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... du wartest auf den Zug. Außer dir ist niemand da. Das denkst du dir jedenfalls. Es ist dunkel. Nur die Lichter am Bahnhof durchbrechen die Dunkelheit an dem Ort, wo du dich befindest. Genieße die Ruhe, den Frieden, solange du kannst. Denn er sieht dich. Du kannst ihn hören, den warmen Atem, der auf deinem Nacken ruht. Du willst nicht, dass er in deiner Nähe ist, besser gesagt, du erträgst es nicht. Oder du überlebst es nicht. Du spürst seine Blicke auf dir Ruhen. Wie ein Raubtier untersucht es jeden einzelnen Zentimeter deines Körpers. Plötzlich hörst du einen Schritt. Versuche in Ruhe zu bleiben, denn er will, dass du Angst hast. Aus dem Augenwinkel erkennst du, dass es dich weiterhin anvisiert. Du weißt, es hat keinen Zweck eine Flucht zu wagen. Denn er steht direkt hinter dir. Du bist wie angewurzelt, kannst dich keinen Millimeter rühren. Tränen kommen dir in die Augen. Du zitterst, jeder Muskel, jede Faser deines Körpers, du hörst, wie dein Herz rast. Der Schweiß, der aus deinen Poren dringt und deine Haut, die der einer Gänse gleicht, verraten deine Furcht. Er ist nun neben dir. Du kannst ihn riechen, diesen metallenen Geruch nach Blut. Schau ihn dir an. Er besteht darauf. Zwinge dich dazu, in sein unebenes, mit Wunden und Narben übersätes Gesicht zu sehen. Aus seiner Kopfhaut wachsen hier und da vereinzelte, dunkelbraune Haare. Seine blauen Augen, die einst das Leben und die Unbeschwertheit ausstrahlten, scheinen tot. Die Lippen sind aufgesprungen und mit getrocknetem Blut verklebt. Ein blaues Kapuzenpullover verdeckt größtenteils seinen Kopf. Du starrst ihn an und für einen Moment huscht ein Lächeln in sein Gesicht. Vehement lehnt er seinen Kiefer an deine Schulter und flüstert in dein Ohr: „Hast du es bereut?“ Ein harter Stoß trifft dich am Hinterkopf, danach wird alles schwarz.

„Lara, Lara ich bitte dich wach auf!“, höre ich eine vertraute Stimme zu mir sagend.

„Sam, bist du das?“, frage ich. Mein Kopf dröhnt und ein pochender Schmerz bringt mich dazu aufzuschreien.

„Sei leise, ich weiß nicht wo er ist. Er darf nicht wissen, dass wir wach sind. Kannst du dich bewegen?“ Verwirrt sehe ich ihn an, wobei ich nur dunkle Flächen und Umrisse erahnen kann.

„Lara, verstehst du mich?“

„Ja ich verstehe dich. Wo sind wir?“, flüstere ich zurück. Ein modriger Geruch liegt in meiner Nase. Es ist kalt und der nackte Betonboden hilft auch nicht besonders viel.

„Ich habe keine Ahnung.“ An meinem Hinterkopf spüre ich erneut dieses Stechen und ich will mit meiner Hand zu der Stelle greifen, aber ein Strick hindert mich daran. Erst jetzt realisiere ich, dass meine Knöchel und Handgelenke an einem Holzstuhl gefesselt sind. Ich gerate in Panik, aber Sam versucht mich zu beruhigen.

„Keine Angst, dir wird nichts passieren.“

„Das ist doch nicht dein Ernst? Dieser kranke Spinner hat bereits unseren Freund umgebracht!“

„Ich sagte doch, dass du still sein sollst, also halt gefälligst die Klappe!“, faucht er mich an, womit er mich nicht gerade beruhigt hat.

„Entschuldige, aber du musst verstehen, dass ich auch nicht gut gelaunt bin.“

Zwar habe ich in dieser Dunkelheit kein besonders gutes Zeitgefühl, aber ich vermute, dass eine Minute des Schweigens verging, wobei ich immer wieder ein leises Schluchzen von mir gebe.

„Ich kann mich nicht bewegen.“, sage ich um auf seine vorige Frage zu antworten und will mit meiner Schulter die Träne von meiner rechten Wange abwischen, was bestimmt lächerlich aussieht.

„Verdammt.“, entgegnet er mir entrüstet.

„Was machen wir jetzt?“

„Hoffen wir, dass das nur ein dämlicher Scherz ist.“, er war nie ein kämpferischer Typ.

