.

Vollbracht. Sie hatte getötet. Einen anderen Menschen ermordet. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Hermine war sich nicht sicher, was sie fühlen sollte. Ein Teil von ihr war schockiert, entsetzt, wie gelähmt. Aber zugleich fühlte sie sich befreit, erleichtert, glücklich. Das grünäugige Monster schien etwas kleiner geworden zu sein. Was für eine Erlösung. Hermine lächelte dünn und sah kurz zu der Leiche.

Einer erledigt, fehlen nur noch zwei. Die Stimme ertönte in ihrem Kopf. Leise, lockend, sanft, verführend. Hermine atmete langsam aus. Wer auch immer mit ihr sprach und sie lenkte, er hatte ja Recht. Ihr Rachefeldzug war noch nicht beendet. Es mussten noch zwei Personen ausgeschaltet werden, welche sie aus tiefstem Herzen verabscheute. Und eine von ihnen befand sich gerade mit ihr in diesem Raum.

"Hermine..." Die Stimme klang wie ein heiseres Krächzen. Das Mädchen wandte den Kopf. Ron blickte sie an. Seine Augen wirkten eingesunken in seinem Gesicht und er sah furchtbar geschwächt aus. Weiß, zerbrechlich, ermattet, müde. "Ja, Ron?" Liebevoll umschlossen ihre Finger seine Hand.

"Was ist passiert?", fragte der Rothaarige. Hermine antwortete: "Du bist von deinem Besen gestürzt und dann ohnmächtig geworden." Ron nickte langsam. "Ja, daran erinnere ich mich auch noch", murmelte er mehr zu sich selbst als zu ihr.

"Wie fühlst du dich?", wollte das Mädchen wissen. "Miserabel", war die Antwort, "Mein Kopf brummt bestialisch, meine Brust tut weh, wenn ich atme und mein Hals ist furchtbar rau." Hermine seufzte. "Das hört sich schlimm an", flüsterte sie. Ron nickte und gab ein leise krächzendes Husten von sich. "Es ist schlimm", würgte er.

Hermine griff behutsam in ihre Manteltasche und zog einen Apfel heraus. Seine Schale war von dunkler Zartbitterschokolade umhüllt.

D
Hermione killing Ron

Hermine, nach der Ermordung Rons.

as Mädchen erklärte: "Ich habe nach deinem Sturz in aller Eile ein Schmerzmittel zubereitet." "War ich so lange bewusstlos, dass du dies zubereiten konntest?", fragte Ron erstaunt. Hermine nickte. "Du hast keine Ahnung, wie lange."

Das Mädchen hielt dem Rothaarigen den Apfel hin. "Hier", sagte sie, "Das Schmerzmittel schmeckt scheußlich, aber ich habe es etwas versüßt. Hoffe mal, du magst Bitterschokolade." Ron nickte hastig und stützte sich auf den Arm. Er griff den Apfel und biss hinein. Ein lautes Knacken ertönte dabei.

Ron fiel zurück aufs Bett. Sein Atem kam schnell und abgehackt. Die Augen rollten in ihren Höhlen. Sein Körper zuckte unruhig. Die Muskeln am Hals bebten. Der Apfel fiel aus seiner verkrampften Hand und rollte unter das Bett. Hermine stand auf und starrte auf den im Todeskampf liegenden Jungen herab. Ron öffnete den Mund, als wolle er schreien, doch aus seiner Kehle drang nur ein heiseres Röcheln. Endlich nach qualvollen fünf Minuten verstummten die letzten paar Anzeichen von Leben. Ron lag auf der Matratze, den Kopf nach hinten gekippt, seine Augen starrten glanzlos zur Decke. Blaue, gläserne Murmeln. Hermine hob eine Hand und bettete zwei Finger auf seinen Lidern. Sachte schloss sie ihm die Augen.

Hermine wandte nachdenklich das Haupt und blickte sich auf der nun bedrückend stillen Krankenstation um. Seltsamerweise fühlte sie erneut keine Trauer oder andere Schuldgefühle. Irgendetwas blendete dies gerade vollkommen aus. Doch sie würden zurück kommen. Später. Zwei erledigt, fehlt nur noch einer. Hermine lief um das Bett herum. Mit schnellen, entschlossenen, ausgreifenden Schritten verließ sie die Krankenstation.

Reines Blut Bearbeiten

'You never know, what hit you'

Es war später Abend, als Harry das Quidditchtraining endlich für beendet erklärte. Alle Spieler liefen müde, aber doch ziemlich zufrieden in die Umkleidekabine. Dort zogen sie die mit Staub und grobkörnigem Schmutz bedeckten Umhänge aus, falteten die scharlachroten Stoffe zusammen und legten sie sorgsam auf die Ablagen.

Als Harry seine ledernen Handschuhe auf seine Uniform gelegt hatte, wandte er sich noch einmal an seine Mannschaft. Er rief: "Ich bin sehr zufrieden mit euch allen. Ihr habt unser spezielles Foultraining sehr gut gemeistert. Ich denke, nun wird es für Slytherin noch schwerer einen Treffer zu landen. Wirklich, ich bin froh, euch als Team zu haben." Alle jubelten und strahlten.

Dann liefen die Schüler wieder zurück zum Schloss. Harry und Ginny liefen nebeneinander. Unter ihren Füßen knirschte der Raureif. Die kalte Abendluft ließ die roten Haare des Mädchens flattern. Sie trug einen saphirblauen Pullover und eine schwarze Jeans. Ihre braunen Schuhe wurden feucht von dem schmelzenden Schneeüberzug, der unter ihren Sohlen brach.

Harry wusste nicht, woher dieses Gefühl kam, aber seit längerem fühlte er sich immer etwas unsicher in ihrer Gegenwart. Er ertappte sich dabei, wie er öfter als nötig zu ihr rüberschielte und immer, wenn sie seinen Blick erwiderte, wurde er für den Bruchteil einer Sekunde rot. Auch schien es ihm manchmal schwer zu fallen einen anständigen Satz zu bilden oder auf eine einfache Frage zu antworten. Was machte die Rothaarige nur mit ihm? Hör auf, Harry! Sie ist Rons Schwester. Sie ist tabu. Aber dieses Sehnen wollte einfach nicht aufhören. Genauso wie die Verlegenheit.

"Du warst heute wirklich großartig", sagte Harry leise. Inzwischen standen die beiden in einem der überdachten, weiten Gänge in Hogwarts. Mondlicht fiel durch die Lücken in den Bögen, die die Außenwand schmückten, auf den marmornen Boden. Ginny blieb stehen. Genauso wie der Schwarzhaarige. Sie standen sich gegenüber und sahen sich einfach nur an. Er glaubte in ihren wunderschönen, braunen Augen zu ertrinken. Als einziges von Molly Weaslys Kindern hatte Ginny ihre Augenfarbe geerbt. Das machte sie zu etwas besonderem, heraus stechendem.

"Danke", meinte Ginny. Auch ihre Stimme war nur ein Hauch, getragen vom Wind. "Du aber auch. Ich finde, du bist ein sehr guter Trainer, Harry." "Wirklich?", fragte er erfreut und überrascht. "Ja", war ihre Antwort, "Du hast genau gewusst, welche fiesen Tricks die Slytherins benutzen und konntest daraus ein Trainingsprogramm entwerfen, sodass wir für das nächste Spiel gegen sie vorbereitet sind."

Unauffällig machte Ginny einen Schritt nach vorne. Sie standen so nah beieinander, dass gerade Mal ein Blatt zwischen sie gepasst hätte. Harry spürte ihren Atem auf seiner Haut. Sein Herz klopfte. Was geschah hier nur? Ginny wisperte: "Was ich vor allem wichtig finde, ist, dass du an uns glaubst." Harry schluckte. Irgendwie war sein Hals ganz rau. "Danke....", brachte er hervor.

Ginny spähte an ihm vorbei. "Harry, wir werden beobachtet." Er wandte den Kopf. Auf dem Fenstersims hockte. groß, orange und schwer, Krummbein. Der Kater hatte ihnen den Rücken zugekehrt, doch seine glühenden, grünen Augen taxierten sie. Der Schweif bewegte sich langsam hin und her. Das Nackenhaar war leicht gesträubt.

"Er sieht irgendwie sauer aus", meinte Ginny. Harry fragte sich: "Denkst du, Hermine hat vergessen ihn zu füttern?" Er musste loslachen, denn irgendwie klang dieser Satz eher so, als würde Ron ihn sagen. Der dachte schließlich ständig ans Essen. Die Rothaarige schüttelte den Kopf. "Das bezweifle ich", sagte sie.

Krummbein gab ein grummelndes Geräusch von sich, es klang wie ein Niesen, spannte die kräftigen Läufer an und hüpfte den Fenstersims runter. Er verschwand auf dem Schulgelände, ein kleiner, orangener Fleck in der Dunkelheit. Ginny meinte: "Ich würde bei dem kalten Wetter nicht gerne im Dunklen spazieren gehen." "Ich auch nicht", meinte Harry. Sie sahen dem Kater nach, bis er verschwunden war.

"Also wirklich, das wurde aber auch höchste Zeit! Was macht ihr auch noch so spät in den Gängen?" Mit diesen Worten begrüßte sie die Fette Dame, als sie durch den Gang auf das Portrait zu gerannt kamen. Sie hatte ihre Hände in die Hüften gestemmt. Das rosa Kleid bauschte sich. Harry glaubte sogar in dem teigigen, rosewangigen Gesicht so etwas wie Unmut zu erkennen.

"Entschuldigung", sagte Harry, "Wir haben trainiert und die Zeit vergessen." "Aha", stellte die Fette Dame fest, "Dann guckt das nächste Mal auf die Uhr. Ich meine, wozu habt ihr so was? Wegen euch verpasse ich jetzt das Treffen mit Hildegard von Mythenmetz und Rodrigo Domingo. Und der ist so ein gut aussehender und poetischer Bursche...."

Ohne auf das Passwort zu warten, klappte das Gemälde zur Seite. Harry und Ginny beschlossen die korpulente Frau nicht noch mehr zu stören und stiegen kurzerhand durch das Loch. Hinter ihnen ertönte ein dumpfer Knall, als das Portrait wieder in den Rahmen fiel. Ganz offensichtlich würde jetzt niemand mehr reinkommen.

"Seit wann hat sie einen Sinn für das Poetische?", fragte Ginny irritiert. "Keine Ahnung", meinte Harry, "Ich hoffe, dass sie nicht versucht zu dichten. Erinnerst du dich daran, wie sie mal versucht hat ein Glas zu zersingen und daran gescheitert ist?" Die Rothaarige nickte schadenfroh grinsend. Sie hatten beide noch gut in Erinnerung, wie die Fette Dame ihnen damals den Weg versperrt hatte und dann mit ziemlichem Gekreische versucht hatte, ein Weinglas zu zersingen. Sie hatte es letzten Endes dann einfach zerbrochen, indem sie gegen den Rahmen ihres Bildes damit geschlagen und skandalös behauptet hatte, ihre Stimme wäre ein Wunder. Was natürlich komplett falsch war!

Ginny gähnte mit vorgehaltener Hand. "Ich bin todmüde. Ich geh schlafen. Gute Nacht." "Nacht, Ginny." Harry sah ihr nach, wie sie die Stufen hinaufstieg, welche zu den Mädchenschlafsälen führte. Ihr rotes Haar wirkte dunkel, wenn kein Licht da war. Aber auch dann hatte es etwas Schönes.

Der Junge drehte den Kopf. Vor dem Kamin saß in einem der Sessel Hermine. Ihre Hände lagen auf ihrem Schoss. Harry lief über den weichen Teppich und setzte sich in den Sessel neben ihrem. Das Mädchen sah auf. Sie lächelte matt. Die Flammen malten weiche Lichtflecke auf ihr Gesicht.

"Wie war das Training?", begrüßte Hermine ihn, "Ihr wart ja richtig lange weg." "Ganz gut", erwiderte Harry, "Alle haben es geschafft, trotz unserer absichtlichen Fouls, mehrere Tore zu machen. Ich glaube, beim nächsten Match hat Slytherin keine Chance gegen uns." "Das freut mich", erwiderte die Braunhaarige milde. Sie rieb die Hände aneinander.

