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Kapitel 7: Blizzard Bearbeiten

Die Kleingartensiedlung hüllte sich in Finsternis und Schweigen.
Irina kletterte unbeholfen über den Zaun einer verwilderten Parzelle und tauchte in den tiefen Schatten der Gartenlaube. Ihr Körper litt unaussprechliche Qualen, seit sie geflohen war. Jede Bewegung fiel ihr schwer, sie zitterte vor Kälte, und der Rucksack, der mit Macht an ihr zerrte, schien Rillen in ihre Schultern schneiden zu wollen.
Mit tauben Fingern wühlte sie in den Blumenkästen auf der kleinen Terrasse nach dem Zweitschlüssel für die Laube. Es war keiner da. Sie drehte die Fußmatte um, fühlte in das Innere von Gartenzwergen, bis sie schließlich in der Regenrinne fündig wurde.
Erleichtert schloss sie die Tür auf.
Endlich irgendwo angekommen, seufzte sie in Gedanken und lud ihr Gepäck direkt hinter der Tür ab.
Heute Morgen hatte sie noch dem Tod ins Auge geblickt, jetzt war sie plötzlich frei. Es schien ihr immer noch unwirklich, geradezu unmöglich, dass sie Nox entkommen war, obwohl die Flucht sich schwieriger gestaltet hatte als erwartet.
Das Niederbrennen der Wohnung war nur der Anfang einer Odyssee gewesen, deren Ende noch nicht absehbar war.
Irina hatte sich auf Nox' Kosten mit allem eingedeckt, was ihr auf Anhieb als nützlich und sinnvoll erschien, um die nächsten Tage durchstehen zu können, doch dafür hatte sie die Anwesenheit fremder Menschen in Kauf nehmen müssen, und das hatte sie mit einer unterschwelligen Nervosität erfüllt, die sich plötzlich in nackte Panik verwandeln konnte. Überall glaubte sie den Killer zu sehen, fremde Gesichter schienen sie mit Nox' eisigem Blick anzustarren.
Umso zufriedener war sie mit sich selbst, diese Hürde gemeistert zu haben. Zu ihrer Ausrüstung zählte nun ein Schlafsack, eine Wolldecke und diverse Lebensmittel.
Nur die Frage nach einem Übernachtungsort war lange ungeklärt geblieben. Ein Frauenhaus war zu offensichtlich und kam deshalb nicht in Frage, ein Obdachlosenheim ebenfalls nicht, denn dort würde man ihr mit großer Wahrscheinlichkeit alle Wertsachen stehlen.
Wenn sie zur Polizei ginge, würde man sie zunächst für die Brandstiftung verhaften. In einer Zelle würde sie quasi auf dem Präsentierteller sitzen, da bräuchte Nox nur noch die Hand nach ihr auszustrecken.
Glücklicherweise hatte sie sich an die Laube erinnert. Der Besitzer war vor einiger Zeit verstorben. Irina hatte die Witwe betreut, die immer wieder von dem Schrebergarten erzählt hatte, mit Tränen in den Augen, weil der Garten die große Leidenschaft der Eheleute gewesen war und die Frau nun allein und altersgebrechlich nicht mehr Lage war, die Parzelle zu betreuen. Von ihr trennen konnte sie sich jedoch auch nicht.
Nach dem Zustand des Grundstücks zu urteilen, kümmerten sich die Kinder der Witwe ebenfalls nicht um den Garten. So war es recht einfach gewesen, die richtige Parzelle zu finden, aber es kam Irina zusätzlich sehr gelegen, weil sie vielleicht zwei, oder drei Tage in der Laube unterschlüpfen und sich Gedanken über ihr weiteres Vorgehen machen konnte, ohne einen überraschenden Besuch der Laubenbesitzer fürchten zu müssen.
Sie kramte ein Teelicht aus dem Rucksack, zündete es an und stellte die zitternde Lichtquelle auf den Boden. Im flackernden Schein der Kerzenflamme schälten sich eine Eckbank mit einem Tisch und drei Stühlen aus der Dunkelheit. Daneben ein Kühlschrank, der durch seine angelehnten Türen verriet, dass er außer Betrieb war, und ein Beistelltisch mit Häkeldeckchen und Familienfotos.
Dahinter verbargen sich weitere Möbel in den Schatten.
Nach langem Suchen fand Irina einen Heizlüfter unter der Eckbank.
Der Strom war abgestellt, bis sie im Sicherungskasten die richtigen Hebel umlegte, doch sie nutzte nur die Steckdosen, nicht das Licht, aus Angst, dadurch die Aufmerksamkeit von Passanten auf sich zu ziehen.
Ihr hungriger Magen meldete sich zu Wort, während sie zitternd vor dem Heizlüfter kauerte, der beständig warme Luft in ihre Richtung pustete, aber die Kälte nicht aus ihren Knochen vertreiben konnte.
Wie spät mochte es nun sein?
Draußen stiegen immer wieder verfrühte Raketen in den Himmel, aber der Jahreswechsel hatte noch nicht stattgefunden.
Irina gönnte sich eine kalte Dose Thunfisch.
Danach war ihr schlecht.
Auf der Eckbank rollte sie den Schlafsack aus und schlüpfte in Unterwäsche mit der Wolldecke in das kalte Innere.
Doch der Schlaf kam nicht. Obwohl sie müde war, jeder Muskel schmerzte, sowohl von der wiederholten Folter als auch von den Anstrengungen der Flucht, fand sie keine Ruhe. Nervös wanderte ihr Blick immer wieder zwischen Fenster und Tür hin und her, kämpfte mit der Übelkeit und lauschte auf leise Schritte, die sich der Laube nähern mochten. Oder würde er wieder die harmonische Melodie pfeifen, wenn er sie holen kam?
Plötzlich brach Chaos um sie herum aus. Knallen, Heulen, Lichtblitze, Pfeifen. Mit einem erschrockenen Schrei saß sie wieder kerzengrade auf der Eckbank, ihr Herz raste, nur mühsam drang der Gedanke in ihr Bewusstsein, dass es 0 Uhr war und das neue Jahr begonnen hatte.
Die Übelkeit drückte gegen ihr Zwerchfell. Mit fahrigen Bewegungen stolperte sie barfuß aus der Tür, schlotterte augenblicklich in der winterlichen Kälte und übergab sich in einen Blumenkübel, während die Welt von zuckenden Lichtern und Lärm erfüllt war.
Elend und völlig durchgefroren schleppte sie sich in die warme Laube zurück. Der Temperaturunterschied war nicht groß, aber doch spürbar. Irina trank einen Schluck Wasser gegen den sauren Geschmack auf der Zunge und sah eine Weile durch das Fenster in den Himmel, betrachtete das bunte Feuerwerk und dachte mit einem Hauch Melancholie daran, dass sie nun zweimal im Jahr Geburtstag feiern konnte, falls sie noch einmal ein ganzes Jahr überleben sollte.
Irgendwann schlich sich der Schlaf unbemerkt in ihre Gedanken, und sie döste halb sitzend auf der Eckbank ein.

~

Etwa zur gleichen Zeit kletterte Nox durch ein geborstenes Fenster in die ausgebrannte Wohnung seiner Klientin. Der Wind pfiff kalt durch die verkohlten Räume und trug die Geräusche des Feuerwerks mit sich, wie eine Erinnerung an die Feuersbrunst, die hier gewütet hatte. Das Löschwasser war zu einer milchigen Fläche gefroren, die unter seinen Schritten knirschte, und der Brandgeruch stach in der Nase.
Der Besuch galt seinem zurückgelassenen Besitz.
Im Wohnzimmer fand er den verkohlten, unförmig geschmolzenen Rest seiner Sporttasche. Für einen Laien hätte es einfach wie ein andersfarbiger Brandfleck im Muster des versengten Bodens ausgesehen. Doch sein geschulter Blick erkannte, dass Irina die Sporttasche ausgekippt und einen Teil des Inhalts über den Boden verteilt hatte. Ehemalige Kunststoffröhrchen hatten sich in das Laminat gefressen, während sie geschmolzen waren. Nox zählte bei weitem nicht so viele Medikamentenverpackungen, wie er besessen hatte. Irina würde auch das Geld mitgenommen haben und natürlich ihre eigene Brieftasche. Außerdem vermisste er die ausgebrannte Leiche seines Laptops.
Das war der Hauptgrund seines Besuches. Wenn Irina den Laptop mitgenommen hatte, würde er sie schneller wiederfinden, als ihr lieb sein konnte. Sobald sie ihn einschaltete, hätte Nox Zugriff auf eine Ortungsfunktion, unabhängig davon, ob sie sein Passwort erriet, was sehr unwahrscheinlich war.
Er musste also nur abwarten. Irina würde früher oder später ihren Aufenthaltsort von ganz allein verraten. Er lächelte böse.
In der Zwischenzeit konnte er sich in das Kameranetzwerk öffentlicher Orte hacken. Er verfügte über ein illegales Programm, das in der Lage war, Gesichter auf Überwachungskameras zu identifizieren.
Sollte sie mit einem Zug geflohen sein, würde er es herausfinden.
Sollte sie zur Polizei gegangen sein, würde er sie aufspüren.
Sollte sie irgendwo in dieser Stadt ein Geschäft betreten haben, dann würde er es bald wissen.
Doch nebenbei wollte er ihr unmissverständlich klar machen, dass es keinen Sinn hatte, vor ihm davonzulaufen, dass es Konsequenzen hatte, wenn man versuchte, sich ihm zu widersetzen.
Er würde sie so lange quälen, bis sie freiwillig ihr Versteck verließ, weil ihr Leben so grausam geworden war, dass sie den Tod als Erlösung betrachtete. Sie sollte ihn anflehen, endlich sterben zu dürfen.
Nox verließ die Wohnung auf demselben Weg, wie er sie betreten hatte. Auf der Straße bewegte er sich unbehelligt durch die feiernden Anwohner, die unermüdlich Raketen in den schwarzen Himmel jagten. Ein stiller Passant, der wie ein Schatten zwischen ihren Reihen hindurch glitt, schnell und leise.
Der Killer schmunzelte sardonisch, als er die Straßenecke erreichte und in einen schwarzen Vito einstieg.
Die Nacht war noch jung, und er hatte eine Botschaft zu überbringen.