Plötzlich erscheint ein Lichtstrahl, der am Anfang immer größer wird und sich danach wieder verkleinert. In diesem Moment sehe ich mich um. Wir befinden uns in einem etwa zehn Quadratmeter großen Raum. Ich blicke zu meiner linken Seite, wo Sam, ebenso wie ich, an einem Holzstuhl gefesselt ist. Von seinem Kopf rinnt eine rote Flüssigkeit, seine Haare sind in Blut getränkt. Sein Blick ist an den Lichtstrahl, der von einer sich erneut öffnenden Tür verursacht wird, gerichtet. Ein Schatten erscheint und ein ekelhafter Geruch steigt mir in die Nase. Ich huste angeekelt.

„Wie ich sehe hätte ich nach meiner letzten Arbeit duschen sollen. Wie lange ist es noch mal her...“, sagt er mit einer belustigten Stimme.

„Es war vor drei Tagen du krankes Ar...“

„Na, na, na. So spricht man doch nicht mit seinem Gastgeber. Vor allem dann nicht, wenn dieser besonders leicht aus der Fassung zu bringen ist.“

Er atmet tief durch und streckt seine Arme.

Stumm beobachte ich ihn, mit weit aufgerissenen Augen und einem Herzschlag, der gerade nicht der eines Menschen, sondern der eines Kolibris entspricht.

„Meine liebe Lara, wie geht es dir heute?“

„Bitte lass mich gehen“, sage ich flehend. Mit einem irritierten Gesicht beäugt er mich.

„Das meinst du doch nicht im Ernst, oder, Schätzchen? Du warst schon immer fröhlich und gut gelaunt in meiner Nähe. Denk an die vielen glücklichen Momente mit uns zweien.“

Beschämt blickt Sam zu Boden.

„Ich war niemals glücklich in deiner Gegenwart!“, erhebe ich meine Stimme, wobei man die Zweifel in ihr hören kann.

„Oh doch. Aber wie ich sehe hast du ein neues Opfer an deinem Köder. Und Kumpel, wie geht es dir?“

Damien ist zu Sam gegangen und beugt sich über ihn während er die Stuhllehne packt. Wahrscheinlich sieht er nur seine Silhouette und mit dem gelben Licht im Hintergrund sieht er eher aus wie ein vom Himmel Entsandter als ein idiotischer Psycho. Sam starrt ihm in die Augen und sagt nichts.

„Na, hat die Katze deine Zunge gestohlen?“, sagt er und lächelt ihn verspottend an. Daraufhin sehe ich wie Sam eine gallertartige Masse spuckt und Damien genau zwischen die Augen trifft.

„Touché“, sagt er und tritt zurück während er mit seinem Ärmel die Spucke von seiner Stirn abwischt.

„Wisst ihr, ich habe das selbe Gespräch schon vor drei Tagen geführt, aber es ist doch nicht so gut ausgegangen. Also hätte ich einen Vorschlag, wie es für euch einen Tick besser laufen könnte.“

Überrascht und hoffnungsvoll sehen wir uns gegenseitig an, bevor wir unseren Blick wieder Damien zuwenden.

„Was sollen wir tun?“, frage ich.

„Also zuerst erzähle mir bitte, wie du es geschafft hast, dass eure Zeugin euch nicht verraten hat? Hast du sie bedroht, bestochen oder hast du ihr falsche Hoffnungen gemacht?“

Verwundert sehe ich ihn an dann sage ich: „Ich habe sie bedroht.“

„Gut. Und womit?“

„Mit dem Tod.“

„Ah wie ich sehe gehört es dir zum Alltag deine Mitmenschen abzumurksen.

„Dasselbe kann ich von dir behaupten.“

Triumphierend sehe ich zu Sam rüber, der lediglich mit dem Kopf schüttelt. Sein Mund ist leicht geöffnet und ich beobachte, wie sein Blick von mir auf etwas Anderes schweift. Ich folge ihm und sehe wieder Damien, der ein für mich unbekanntes Objekt in der rechten Hand hält.

„Sam, wie ich sehe weißt du, was das ist.“ Aus meinem Augenwinkel erkenne ich, wie er langsam mit seinem Kopf nickt.

„Ich sage euch, auf Ebay kann man alles finden.“, sagt er und gibt ein kurzes Lachen von sich.

„Lässt du uns jetzt frei oder was?“, frage ich ihn unabsichtlich drohend.

„Wer hat dir denn gesagt, dass ich euch von hier entlasse?“, sagt er herablassend.

„Zuerst musst du mir eine Frage beantworten: Wirst du mich verpetzen?“

„Nein das werde ich bestimmt nicht! Und du auch nicht, oder, Sam?“

„Nein es wäre mir nie in den Sinn gekommen!“, sagt er, mit einem erleichterten Lächeln auf dem Mund.