Harry fragte: "Wie geht es, Ron? Du hast ja auf ihn aufgepasst. Hat er seine Medizin genommen?" "Ja." Hermine strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und fuhr fort: "Ja, er hat sie genommen. Jetzt schläft er. Und es geht ihm schon viel besser." Erleichtert stieß der Junge den Atem aus. "Danke, Hermine."

Eine Weile schwiegen beide. Nur das leiste Knistern der Flammen war zu hören, das Knacken von brennendem Holz. Funken stoben zum Rand des Kamins, wenn ein Holzscheit durchbrannte und auseinander fiel. Harry beobachtete die sonderbaren Formen, die das Feuer hatte. Es veränderte sich, bewies, dass alles vergänglich war.

Irgendwie erinnerte seine Farbe ihn an Ginnys Haare. Aber auch, wie sich die züngelnden Flammen bewegten. Auch dann war das Feuer ein Ebenbild ihrer wunderschönen, glatten Mähne, welche so perfekt zu ihrem schmalen Gesicht passte. Seine Mutter hatte rote Haare gehabt. Harry wusste dies von Fotos. War dies vielleicht auch ein Grund, warum er Ginny nahe sein wollte? Weil sie ihn irgendwie an seine Mutter erinnerte?

Hermine brach das Schweigen: "Du hast echt Glück." Harry blickte sie irritiert an. "Mit was?", fragte er. "Mit Ginny", war ihre Antwort, "Du hast sie gern und sie hat dich gern. Ihr könnt zusammen sein, ohne, dass jemand drittes euch im Weg ist." "Und was ist mit Dean?", erwiderte Harry, "Mit ihm war Ginny Anfang dieses Jahres zusammen." "Bist du deswegen neidisch?", fragte das Mädchen. "Nein", entgegnete Harry rasch, überlegte dann jedoch und meinte: "Vielleicht ein bisschen. Aber ich glaube, Ginny findet Dean inzwischen auch nicht mehr so interessant. Und selbst wenn, ich denke, ich bin gegenüber so etwas sehr tolerant." Hermines Brauen wanderten kritisch nach oben. Harry runzelte irritiert die Stirn. Warum fragte sie ihn denn jetzt so etwas?

Doch bevor er etwas sagen konnte, wurden sie durch das sich knirschend öffnende Portraitloch unterbrochen. Irritiert wandte Harry den Kopf. Die Fette Dame ist doch ausgegangen. Hier dürfte eigentlich niemand hinein kommen. Auch Hermine stand auf und drehte sich um. Seite an Seite beobachteten sie die Gestalt, die den Gryffindorgemeinschaftsraum betrat.

Es war Professor McGonagall. Die grauhaarige Lehrerin wirkte ernst und besorgt, während sie auf die beiden Schüler zukam. "Gut, dass Sie noch wach sind, Mr Potter und Mrs Granger", sagte sie mit leicht bebender Stimme, "Ich habe schlechte Neuigkeiten für Sie. Bitte kommen Sie mal eben mit."

Harry und Hermine wechselten schnelle Blicke. Was hatte dies zu bedeuten? Langsam liefen die beiden hinter Minerva her. Als Harry begriff, dass sie sich dem Krankenflügel nährten, machte sein Herz mehrere Sprünge, bevor es in einem schnellen Tempo weiter klopfte. Auf einmal wurde dem Jungen bewusst, dass er schwitzte und auch sein Atem kam schneller. Nervosität ließ seine Haut kribbeln, als wären tausende Ameisen darunter.

Professor McGonagall hatte so besorgt gewirkt und sie nährten sich dem Krankenflügel. Bitte lass es nicht etwas mit Ron sein. Bitte lass es nicht etwas mit Ron sein. Harry wiederholte die Worte wieder und wieder, als könnten sie ihm helfen, ein schreckliches Unglück abzuwenden. Wie eine Beschwörungsformel oder ein Schutzzauber. Doch eine Vorahnung nagte an ihm. Die Tatsache, dass Minerva so besorgt war, ließ theoretisch gesehen nur eine logische Schlussfolgerung zu.... Nein! Denk das bloß nicht.

"Ich warne Sie vor:", sagte die grauhaarige Lehrerin und sie betraten den Krankenflügel, "Das wird wohlmöglich ein Schock für Sie." Harry wartete nicht ab, bis sie ihn und Hermine zu Rons Bett geführt hatte. Er lief selbst zu dem eisernen Gestell. Dort blieb er stehen und starrte fassungslos auf seinen besten Freund.

Ron lag in dem Bett, weiß, die Augen geschlossen, das Gesicht vor Schmerz verzerrt. Er sah so kalt aus. So leer und leblos. Schockierend und entsetzlich. Um Rons Nase war die Haut bereits leicht blau geworden. Harry keuchte entsetzt auf. Er hatte noch nie einen Leichnam gesehen.

Dann stürzte Harry wie von Sinnen vor dem Bett auf den Boden. Nein! Nein! Nein! Das darf nicht wahr sein! Die Gedanken tanzten in seinem Kopf und schließlich machten sie sich frei, verließen seinen Mund als grässliche, traurige, klagende Schreie. "Ron! Nein! Nein! Oh, bitte, nein! Ron! Warum? Warum? Rooooonnnnnnn!" Der Junge trommelte schluchzend mit den Fäusten auf dem Boden. Tränen rannen aus seinen Augenwinkeln.

Das kam ihm alles so surreal vor. Als würde er träumen. Als wäre er geradewegs in einen Albtraum gefallen. Warum? Warum passiert das immer ausgerechnet mir? Es war, als wäre er verflucht. Seine Eltern, Sirius und nun Ron. Mehrere Male musste er jemanden sterben sehen. Und mehr als einmal war es jemand gewesen, der ihm nahe gestanden hatte. Mutter, Vater, Pate, Freund...warum wurden sie ihm genommen?

Eine Hand legte sich zärtlich auf seine Schulter. "Harry...", drang Hermines Stimme an sein Ohr. Er sah auf. Die Braunhaarige stand hinter ihm. Unendliches Leid und Trauer spiegelten sich in ihrem Gesicht wieder, die Tränen glitzerten in ihren Augenwinkeln. Doch sie blieb tapfer stehen. Zerbrach nicht so wie er.

Ihre Hand schloss sich um seine. Die warmen Finger drückten seinen Ballen sachte, dann zogen sie ihn bestimmt wieder nach oben. "Es tut mir Leid...", flüsterte Hermine. Sie schmiegte sich an ihn und bettete den Kopf an seiner Schulter. Harry zitterte. Er hörte sie leise weinen. Und auch er konnte nicht anders. Die Tränen rannen aus seinen Augen, tropften ihm die Nasenspitze herab.

Professor McGonagall räusperte sich. "Es tut mir wirklich Leid, was mit Mr Weasley passiert ist", sagte sie betreten, "Aber leider ist er nicht der einzige Tote. Würden Sie sich bitte umdrehen?" Harry wandte den Kopf, genauso wie Hermine. Auf einem anderen Bett lag Lavender, die Augen aufgerissen, blanker Terror im Gesicht und den Kopf nach hinten geworfen, sodass die Kehle entblößt war.

"Man fand sie zwei Meter von Rons Bett entfernt. Tot", erklärte Minerva. Harry fragte bitter: "Haben Sie eine Theorie, wer den Mord verursacht hat oder wie es dazu kommen konnte?" "Nein", erwiderte die grauhaarige Lehrerin und schüttelte den Kopf, "Wir tappen völlig im Dunklen. Wir haben die Tatorte auch bisher noch nicht genau untersucht. Doch ich fand, dass Sie es bereits erfahren sollten. Sie haben ein Recht dazu es zu erfahren. Genauso wie die Familien der Betroffenen."

Harry und Hermine liefen schweigend und bedrückt zurück zum Gryffindorturm. Professor McGonagall hatte ihnen eine kurze, schriftliche Erklärung mitgegeben, welche ihnen Straffreiheit während der Nachtstunden gab. Unter der Bedingung, dass sie sofort und ohne irgendwelche Umwege zum Gemeinschaftsraum gingen.

Die beiden nährten sich gerade dem Portrait, als die Fette Dame zurück kehrte. Sie wollte gerade zu einer Schimpftirade ansetzen, doch ein Blick auf die ernsten Mienen ließ sie verstummen. Hermine murmelte: "Goldregen" und das Gemälde schwang auf. Hermine lief sofort in ihren Schlafsaal.

Harry folgte weitaus langsamer. Der Junge lag, selbst nachdem er umgezogen war, noch lange wach und sah zur Decke. Er hatte niemals damit gerechnet, dass jemand Ron einfach so aus seinem Leben reißen würde. Der Rothaarige war immer bei ihm gewesen. Er war sein bester Freund. Und nun war er fort. Wer könnte ihn getötet haben? "Es war Malfoy", flüsterte Harry bestimmt in die Dunkelheit, "Ich weiß es."

Am nächsten Morgen berichtete Harry Ginny möglichst schonend über die Ereignisse in letzter Nacht. Soweit er sie verstanden hatte. Der Schwarzhaarige saß mit der Jüngeren und Hermine in der Großen Halle beim Frühstück. Brötchen, welche halb aufgegessen waren, lagen erwartungsvoll auf ihren Tellern.

Harry redete dermaßen umständlich, dass Ginny irgendwann meinte: "Harry, hör auf mit mir zu reden, als wäre ich noch das kleine Mädchen aus der zweiten Klasse. Ich bin inzwischen in der fünften. Ich kann mit schlechten Neuigkeiten umgehen." Trotzend sah sie ihn an. Harry seufzte. Sie war erwachsen geworden in den letzten paar Jahren, gereift, ohne, dass er es bemerkt hatte. Und doch sah der Schwarzhaarige in manchen Albträumen immer noch sie auf dem glatten, nassen Boden in der Kammer des Schreckens liegen, blass und klein. Verletzlich. Und nun war sie so groß geworden, so willensstark.

Unsicher sah Harry zu Hermine. Ginnys Reaktion überforderte ihn irgendwie. Die Braunhaarige piekste gerade ein Stück Pfannkuchen mit ihrer Gabel auf. Sie erwiderte seinen Blick. Hermine erwiderte: "Wird dir das erst jetzt klar, dass sie auf ihren eigenen Füßen stehen kann, Harry? Ginny ist groß genug, um zu wissen, was passiert ist. Und du kannst es ihr ruhig sagen." Und sie schob sich ihre Mahlzeit in den Mund und kaute darauf herum.

Ginny lächelte. "Siehst du?", meinte sie triumphierend, "Sogar Hermine sagt es. Du sollst mich nicht wie ein kleines Mädchen behandeln. Jetzt sag mir endlich, was passiert ist." Harry starrte sie an. Es zerriss ihm das Herz, zu wissen, dass seine nächsten Worte dieses bezaubernde Lächeln aus ihrem Gesicht wischen würden. Und zugleich wunderte sich ein kleiner Teil von ihm darüber, dass er so stark fühlte.

Harry sagte: "Ron...ist tot." Das Lächeln verschwand aus Ginnys Gesicht, als hätte er es weg gewischt. "Nein!", keuchte sie leise und wurde schlohweiß im Gesicht. Ihre Augen weiteten sich. Harry sah Tränen an ihren Wimpern zittern.

"Es tut mir Leid." Auch in seiner Stimme schwangen jetzt die Tränen mit. Er streckte eine Hand aus, um die ihre zu ergriffen, doch Ginny sprang auf, lief um die Tischecke herum, an der sie saßen, und fiel ihm um den Hals. Weinend vergrub sie das Gesicht an seiner Brust. Ihre Schultern bebten leicht. Harry umarmte sie ebenfalls. Er versuchte gefasst zu wirken, damit sie sich nicht so allein fühlte, aber das war schwer. Ron... Seine ganze Trauer schien ihn einzuholen.

"Ach, Harry", flüsterte Hermine leise. Sie hatte ihre Mahlzeit beendet. Kummervoll blickte sie den Jungen an. Dann, noch ehe Harry wusste, wer angefangen hatten, hielten sie sich alle gegenseitig im Arm, weinend und zitternd. Harry wäre das vielleicht peinlich gewesen, aber jetzt brauchte er es gerade. Diesen Halt. Es war ihm sogar egal, dass die Slytherins ihn vielleicht so sehen könnten.