~

Irina erwachte mit höllischen Rückenschmerzen.
Draußen herrschte tiefe, undurchdringliche Dunkelheit.
Die gekrümmte Haltung, in der sie eingeschlafen war, rächte sich in Form eines verspannten Rückens.
Als hätte sie nicht schon genug Schmerzen gehabt.
Sie rieb sich die verklebten Augen, offenbar hatte sie im Schlaf geweint, doch sie erinnerte sich nicht daran, etwas geträumt zu haben.
Gleichzeitig wurde ihr wieder übel, und sie schaffte es nur knapp vor die Tür, bevor sie sich erneut übergab, doch dieses Mal spuckte sie nur bittere Galle. Das pelzige Gefühl auf der Zunge bereitete ihr gleich neuerliches Unbehagen und sie würgte eine Weile, ohne dass irgendetwas dabei heraus kam.
Durchgefroren und elend tappte sie zurück in die Laube.
Hinter dem Kühlschrank befand sich eine kleine Arbeitsfläche.
Irina entdeckte einen altmodischen, verkalkten Tauchsieder in einem Unterschrank und kochte ihr mitgebrachtes Sprudelwasser in einem abgenutzten Emaille-Topf. Bedauerlicherweise gab es keinen Herd.
Dafür fand sie ein verstaubtes Paket Beuteltee in einer Schublade.
Pfefferminztee gehörte zwar nicht zu ihren Favoriten, doch nach dem Erbrechen schien es ihr eine magenfreundliche Alternative zu sein.
Eine andere Sorte stand ohnehin nicht zur Auswahl.
Wehmütig dachte sie an ihren eigenen Tee, der ein Raub der Flammen geworden war, während das Wasser unsagbar langsam zu kochen begann.
Ob sie den Laptop des Killers einmal ausprobieren sollte?
Irina baute das Gerät auf dem Tisch auf und klappte den Bildschirm hoch. Ihr Finger schwebte über dem Einschaltknopf, doch sie konnte sich nicht überwinden, ihn zu drücken.
Was für einen Sinn hatte es auch?
Der Rechner würde zweifelsfrei passwortgeschützt sein, und sie war sich sicher, dass sie es nicht erraten würde. Wer wusste schon, welche Sicherheitsvorkehrungen Nox sonst noch eingebaut hatte.
In den Spionagefilmen explodierten die Geräte, wenn man ein falsches Passwort eingab.
Sie seufzte. War das wieder ihre Paranoia?
Wie auch immer, es hatte keinen Sinn, das Gerät einzuschalten und auf den nutzlos blinkenden Cursor zu starren. Dadurch wurde sie auch nicht schlauer. Irina ließ die Hand sinken und starrte auf den dunklen Bildschirm.
Er schien aus unsichtbaren Augen, Nox‘ Augen, zurückzustarren. Entnervt klappte sie den Laptop wieder zu und verstaute das Objekt ihrer Abneigung im Rucksack, damit sie das Gerät nicht mehr sehen musste.
Was der Killer wohl gerade trieb?
Welchen Plan heckte er aus, um sie zu finden?
Dann wurde ihr bewusst, dass das Wasser schon eine ganze Weile vor sich hin kochte und sie das Geräusch einfach ausgeblendet hatte.
Der Pfefferminztee schmeckte schal, offenbar staubte das Paket schon länger vor sich hin, und das Aroma der Teebeutel verflog allmählich.
Es war ihr gleich, denn die Wärme, die sich in ihrer Körpermitte ausbreitete, war unglaublich angenehm.
Die latente Übelkeit wich einem erträglichen Unwohlsein.
Das war mehr als akzeptabel, unter diesen Umständen.
Sie schlürfte noch eine zweite Tasse, bevor sie sich den wichtigen Gedanken zuwandte.
In der Laube konnte sie nicht ewig bleiben. Sie brauchte ein dauerhaftes Versteck, eines, das mit nichts und niemandem aus ihrer Vergangenheit in Verbindung gebracht werden konnte, sodass Nox sie nicht finden würde. Doch ohne Hilfe kam sie auch nicht aus. Sie konnte sich nicht gleichzeitig verstecken und ein normales Leben weiterführen, Einkaufen, Arbeiten, in die Öffentlichkeit gehen.
Der Killer würde sie finden, irgendwann, das war so sicher, wie das Amen in der Kirche.
Es musste ein Ort sein, an dem sie verborgen, aber gleichzeitig in der Obhut von Leuten war, denen sie vertrauen konnte.
Es gab nur eine Möglichkeit, und diese missfiel ihr ungemein. So sehr, dass ihr Magen erneut rebellierte.
Irina würde sich nur in einem Kloster angemessen vor dem Killer verstecken können. Einerseits gab es so viele Klöster, die als Versteck in Frage kamen, dass Nox Schwierigkeiten haben würde, das richtige ausfindig zu machen, wenn sie ihre Wahl gut traf. Andererseits war es heikel, einen „Back-to-the-roots“-Weg einzuschlagen, denn Irina war überzeugt davon, dass der Killer diese Möglichkeit schon aus Prinzip überprüfen würde. Gleichzeitig fühlte sie eine unglaubliche Sehnsucht nach dem Frieden und der Beständigkeit, die das Klosterleben versprach, aber der Gedanke an ein gottesfürchtiges Leben, selbst, wenn es nur geschauspielert war, erfüllte sie mit Ekel und Abscheu.
Während ihrer Ausbildung zur Seelsorgerin hatte Irina mehrere Monate in einem Kloster gelebt und sich caritativen Aufgaben gewidmet. Aber damals war sie auch noch naiv und unschuldig gewesen, damals war ihr Glaube noch intakt gewesen. Jetzt fühlte sie sich seelisch verstümmelt und unfähig zu glauben. Doch eine Alternative wollte ihr einfach nicht einfallen.
Wenn sie diesen Weg einschlug, dann musste sie sehr vorsichtig und mit Verstand wählen. Es durfte keines der Klöster sein, mit denen sie in der Vergangenheit in Kontakt gekommen war. Wie sollte sie unter dieser Einschränkung und ohne mediale Unterstützung eines auswählen?
Vor ihrem inneren Auge entstand eine Karte, auf der sie alle Klöster abhakte, die nicht in Frage kamen. Dann rief sie sich alle Ordensschwestern in Erinnerung, mit denen sie jemals gesprochen hatte. Wie gut mochte Nox sein? Wie weit reichte sein Arm, um in ihrer Vergangenheit zu wühlen? Es gab tatsächlich zwei Orden, die möglicherweise in Frage kamen. Die „Missionsschwestern des heiligen Kindes“ und die „barmherzigen Schwestern der heiligen Mutter“.
Letztere waren Irina durch einen frühsommerlichen Zeitungsartikel bekannt, in dem von der Neueröffnung eines Seniorenwohnheims die Rede gewesen war, das der Orden betreute. Damals hatte sie mit Anita die Eröffnungsfeier besuchen wollen, doch die Arbeit war dazwischengekommen. Der Gedanke an Anita schmerzte fürchterlich. Irina schob ihn mühsam beiseite. Die Freundin in Lebensgefahr zu bringen, nur um einmal gedrückt zu werden und Hoffnung zu tanken, nein, das war es nicht wert. Sie musste sich von Anita fernhalten.
Irina zwang ihre Gedanken zurück zum Thema.
Da blieben noch die „Missionsschwestern“, die ihr bekannt waren, weil eine ehemalige Kommilitonin dem Orden beigetreten war, nachdem sie den „göttlichen Ruf“ gehört hatte. Welchen sollte sie wählen? Ihr Gefühl riet ihr zu den Missionsschwestern. War die Verbindung dünn genug, dass Nox sie dort nicht aufspüren konnte? Die Kommilitonin hatte nicht zu Irinas engerem Freundeskreis gehört, genaugenommen hatten sie sich während des gesamten Studiums nur eine Handvoll Kurse geteilt. Konnte der Killer das herausfinden? Gab es darüber noch Aufzeichnungen, die man recherchieren konnte?
Elende Paranoia!
Sie musste es versuchen.
Über die „barmherzigen Schwestern“ fand sie keine weiteren Details in ihrem Gedächtnis, so würde sie nicht vorankommen, aber sie erinnerte sich daran, dass die „Missionsschwestern“ ein verhältnismäßig kleiner Orden waren. Ohne viel Präsenz in den Medien und recht abgeschieden. Das Kloster lag etwas außerhalb eines kleinen Dorfes, das sich in den letzten Jahrzehnten zu einer Wallfahrtsstätte herausgeputzt hatte. Wenn in den Medien die Rede von dem Ort war, ging es meist um die Wallfahrtstätte, das Kloster entging der Aufmerksamkeit der Massen, war mehr so etwas wie ein Insider-Tipp für Eingeweihte.
Mit etwas Glück konnte ihr die Verbindung zu der ehemaligen Kommilitonin sogar hilfreich sein, um in den Orden aufgenommen zu werden.
Außerdem erinnerte sie sich an den Namen des Ortes, wo das Kloster zu finden war. Das Kaff war so klein, dass sie es nur bis dort schaffen musste. Danach konnte sie sich bei den Einheimischen durchfragen.
Das nächste Problem, über das sie nun nachdenken musste, war die Anreise.
Sie zählte das verbliebene Geld und ihr schwindelte angesichts der Summe: 3879,40 Euro.
Nox musste rasend vor Zorn sein, darüber, dass Irina ihm schätzungsweise 4000 Euro entwendet hatte. Ihr wurde wieder schlecht, doch sie kämpfte gegen die Übelkeit an. Der Gedanke, schon wieder vor die Tür zu müssen, war plötzlich verbunden mit der Angst, von irgendwem gesehen zu werden.
Die gestohlenen Medikamente halfen ihr auch nicht weiter. Der Großteil bestand aus Präparaten, die schmerzlindernd, oder betäubend wirkten. Übelkeit schien nicht zu den Beschwerden zu gehören, die der Killer für behandlungswürdig gehalten hatte. Irina warf das Sammelsurium enttäuscht wieder in den Rucksack.
Welches Verkehrsmittel sollte sie wählen?
Ein Taxi wäre unscheinbar, bedachte man die Kameras öffentlicher Gebäude, dafür musste der Fahrer die Fahrt per Funk an die Zentrale schicken, und das war sicher leicht zu kontrollieren.
Also doch lieber mit dem Zug fahren?
Panik kroch in ihr hoch, bei dem Gedanken an die Menschenmassen, die sie gestern nur mit größter Willensanstrengung ertragen hatte.
Aber vielleicht wäre sie dort sicherer, in einer großen anonymen Menge, wenn sie ihre Angst kontrollieren konnte.
Es half nichts, sie konnte nicht ewig in der Laube bleiben. Möglicherweise hatte ein Passant längst ihre Anwesenheit hier bemerkt und die Polizei gerufen. Dann wäre sie dem Killer in Kürze völlig ausgeliefert.
Irina mahnte sich in Gedanken zur Ruhe und durchdachte alles noch einmal von vorn. Der Tag verstrich unbemerkt, und sie wälzte immer noch Ideen und Fluchtpläne, ohne sich entscheiden zu können.
Schließlich machte sie es sich noch einmal auf der Eckbank bequem und beschloss, den Orden aufzusuchen. Sie versuchte zu schlafen, doch gestaltlose Albträume weckten sie weit vor Ablauf der Nacht.
Müde und verspannt kroch sie aus dem Schlafsack, kochte sich einen letzten Pfefferminztee auf Kosten der Laubenbesitzer und sammelte in sich die Überzeugung, dass das Kloster die beste Option sei.
Mit dem Rest lauwarmen Wassers versuchte sie sich grob zu waschen, doch die fettigen, strähnigen Haare ließen sich nicht mehr ansehnlich herrichten, und so war sie froh, dass ihre Jacke eine Kapuze hatte.
Dann packte sie eilig ihre Sachen, bevor sie es sich noch einmal anders überlegte.
Irina verließ die Laube so, wie sie sie vorgefunden hatte und machte sich zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof, obwohl sie damit rechnete, dass der Killer es irgendwie herausfinden und ihr auflauern würde.
Es war noch dunkel, die Dämmerung würde noch einige Stunden auf sich warten lassen. Doch die Straßen waren schon vereinzelt belebt. Pendler machten sich auf den Weg zur Arbeit. Die Anwesenheit fremder Menschen erfüllte Irina, wie erwartet, mit Nervosität.