„Und woher weiß ich, dass das der Fall sein wird?“, fragt er.

Das Lächeln verschwindet von unseren Gesichtern. Es gibt kein Entkommen von hier, zumindest nicht lebendig.

„Du kannst uns vertrauen, glaube uns.“

„Lara, ich habe eine neue Frage: Woher weißt du, dass du deiner Zeugin vertrauen kannst? Immerhin könnte sie euch in diesem Moment verpfeifen.“

„Ähm, ich weiß nicht.“

„Woher weißt du, dass du ihr vertrauen kannst, dass du mir vertrauen kannst, dass du deiner Familie vertrauen kannst? Woher weißt du, dass du deinem Freund vertrauen kannst?“

Den letzten Satz hat er leiser und langsamer gesagt als die anderen und er sieht nicht mehr mich, sondern Sam an.

„Was meinst du?“, fragt Sam.

„Sam, ich werde mein Versprechen halten, wenn du mir diesen Gefallen machst.“

Er greift in seine Jackentasche und zieht ein Handy raus.

„Du musst für mich die Polizei anrufen und ihnen sagen, dass ich unschuldig bin. Du musst aber nicht gestehen, dass du selbst daran beteiligt bist, es ist deine Wahl. Du darfst deine eigene Geschichte erfinden. Aber du musst sagen, dass Lara eine große Rolle in deiner Story gespielt hat. Nehmen wir an, sie hätte den armen Mike ermordet. Und vielleicht hat sie was mit der Brandstiftung zu tun. Möglicherweise hat sie da auch mich umgebracht. Aber ich sage lieber nichts mehr, denn es ist allein deine Geschichte.“

Ich gerate in Panik, ringe hastig nach Luft und beobachte wie Sam ernsthaft über sein Angebot nachdenkt.

„Wenn du das machst dann schwöre ich...“

„Ich mache es.“, unterbricht er mein Geschrei. Ich kann es nicht glauben. Wenn ich das überlebe, werde ich für den Rest meines Lebens im Knast hocken.

„Sam, bitte nicht. Bitte mach das nicht!“, flehe ich ihn an.

„Sorry, aber ich habe keine andere Wahl. Und du auch nicht.“

„Gut“, sagt Damien, nimmt ein Messer und verschwindet hinter meinem neuen Ex-Freund. Ich höre wie die Seile getrennt werden und ein glückliches, erleichtertes Seufzen. Damien erscheint wieder aus meinem toten Winkel und tippt eifrig auf seinem Handy. Er drückt es in die Hand seines Gegenübers und tritt wieder zurück.

Es klingelt und nach wenigen Sekunden hebt jemand ab. Die Stimme an der anderen Leitung kann ich nicht verstehen, nur hier und da sind vereinzelte Wörter verständlich. Aber Damien scheint als würde er jedes einzelne Wort in diesem Gespräch genießen und hört aufmerksam zu.

„Ich möchte ein Geständnis ablegen.“, sagt Sam, ein Grinsen breitet sich auf Damiens Gesicht aus. Für einen Moment ist es als würde mein Herz für einen Schlag aussetzen.

„Damien Hatcher ist unschuldig. Er ist an demselben Tag gestorben als die Brandstiftung verübt wurde. Er hat das Feuer nicht gelegt, hat uns weder entführt noch in fernster Weise verletzt. Lara Brown hat das Landhaus angezündet. Sie hat, zusammen mit ihren Komplizen Mike Garland, Damien ermordet.“

Ein leichtes Kribbeln breitet sich in mir aus und ich habe das Gefühl gleich in Ohnmacht zu fallen. Doch ich habe keine andere Wahl als still da zu sitzen, denn ich komme lieber ins Gefängnis als von diesem Idioten umgebracht zu werden.

„Sie haben sich darauf geeinigt alles für sich zu behalten und eine Lüge aufzutischen, aber nach einiger Zeit ist sich Lara unsicher geworden und wollte Mike aus der Welt schaffen, um ein mögliches Risiko zu umgehen.“

„Woher sollen wir wissen, dass das, was sie uns gerade erzählen, keine Lüge ist?“, höre ich eine weibliche Person sprechen.

„Sie sitzt neben mir. Wenn sie wollen, können sie mit ihr sprechen.“, bietet Sam ihr an und streckt daraufhin das Handy zu meinem Gesicht.

„Ist da Lara Brown?“, fragt mich die Unbekannte.

„Ja, und ich habe alles gehört. Es ist die Wahrheit. Ich ergebe mich.“

„Gut, ich schicke ein paar unserer Leute zu ihnen.“

Dann nahm Damien das Handy und legte auf.