Ihre Trauer wurde dadurch unterbrochen, dass mit einem lauten Knall die beiden Hallentorflügel gegen die Wand krachten. "Aaaaahhhhhh!

" Crabbe und Goyle rasten, kreischend wie zwei Mädchen, durch den schmalen Streif zwischen den Tischen, welcher zu dem Lehrertisch führten. Sie liefen auf der für Dicken typische Art: schnell, angestrengt, schnaufend und mit verzweifelter Konzentration. Hinzu kam noch, dass sie mit den Armen schlenkerten, was vor allem bei Crabbe auffiel, der seine Arme normalerweise eher steif hielt.

Alle Augen waren auf die beiden Schüler gerichtet. Harry, Hermine und Ginny waren einem Reflex folgend aus ihrer Kuschelposition gewichen. Die Rothaarige wischte sich vorsichtig die letzten paar Tränen aus den Augenwinkeln. Harry vergaß aufgrund der angespannten Atmosphäre, dass er immer noch leicht weinte. Hermine dagegen trug den Blick auf dem Gesicht, wenn sie einem Lehrer die volle Aufmerksamkeit schenkte, mit dem kleinen Unterschied, dass ihre Lippen geöffnet waren.

Dumbledore erhob sich langsam. "Was ist los, Mr Crabbe und Mr Goyle?", fragte er mit einer Ruhe in der Stimme, die Harry schon im ersten Jahr beeindruckt hatte. Crabbe und Goyle kamen vor dem Lehrertisch zum stehen, schlitternd und verschwitzt. Beide sammelten genug Atem, um fast gleichzeitig zu verkünden: "Draco wurde mit aufgeschlitztem Bauch im Jungenklo gefunden."

Es dauerte einige Sekunden, bis alle Schüler das Gehörte in ihren Köpfen in Bilder übersetzen konnten. Harry konnte die Veränderung regelrecht in den Gesichtern seiner Mitschüler ablesen. Erst Verwirrung, dann Schock, dann Terror. Schreie wurden laut, alle ließen ihre Speisen fallen, sprangen von den Tischen auf, die Erstklässler rannen hektisch hin und her. Es herrschte ein ziemliches Durcheinander, so laut und unübersichtlich, dass Dumbledore drei explodierende Funken von seinem Zauberstab losschicken musste, um für Ruhe zu sorgen.

Der Zauberer mit seinem langen, weißen Bart ließ den Stab sinken. Er strich über sein rotes Gewand und wartete, bis alle Schüler ihren Schock in Aufmerksamkeit umgewandelt und diese auf ihn gerichtet hatten. "Verfallt jetzt bitte nicht in Panik", bat er eindringlich.

Von Dumbledores Stimme ging eine Ruhe aus, welche seine folgenden Anweisungen einprägsam an alle Schüler weiter gab: "Die Vertrauensschüler führen ihre Häuser in die Gemeinschaftsräume, wo sie bleiben werden. Die Lehrer gehen mit mir in den fünften Stock, um Mr Malfoy entweder zu helfen oder seinen Leichnam zu bergen."

Kaum hatte der weißhaarige Zauberer diese Worte gesagt, erhoben sich alle Lehrer und marschierten nach draußen. Auch die Vertrauensschüler begannen ihre Häuser zusammen zu treiben, allen voran die verängstigten Erstklässler. Harry beobachtete das ganze Treiben so lange, bis Hermines warme, aber autoritäre Stimme an sein Ohr drang: "Alle Schüler bilden Zweierreihen und folgen mir. Harry, du bildest die Nachhut."

"Was?", fragte der Schwarzhaarige. Die Gryffindors bildeten eine lange Schlange und Harry blieb nichts anderes übrig als sich hinten anzustellen. Er wusste, wie ernst Hermine Aufgaben nahm, welche mit Verantwortung verbunden waren, und erneut wurde er Zeuge von der Autorität und Kontrolle, welche in ihrer Handlung lag.

Hermine führte alle Gryffindorschüler sicher durch die Gänge des Schlosses. Harry hörte die Erstklässler nervös tuscheln. Sie hatten Angst und waren beunruhigt. Kein Wunder. Der schwarzhaarige Junge bezweifelte, dass Malfoy noch am Leben war, wenn die Lehrer ihn fanden. Crabbe und Goyle hatten ziemlich panisch und entsetzt gewirkt, als sie von ihrem Fund berichtet hatten, also musste die Wunde schon gravierend sein.

Die Fette Dame staunte nicht schlecht, als alle Schüler nach so kurzer Zeit sich vor ihrem Portrait versammelten. "Was ist passiert?", fragte sie besorgt. Hermine erwiderte darauf nur: "Goldregen." Harry konnte sogar von seinem entfernten Posten aus erkennen, dass die Frau in dem rosa Samtkleid ziemlich widerstrebend ihr Portrait zur Seite klappen ließ.

Alle Schüler stiegen zügig durch die Öffnung. Harry konnte Hermines Stimme etwas erklären hören. Er zischte den Schülern vor sich zu, sie sollten sich etwas beeilen. Endlich war auch der letzte Schüler durch das Portraitloch gestiegen. Harry hörte das dumpfe Knirschen, als das Gemälde wieder in seine ursprüngliche Position fiel.

Der Junge hatte den Gemeinschaftsraum noch nie so voll gesehen. Alle Schüler standen um den Kamin rum. Manche saßen auf dem Sofa oder Sesseln. Leises Getuschel und Gemurmel war zu hören. Angespannte und nervöse Blicke wurden gewechselt. Harry spürte die Angst im ganzen Raum. Ihm war es, als wäre die Luft stickig.

Hermine erklärte: "Ich bitte euch alle ruhig zu bleiben und den Raum nicht zu verlassen. Wir wissen nicht, was genau mit Draco Malfoy passiert ist, aber ich nehme an, dass Dumbledore ihn gerade untersucht. Euch kann hier nichts passieren. Ihr wisst, unser Raum wird durch ein Passwort gesichert. Somit wird jedem Fremden der Zutritt verweigert..."

Harry hörte nicht mehr wirklich zu. Wenn Dumbledore den Toten untersuchte, dann würde er auch Ron und Lavender untersuchen. Vielleicht würde er zu Erkenntnissen kommen, die Professor McGonagall noch nicht hatte. Vielleicht tappten sie dann nicht mehr im Dunkeln.

Harry drehte sich um und schob sich an den Schülern vorbei. "Entschuldigung, darf ich mal?", fragte er bei den überraschten Rufen. "Harry!", hörte er Ginny hinter sich rufen, dann ertönte hastige Schritte. Der schwarzhaarige Junge fegte aus dem Raum und stürmte den Gang entlang. "Harry!" "Harry, bleib stehen!" Die Stimmen von Hermine und Ginny ließen ihn etwas langsamer werden.

Endlich holten die beiden den Jungen ein. Japsend fragte Ginny: "Wo willst du hin?" "Zum Krankenflügel", erwiderte Harry, welcher zügig weiter lief, "Dumbledore wird bestimmt jetzt die drei Toten untersuchen. Ich muss wissen, was er herausfindet. Vielleicht kommen wir dem Täter dann so auf die Spur." Er blinzelte seine aufkommenden Tränen weg und blickte erst Ginny, dann Hermine an. "Ich meine, ihr wollt das doch auch, oder?"

"Natürlich", erwiderte Ginny, "Was unterstellst du da, Harry? Natürlich will ich wissen, wer meinen Bruder ermordet hat." Hermine schwieg nur. Es war schwer ihr Gesicht zu lesen. Harry wusste nicht, was da in ihrem Blick lag. Er war so glatt wie eine ruhige Wasseroberfläche.

Die drei erreichten den Krankenflügel. Harry winkte hektisch Hermine und Ginny zu. Die Jugendlichen verbargen sich hinter einer großen Säule, welche mit ihrer Zwillingsschwester den Eingang säumte. Ganz langsam linste erst Harry, dann Hermine, dann Ginny um die Ecke in den Krankenflügel. Sie hielten den Atem an, als könne allein schon dieses Geräusch sie verraten. Hoffentlich sieht man uns nicht.

Im Krankenflügel standen Professor McGonagall und Dumbledore vor Rons Bett. Harry sah sich suchend um und musste sich regelrecht die Hand auf den Mund pressen, um nicht aufzuschreien, als er Dracos Leichnam erblickte. Die Brust des Jungen war aufgeschlitzt wie bei einem Kaninchen. Blut durchtränkte seine weiße Weste und kleine Rinnsaale liefen seinen Hals hinab. Ein dunkler Fleck hatte sich um die Wunde gebildet, welcher so groß war, dass es klar war, dass Malfoy diese Attacke nicht überlebt hatte.

"Drei Tote, innerhalb von vielleicht nur einem Tag", flüsterte Minerva gerade. Schaudernd schüttelte die grauhaarige Lehrerin den Kopf. "Das geht nicht mit rechten Dingen zu, Albus. Wir haben die Toten untersucht und das hier unter Rons Bett gefunden." Sie reichte ihm einen angebissenen, von dunkler Schokolade umhüllten Apfel. "Sagt dir das irgendetwas?"

Albus Dumbledore hielt sich den Apfel an die lange, zweifach gebrochene Nase und roch daran. "Vielleicht. Hier wird ein schmutziges Spiel mit uns getrieben, meine Liebe. Und ein schwer zu lösendes noch dazu. Was ich auf jeden Fall sagen kann, Minerva, ist, dass dieser Täter hier sehr eigenartige Motive haben muss, Motive, die nur er selbst kennt. Wären Mr Weasley, Mr Malfoy und Ms Brown Muggelgeborene oder Halbblüter, so könnte ich den Grund für diese Tat auf das Denken eines reinblütigen Fanatikers zurück führen. Aber so..."

Nachdenklich warf Dumbledore kurz den Apfel in die Luft, beobachtete, wie er sich im Flug drehte, das Licht beschien die Bissstelle sanft. Der Direktor fing die Speise wieder auf. "Es scheint, als würde sich mein eigenes Gedankenbild gegen mich richten. Als stehe alles Kopf, Minerva." Seine blauen Augen wandten sich wie Zufall in die Richtung, wo Harry, Ginny und Hermine verborgen waren. "Aufwärts strömen die Flüsse. Es wendet sich das Recht. Alles kehrt sich um."

Falsche Freundin Bearbeiten

'I made myself at home in the cobwebs and the lies'

Spätestens innerhalb der nächsten vier Tage wusste jeder in Hogwarts, dass Ronald Weasley, Lavender Brown und Draco Malfoy ermordet worden waren. Die meisten Schüler liefen jetzt in mehr oder weniger großen Gruppen und führten tuschelnd Diskussionen, wer der Mörder sein könnte. Vor allem die Reinblüter begannen sich und alle anderen misstrauisch zu beäugen, fast als wollten sie jeden dazu provozieren, sie irgendwie anzugreifen.

Hermine hatte es schon immer gemerkt: Im Haus der Schlangen waren alle auf der 'falschen Freunde'-Ebene. Keine Freundschaft wurde da eingegangen, wenn sie nicht irgendeinem Zweck diente oder den Beteiligten einen Vorteil versprach. Alle Slytherins hatten nur das Nutzen-Denken im Kopf. Und das Konkurrenz Denken. Nirgendwo sonst wurden so viele Höflichkeitsfloskeln, Unterwerfungsgesten und scheinheiliges Lächeln getauscht wie unter den Schülern mit der Schlange auf dem grünen Grund als Wappen auf den Uniformen.

Trotzdem bemerkte Hermine, dass nicht nur die Schüler besorgt waren. Auch die Lehrer teilten die angespannte, misstrauische, besorgte Atmosphäre. Denn eines war allen klar: Der Täter befand sich in den eigenen Reihen, lebte in diesem Schloss, aß in der Großen Halle, lernte oder lehrte in den Klassenräumen und schlief unter ihrem Dach. Hermine fragte sich, ob Tom Riddle, der nun unter dem Namen Voldemort bekannt war, dieselbe Atmosphäre gekannt hatte, als er in Hogwarts war. Diese Atmosphäre aus Misstrauen, Wachsamkeit und Vorsicht.