~

Nox blickte angestrengt auf den Bildschirm seines Rechners. Es war kein Ersatz für den verlorenen Laptop, sondern ein Tower-PC, der in seiner Unterkunft stand. Von hier aus hatte er vor Monaten Irinas Wohnung überwacht, bis er selbst in Aktion getreten war.
Jetzt überwachte er Kameras, die öffentliche Gebäude filmten.
Seit mehr als 24 Stunden dauerte seine Wache bereits an, aber er fühlte keine Müdigkeit. Der Zorn brannte noch immer mit unverminderter Wut in ihm, hielt ihn wach und schärfte seine Aufmerksamkeit, er wartete auf den Signalton des Suchalgorithmus, der im Hintergrund eine Vielzahl von Kameras überwachte, die nicht in Nox‘ engere Auswahl für den Bildschirm gefallen waren.
Nirgendwo war viel Betrieb, die meisten Menschen, die sich so früh am zweiten Tag des neuen Jahres herumtrieben, befanden sich auf dem Weg zur Arbeit. Sein Interesse galt vor allem den Bahnhöfen der näheren Umgebung. Er war sich sicher, dass Irina mit dem Zug reisen würde. Er hatte sie, am Tag ihrer Flucht, auf verschiedenen Aufzeichnungen gefunden, wie sie sich von seinem Geld mit überlebenswichtiger Habe eindeckte. Ein wenig überrascht hatte er die schlichte Effizienz zur Kenntnis genommen, die sie bei der Auswahl an den Tag legte. Ein Schlafsack und eine Wolldecke, aber keine Ersatzkleidung. Lebensmittel, aber nichts, um sie zu erhitzen. Das ließ nur einen Schluss zu, sie plante, sich vorübergehend zu verstecken, um dann in ein anderes Versteck zu wechseln, in dem sie dieser Ausrüstung nicht mehr bedurfte. Aus diesem Grund überwachte er nun vornehmlich Orte, an denen sich der öffentliche Nah- und Fernverkehr abspielte, und hörte gleichzeitig die Funksprüche der Taxi-Unternehmen ab.
Die kleinen Gestalten, die die Kameras in den Lichtkegeln der Straßenbeleuchtung einfingen, zogen unter Nox‘ wachsamen Augen ihrer Wege, bis sein Blick an einer Gestalt hängen blieb, die seine Aufmerksamkeit erregte. Die Statur wirkte vertraut, der Gang war schleppend, wie unter Schmerzen, die Kapuze so tief ins Gesicht gezogen, als fürchtete die Person erkannt zu werden, und sie trug zu viel Gepäck bei sich, um auf dem Weg zur Arbeit zu sein.
Kein Zweifel, er hatte Irina gefunden.
Im selben Moment fing eine andere Kamera ihr Gesicht ein, und das Programm meldete Übereinstimmung.
Mit fliegenden Fingern brachte der Killer die nächsten Zugverbindungen in Erfahrung und musste unwillkürlich grinsen. Der früheste Zug fuhr erst in einer halben Stunde, er konnte sie gleich zu Beginn ihrer Reise erwischen. In Gedanken strich er einige Tage Recherche über den Zielort, offenbar hatte er sie überschätzt.
Der Killer nahm sich gerade genug Zeit, um sich zu vergewissern, dass Irina wirklich das Bahnhofsgebäude betrat und auf einen Fahrkartenautomat zusteuerte.