„Danke Leute, damit habt ihr mein Leben um ein vielfaches einfacher gemacht.“

Freudentränen steigen in meine Augen und ich sehe hinüber zu Sam, der genauso verwundert und glücklich aussieht wie ich. Ich kann auch in Damiens Gesicht schwache Anzeichen von Freude erkennen, während dieser erneut zu Sam geht und ihn festbindet. Er entfernt sich von ihm und dreht sich zu mir.

„Ich hätte da nur noch eine einzige Frage, meine liebe Lara. Hast du es bereut, diesen Loser als Freund zu haben? Ich meine: Du hattest die Wahl zwischen mir und ihm, wir waren sogar eine Zeit lang zusammen und trotzdem hast du ihn ausgewählt. Denk daran, dass wenn deine Entscheidung mich getroffen hätte, du nicht hier wärst.“

Verwirrt sehe ich ihn an.

„Statt mir hast du jemanden bekommen, der seine Freunde verrät nur um sich selbst zu retten. Er hatte selbst Schuld an allem, was geschehen war, er hatte die Wahl, zu gestehen, dass auch er an meinem Tod beteiligt war. Aber er hat es nicht gemacht. Er hat lieber dir und seinem ermordeten Freund alles in die Schuhe geschoben.“

„Hey Mann, lass mich einfach gehen, ok?“, sagt Sam mit einer zittrigen Stimme.

„Dein Freund gibt sich als ein Freund deines Feindes aus, das macht ihn selbst zu deinem Feind. Sam, ist dir nicht einmal in den Sinn gekommen, mich mit deinen frei gewordenen Händen zu schlagen? Nein, du hast nicht daran gedacht, weil du sehen wolltest wie deine Freundin im Knast ein erbärmliches Leben führt während du das Paradies auf Erden erlebt hättest.“

„Du hast mir versprochen mich freizulassen also lass mich gehen!“, brüllt Sam ihn wütend an.

„Ich habe dir nichts Derartiges versprochen.“

„Doch verdammt, deshalb habe ich die Bullen angerufen. Sie müssen jeden Moment hier sein!“

„Ich habe versprochen, dass dieses Mal ein glücklicheres Ende sein wird. Und das wird es auch sein, weil eine Täterin hinter Gittern kommt und ein weiterer Verräter stirbt.“

„Die Polizei ist unterwegs! Du kannst mir nichts mehr...“

„Woher sollen die denn wissen wo wir sind? Ich habe dir eine falsche Adresse gegeben du Idiot!“

„Lass mich sofort frei!“, schreit Sam, doch es ist schon zu spät. Ein grelles, orangenes Licht erhellt den Raum. Die Hitze ist unerträglich. Ich kann schemenhaft erkennen wie Damien ein gewehrartiges Ding in Sams Richtung hält. Sein Brüllen und schmerzerfülltes Schreien macht mich taub und ich versuche mich so gut wie möglich von ihm fernzuhalten. Ich rieche verbrannte Haare, Nägel, Haut und Fleisch. Mein Blick wandert wie benebelt in die Richtung meines Freundes, sehe eine Fratze, deren Haut verkohlt und deren Augen freigelegt sind. Es ist zu warm und ich brauche Luft, aber ich kann mich nicht bewegen und erneut wird alles schwarz.

„Verfluchte Scheiße!“, ist das erste was ich höre. Die Person krümmt sich und hustet als würde sie sich gleich übergeben. In meiner Hand liegt etwas, war sich anfühlt wie ein Gewehr aber ich kann mich nicht bewegen. Ich liege am Boden vor einem einzigen Stuhl, an welchem noch immer Sams lebloser Körper gefesselt ist.

„Nimmt diese kranke Kuh fest!“, befiehlt ein anderer. Daraufhin fühle ich vier mich packende Arme die mich aufheben. Etwas Kaltes und Schweres wird an meine Handgelenke gelegt.

„Zum Glück hat man uns rechtzeitig gerufen. Wer weiß was noch passiert wäre wenn diese Irre weiterhin frei gewesen wäre.“ Man führt mich aus der kleinen Kammer. Sie ziehen mich die Treppe hoch. Als wir oben sind geht die Reise weiter und ich sehe wie wir an einer Küche, einem Wohnzimmer und einem Zimmer vorbeigehen. Meinem Zimmer. Wir waren die ganze Zeit in meinem Haus, damit es noch offensichtlicher ist, dass ich Sam umgebracht habe. Wir treten hinaus auf die frische Luft, ich sehe unsere Nachbarn die mich entsetzt anstarren und Polizisten, die auf mich warten.


The Firebound

The Firebound III

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