Dumbledore schien sich sogar damit einverstanden erklärt zu haben, dass in und um Hogwarts herum Auroren patrouillierten. Das hatte er zwar schon seit Anfang des sechsten Schuljahres, da allgemein bekannt war, dass Voldemort auf freiem Fuß war, aber dieses Mal sollten die Auroren alles melden, was irgendwie eigenartig war. Sei es von Schüler- oder von Lehrerseite.

Hermine achtete darauf, sich so zu verhalten wie die anderen auch. Sie wollte nicht irgendwie auffallen, indem sie zufrieden durch die Gänge lief oder auf irgendeine andere Art und Weise ihre Freude über den Tod der drei ausdrückte. Stattdessen blieb Hermine viel bei Harry und Ginny und grübelte mit ihnen darüber nach, wer wohl der Mörder war. Da Harry seit längerem ohnehin mit seiner Ich-bin-der-grüblerische-Weltenretter-Miene durch die Gegend lief und Ginny mit ihren Freunden zusammen war, kam es auch öfter mal vor, dass Hermine alleine war.

In dieser Zeit war sie meistens in der Bücherei. Hier fühlte Hermine sich wohl. Bücher waren etwas Wundervolles. Und sie konnten so viele verschiedene Rollen einnehmen. Mal waren es Schatztruhen, in denen die unterschiedlichsten Schätze waren, lang verborgenes Wissen. Manchmal waren es gute Komödianten, die einen mit lustigen Geschichten unterhielten. Dann wieder Märchenerzähler, deren Sinn für Horror einem eine Gänsehaut den Rücken herab sandte. Doch öfter waren Bücher auch wie gute Freunde, denen Geheimnisse anvertraut werden konnte und bei denen man sich gewiss war, dass sie nichts verraten würden.

Hermine nutzte die letztere Funktion, was Bücher sein konnten, jetzt immer mehr. Sie saß häufig in einer Ecke, ein kleines, dunkles Notizheft auf ihrem Schoss. In der Hand hielt sie einen Bleistift. Hermine stützte den Kopf in die Hand, zwischen deren Zeige und Mittelfinger der Stift steckte. Sie biss sich nachdenklich auf die Lippen.

Seit den drei Morden fühlte Hermine sich nicht nur befreit; sie war auch wie gespalten. Eine Seite von ihr glorifizierte an den Tötungsakten, berauschte sich in Gedanken an der Tat, frohlockte an dem Leiden, welches es sich wieder und wieder vor Augen führte. Der andere Teil jedoch fühlte sich miserabel. Erst jetzt wurde Hermine das Grauen ihrer Tat voll bewusst. Sie hatte getötet. Sie hatte drei Menschen ermordet. Auf grauenvolle Art und Weise. Und sie hatte es genossen. Was ist aus mir geworden? Wie unmenschlich kann man werden? Überhaupt, ab wann gilt man als unmenschlich? Sie hatte die Unverzeihlichen angewandt. Hermine konnte das irgendwie selbst kaum glauben. Es kam ihr so surreal vor. Als wäre all das nur ein Traum. Ein Albtraum.

Aber es war kein Traum. All diese neuen Sicherheitsvorkehrungen, die ganzen Auroren, die waren nur wegen ihr da. Wegen einer Mörderin, deren Motiv selbst Dumbledore nicht ergründen konnte. Oder wusste er es, aber tat so, als tappe er im Dunkeln? Doch warum sollte er dies tun? Um sie zu schützen? Schwachsinn. Er müsste ja reichlich bekloppt sein, wenn er einen Mörder schützen wolle. Um Harry davor zu bewahren, ihr Geheimnis aufzudecken? Das ergab Sinn. Falls er denn von ihm wusste.

Hermine seufzte. Immer noch fragte sie sich, woher diese Stimme kam, die ihr Handeln kommentiert hatte. Hatte sie sie sich vielleicht nur eingebildet? Nein. Woher sonst war das Gefühl gekommen, von einem anderen berührt worden zu sein?

Schaudernd rief Hermine sich noch einmal das Bild des Spiegels Nerhegeb ins Gedächtnis. Dort hatte ihr dunkles Ebenbild Draco, Ron und eine undefinierbare Person, bei der es sich, wie die Braunhaarige nun erkannte, um Lavender gehandelt haben musste, erschlagen. Das Mädchen musste sich arg zusammen reißen, um nicht zusammen zu schrecken. Nein, der Spiegel kann einfach nicht die Zukunft gezeigt haben. Aber trotz allem hatte sich das darin abgebildete bewahrheitet. Doch Hermine bezweifelte, dass es die Zukunft war. Harry hatte ihr einmal erzählt, dass er diesen Spiegel selbst gesehen hatte. Und dass er darin das gesehen hatte, wonach er sich am meisten gesehnt hatte: seine Eltern.

Hermine kratzte sich mit der Hand am Nacken. Warum aber hatte der Spiegel ihr dann diese Mordszene gezeigt? Vor allem, woher hatte er so genau wissen können, wie sie sich gefühlt hatte? Sie seufzte. So viele ungelöste Fragen.

Hermine richtete ihren Blick wieder auf den Notizblock. Sie beschloss wenigstens einen Teil ihrer Gefühle in Worte zu fassen. Das Mädchen ergriff den Bleistift und begann zu schreiben: I feel it deep within. It's just beneath the skin. I must confess, that I feel like a monster. I hate what I've become. The nightmare's just begun. I must confess, that I feel like a monster. I, I feel like a monster. I, I feel like a monster.

Schritte nährten sich ihr und Hermine klappte eilends das Buch zu. Sie steckte es in die Tasche. Das Mädchen beobachtete, wie Harry auf sie zukam. "Hermine", fragte er, während die Braunhaarige aufstand, "Kann ich mit dir kurz reden?" "Natürlich", versicherte Hermine und drückte das Buch an ihre Brust, "Was ist Harry?"

"Hast du irgendeine Ahnung, wer der Mörder von Ron, Draco und Lavender ist?" Hermine schaffte es gerade so nicht nach Luft zu schnappen. Ihre braunen Augen spähten nachdenklich umher. Natürlich! Es war klar gewesen, dass Harry auch sie irgendwann fragen würde, ob sie jemanden im Verdacht hatte. Ruhig bleiben, Hermine. Ganz ruhig. Mach keine überhastigen Bewegungen oder irgendetwas, was dich verraten könnte.

Hermine sah Harry an. Auf ihrem Gesicht entstand ein bedrückter Ausdruck. "Ich hab keine Ahnung, Harry", antwortete sie bestürzt, "Wirklich." Dass sie lügen konnte, ohne rot zu werden! Aber es gab nun mal ein Geheimnis, nach welchem man eine Lüge aufbauen konnte, ohne sie zu verraten. So viel wie möglich und so wenig wie nötig. Und meist war es auch gut nah an der Wahrheit zu bleiben.

Zwar hielt sich Hermine nicht an dieses Gebot, aber ihre Aussage war so schwammig, dass sie niemanden in Gefahr brachte. Trotzdem war es eine Antwort, die man durchaus bei dieser Sache sagen konnte. Harry jedenfalls schien ihre Lüge nicht durchschaut zu haben. Er biss sich auf die Lippen. Seine Augen huschten nun ebenfalls umher, während er nachdachte. "Großartig", brummelte Harry, "Wirklich hilfreich." Er lachte auf einmal. "Vielleicht ist der Mörder ja aber auch direkt vor unserer Nase und wir sehen ihn nicht."

Lass den Quatsch! Energisch knallte Hermine ihm ihr Notizheftchen ins Gesicht. "Das ist nicht witzig, Harry!", rief sie. Der schwarzhaarige Junge wandte etwas den Kopf ab. "Sorry", murmelte er, "Das sollte ein Scherz sein." "Über so etwas macht man keine Witze", tadelte die Braunhaarige entrüstet, Krokodilstränen rannen ihre Wangen herab und sie meinte leise: "Denkst du etwa, ich finde es toll, dass Ron tot ist. Oder Lavender. Oder Draco. Man sollte sich nicht über den Tod einer anderen Person freuen. Diese Form der Schadenfreude ist die größte Verachtung der Menschheit."

Harry erwiderte: "Verzeih, Hermine. Ich habe nicht so wirken wollen. Ich bin mindestens genauso aufgelöst wie du." Das Mädchen nickte. Die beiden stapften durch die Schulbibliothek und machten sich auf den Weg sie zu verlassen. Sie wichen einem Auror aus, welcher gerade an ihnen vorbei lief. An seiner dunklen Haut erkannte Hermine Kingsley Shacklebolt. Einen Mann, dessen Ruhe selbst nicht in den gefährlichsten Situationen schwankte.

Kurz trafen sich ihre Blicke. Hermine zog leicht die Schultern an. Sie bemühte sich um einen sorgenvollen Blick. Irgendetwas war in Kingsleys Augen, was ihr Sorgen bereitete. Dieses Glitzern. Fast als wäre ihm etwas klar. Hör auf! Du bildest dir das nur ein. Hermine wandte den Blick ab und starrte in eine andere Richtung.

Harry verlangsamte seine Schritte. Er hatte Kingsley bisher nachgesehen. Jetzt wandte der Junge sich zu Hermine um. "Ist alles in Ordnung mit dir?", fragte er sie. Das braunhaarige Mädchen biss sich auf die Lippen. Na großartig! Jetzt hatte sie durch unbedachtes Handeln sich selbst in eine eher ungünstige Lage gebracht.

Hermine überlegte gerade eine möglichst simple Antwort, mit welcher sie sich aus dem Schneider ziehen konnte, als Schritte ertönten und Ginny um die Ecke gebogen kam. Die Rothaarige blieb vor ihnen stehen. Ihre Augen strahlten und sie platzte offensichtlich vor Neuigkeiten.

"Ginny, was ist los?", fragte Harry. Sie antwortete schnell: "Harry, Hermine, Professor Dumbledore und Professor McGonnagal haben darüber beraten, ob die Schüler trotz der Vorkommnisse nach Hogsmeade dürfen. Ihr wisst ja, Minerva hat den Verdacht geäußert, dass der Täter die Abwesenheit eines Lehrers ausnutzen und die Schüler attackieren könnte. Dumbledore hat jedoch dagegen gehalten, dass der Täter gewiss nicht auf offener Straße ein Massaker veranstalten würde, das würde ihn ja sofort verraten. Er meint, solange wir in Dreiergruppen oder zu mehreren unterwegs sind, wird uns nichts passieren können. Zudem hat er einige Auroren gebeten uns zu begleiten."

Ginny schwieg und wartete offenbar auf eine Reaktion seitens Harry und Hermine. Diese ließ leider etwas auf sich warten. Hermine war bei den Worten der Rothaarigen nämlich erstmal etwas perplex gewesen. Hoffentlich ahnt er nichts. Endlich rang sie sich ein Lächeln ab und meinte: "Das ist toll, Ginny." Harry nickte ebenfalls. Ihr Gegenüber bekam wieder dieses Strahlen im Gesicht.

"Dann kommt", meinte Ginny, "Wir kommen sonst zu spät. Im Verwandlungshof sammeln sich bereits die Schüler." Tatsächlich erblickte Hermine, als sie, Harry und Ginny durch das halbrunde Tor gingen, eine große Gruppe von Schülern. Sie alle tuschelten miteinander und dieses Mal ging es um wesentlich fröhlichere Themen, wie man an den Tonlagen erkennen konnte.

Professor McGonagall stand vor den Schülern. Bei dem Klang der Schritte der drei drehte sie sich um. "Ah, Mr Potter und Ms Granger", begrüßte sie sie, "Ms Weasley hat erwähnt, dass sie Sie holen wird. Reihen Sie sich doch bitte ein." Hermine nickte hastig. Die drei Schüler stellten sich an den Rand der Gruppe. Sämtliche Augenpaare richteten sich auf Minerva, welche eine Pergamentrolle auseinander zog.

Sie las vor: "Nach reiflicher Überlegung haben der Schulleiter, Professor Albus Dumbledore, und die Stellvertretende Schulleiterin, Professor Minerva McGonagall, entschieden, dass das heutige Hogsmeadewochenende stattfindet, trotz der schauerlichen Ereignisse zuvor." Die Lehrerin wurde von dem allgemeinen Jubeln unterbrochen. Geduldig wartete sie, bis es wieder ruhig wurde, dann fuhr Minerva fort: "Die Schüler haben sich jedoch an die folgenden Regeln zu halten: Erstens, alle Schüler bewegen sich in Gruppen von mindestens drei Personen. Zweitens, alle Schüler bleiben auf den Hauptstraßen oder in deren unmittelbarer Nähe. Drittens, der gesamte Ausflug wird von mehreren Auroren begleitet, welche die Aufsichtspflicht haben. Alle Schüler müssen sich an ihre Anweisungen halten."