~

Irina kämpfte gegen eine Panikattacke. Der nächste Zug fuhr erst in einer halben Stunde und die Wartezeit für die optimale Verbindung war sogar doppelt so lang.
Verdammter Mist!
Nox musste längst auf dem Weg sein.
Sie wusste einfach, dass es so war.
Was sollte sie tun?
Den ersten Zug nehmen, auch wenn dieser in die falsche Richtung fuhr, um die Wartezeit zu verkürzen, in der Hoffnung, dass der Killer zu spät kam? Er würde sicher damit rechnen, dass sie den erstbesten Zug nehmen wollte.
Also wäre es schlauer, sich irgendwo zu verstecken und in einer Stunde mit der vorgeschlagenen Verbindung zu fahren. Mit ein wenig Glück herrschte dann schon mehr Betrieb am Bahnhof, und sie konnte sich in der Menge besser verstecken. Es war riskant, aber die Alternative, einfach auf dem Gleis zu sitzen und sowohl auf den Zug als auch auf den Killer zu warten und zu hoffen, dass letzterer durch irgendeine Fügung zu spät käme, schien nicht sehr erfolgversprechend. Die Wahrscheinlichkeit war größer, dass der Zug zu spät kam, während der Killer pünktlich auftauchte.
Irina zahlte das Ticket und steuerte die sanitären Anlagen an. Hoffentlich warf man sie dort nicht raus, wenn sie versuchte, eine ganze Stunde im Sanifair-Bereich zu verbringen.

~

Nox betrat mit wehendem Mantel die Eingangshalle. Er glaubte einen Hauch von Irinas Duft wahrzunehmen, als er sich dem Fahrkartenschalter näherte, wo sie vermutlich erst vor wenigen Minuten ein Ticket gekauft hatte.
Wo war sie danach hingegangen? Direkt zum Gleis? Wohl kaum, dort war es kalt, zugig, und es gab keine Möglichkeit, um sich vor ihm zu verstecken.
Die Eingangshalle mündete in einen langen Tunnel, von dem aus Treppen rechts und links zu den Gleisen führten. Geschäfte drängten sich im hinteren Teil der Eingangshalle und etwa bis zur Hälfte in den Tunnel.
Nox kontrollierte zwei Zeitschriftenläden und mehrere Bäckereien. Fehlanzeige.
Blieben nur noch die sanitären Anlagen.
Der Eingang befand sich am Ende der Eingangshalle, neben der Treppe zum ersten Gleis. Die Sanifair-Einrichtung lag eine Handvoll Stufen unter dem Bodenniveau. Es gab keine Möglichkeit, die dahinter liegenden Räumlichkeiten von außen einzusehen, und so warf Nox den verlangten Betrag in den Automaten, damit das Drehkreuz ihm Zutritt gewährte.
Der Hygienebereich präsentierte sich sauber und leer.
Ein gelangweilter Angestellter putzte träge und missmutig die Armaturen.
Aus den Lautsprechern drang Vogelgezwitscher mit esoterischer Musik, und der Killer glaubte wieder einen Hauch von Irinas Duft wahrzunehmen, nur ganz leicht, beinahe überdeckt von dem stechenden Geruch aggressiver Reinigungsmittel. Er entschied sich gegen die Eliminierung des Angestellten. Sein Sieg über Irina sollte vollkommen sein. Sie sollte ihm direkt in die Arme laufen.
Nox trat an ein Pissoir heran und erleichterte sich. Aus dem Augenwinkel überwachte er den Eingangsbereich.
Wenn sie den ersten Zug nehmen wollte, musste sie bald zum Gleis gehen. Er spülte und wusch sich ausgiebig die Hände, um ein wenig Zeit zu schinden.
War es möglich, dass sie mit einem späteren Zug fahren wollte?
Nox verließ die sanitären Anlagen und legte sich in der Nähe des Eingangs auf die Lauer.
Der Bahnhof füllte sich allmählich mit Reisenden, die mit zerknitterten Gesichtern zu den verschiedenen Gleisen eilten.
Es waren immer noch hauptsächlich Berufspendler.
Nox wartete.
Mehrere Zugverbindungen verstrichen, ohne, dass seine Klientin in Erscheinung getreten wäre, doch er wurde nicht nervös.
Sein Instinkt sagte ihm, dass er hier richtig war.

~

Irina verließ die Kabine, in der sie sich versteckt hatte, mogelte sich mit einem schlechten Gewissen an dem Angestellten vorbei, weil sie kein Trinkgeld in der Tasche hatte, und näherte sich ängstlich dem Drehkreuz. Mit den Augen suchte sie die hochgewachsene Gestalt des Killers in der anschwellenden Menge der Berufspendler. Sie fand ihn nicht, doch sie war überzeugt davon, dass er hier war. Der Gast, der sich vorhin erleichtert hatte, konnte nur Nox gewesen sein, so geräuschlos und fließend, wie er sich bewegt hatte.
Er lauerte irgendwo, bereit zuzuschlagen, wenn sie aus dem Eingang trat.
Sie hatte nur noch wenige Minuten Zeit, um ihren Zug zu erwischen.
Langsam zitterten ihr die Knie, ein flaues Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus, verursacht durch die nervöse Anspannung.
Plötzlich strömte von einem Gleis in der Nähe eine Menschenmasse in das Bahnhofsgebäude, umspülte den Eingangsbereich zu den Sanifair-Anlagen und verdeckte Irina vollständig die Sicht auf die Umgebung.
Das musste ihre Chance sein. Dem Killer konnte es nicht anders gehen. Im Schutz der Masse trat sie auf den breiten Gang hinaus, tauchte in den Strom der Umsteiger, die weiter in den Tunnel und zu den anderen Gleisen hasteten, ließ sich mitschleifen, bis die Menge ausdünnte und steuerte die Treppe ihres eigenen Gleises an.
Immer wieder suchte sie hinter sich nach dem asketischen Gesicht des Killers. Beinahe wäre sie mit ihm zusammengestoßen, so plötzlich wuchs er einfach vor ihr aus dem Boden. Er lächelte siegessicher und kam auf sie zu. Irina wich zurück, ihr Herz schlug hart und schnell, Schweiß brach ihr am ganzen Körper aus.
Nicht so, nicht auf diese Weise, flehte eine hysterische Stimme in ihren Gedanken. Ihr Blick wanderte hektisch durch den Tunnel, auf der Suche nach einem Fluchtweg. Sie wäre zu langsam, um ihm einfach so davonzurennen.
Nox schenkte ihr ein messerscharfes Lächeln: „Sie haben keine Chance, es ist vorbei.“
Irina schüttelte trotzig den Kopf: „Niemals, ich werde niemals aufgeben.“
Ein Mann drängte sich zwischen die beiden ungleichen Kontrahenten und unterbrach den Blickkontakt, doch er war nur die Vorhut einer neuen Welle aus Pendlern, die sich von einem gegenüberliegenden Gleis in den Zubringertunnel ergoss und sich wie ein Keil aus Menschen zwischen den Killer und Irina schob, die fast an ihrer Treppe vorbeigestoßen wurde. Auf den Stufen hörte sie hinter sich ein Wirrwarr aus Flüchen und wusste, dass Nox sich mit Gewalt einen Weg durch die Menge bahnte, dann folgten ihr schnelle Schritte. Das Adrenalin beflügelte sie, immer zwei Stufen auf einmal hinauf zu springen. Oben angekommen registrierte sie erleichtert, dass der Zug noch nicht abgefahren war, hetzte auf die nächste Tür zu und sprang mit dem ersten Warnton der Türen in den Waggon. Außer Atem wandte sie sich um und sah den Killer auf das Gleis jagen. Die Türen begannen sich unendlich langsam zu schließen, Nox war schnell, sprang mit riesigen Schritten und wehendem Mantel auf den kleiner werdenden Spalt zu. In diesem Augenblick wirkte er wie die Karikatur eines Soldaten der 30er-Jahre. Nur Zentimeter vor seiner ausgestreckten Hand schlossen sich die Türhälften mit einem schmatzenden Laut. Für einen quälenden Moment blickten sie sich durch die dreckige Scheibe in die Augen.
Irina bleich vor Angst, Nox blass vor Wut. Seine Hand drückte den Türöffner, aber die Türen glitten nicht wieder auseinander. Zorn loderte in seinen Augen, Irina las ein stilles Versprechen in seinem Blick. Die Beine wollten sie nicht mehr tragen, und sie sackte in sich zusammen, zitternd vor Angst, während der Killer eisig auf sie herab starrte.
Dann setzte sich der Zug in Bewegung und unterbrach das schreckliche Zwiegespräch.
„Fuck. Das war knapp, viel zu knapp!“
Sollte sie ein anderes Kloster aussuchen? Der Killer kannte ihre Zugverbindung. Nein, das war unmöglich. Sie würde zweimal umsteigen müssen und das konnte er einfach nicht wissen. Oder hatte er ihr im Tunnel einen Peilsender angeheftet? Panisch kontrollierte sie ihr Gepäck und zog sogar die Jacke aus, um den Stoff zu prüfen.
Da war nichts.
Ob er insgeheim damit gerechnet hatte, dass sie aufgeben würde, wenn sie ihn sah?
Was würde er jetzt unternehmen, nachdem sie ihm ein zweites Mal entwischt war?
Ein Zischen, die Tür des hinteren Waggonteils ging auf. Irina fuhr erschrocken zusammen, rechnete halb damit, dass der Killer sich doch noch irgendwie Zutritt verschafft hatte, aber vor ihr stand der Schaffner und sah missbilligend auf sie herab.
„Fahrkarte bitte“, sagte er schroff.
Irina blinzelte verwirrt, bis ihr dämmerte, dass der Bahnangestellte sie für eine Obdachlose halten musste, so verwahrlost, wie sie aussah. „Natürlich“, murmelte sie und zeigte ihr Ticket vor.
Der Schaffner prüfte es einen Deut länger als üblich.
„Hier im Durchgang können Sie aber nicht sitzen bleiben. Suchen Sie sich einen Platz“, fügte er noch hinzu und verschwand im angrenzenden Waggon.
Noch immer verstört von dem Schreck rappelte Irina sich auf und quetschte sich mit ihrem Krempel durch die Tür in den hinteren Teil des Zuges, den der Schaffner bereits kontrolliert hatte.
Gleich neben der Tür war eine Sitznische frei und sie nahm sie in Besitz.
Der Blick aus dem Fenster fiel auf ein trostloses Einerlei aus braunen Feldern und kahlen Büschen, unter einem bleiernen, mit Wolken verhangenen Himmel. Irina fühlte sich so, wie das Wetter sich präsentierte. Es schien, als wolle die Natur ihre Solidarität bekunden, indem sie möglichst trist aussah.
Ein mattes Lächeln schlich sich auf ihre Lippen.
Sie war Nox erneut entkommen, aber der Sieg erfüllte sie nicht mit Triumpf, sondern mit kaltem Grauen. Seine Rache würde schrecklich sein, dessen war sie sich sicher.
In der Sitznische neben ihr raschelte ein Fahrgast geschäftig mit seiner Tageszeitung. Irina warf einen neugierigen Blick auf die Schlagzeilen, die sie aus der Entfernung erkennen konnte.
Was mochte sie alles verpasst haben, in den letzten Monaten?
„Obszöne Grabschändung auf dem katholischen West-Friedhof:
Steckt eine okkulte Gruppierung dahinter?“
Irinas Herz begann wild zu klopfen. Warum machte dieser Artikel sie so nervös? „Entschuldigung, hätten Sie etwas dagegen, mir den Hauptteil ihrer Zeitung kurz auszuleihen? Ich würde gerne den Artikel über die Grabschändung lesen.“
Der Fahrgast, ein Geschäftsmann in Anzug und Krawatte, blickte erstaunt auf, doch bei Irinas Anblick verdüsterte sich seine Mine.
Peinlich berührt und ein wenig verärgert, fügte sie hinzu: „Ich bin nicht obdachlos, ich hatte einen“, sie stockte kurz, „privaten Zwischenfall und bin länger unterwegs als geplant.“
Dem Geschäftsmann schien die Rechtfertigung gleichgültig zu sein, er reichte ihr wortlos die halbe Zeitung und behielt nur den Börsenteil für sich, den er aufmerksam studierte.
Irina las mit wachsender Furcht den Artikel:

Obszöne Grabschändung auf dem katholischen West-Friedhof:
Steckt eine okkulte Gruppierung dahinter?
In der Nacht vom 31.12. auf den 1.1. ereignete sich ein bisher bundesweit beispielloser Fall von Grabschändung. Friedhofbesucher entdeckten das frevelhafte Werk am Neujahrsfeiertag und alarmierten schockiert die Polizei.
„So etwas hat es noch nicht gegeben“, sagte der leitende Ermittler Siel, des vierköpfigen Sonderermittlungsteams, das sich ab sofort mit dem Fall befasst, in einer Stellungnahme, „Bei der Tat handelt es sich um zwei verschiedene Delikte, Grabschändung und Tierquälerei. Der oder die Täter haben eine Taube grausam verstümmelt, den Grabstein mit dem Blut des Tieres bespritzt und die Grabbepflanzung in Brand gesteckt.“
Weshalb niemand das auffällige Feuer bemerkt hat, ist noch ungeklärt. Die Friedhofsangestellten und Anwohner werden in den kommenden Tagen als Zeugen befragt. Die Polizei vermutet, dass der, oder die Täter ungestört blieben, weil die Tatzeit mit dem Jahreswechsel zusammenfiel, weshalb auch ein okkulter Hintergrund nicht ausgeschlossen werden kann.
„Wir ermitteln in alle Richtungen“, bekräftigte Siel.
Ob die Tatsache, dass es sich bei dem Tieropfer um eine weiße Taube handelte, eine Rolle für den Verdacht auf okkulte Aktivitäten spielt, wurde von der Polizei nicht kommentiert. Ebenso gab es kein Statement zu dem Verdacht, dass ein Zusammenhang zwischen der Tat und der Wahl des geschändeten Grabes bestehen könnte, welches als letzte Ruhestätte eines Mordopfers identifiziert werden konnte.
Über den genauen Tathergang hat die Polizei keine Einzelheiten bekanntgegeben, um möglichen Trittbrettfahrern eine Nachahmung zu erschweren.
Die Angehörigen des geschändeten Grabes standen für ein Interview, auf Anraten der Polizei, nicht zur Verfügung, doch scheint die ehemalige Verlobte des Opfers seit einem Brand in ihrer Wohnung vermisst zu werden. Auch zu diesem Sachverhalt hüllt sich die Polizei derzeit in eisiges Schweigen.
Die Redaktion der „Regional-Nachrichten“ wird diesen Fall weiter verfolgen.


Die Zeitung in Irinas Händen zitterte. Sie las den Artikel erneut, dann ein drittes und noch ein viertes Mal. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. Da war sie, die Rache für ihre Flucht. Eine Warnung und ein Versprechen zugleich. Wenn sie sich ihm weiterhin widersetzte, würde er jeden Menschen in ihrer Nähe terrorisieren, quälen und umbringen, wie er es mit ihr geplant hatte. Andere würden an ihrer Stelle leiden.
Ein bitterer Geschmack sammelte sich unter ihrer Zunge, aus dem flauen Gefühl wurde Übelkeit. Irina legte die Zeitung weg und sah aus dem Fenster, konzentrierte sich auf einen weit entfernten Punkt am dunstigen Horizont, zählte die brachliegenden Felder und spärlichen Straßen, bis ihr Magen sich beruhigte.
Der Geschäftsmann stieg wenig später aus, ohne seine Zeitung zurückzuverlangen. Irina war nicht sicher, ob sie dankbar oder verärgert sein sollte, dass er ihr die Hiobsbotschaft nicht weggenommen hatte. Immer wieder wanderte ihr Blick zu der Überschrift. Die schwarzen Lettern starrten böswillig zurück. Sie warf die Zeitung auf einen anderen Sitzplatz, doch sie konnte sich nicht von dem Artikel befreien. Schließlich stopfte sie die einzelne Zeitungsseite in den Rucksack. Dort war sie nicht mehr zu sehen, doch das Wissen um ihre Existenz beschäftigte weiterhin ihre Gedanken.
Der Rest der Fahrt verlief dafür ereignislos.
Während der Umsteigezeiten glaubte Irina den Verstand zu verlieren. Das Gefühl, auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden, machte sie wahnsinnig.
Danach folgten wieder enervierend lange Zugfahrten, in denen sie sich eingesperrt und gefangen fühlte, wie eine Ratte in der Falle. Erst als sie ihren Zielort erreichte und als einziger Fahrgast den Zug verließ, legte sich die Anspannung ein wenig.