McGonagall rollte den Bogen zusammen. "Da das ja nun geklärt ist, können sie...." Minerva wurde unterbrochen, denn auf einmal ertönten eilige Schritte. Hermine sah Professor Dumbledore durch das Portal treten. Mit schnellen Schritten, bei denen seine Schnabelschuhe unter dem weinroten Mantel aufblitzten, marschierte er zu Minerva, wo er stehen blieb und verkündete: "Mr Harry Potter ist die Teilnahme an dem Hogsmeadewochenende untersagt."

Hermine stutzte. "Was?", hörte sie Harry irritiert murmeln. Das braunhaarige Mädchen wechselte erstaunte Blicke mit Ginny. Was hat das de'nn zu bedeuten? Was war mit Dumbledore los? Warum verbot er Harry plötzlich etwas einfach so? Harry hob die Hand. "Professor", rief er, "Warum darf ich nicht mitkommen?" "Die Gründe werde ich jetzt nicht erläutern, Harry", entgegnete Dumbledore in einem Ton, der keine Diskussion zuließ, "Sie bleiben hier. Das ist mein letztes Wort." Und er wandte sich um und ging.

Kurz herrschte eine unbehagliche, verwirrte Stille. Alle fragten sich offenbar, was dieser komische Auftritt gesollt hatte. Professor McGonagall machte ein bestürztes, mitfühlendes Gesicht. Sie kräuselte etwas die Nase. "Mr Potter..."

Hermine sah Harry traurig. "Tut mir echt Leid, dass du nicht mitdarfst", stellte sie fest, "Bist du dir wirklich sicher, dass wir nicht auch hier bleiben sollen?" Der Junge biss sich auf die Lippen. Er schaute sich kurz um, offenbar rang ein Teil von ihm mit sich. Dann erwiderte Harry kurz angebunden: "Nein, ihr könnt ruhig gehen. Ich kann mich auch ohne euch amüsieren. Viel Spaß in Hogsmeade."

Nachdenklich sah Hermine Harry nach, welcher ins Innere des Schlosses zurück ging. Eine Brise spielte mit ihrem braunen Haar. Warum darf Harry nicht mit? Dumbledore trifft solche Entscheidungen nicht zum Spaß so wie Snape. Es muss einen triftigen Grund dafür geben. "Hermine." Ginnys Stimme drang an ihr Ohr und sie wandte den Kopf. Die Rothaarige stand schräg hinter ihr. "Kommst du?" "Klar", meinte das Mädchen und stapfte hinter der anderen her. Unter ihren Füßen knirschte das Gras.

Hogsmeade schmiegte sich an eine Talsenkung im Hochland. Von Hogwarts wurde es durch den Schwarzen See getrennt, der wie eine dunkle, große, ovale Träne im Moos ruhte. Um es herum reihten sich in der Ferne zerklüftete Berge, welche voller Höhlen waren. Die Häuser mit ihren Schindeldächern lagen verstreut und durchzogen von Gassen nahe einem Tannenwald.

Aus der Ferne wirkte das Dorf fast schon idyllisch und ruhig. Gras spross am Wegesrand, Hunde durchstöberten die Abfälle in der Nähe der Metzgerei nach Essbarem und in den Drei Besen, einem sehr gerne besuchten Gasthaus, brannte Licht. Die meisten Schülergruppen liefen unverzüglich zum Honigtopf, einem kleinen, hübschen Haus, aus welchem es herrlich nach Zimt und Lebkuchen roch.

Hermine und Ginny standen einfach auf der Hauptstraße und grübelten darüber nach, wo sie hingehen sollten. Ein warmes, cremiges Butterbier in den Drei Besen trinken oder doch lieber etwas zum Naschen besorgen wie die riesigen Tafeln Schokolade im Honigtopf. Das Mädchen biss sich plötzlich schuldbewusst auf die Lippen. Mann, bist du egoistisch, Hermine! Harry durfte nicht mitkommen und sie überlegte, was sie gerne haben wollte.

Ginny schien ihr den Gedanken angesehen zu haben, denn sie meinte: "Mach dir keine Schuldgefühle, Hermine. Dumbledore wird seine Gründe haben, dass Harry in Hogwarts bleiben muss. Und außerdem, wer hat gesagt, dass wir ihm nichts mitbringen dürfen?" Diese Aussage zauberte dann doch ein schüchternes Lächeln auf Hermines Gesicht. Wie hast du daran nicht denken können? Sie war manchmal sehr unsicher, was ihr Sozialleben betraf. So etwas konnte man nämlich nicht aus Büchern lernen. Gefühle waren das Unberechenbarste, was sie sich vorstellen konnte, und der Umgang damit manchmal ganz schön schwer.

"Ihr könntet Harry etwas aus dem Honigtopf schenken", ertönte eine verträumte, rauchige Stimme hinter ihnen. Hermine und Ginny drehten sich um. Luna blickte sie aus ihren großen, klaren, blauen Augen liebenswürdig an. "Hallo ihr beiden", setzte sie als eine verspätete Begrüßung hinzu. Das Mädchen trug einen sehr farbenfrohen Pullover, welcher aussah, als hätte eine sprießende Frühlingswiese den Macher inspiriert. Dazu einen kurzen Rock, Strumpfhosen und schmale, schwarze Schuhe. Hermine entdeckte sogar beim genaueren Hinsehen die Radieschen, welche die Hellhaarige als Ohrringe trug, und eine Kette mit einem sonderbaren, gelben Bernstein als Anhänger.

"Hallo Luna", sagte Ginny und fragte: "Meinst du wirklich?" "Ja", erwiderte Luna, "So etwas ist leichter zu transportieren als etwas zu trinken. Da ist die Chance ziemlich groß, dass man etwas verschüttet. Daddy hat im letzten Klitterer über den Wettlauf der Kellner berichtet. Die mussten mit Tabletts und einer Sektflasche durch die Gegend rennen. Da ist echt eine Menge verschüttet."

Hermine und Ginny tauschten Blicke mit hochgezogenen Brauen. Ein Kellnerwettrennen? Wer kam denn auf so eine verrückte Idee? Das Mädchen wusste es nicht. Allerdings wusste sie, dass es viele verrückte Bräuche gab. In England etwa gab es ein Wettrennen, bei dem die Läufer mit Pfannen zum Ziel liefen und dabei den Pfannekuchen in der Luft wenden mussten. Und da Lunas Vater eh etwas verrückt war, war es nicht verwunderlich, dass er über so etwas berichtete.

Hermine meinte: "Die Idee etwas Süßes für Harry zu kaufen, ist doch ganz gut. Und der Honigtopf liegt praktisch um die Ecke." Tatsächlich stand das Süßwarengeschäft an der nächst gelegenen Straßenkreuzung, ihm gegenüber die Post und auf der anderen Seite die Drei Besen.

Hermine, Ginny und Luna liefen zum Honigtopf. Dieses Gebäude war hellbraun, hatte ein großes, gläsernes Schaufenster, in welchem Lebkuchen, große, rote Lutscher, Lakritzzauberstäbe, Kaubonbons, welche mit Brause gefüllt waren, und sündhaft süße Fruchtshakes standen. Aus der Tür wehte eine Brise, die nach Kuchen, Zucker und Gebäck roch, gewürzt mit dem Duft von Zimt und Muskatnuss.

"Boah", meinte Hermine grinsend, "Ich kann verstehen, warum hier alle reingehen wollen. Man muss echt einen starken Willen haben, um bei der Versuchung nicht nachzugeben." Ginny nickte. Sie wirkte wie ein kleines Kind, welches sich auf die bunte Lutscherstange freut, und taxierte die Süßwaren wie ein Raubtier. Selbst Lunas sonst so verträumte und schläfrige Augen strahlten nun einen leichten Appetit aus.

Drinnen war der Geruch nach Süßwaren so stark, dass es einem regelrecht den Atem nehmen konnte. Überall standen Regale, auf den Brettern reihten sich Gläser voller Gummischlangen (die wirklich zischten), Nougatschokolade mit Nüssen, Eismäuse (davon zitterte man und fing an zu fiepen), Schokofrösche, Pfefferkobolde (Vorsicht, scharf!), Zucker-Federhalter und Kürbispasteten.

An der Theke reichte die Kellnerin einem Mädchen eine große Kürbispastete. "Guten Appetit", sagte sie. Hermine blickte Ginny an. "Ich würde sagen, wir schauen uns um und suchen für uns und für Harry etwas aus", schlug sie vor. Die Rothaarige nickte. Luna selbst schlurfte bereits zu einem Regal, um sich Brausebonbons anzusehen.

Hermine lief zu der Theke, während Ginny ein Regal neben der Tür ansteuerte. Auf der Theke stand ein Glas, gefüllt mit kleinen, einzeln verpackten Sirupbonbons. An der Kante des dunklen Holzes war ein Gitterregal angebracht, wo diverse, kleine Leckereien wie Schokofrösche, Zahnseide-Pfefferminzlakritze, Lakritzschnapper (die Packung zuckte sonderbar und auf dem Etikett stand: Achtung, bissig) und Berrtiebotts-Bohnen-in-sämtlichen-Geschmacksrichtungen lagen.

Bei dem Anblick der Bohnen schoss Hermine ein Gedanke durch den Kopf. Die isst Ron doch so gerne. Kurz wandte sie sich um, in der Erwartung sein freudiges, versonnenes Gesicht zu sehen, doch dann fiel es ihr wieder ein: Ron war nicht da. Er würde niemals mehr bei ihnen sein. Die Erkenntnis rutschte wie ein schwerer Stein ihre Kehle herab und plumpste in ihren Magen.

Seufzend sah Hermine sich wieder die Theke mit den Süßigkeiten an. Was sollte sie für Harry wählen? Das Mädchen entschied sich für eine Packung Bertiebott's Bohnen. Da konnte man eigentlich keinen Fehler machen. Dieses Geschmackserlebnis bot für jeden etwas. Sogar eher exotische Geschmäcker wie Mango oder Litschi.

Als Hermine in ihrem Portemonnaie nach dem notwendigen Kleingeld kramte, nahm sie aus dem Augenwinkel wahr, dass es begonnen hatte zu regnen. Das Wasser rann an der großen Fensterscheibe herab. Ein feiner Nieselregen zerstäubte die Luft, ließ alles diesig werden. Na super. Das Wetter wollte auch wirklich nicht bei diesem Ausflug mitspielen.

Genervt schüttelte das Mädchen den Kopf. Die Verkäuferin hatte inzwischen ihr Geld überprüft und reichte ihr nun eine Tüte. Hermine bedankte sich höflich und steckte die Tüte ein. Sie drehte sich um und sah, dass auch Ginny und Luna ihre Entscheidung getroffen hatten. Zu Hermines Bohnen wanderten noch eine Packung Schokofrösche und Zischende Säuredrops.

"Mann, das Wetter will uns auch nur auf den Arm nehmen, oder?", fragte Ginny und spähte zornig aus dem Fenster, als könne sie die Regenwolken so verjagen. Luna murmelte: "Vielleicht hilft ein Regentanz. In Lateinamerika soll es Völker geben, die im Urwald leben und durch Rituale das Wetter beeinflussen können. Vielleicht sollte ich das auch probieren." "Oh nein, Luna", meinte Hermine und schüttelte den Kopf, "Das lässt du mal lieber bleiben. Die Leute werden dich für verrückt erklären und außerdem würdest du dich erkälten. Probier lieber mal was anderes: Zum Beispiel etwas Warmes trinken. Das hebt bei Regen ungemein die Laune."

Ginny zog sich gerade ihre Jacke bis über die Ohren. "Dann steht wohl fest, wo wir als nächstes hingehen. Zu den Drei Besen, um dort ein Butterbier zu trinken." Hermine nickte zustimmend. Dies war wohl die beste Lösung. Sie zog ihre Kapuze über den Kopf. Luna dagegen schien nichts dabei zu haben, um sich vor dem Regen zu schützen.

"Dürfte ich mir den hier wohl ausleihen?", fragte die Blondhaarige die Verkäuferin und wies auf einen großen, blumig gemusterten Regenschirm. "Sicherlich", erwiderte diese, nachdem sie einen kurzen Blick aus dem Fenster geworfen hatte. "Dankeschön, Madam", meinte Luna und nahm den Schirm an sich.

Derart gerüstet machten die drei Mädchen sich auf den Weg zu den Drei Besen. Das Lokal lag zwar auf der gegenüberliegenden Straßenseite, aber der Regen platschte nun munter in die Pfützen und rann als winzige Bäche zwischen den Kopfsteinpflastersteinen hindurch. Somit waren Hermine, Luna und Ginny am Ende der kurzen Strecke nass bis auf die Knochen.

"Bäh", grummelte Ginny, während sie im Vorraum ihre Regenjacke auszog. Der hellbraune Mantel war dunkel vom Wasser und tropfte stetig. Hermine versuchte ebenfalls vorsichtig ihre nasse Kleidung abzulegen. Die Ärmel klebten ihr auf der Haut. Luna sorgte zusätzlich dafür, dass alle noch mal nass wurden, als sie den Regenschirm ausschüttete.

Der Vorraum war klein und unterteilt durch die Eingangstür und eine Tür, welche in den eigentlichen Pub führte. Ein dunkelbrauner, kompliziert verschnörkelter Ständer für Jacken und Hüte stand in einer Ecke. Daneben ein gusseisernes, hohes, schmales Rohr, in welches Luna ihren Regenschirm steckte.

Der Pub selbst war sehr gemütlich und großräumig. Mindestens zwölf Tische standen verteilt in dem dämmrig erhellten Raum. Ihr Holz war befleckt von Getränkespritzern und Essensresten. An den vier Fenstern an den Wänden lief das Regenwasser herab. In der Mitte führte eine Treppe neben der Theke in ein oberes Geschoss.

Hermine, Ginny und Luna steuerten einen freien Tisch am Fenster an. Alle drei setzten sich auf die Bänke. Das braunhaarige Mädchen sah sich um. Wegen des heftigen Nieselregens waren die Drei Besen gut besucht worden. Fast alle Tische waren besetzt, sogar die Drehhocker an der Theke. Hermine entdeckte einige vertraute Gesichter. Ihre Klassenkameraden Dean, Seamus und die Zwillinge Parvati und Padma sowie die Slytherins Pansy Parkinson, Blaise Zabini und Crabbe und Goyle.

Rosmerta, die Wirtin, kam mit einem Notizblock und einem Bleistift zu ihnen. Sie war eine drahtige, kleine Frau mit einer spitzen Nase und staubblondem, spinnwebfeinem Haar. "Was darf es sein?", fragte sie. "Drei Butterbiere", erwiderte Hermine matt und konnte an dem Nicken ihrer Freunde erkennen, dass sie mit der Bestellung einverstanden waren, "Meins mit etwas Ingwer."

Der Stift kritzelte eifrig über das Papier, dann entfernte Rosmerta sich. Hermine stützte seufzend den Kopf in die Hände und spähte nach draußen. Irgendwie sorgte der Regen dafür, dass sie ziemlich müde und auch etwas trübselig drauf war. Ginny und Luna schienen von einer ähnlichen Mattheit befallen zu sein. Genau genommen der gesamte Pub.

Wenig später kam ihre Bestellung. Drei große Hupen, gefüllt mit einer orangenen Flüssigkeit mit einer hellen, großzügigen Schaumkrone. Über Hermines eigener sammelten sich kleine, gelbe Ingwerstücke. Das Mädchen ergriff das Glas. Es war noch warm von dem Getränk. "Zum Wohl", murmelte Hermine und die anderen folgten ihrem Beispiel. Sie stießen kurz und knapp an.

Dann setzte die Braunhaarige den Behälter an die Lippen und nahm einen großen Schluck. "Hermine, du hast da etwas", meinte Ginny, als das Glas wieder auf der Platte landete und wies auf ihre Oberlippe. Oh. Hermine wischte hastig mit ihrem Ärmel darüber. "Ist es weg?" Die beiden nickten.

Während das Mädchen sich den Schaum von den Lippen gewischt hatte, war ihr Blick durch eine Bewegung zum Fenster geglitten. Irritiert sah Hermine hinaus. Durch den strömenden Regen liefen mehrere Personen, welche Papierbögen unter ihrem Arm geklemmt hatten. Was hat das zu bedeuten? Ihre Braue wanderte leicht nach oben und sie runzelte die Stirn. Hermine legte den Kopf an die Fensterscheibe und kniff die Augen zusammen. Es waren fünf Personen. Allesamt trugen lange Regenmäntel aus rotem Leder, sodass sie wie uniformiert aussahen. Einer von ihnen hatte eine dunkle Hautfarbe. Der Regen rann an seiner Glatze herab und an dem linken Ohr blitzte ein kleiner, goldener Ring. Das ist doch Kingsley! Hermine weiteten sich erstaunt die Augen. Jetzt entdeckte sie auch Tonks. Die jüngere Aurorin lief hinter ihrem älteren Kollegen, das pinke Haar feucht und dunkel vom Regen.

Das kann doch nicht wahr sein. Entsetzt saß Hermine da. Sie starrte immer noch wie gebannt aus dem Fenster, selbst nachdem die Auroren schon längst verschwunden waren. Was machten die denn hier? Ihr Herz begann zu rasen, denn dem Mädchen fiel nur eine mögliche Erklärung ein: Das Ministerium hatte den Täter gefunden. Aber warum hatte sie dann noch niemand verhaftet? Vielleicht wussten die Auroren gar nicht, dass sie hier war. Vielleicht hatte das Auftreten der Truppe aber auch gar nichts mit ihr zu tun. Immerhin gab es eine Menge Zettel, die das Ministerium in letzter Zeit aufhängte.

Trotzdem. Wilde Spekulationen würden ihr jetzt nicht weiter helfen. Hermine musste sich Gewissheit verschaffen. Am besten alleine. Aber wie

sollte sie den Raum verlassen, ohne Ginny und Luna zwangsläufig ebenfalls auf den Plan zu rufen?

Die Lösung war so simpel, dass sie fast schon dämlich war. "Ich müsste mal eben ans stille Örtchen", wandte Hermine sich an ihre Freunde und trat dabei etwas auf der Stelle, um noch eine Spur authentischer zu wirken. "Okay", meinte Ginny, "Geh nur. Wir würden dann für dich bezahlen." "Danke", presste das Mädchen hervor und rannte los wie jemand, der wirklich dringend mal musste.

Hinter ihr flog die Tür zum Hauptpub zu. Hermine ergriff ihre Regenjacke. Es mochte jetzt nur noch leicht nieseln, aber sie wollte trotz allem nicht nass werden. Wenig später öffnete sich die Tür der Drei Besen und eine vermummte Gestalt trat hinaus auf die Hauptstraße. Mit zügigen Schritten folgte Hermine dem Weg, den die Auroren gegangen waren. Die Tropfen platschten in die Pfützen, welche sich auf dem Kopfsteinpflaster sammelten.

Ihr Weg führte das braunhaarige Mädchen aus der kleinen Einkaufsgasse raus und zu einer Ansammlung von schmucken, kleinen Wohnhäusern geworden. Vor jedem weiß beputzten Gebäude befand sich ein Garten und am Wegesrand standen Linden. Hier entdeckte Hermine auch Tonks, Kingsley und die anderen Auroren.

Die Truppe stand vor einer Hauswand und war offenbar dabei ein Plakat an dieser zu montieren. Hermine, welche hinter einer Tanne in Deckung gegangen war, hob eine Hand und bog einen Zweig nach unten. Was ist das nur? Ihre braunen Augen funkelten interessiert, während sie versuchte etwas zu erkennen. Der Trieb knackte leicht.

Tonks drehte sich um. Rasend schnell wich Hermine zurück und presste den Rücken gegen den nassen Stamm, der gerade mal so breit war, dass er sie verbarg. Angespannt wartete das Mädchen. Hoffentlich hatte die Rosahaarige sie nicht gesehen! Bitte, bitte, bitte.... "Was ist?", hörte sie Kingsley sagen. "Ich dachte, da wäre...", begann Tonks unsicher, meinte dann jedoch rasch, "ist unwichtig. Kommt. Wir müssen noch mehr Fahndungsplakate aufhängen." Ihre Schritte entfernten sich.

Hermine kauerte noch eine ganze Weile in ihrem Versteck. Sie wagte es nicht, sich zu zeigen. Erstens, weil sie befürchtete, dass vielleicht einer der Auroren sie sehen könnte. Zweitens, weil sie sich vor dem letzten Wort fürchtete. Fahndungsplakat. Nun gab es zwei Möglichkeiten: Entweder das Plakat zeigte einen der gesuchten Todesser oder aber es hatte etwas mit ihr zu tun.

Los jetzt, Hermine! Es nützt nichts, wenn du hinter dem Baum versteckt bleibst wie eine verschreckte Maus. Sie zwang sich regelrecht dazu aufzustehen. Hermine lief um den Baum herum und dorthin, wo die Auroren gewesen waren.

Das Plakat klebte an der Wand, feucht vom Regen. Es zeigte eine junge Frau mit leicht ovalem Gesicht. Das lange, dunkelbraune Haar hing verwuschelt und in buschigen, dichten Locken um ihren Hals und die Schultern. Einige Strähnen wischten über die Stirn und die Augen, welche von dichten Wimpern umrahmt wurden. Deren Farbe war dunkelbraun, durchsetzt von einem wilden Glitzern.

Das Mädchen trug eine schwarze Weste, darunter ein schwarz-weiß gestreiftes Hemd. Der Schnitt wies etwas kantiges, höchst Unelegantes auf. Am Rand nahe dem Reissverschluss war eine Bande aus roten, über Kreuz verlaufenden Stickereien.

Unter dem Bild des Mädchens standen die folgenden Worte:

GRANGER, HERMIONE

Belohnung: 42,000 Gallonen

letzter bekannter Aufenthaltsort: Muggel London

Muggelgeborene Wanted, für Mord, Nutzung höchst giftiger Stoffe, Betreibung verbotener Künste

Für weitere Informationen schauen Sie sich bitte die Akte an. Jegliche Sichtung oder Information, die zur Gefangennahme dieser Person führt, soll sofort dem Ministerium oder Aurorenbüro mitgeteilt werden.

Sehr gefährlich! Bitte nur mit äußerster Vorsicht nähren.

Hermine stolperte bei dem Anblick zurück. Nein, nein. Das darf einfach nicht wahr sein! Es war, als wäre sie in einen Albtraum gestürzt, ohne die Chance aufzuwachen. Obwohl das Mädchen innerlich damit gerechnet hatte, war es trotzdem immer noch wie ein Schlag gegen den Kopf. Betäubend, hart, lähmend.

Nervös zwirbelte Hermine an dem Rand ihres Hemdes herum. Unbehaglich musterte sie das Plakat. Jetzt habe ich ein Problem. Wie hatten die Auroren herausgefunden, dass sie der Täter war? Hatte sie vielleicht unbeabsichtigt irgendwelche Spuren hinterlassen? Und was würde geschehen, falls man sie fasste? Würden die Auroren sie direkt in Askaban einsperren? Oder hätte sie die Chance auf einen Gerichtsprozess? Auf jeden Fall konnte Hermine nicht mehr nach Hogwarts. Sie würde wohl fliehen müssen. Denn eines stand fest: Mir droht Gefahr. Äußerste Gefahr.

Verschwunden Bearbeiten

'I make you see.'

Harry wusste nicht, wie lange er hier gestanden hatte. Hinter seinem Rücken ertönte das dumpfe Gong, Gong des Glockenturmes. Die grünen Augen des Jungen waren auf den kleinen Torbogen gerichtet, durch den eine Ausfahrt nach draußen führte. Flatternde Flügelschläge ließen ihn kurz gedankenversunken den Kopf heben. Wie eine schimmernde Sternschnuppe rauschte Hedwig, seine Schneeeule, über seinen Kopf und verschwand im nah gelegnen Wald, um zu jagen. Alle Eulen konnten die Eulerei verlassen, wann immer sie wollten.