~

Nox parkte den Vito vor einem gesichtslosen Studentenwohnheim.
Der Tag neigte sich schon wieder dem Ende entgegen. Die Eingangsbeleuchtung glomm auf, tauchte das meterlange Klingelbrett mit annähernd 500 Klingelknöpfen und Zimmernummern anstelle von Namensschildern in gelbe Schlieren, konnte aber sonst nicht viel ausrichten.
Nox machte es sich hinteren Teil des Vitos bequem. Eine Mini-Kamera filmte aus dem Beifahrerfenster den Eingang, sodass der Killer sich parallel um andere Vorbereitungen kümmern konnte.
Kalte Wut beherrschte seine Gedanken, Irina war ihm erneut entwischt.
Doch unter all dem Ärger regte sich noch etwas anderes. Er konnte sich nicht erinnern, jemals einen Menschen getroffen zu haben, der ihm so lange widerstanden hatte, und das erfüllte ihn mit einer Mischung aus sardonischer Freude und dem Wunsch, diesen Zustand beizubehalten, den Hasen zu fangen und wieder frei zu lassen, um ihn erneut zu fangen. Wieviel Potential mochte noch in Irina schlummern? Nox fühlte eine unbändige Neugier, das herauszufinden.
Doch zunächst musste er sich mit einem anderen Klienten befassen, denn seine Anwesenheit hier begründete sich in dem Freundschaftsdienst, den er dem Händler schuldig war.
Name, Adresse und Personenbeschreibung hatte dieser dem Killer im Laufe des Tages zukommen lassen, und Nox wollte die Angelegenheit so schnell und sauber wie möglich über die Bühne bringen. Jetzt, wo sein Ruf angekratzt war, konnte er sich keine weiteren Beschwerden leisten.
Eine junge Studentin verließ das Haus.
Der Klient ließ auf sich warten.
Nox fasste sich in Geduld.
Mit fortschreitender Dämmerung verlor die Welt an Farbe und hüllte sich in diffuses Grau.
Schließlich näherte sich ein junger Mann, vom Parkplatz aus, dem Eingang. Braune Rastas, Röhrenjeans, cremefarbene Chucks, eine Umhängetasche aus dem Nato-Shop. Die untreue Gattin musste ein glückliches Händchen besitzen, wenn sie es schaffte, solche Jungspunde an Land zu ziehen.
Nox verließ seinen Posten und berechnete die Zeit, die er zum Abschließen des Wagens und den Weg zum Eingang bräuchte, um genau einen Augenblick nach dem Studenten an der Tür einzutreffen, sodass dieser bereits aufgeschlossen hatte. Der junge Mann sah auf, als er die schweren Schritte des Killers hörte und grüßte höflich.
„Guten Abend.“
„Ebenfalls.“
Der Student wandte sich ab und steuerte den Fahrstuhl an.
Nox folgte ihm und wartete schweigend, bis sich die winzige Kabine öffnete und sein Klient eingestiegen war, bevor er sich anschloss.
Als die Türen mit einem schabenden Geräusch aufeinander zu glitten, drehte Nox dem jungen Mann den Rücken zu und verwandelte den Fahrstuhl in eine Mausefalle. Die breite Statur des Killers füllte die winzige Kabine fast vollständig aus, das Unbehagen des Studenten schien mit Händen greifbar zu sein.
„Sie haben ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau“, ergriff er das Wort. Er hörte, wie der junge Mann hinter ihm zusammen zuckte.
„Was haben Sie gesagt?“
„Haben Sie mir nicht zugehört? Wie unhöflich von Ihnen“, ein drohender Unterton mischte sich in die Stimme des Killers.
„Doch, doch, aber ich-“, stammelte der Student. Kleidung raschelte, Nox wusste, dass der junge Mann sich unbewusst in die hinterste Ecke quetschte.
„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will Sie nicht verurteilen. Es ist lediglich so, dass der Gatte ihrer Affäre Wert darauf legt, den Status quo zu erhalten“, nun drehte Nox sich um und trat lächelnd einen Schritt auf den verängstigten Studenten zu. Er überragte den jungen Mann um einiges, sodass dieser zu ihm aufblicken musste.
„Sie verstehen doch sicher, was es bedeutet, den Status quo zu erhalten. Sie werden brav den Liebhaber spielen, aber mehr auch nicht. Kommen Sie bloß nicht auf den Gedanken, dem Ehemann würde Ihr Engagement missfallen, im Gegenteil, er weiß durchaus zu schätzen, dass Sie seine Gattin-“, er machte eine kurze, spöttische Pause, „-beglücken.“
Der Student starrte ihn kreidebleich an, er räusperte sich, fand aber nicht die richtigen Worte. Nox fuhr fort: „Ihr Vorgänger beging den Fehler, einen Heiratsantrag auszusprechen. Ich bin sicher, Ihnen wird dieser Fehler nicht unterlaufen.“
Ein heller Gong ertönte, gefolgt von dem schabenden Geräusch der Türen. Der Killer rührte sich jedoch nicht, sein eisiger Blick ruhte weiterhin auf dem jungen Mann, der langsam zu schrumpfen schien.
„Wiederholen Sie meine Worte, damit ich mir sicher sein kann, dass wir uns verstanden haben und ein zweiter Besuch meinerseits nicht nötig wird“, verlangte er.
„Sie haben gesagt, also-“, der Student räusperte sich erneut, „Ich soll den Status quo erhalten, meine Affäre weiterführen, aber keinen Heiratsantrag machen“, stammelte er mit brüchiger Stimme.
Nox schenkte ihm ein raubtierhaftes Grinsen und gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter, der den jungen Mann fast zu Boden warf.
„Na bitte, Sie sind doch ein schlaues Kerlchen“, bemerkte der Killer mit gespielter Begeisterung. „Ich hoffe, Sie kommen nicht auf die Idee, irgendjemandem von unserer kleinen Unterhaltung zu erzählen. Andernfalls werde ich mich gezwungen sehen, erneut vorbeizuschauen, und ich versichere Ihnen, dass Sie das bereuen werden.“
Nox verließ die winzige Fahrstuhlkabine. Während er sich entfernte, hörte er, wie der Student im Fahrstuhl an der Wand herunterrutschte, bis er auf dem Boden saß. Ein heiseres „Scheiße, was war das denn…“ verfolgte ihn.
Kaum hatte der Killer den Vito erreicht, da klingelte sein Smartphone.
Verärgert starrte er auf die Nummer.
Warum rief der Kontakt von dieser Nummer aus an?
Das war völlig unangemessen. „Was willst du?“, blaffte er.
Ein amüsiertes Geräusch kam von der anderen Seite.
„So emotional kenne ich dich ja gar nicht. Die Kleine muss dir ja mächtig ans Herz gewachsen sein, wenn sie dich so weit bringt.“
„Rufst du extra von deiner privaten Nummer an, um Salz in die Wunde zu streuen, oder hast du Neuigkeiten?“, erwiderte der Killer mit eisiger Ruhe.
„Beides, mein Lieber: Ich fürchte, unser Geschäftspartner hat die Schweigeklausel verletzt, nachdem du deine Arbeit nicht erledigt hast.“ Die Schadenfreude tropfte kalt aus dem Lautsprecher.
Nox knirschte mit den Zähnen, doch überrascht war er nicht.
„Wie schlimm ist es?“, wollte er wissen.
„Sagen wir, die ganze Szene wartet darauf, ob die Nummer Eins bald eine Null ist.“
„So leicht bin ich nicht zu besiegen. Das hier wird das erste und einzige Mal sein, dass ein Auftrag nicht ganz nach Plan verläuft“, antwortete er freundlich.
„Das hoffe ich, weil ich auf dich gewettet habe. Übrigens liegen mir bereits mehrere Angebote von Leuten vor, die sich schon als deine Nachfolger betrachten.“
„Du solltest dich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, sonst verlierst du das Gleichgewicht“, entgegnete der Killer mit übertriebener Freundlichkeit, bevor er auflegte.
Der Kontakt mochte gleichzeitig sein Partner sein, aber Nox wusste, dass sein „Mann im Hintergrund“ sich auch abgrundtief vor ihm fürchtete.
Wenn selbst dieser rückgratlose Bückling den Respekt vor ihm verlor, dann entwickelte sich tatsächlich ein Problem aus der Angelegenheit.