Harry sah ihr nach. Er hatte das eigenartige Gefühl, er wäre in der Zeit zurück versetzt worden. Statt eines Sechzehnjährigen stand plötzlich ein dreizehnjähriger Junge auf dem Menschenleeren Hof und hatte die Hände in den Manteltaschen vergraben, während er auf seinen Lippen kaute. Im dritten Schuljahr war es Harry schon einmal verboten gewesen nach Hogsmeade zu gehen. Damals hatte er das Einverständnisfomular nicht ausfüllen lassen. Okay, Vernon hat sich geweigert, aber das Ergebnis war ja wohl dasselbe. Aufgrund der fehlenden Unterschrift hatte er nicht mitkommen dürfen.

Diese Regelung war für Harry sogar verständlich gewesen. Er hatte etwas nicht vorzeigen können, deshalb hatte er nicht mitkommen dürfen. Aber das hier? Es ergab für Harry überhaupt keinen Sinn. Warum sollte Dumbledore ihm plötzlich verbieten nach Hogsmeade zu gehen? Vor allen Dinge ohne einen triftigen Grund zu nennen.

Eigentlich sollte Harry sonderbares Verhalten von Dumbledore gewohnt sein. Der weißhaarige Zauberer sprach des Öfteren in Rätseln und ließ ihn die Dinge selber herausfinden. Seine Stärken erproben.

Trotzdem dieses Ereignis passt irgendwie nicht ins Schema. Mit den Händen in den Taschen schlenderte Harry über den Schulhof. Eine kühle Brise wehte, zeugte von kommendem Regen. Dunkle Wolken zogen in die Richtung von Hogsmeade. Das sah sehr nach einem Gewitter aus. Überhaupt war eine Feuchtigkeit in der Luft, die fast schon etwas ekeliges, Erdiges an sich. Selbst das herab gefallene Herbstlaub war dunkel.

Vielleicht hatte es auch etwas mit den Morden zu tun. Dumbledore war besorgt. Genauso wie alle anderen Lehrer. Harry selbst fühlte sich wie der Selbstkritiker. Malfoy, denjenigen, den er verdächtigt hatte, war ebenfalls ermordet worden. Als Harry an den Leichnam dachte, schauderte ihm. Draco war aufgeschlitzt worden wie ein Kaninchen.

Das ganze Blut hatte der Tat etwas furchtbar grausames und barbarisches verliehen. Harry hatte innerhalb der sechs Jahre schon viele Morde mitbekommen. Doch die hatten alle weniger gewalttätig und grausam gewirkt. Die Leichen waren nicht irgendwie verstümmelt worden. Auch kein Blut war geflossen. Alle Tode, die er mitgekriegt hatte, waren durch den Todesfluch ausgelöst worden. Ein Blitzen aus grünem Licht, ein furchtbar sirrendes Geräusch wie eine Sense, die gleich auf nackte Haut trifft, und dann schlagartig Stille.

Seit Harry wusste, dass Voldemort seine Eltern ermordet hatte, hatte er sich versucht ihre letzten Momente vorzustellen. Aufgrund von vielen Erlebnissen und Erinnerungen hatte er den Verlauf des Grauens rekonstruieren können: Voldemort hatte zuerst seinen Vater James getötet. Dann hatte er auch Harry töten wollen. Aber Lily hatte ihn angefleht, den Jungen zu verschonen, sich sogar vor das Bett gestellt. Voldemort hatte die rothaarige Frau aufgefordert zur Seite zu gehen, aber sie hatte sich widersetzt, weshalb der weißhäutige Zauberer auch sie getötet hatte. Und dann hatte er versucht Harry zu töten. Und war an diesem Akt zusammen gebrochen.

Remus Lupin, ein ehemaliger Lehrer von Hogwarts für Verteidigung gegen die Dunklen Künste, hatte Harry gesagt, dass er furchtbares Grauen durchlebt hatte. Grauen, das sich seine Mitschüler noch nicht einmal ausmalen konnten. Doch nun fragte sich Harry, ob dies wirklich stimmte. Waren Ron und Draco nicht auf eine so viel grauenvollere Art und Weise umgekommen?

Überhaupt, wer käme noch als Täter in Frage? Snape? Harry war sich da nicht so sicher. Er hatte schon einmal den schwarzhaarigen Lehrer für etwas verdächtigt, aber dann hatte es sich doch herausgestellt, dass er sich geirrt hatte. Vielleicht machte er diesen Fehler noch einmal. Aber ihm fiel einfach keine weitere Person ein, die den Mord noch begangen haben konnte. Es musste einfach Snape sein!

Flatternde Flügelschläge ertönten und wie ein weißer Blitz rauschte Hedwig auf ihn zu. Harry winkelte den Arm an, damit die Eule eine Landemöglichkeit hatte. Scharfe Krallen versenkten sich in seinem Ärmel. Hedwig putzte sich die gebänderten Flügel und klackerte mit dem Schnabel. Die Eule war etwas schwer, aber Harry konnte inzwischen ihr Gewicht gut halten.

Sachte streichelte er dem Vogel über das gepflegte, weiche Gefieder. "Na, immerhin hast du mich nicht verlassen", meinte Harry. Die Eule war seine Gefährtin und in seiner Zeit bei den Dursleys seine einzige Verbindung zur magischen Welt. Er mochte sie sehr und manchmal unterhielt Harry sich mit ihr. Im Gegensatz zu Ron und Hermine kritisierte Hedwig ihn nicht sofort, sondern hörte nur ruhig zu. Und manchmal tat es gut sich die Seele aus dem Leib zu reden.

Harry marschierte mit der Eule zurück zum Schloss. Er ließ sie zurück zur Eulerei fliegen. In einem der Gänge huschte ihm Krummbein über den Weg. Der orangene Kater wirkte etwas schlanker, das lange Fell fiel in Wirbeln um seine Glieder. Harry konnte nicht genau sagen, wohin Krummbein rannte. Vielleicht jagte er einem regennassen Blatt oder einem großen Staubfussel hinterher.

Während er den buschigen Schweif des Kniesels um eine Ecke verschwinden sah, kehrten Harrys Gedanken zu Hermine zurück. Sie war seit längerer Zeit ziemlich still und schweigsam, hielt sich eher abseits. Das Mädchen wirkte verschlossen und seine Augen schienen an Glanz eingebüsst zu haben. Das Haar, ehemals voll und glänzend, wirkte ebenfalls etwas schäbiger. Als hätte die Erkenntnis, dass Ron, Lavender und Draco tot waren, sich auch auf Hermines Körper ausgewirkt und ihn irgendwie verändert.

Sie sprach auch kaum noch. Gewiss war sie genauso von der Trauer zerfressen und gelähmt wie Harry. Vielleicht sogar etwas mehr. Dem schwarzhaarigen Jungen tat sie leid. Obwohl Hermine nach außen immer noch kraftvolle Stärke und wilde Entschlossenheit ausstrahlte, merkte Harry doch eine Kühle und Kälte, die sich wie ein Schleier über sie legte und ihr das Herz einfror. Sie muss wirklich traumatisiert sein.

Am Abend kamen seine Freunde endlich aus Hogsmeade zurück. Es war Zeit fürs Abendessen und alle Schüler waren in die Große Halle gegangen, wo die Tische bereits mit Broten, Wurst, Käse und leichter Rohkost gedeckt waren. Harry saß am Gryffindortisch, vor sich ein Toast mit einem Salatblatt, einer Scheibe Käse und Wurst und ein Stück Tomate. In seinem goldenen Becher befand sich Apfelsaft.

Harry blickte zum Portal, durch das die Schüler geströmt kamen. So viele vertraute Gesichter. Der schwarzhaarige Junge hielt Ausschau nach einer langen, flammenfarbenen Mähne. Endlich entdeckte er Ginny. Diese stand neben Luna Lovegood und plauderte mit dieser. Harry winkte und braune Augen trafen auf seinen grünen Blick. Sie brachten ihn kurzzeitig zum Schmelzen.

Ginny verabschiedete sich lächelnd von Luna. Dann lief sie zum Gryffindortisch. Harry sah Lunas klare, blaue Augen auf ihm ruhen, dann lief sie ebenfalls zu ihren Hausgenossen. "Mann, hätte es nicht geregnet, dann wäre dieser Ausflug richtig schön gewesen", meinte Ginny und ließ sich auf den Stuhl fallen. "Mhm", machte Harry zerknirscht. Es gefiel ihm immer noch nicht, dass er nicht hatte mitkommen dürfen.

Ginny hob eine Braue. "Schau nicht so mürrisch, Harry", meinte sie fast schon tadelnd und durchwühlte ihre Tasche, "Wir waren so nett und haben dir etwas mitgebracht. Hier." Sie reichte ihm eine Packung Bertie Botts Bohnen in sämtlichen Geschmacksrichtungen, Zischende Wisbies und ein Päckchen Schokofrösche.

Bei dem Anblick der Süßigkeiten verschwand Harrys miese Laune und wich sogar einer gewissen Scham. Er hatte sich tierisch über Dumbledores Entscheidung aufgeregt und seine schlechte Stimmung einfach an Ginny ausgelassen. Dabei hatte diese und wohl auch Hermine ihm etwas aus Hogsmeade mitgebracht.

"Danke", meinte Harry und nahm die Sachen an sich. Zu seiner Schamröte kam noch eine weitere Farbe. Wieso nur stellte er sich in Ginnys Gegenwart immer so an? Hatte solche Schwierigkeiten damit einen guten Satz zu bilden. "Das ist sehr nett von euch."

Irritiert sah er sich um. Der schwarzhaarige Junge hatte damit gerechnet, dass Hermine spätestens jetzt aufgetaucht war. Rasch vergewisserte Harry sich: "Hermine ist doch mit euch zurück gekommen, oder?" "Ja", erwiderte Ginny ruhig und bestrich sich ein Brot mit Butter, auf welches sie dann Ziegenkäse legte, "Mach dir keine Sorgen. Vielleicht hat sie grade einfach keinen Hunger. Passiert ja mal öfter."

Harry wollte gerade zustimmend nicken, als Schritte ertönten und Pansy Parkinson auf ihn zukam. Die Slytherin Schülerin mit den langen, glatten, rabenschwarzen Haaren und dem harten Gesicht hatte die grünen Augen zornig auf ihn gerichtet. Oha, was für eine Laus ist denn der über die Leber gelaufen?

Bevor Harry irgendetwas sagen oder tun konnte, packte Pansy ihn am Arm und zerrte ihn grob aus dem Raum. "Hey, Parkinson, lass das!" Fluchend versuchte Harry sich loszureißen, stolperte auf dem Weg aber beinah über seine eigenen Beine. Pansy war stärker als man es auf dem ersten Blick meinen könnte.

"Draco ist gestorben und sie hat ihren eigenen Liebhaber getötet. Warum lebst du immer noch? Warum hat dieses Luder dich nicht auch abgeschlachtet?", knurrte Pansy und pinnte ihn gegen die Wand. Harry war komplett durcheinander. Jetzt versteh ich gar nichts mehr! Wer war dieses Luder? Was wusste Pansy? Spielte sie auf den Mörder an? Kannte sie etwa den Täter? Oder wollte sie einfach nur ihre schlechte Laune an ihm auslassen?

Harry schaffte es endlich seinen Schock aufgrund der plötzlichen und groben Behandlung zu überwinden. "Wovon redest du?" Sie lehnte sich grimmig nach vorne, die Hände auf seiner Kehle. "Von deiner dreckigen, besserwisserischen Schlammblutsfreundin."

Was? Hermine? Das stimmt niemals! Harry knurrte: "Nenn Hermine nicht Schlammblut und hör auf mich zu verarschen, Parkinson. Für deine derben Scherze habe ich keine Zeit." Ihm fiel ein, dass Hermine öfter Pansys Gesicht mit dem eines Pferdes verglichen hatte. Nun wirkte ihre Miene jedoch eher wie das einer beißwütigen Bulldogge. Dann jedoch entspannten ihre Züge sich wieder und sie trat von ihm zurück.

"Du denkst, ich scherze, Potter?", fragte Pansy und griff an die Brusttasche ihrer Uniform. "Dann lies dir das mal durch." Mit boshaftem Grinsen und hämisch funkelnden Augen zog sie ein zusammen gefaltetes Papier heraus und reichte es ihm. Misstrauisch entfaltete Harry es.