Aber zunächst stand Irina auf der Liste der Dinge, die es zu erledigen galt. Danach blieb noch genug Zeit, um seine Firma wieder ins Lot zu bringen. Vielleicht sollte er die Stelle des Kontaktes neu ausschreiben, wenn der Bückling glaubte, er könne eigene Entscheidungen treffen.
Er verschob den Gedanken auf einen späteren Zeitpunkt.
Jetzt musste er sich wieder um Irina kümmern.
Die Grabschändung war nur der Auftakt zu einer Reihe von „persönlichen Besuchen“, die der Killer in ihrem sozialen Umfeld geplant hatte. Er würde sich nicht die Mühe machen und das Versteck suchen, in dem sie untergetaucht war, stattdessen würde er einfach den Druck so lange erhöhen, bis sie sich freiwillig stellte oder aus Dummheit ihren Aufenthaltsort über den Laptop verriet.
Das Navi lotste Nox zu seinem neuen Ziel. Der einzige Parkplatz lag einige Meter entfernt von dem Haus, das er beobachten wollte. Hier parkten alle Autos am Straßenrand und eine vorteilhafte Parkbucht war nicht frei.
Nox nahm sich drei Tage Zeit, um die Lage auszukundschaften, setzte den Vito immer wieder um, damit er kein Aufsehen erregte, und fuhr jeden Tag einmal um den Block.
In der vierten Nacht wurde er schließlich aktiv.
Mit einem Dietrich öffnete er die Tür so schnell und geräuschlos, dass der Killer wie ein Geist wirkte, bevor er mit den Schatten der Wohnung dahinter verschmolz.
Zielsicher fand er das Schlafzimmer.
Eine Weile betrachtete er die Frau, die nichtsahnend im Bett lag und schlief, während der Tod bereits an ihrem Fußende lauerte.
Bei diesem Gedanken schlich sich ein messerscharfes Lächeln auf Nox‘ Lippen. Er würde es genießen, sich abreagieren, seine Ruhe zurückgewinnen und Irina den Ernst der Lage demonstrieren. Lautlos legte er seinen Mantel ab, zog ein Paar Latexhandschuhe über die großen Hände und platzierte ein längliches Lederetui auf dem Nachttisch.
Menschen, die sich in der Tiefschlafphase befanden, waren so wehrlos.
Er hatte keine Schwierigkeiten, die korpulente Frau ans Bett zu fesseln. Erst als er ihr den Knebel anlegte, wachte sie auf, doch da war es bereits zu spät.
Er schaltete das Licht ein und wartete geduldig, bis sie sich müde geschrien hatte, bevor er das Wort ergriff: „Verzeihen Sie bitte, dass ich Ihnen so spät in der Nacht noch Umstände bereite. Zu Ihrem Unglück sind sie eine ehemalige Arbeitskollegin und Freundin von Irina. Eigentlich sollte sie seit einiger Zeit verstorben sein, doch sie weigert sich, mir diesen kleinen Gefallen zu tun. Aus diesem Grund brauche ich nun Ihre Hilfe“, er ließ einen wohl überlegten Augenblick verstreichen, damit die Frau das Gehörte verarbeiten konnte.
Dann zog er geräuschvoll den Reißverschluss des Etuis auf und präsentierte seiner verschreckten Beute ein glänzendes Chirurgenbesteck und einige Spritzen: „Ich werde Sie gleich aufschneiden, Ihr Blut vergießen und Ihr Herz entfernen, in der Hoffnung, dass Irina sich auf Ihre guten Manieren besinnt und sich stellt, bevor ich mir ein weiteres Opfer aus ihrem Freundes- und Familienkreis suche.“ Er lächelte süffisant, als er in die weit aufgerissenen Augen blickte, in denen nackte Todesangst flackerte.
„Vielleicht sollten Sie noch wissen, dass es mir ein Vergnügen ist, Ihnen Schmerzen zuzufügen. Sie werden hoffentlich lange genug am Leben bleiben, damit ich mich angemessen amüsieren kann. Werden Sie mir diesen Gefallen tun?“
Es hätte dieser Worte nicht mehr bedurft, um die Frau in Panik zu versetzen. Sie kniff die Augen zusammen, warf den Kopf von einer Seite auf die andere, zerrte an den Fesseln und schrie aus Leibeskräften.
Der Knebel dämpfte alles auf Zimmerlautstärke.
„Ich habe doch noch gar nicht angefangen“, bemerkte Nox ironisch und wählte aus dem Operationsbesteck ein Chirurgenmesser mit runder Klingenform.
Das Nachthemd der Frau zerriss mit einem scharfen Laut. Darunter präsentierte sich ein üppiger Busen, aber für die anatomischen Vorzüge der Weiblichkeit hatte der Killer heute keinen Blick. Das flehende Kopfschütteln und die Tränen seines Opfers ignorierte Nox ebenso. Mit kalter Präzision setzte er den ersten Schnitt neben dem Brustbein an.
Blut quoll dunkel aus der klaffenden Wunde, rann über die helle Haut und besudelte das Bett. Das Messer glitt präzise am Sternum entlang, bis zum Schwertfortsatz.
Die Frau zuckte und wand sich, der Körper unter dem Messer bäumte sich immer wieder auf, aber der Killer empfand dies nicht als störend. Er lauschte versonnen den gedämpften Schreien, die jetzt eine neue Qualität angenommen hatten. Unbeschreiblicher Schmerz mischte sich in die Todesangst. Ein süßer Klang, der ihn mit Erregung erfüllte. Plötzlich verstummte die Frau und verdrehte die verheulten Augen, sodass nur noch das Weiße sichtbar war.
Enttäuscht legte er das Messer zur Seite und blickte auf. Es wäre bedauerlich, wenn sie schon jetzt am Schock sterben würde.
Der Killer injizierte ihr den Inhalt einer Spritze in die Halsschlagader. Augenblicklich war sie wieder da, starrte ihn aus tränenden Augen flehend an und weinte hemmungslos in den Knebel.
„Sie wollen mich doch nicht etwa schon verlassen?“, tadelte er sie, „Der interessante Teil steht uns doch erst noch bevor.“
Mit übereinandergelegten Handflächen und dem ganzen Gewicht seines Oberkörpers drückte er mehrmals brachial den Brustkorb der Frau ein.
Es war die groteske Parodie einer Herz- Druck- Massage.
Das Fleisch unter ihm wimmerte und gurgelte, noch mehr Blut sprudelte zwischen seinen behandschuhten Fingern hervor, dann rissen die Rippen nacheinander mit einem trockenen Knacken vom spröden Knorpel des Brustbeins ab.
Erneut verlor die Frau das Bewusstsein. Ihr Gesicht war schon leichenblass geworden und mit dem Ausdruck größter Qualen eingefroren.
Nox bedauerte den schnellen Tod.
Irina hätte sicher länger durchhalten.
Der Killer arretierte einen Wundspreizer in dem klaffenden Schnitt, wählte ein Chirurgenmesser mit gerader Klinge, und legte mit fachmännischer Präzision das Herz frei, trennte die großen Blutgefäße durch und löste es aus dem umgebenden Gewebe heraus.
Das Organ wanderte in einen Gefrierbeutel.
Nox streifte die blutverschmierten Handschuhe ab und zog ein frisches Paar über, um seine Spuren zu verwischen.
Dieser Besuch war eine wenig befriedigende Angelegenheit gewesen, er hatte sich mehr Vergnügen davon erhofft. Es machte eben doch einen Unterschied, ob man das eigentliche Ziel oder einen Stellvertreter eliminierte. Dennoch war seine Laune so gut wie seit vielen Tagen nicht mehr.
Er ließ die Wohnungstür offen stehen, als er ging, damit man die Leiche so schnell wie möglich fand. Irina sollte nicht allzu lange warten müssen, bis sie aus den Medien von seiner Tat erfuhr. Sein nächstes Ziel würde hoffentlich interessanter werden. Immerhin stand es seit der Grabschändung unter Polizeischutz.
Der Killer sah eine einmalige Gelegenheit, seine Konkurrenz in die Schranken zu verweisen, wenn er bewies, dass er selbst unter den Augen der Polizei „arbeiten“ konnte, während diese machtlos dabei zusah.
Behutsam, geradezu liebevoll sortierte der Killer die neue Trophäe zu der ersten, die in einem winzigen Kühlschrank im hinteren Bereich des Vitos auf ihren Auftritt wartete. Er war nicht ohne Grund die Nummer Eins in der Szene, und er würde es beweisen.