Hermines Gesicht starrte ihn an. Sie lächelte nicht, aber trotzdem atmete sie ruhig und gleichmäßig. Ein gefährliches Glitzern lag in ihrem Blick. Über ihrem Kopf stand groß und fett Wanted. Unter der Fotographie stand Hermione Granger, gesucht wegen Mord, Nutzung gefährlicher Stoffe und der Betreibung verbotener Künste.

Harry wusste nicht, wie lange er das Bild angestarrt hatte. Ihm war, als würde er den Boden unter den Füßen verlieren. Hatte sich die Welt gerade ein paar Mal extra gedreht? Nein, nein, das kann nicht sein! Pansy will mich nur irgendwie reinlegen. Aber es war schwer etwas zu erwidern, wenn Harry doch sehr genau das Zeichen des Ministeriums in der linken Ecke des Papiers sehen konnte. Stand etwas einmal schwarz auf weiß hatte es ein viel größeres Gewicht, wirkte irgendwie unanfechtbar.

Harry wusste nicht, was er fühlen sollte. Ihm war, als fühlte er alles. Entsetzen, Schock, Unglauben, Wut, Zorn, Frustration, Verwirrung, Angst, Trauer, Zweifel.... Er war vollkommen orientierungslos. Diese Situation überforderte ihn regelrecht. Er versuchte verzweifelt irgendetwas zu finden, was diese Botschaft auf dem Plakat widerlegen konnte. Er wünschte, er könnte Pansy ins Gesicht grinsen und sagen "Du irrst dich. So etwas würde Hermine niemals tun."

Aber konnte er das? Die feixende Miene seines Gegenübers war so siegessicher. Also musste es wahr sein. Nein, nein, nein...das darf es einfach nicht! Hermine ist meine beste Freundin. Sie würde doch niemals so etwas wagen. Überhaupt, wie käme sie dazu? Was würde sie so weit bringen? Harry wünschte sich, er könnte diese Fragen nicht beantworten. Doch nachdem er seinen ersten Schock überwunden hatte, konnte er seine Gedanken weitaus besser sortieren.

Und zu seinem Schrecken entdeckte er unzählige Anhaltspunkte, welche dafür sprachen, dass Hermine der Täter war. Ihr hasserfüllter Blick, wenn sie Ron und Lavender gesehen hatte. Die Schärfe, mit der sie die Bücher ins Regal sortiert hatte...als wolle sie jemanden erschlagen. Ihr Gespräch über die Sagengestalt Medea. Hermines Auftreten, bevor sie Ron die Vögel auf den Hals gehetzt hatte. Die Aggressivität, mit der sie Malfoy verprügelt hatte. Und die Kälte, welche sie seit neuerem ausstrahlte. All diese Hinweise waren wie stumme Hilfeschreie gewesen. Verdammt! Wie hatte er nur so blind sein können? Warum hatte er nicht gesehen, was genau vor seinen Augen ablief?

Pansy grinste ihn bösartig und rachsüchtig an. "Na, geschockt?" Ihre Stimme hatte einen grimmigen, fast schon gekränkten Unterton. Harry starrte sie an. Die Lippen leicht geöffnet, sprachlos. Irgendwie konnte er es immer noch nicht verstehen. Es war so surreal. Immer noch kam es ihm vor, als wäre er in einen Traum gestürzt.

Warum? Die Frage kam in sein Bewusstsein wie ein Wasserstrahl, welcher durch Ritzen im Erdboden an die Oberfläche sickert. Warum hatte Hermine das gemacht? Jeder Mörder, sofern er nicht irgendwie gestört oder betrunken war, hatte ein Motiv für seine Tat. Was war ihres?

Pansy wirkte irgendwie gekränkt, dass er sich nicht mit dieser Sache für sie erkennbar auseinander setzte. "Hey, sei nicht so teilnahmslos, Potter!", fuhr sie ihn an. Harry blinzelte. Die Slytherin bleckte die Zähne, während sie feixte: "Tja, ich hatte schon immer einen Grund, Hermine zu hassen. Nun wird es mir eine wahre Freude bereiten, einen Brief an Dolores Umbridge zu schicken und ihr mitzuteilen, wo man das Schlammblut am besten gefangen nehmen kann. Ich persönlich hätte es besser gefunden, sie hätte dich oder diese Blutsverräterin getötet, anstatt Draco. Aber man bekommt im Leben eben nichts geschenkt."

Diese Worte waren wie ein Schlag in den Magen. War Harry anfangs noch wie betäubt von dieser Neuigkeit gewesen, wurde er jetzt richtig wütend. Der schwarzhaarige Junge ballte die Fäuste. Dieses verschlagene, hinterlistige, falschzüngige Pack! Parkinson und Malfoy sind wirklich der Abschaum pur. Harry presste hervor: "Dass du dich traust so etwas zu sagen! Dass du es wagst, so etwas überhaupt zu denken! Wie kannst du dir nur wünschen, dass ich oder Ginny von Hermine getötet werden? Das ist unmenschlich!" Parkinson lehnte sich angriffslustig nach vorne. Die beiden starrten einander an wie Mungo und Klapperschlange, wenn diese aufeinander trafen.

"Ach, und die Granger soll also nicht unmenschlich sein. Du hast die Leichen gesehen. Da war keine Spur von Gnade enthalten!", schnappte Pansy und Harry wurde schmerzlich bewusst, wie sehr sie wenigstens einer der Morde treffen musste. Nämlich der an Draco. "Sie hat ihn aufgeschlitzt wie ein Karnickel. Ist das unmenschlich oder nicht?" Pansy machte eine Miene aus verzweifelter Wut, ungeheurem Schmerz und Verletzlichkeit. Irgendwie würde es Harry nicht wundern, wenn sie nun auf ihn losgegangen wäre.

Der schwarzhaarige Junge versuchte sie zu beruhigen. "Hör zu", erwiderte er, "Ich bezweifele nicht, was sie getan hat. Auch an dem moralischen Fakt ist nichts zu leugnen. Trotz allem verdrehst du alles. Warum sollte Hermine mich oder Ginny töten?" Pansy schoss zurück: "Warum hat sie dann den Blutsverräter getötet, mit welchem sie doch so gut befreundet war? Ach, ich vergaß, der war ja nur mit der Brown Tante beschäftigt." Und sie fuhr herum und stiefelte davon.

Harry selbst stand da und starrte immer noch das Fahndungsplakat in seiner Hand an. Sein Kopf fühlte sich eigenartig leer an oder als wäre er mit Watte gefüllt und alle Geräusche erschienen merkwürdig gedämpft. Der Schock über die Erkenntnis, dass Hermine der Mörder war, hatte einer viel drängenden Frage Platz gemacht. Einer Frage, die viel entscheidender war. Warum?

Warum hatte Hermine die Morde begannen? Was hatte sie zu so einer Tat bewogen? Wie konnte sie in so einen Zustand gelangen, der sie skrupellos und grausam töten ließ? Welche Motive lagen dahinter? Überhaupt: Was war mit ihr passiert?

Harry musterte immer noch Hermines Gesicht auf dem Bogen Papier. Es dauerte eine ganze Weile, bis die sich nährenden Schritte an sein Ohr drangen. Der Junge sah auf. Ginny Weasley kam auf ihn zu gelaufen. Ihr Gesicht wirkte besorgt, erschreckt und kummervoll. "Harry, was wollte Parkinson von dir?", fragte sie.

Harry erwiderte nur: "Wusstest du das?" Er reichte ihr das Plakat. Ginny betrachtete es und las. Er konnte sehen, wie ihre Lippen den Namen 'Hermine' formten. Schockiert weiteten sich ihre Augen. Ginny sah ihn an, Tränen schimmerten auf ihrer Iris wie Wassertropfen.

"Ach, Harry", hauchte sie, "Ich habe es gewusst, aber ich wollte es dir nicht verraten. Zu deinem Schutz. Ich hatte Angst. Ich habe nicht gewusst, wie ich damit umgehen sollte." "Wo ist Hermine jetzt?", fragte Harry eindringlich. Er packte die Rothaarige an den Schultern, sodass sie einander ansehen mussten. "Du hast gesagt, sie wäre nicht mit in die Große Halle gekommen. Wo ist sie jetzt?" "Ich weiß es nicht."

Dann müssen wir sie finden. Harry ließ Ginny los. Entschlossen marschierte er den Gang entlang. Schritte zeugten davon, dass die Weasley Tochter zu ihm aufgeschlossen war. "Was hast du vor?", fragte sie. "Hermine suchen", war Harrys kurze Antwort. Er beschloss zuerst all die Orte abzusuchen, wo sie am ehesten hingehen würde, wenn sie allein sein wollte. "Ich helfe dir", antwortete Ginny und die beiden bogen am Ende des Ganges in je zwei verschiedene Richtungen.

Keine halbe Stunde später preschte Harry zum Gryffindor Gemeinschaftsraum. Verdammt, verdammt, verdammt! Die Fette Dame hob erschreckt den Kopf, als er auf sie zugeprescht kam. "Datteln!", rief Harry das aktuelle Passwort und das Portrait schwang zur Seite. Das kann einfach nicht wahr sein!

Der Junge stürzte in den Gemeinschaftsraum. Ginny tigerte die ganze Zeit vor dem brennenden Kamin auf und ab. Das Feuer warf unruhige Schatten auf ihr Gesicht. Glühende Augen lagen im Schatten. Nur die orangeroten Pfoten, die aus der Finsternis neben dem Sessel hervor lugten, zeugten davon, dass Krummbein ebenfalls anwesend war.

Ginny hörte sofort auf herum zu laufen, als Harry zu ihr kam. Er war verschwitzt, aufgekratzt und unruhig. Seine Haut war hell und die grünen Augen blitzten voller Sorge. "Und?", fragte die Rothaarige nervös. Harry hielt sich die Seite und versuchte zu Atem zu kommen. "Nichts", rief er, "Ich war in der Bücherei. Ich habe jeden verdammten Winkel durchsucht. Sie war nicht da. Sie war auch nicht im Raum der Wünsche oder in den Vertrauensschülerbüros."

Ginny erwiderte: "Ich habe bei der Eiche nachgesehen, die am schwarzen See wächst. Außerdem war ich in der Heulenden Hütte und in den Kerkern. Da war Hermine auch nicht." Krummbein gab ein grummelndes, tiefes Miauen von sich. Harry fuhr den Kater an: "Sei still, Krummbein! Wir müssen nachdenken." Der Kniesel nieste missbilligend und schüttelte den breiten Kopf.

Dann fiel Harry etwas auf. Da lag das Problem. Er und Ginny hatten nur Orte aufgesucht, die in Hogwarts lagen. Wie bescheuert sind wir eigentlich? Kein Mörder würde sich an dem Ort aufhalten, an dem man ihn am ehesten erwarten würde. So dumm wäre Hermine nicht. Wenn sie ebenfalls weiß, dass sie des Mordes beschuldigt wird, dann wird sie sich nicht in Hogwarts aufhalten. Aber wo dann?

Harry kratzte sich nervös am Hinterkopf. "Ich muss Hermine finden", flüsterte er eindringlich, mehr zu sich selbst als zu Ginny, "Ich muss sie finden, bevor es die Auroren oder noch schlimmer Voldemort tun. Er hat von dieser Sache gewiss schon gehört. Aber er darf sie nicht in die Finger kriegen. Und die Auroren auch nicht."

Harry wandte sich um und lief zum Portraitloch. "Harry, wo willst du hin?", rief Ginny ihm nach. Er drehte sich halb im Gehen um. Seine Freundin stand vor dem Kamin. Krummbein war etwas aus den Schatten gekommen. Grüne Augen in dem eingedellten Gesicht musterten ihn. Doch Harry sah in Ginnys sorgenvolle Miene, als er sprach: "Nach Hogsmeade. Ich meine, irgendwo muss ich anfangen."

Plötzlich überbrückte Ginny hastig die Strecke zwischen ihnen und fiel ihm um den Hals. Ihre Tränen nässten seine Wange. "Harry, sei vorsichtig", flüsterte sie und trat von ihm zurück, "Du weißt nicht, in welcher psychischen Verfassung Hermine gerade ist."'

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