~

Der dröhnende Klang der Kirchenglocken riss Irina aus einem finsteren Albtraum, Nox‘ Stimme klang noch in ihren Ohren und forderte: „Schrei für mich, kleiner Schmetterling!“, als das Erwachen sie in ein karges Zimmer warf.
Einen Moment lang fehlte ihr die Orientierung.
Zum Fenster drang nur der silbrige Schimmer einer schmalen Mondsichel herein, kaum genug, um die Einrichtung zu erahnen.
Ein Schrank, ein Tisch, ein winziges Waschbecken ohne Spiegel, ein Stuhl mit einem ordentlichen Kleiderstapel.
Dann stürmten die vergangenen Tage auf sie ein.
Sie war im Kloster angekommen und hatte ein Zimmer im Gästehaus erhalten. Es war Zeit für die Laudes, das Gebet am frühen Morgen.
Irina schwang die Beine aus dem Bett, rieb sich den Schlafsand aus den Augen und knipste das Licht an.
Ihr Körper erholte sich langsam von den Verletzungen. Die Schmerzen waren abgeklungen, der Schorf blätterte von den Wunden, darunter kam rosige, junge Haut zum Vorschein, dünn und empfindlich.
Traurig fuhr sie mit den Fingern über die Narben auf ihrem Bauch.
Die erste Folter hatte den meisten Schaden angerichtet, sodass die Haut aussah wie ein Flickenteppich, gesprenkelt mit fächerartigen Wunden, deren Schorf sich an den Rändern löste und unter der Kleidung scheuerte. Gleichgültig, wie gut der Heilungsprozess voranschritt, sie würde für immer gezeichnet bleiben. Gebrandmarkt von dem Killer, der sie hatte umbringen wollen und dem sie nur knapp entkommen war.
Ihr Magen meldete sich mit Übelkeit, wie jeden Morgen, seit sie geflohen war. Sie stolperte barfuß zu dem winzigen Waschbecken und übergab sich kurz, aber heftig. Während ihr Verstand eifrig die Erinnerung verdrängte, wehrte sich ihr Körper mit Macht gegen das Vergessen.
Irina schob den Gedanken beiseite und schaufelte sich mehrere Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht und putzte die Zähne. Danach fühlte sie sich besser, angelte nach dem obersten Kleidungsstück auf dem Stuhl und bedeckte die stummen Zeugen der Vergangenheit mit der Schwesterntracht.
Auf dem Gang begegnete sie anderen Gästen, die am „Kloster auf Zeit“-Programm teilnahmen. Ältere Frauen, die einen spirituellen Urlaub darin sahen, aber auch Theologiestudentinnen, die die Ruhe und den Frieden des Klosters für ihre Abschlussarbeit nutzen.
Der Orden erlaubte seinen Gästen ein Minimum an Besitz und täglicher Freizeit, um eine Möglichkeit zu bieten, sich kreativ zu entfalten. Irina kam dies entgegen, weil sie den Laptop nicht hatte abgeben müssen. Das Gerät wartete zusammen mit ihren anderen Habseligkeiten im Schrank, sicher verstaut im Rucksack, auf den Tag, an dem sie eine Idee hätte, wie sie das Passwort umgehen oder erraten könnte.
So lange musste sie ihre Fragen hintanstellen.
Die Morgenandacht mit dem Gotteslob kam und ging.
Irina bewegte die Lippen, hörte ihre Stimme singen, aber ihre Gedanken blieben leer und düster. Gott war kein Teil mehr ihres Lebens, und er würde es auch nie wieder werden können.
Das anschließende Frühstück verlief schweigend. Die Kantine war groß genug, um 50 Schwestern und etwa 20 Gästen Platz zu bieten, aber die ehemalige Kommilitonin hatte Irina nicht wieder getroffen.
Die Mahlzeit war kärglich, es gab Brot oder Haferflockenschleim, denn der Orden hatte das Armutsgelübde abgelegt.
So bestand der einzige Luxus aus einem Löffel Honig an Sonn- und Feiertagen, der entweder auf das Brot geschmiert, oder in die Haferflocken gerührt werden konnte.
Gelegentliches Geschirrgeklapper und das Rascheln von Kleidung erfüllten den Raum. Selbst mit Geräuschen wurde hier sparsam umgegangen. Irina empfand dies als angenehm. Das viele Schweigen verhinderte, dass sie Kontakte knüpfen musste. Sie war sich selbst genug Gesellschaft und legte keinen Wert darauf, neue Freundschaften zu schließen, die sie niemals pflegen würde.
Der Vormittag verging mit Gartenarbeit.
Das Kloster finanzierte sich über den Verkauf von Kräutern, die auf dem weitläufigen Gelände gezüchtet wurden.
Irinas Aufgabenbereich erstreckte sich auf den Gemüsegarten, der mit frisch kompostierter Erde gedüngt werden sollte, bevor in den kommenden Wochen die neue Saat ausgebracht wurde. Es war eine anstrengende Arbeit, mit einer Schubkarre die neue Erde zu den Beeten zu schieben, auszukippen und anschließend mit einer Harke zu verteilen. Irinas Hände waren voller Blasen, die sich allmählich in Schwielen verwandelten.
Es läutete zur Mittagshore, die Arbeit ruhte für das Gebet in der Kirche, die eingebettet zwischen Lavendelfeldern zur Rückseite und einem begrünten Ziergarten auf einem kleinen Hügel über dem Klostergelände thronte. Drei Gebäude schmiegten sich im Halbkreis von der anderen Seite um den Garten, das Wohnhaus der Ordensschwestern, gegenüber ein Wohnhaus für die Gäste des „Kloster-auf Zeit“-Programms und in der Mitte ein moderner Neubau, der die Kantine, eine Wäscherei, eine Bibliothek, Seminar- und Werkräume enthielt. Im Anschluss dahinter lagen mehrere Kräutergärten, eine Rosenzucht und das Gemüsebeet, auf dem Irina sich nach dem Mittagessen wieder austobte.
Sie fühlte, wie die körperliche Arbeit ihre Gedanken in freundlichere Bahnen lenkte. Jedes Mal, wenn sie ihren Fortschritt betrachtete, fühlte sie die erschöpfte Zufriedenheit geleisteter Arbeit in sich aufsteigen. Der Garten bedankte sich auf eine stumme und ehrliche Art für ihren Einsatz.
Wieder riefen die Glocken, dieses Mal zur Vesper und zum Abendbrot.
Der Arbeitstag war damit beendet.
Jetzt durften Gäste und Ordensmitglieder ihren Hobbys nachgehen, bis um Mitternacht die Glocken erneut zum Vigil, zum Nachtgebet, riefen. Geschlafen wurde zwischen Vigil und Laudes, etwa fünf Stunden jede Nacht.
So plätscherten die Tage gleichförmig vor sich hin, reihten sich zu Wochen, wie identische Perlen an einer Schnur, die keinerlei Unregelmäßigkeiten aufwiesen.
Irina besuchte in ihrer Freizeit die Bibliothek.
Natürlich lag das Hauptaugenmerk auf dem religiösen Kontext, doch es gab auch eine gut sortierte Klassiker-Sammlung, in der Werke aller Art vorhanden waren, solange man ihnen einen moralischen Fingerzeig abgewinnen konnte. Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ schmiegte sich kameradschaftlich an Tolstois „Volkserzählungen“, Dostojewskis „Schuld und Sühne“ kuschelte im Regal mit Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“, und Irina fand sogar eine Ausgabe von Alfred Anderschs „Sansibar, oder der letzte Grund“, ein Werk, das über Jahrzehnte hinweg Schulbuchliteratur gewesen, aber an Irina vorüber gegangen war.
Nacheinander nahm sie sich die einzelnen Vertreter der Literatur vor.
Lesen war eine Beschäftigung, der sie bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte, doch mit den Werken dieser Bibliothek verhielt es sich anders. Die Probleme und Fragen, die zwischen den Zeilen und neben der Handlung thematisiert wurden, brachten Irina zum Nachdenken, und sie brütete ganze Abende über verschiedenen moralischen Aspekten dieser oder jener Denkweise.
Ohne dass es ihr bewusst wurde, fügte sich ihr Weltbild neu zusammen, kittete die zerbrochenen Teile und nahm eine neue Gestalt an.

Die Glocken riefen mit dröhnendem Klang zur Laudes.
Ein neuer Tag, eine neue identische Perle, die auf die Schnur gezogen wurde.
Irina schwang sich aus dem Bett. Während sie sich ankleidete, meldete sich die vertraute Übelkeit wieder. Jeden Morgen dasselbe, als versuche ihr Körper den Killer auszuspucken, mitsamt den Narben auf Haut und Seele, die er ihr hinterlassen hatte.
Sie übergab sich in das winzige Waschbecken und rang sich endlich dazu durch, eine Nonne nach einem Hausmittel gegen Übelkeit zu fragen.

Die Uhr in dem kahlen Krankenzimmer des Klosters tickte monoton vor sich hin. Irina saß auf einer alten abgewetzten Liege, die Teil jeder Arztpraxis war, doch hier wirkte sie irgendwie fehl am Platze, zwischen einem reich verzierten Kreuz mit dem Erlöser und einer billigen, weißen Kunststoffuhr. Rechts führte eine Tür auf den Gang hinaus, links stand ein Regal voller Arzneimittel, die die Nonnen aus den Heilkräutern des eigenen Gartens herstellten. Der obligatorische Schreibtisch, an dem der Arzt üblicherweise die Rezepte ausstellte, fehlte, was dem Raum eine gewisse Leere verlieh.
„Ich würde Sie gerne untersuchen, bevor ich Ihnen etwas aus unserer Hausapotheke mitgebe“, sagte die Nonne. Ihr Name war Aloysia, eine ältere Frau mit freundlichen Falten um die hellen Augen, rosigen Wangen und einer gemütlichen Statur, die ihr die Ausstrahlung einer liebenswerten Großmutter verlieh.
„Ist das wirklich nötig?“, fragte Irina beklommen. Sie befürchtete, sich entkleiden und ihre Narben zeigen zu müssen.
„Liebes, wie soll ich Sie denn gesundpflegen, wenn ich nicht weiß, was Ihnen fehlt?“, lachte Schwester Aloysia.
Irina seufzte.
„Sie müssen nur das Obergewand ablegen, das Untergewand dürfen Sie anbehalten“, fuhr die Nonne fort und bewaffnete sich mit einem Stethoskop, „Seit wann treten die Beschwerden auf?“
„Seit Silvester ungefähr.“
„Jeden Morgen? Übelkeit mit Erbrechen?“, die Nonne blickte Irina prüfend an.
„Die Übelkeit ja. Das häufige Erbrechen erst seit etwa zwei Wochen.“
„Haben Sie noch andere Beschwerden?“
„Was meinen Sie?“
„Fühlen Sie sich müder als sonst?“
„Ich würde sagen, normal müde. Die Gartenarbeit ist körperlich anstrengend, und ich bin es nicht gewohnt, da ist man natürlich kaputt am Ende des Tages.“
„Hatten Sie in den letzten Tagen mal Heißhunger?“
„Hin und wieder mal. Ich bin wohl noch nicht ganz an das Klosteressen gewöhnt“, Irina lächelte unsicher und kämpfte um ihre Beherrschung. Die Richtung, in die sich das Gespräch entwickelte, erfüllte sie mit unaussprechlicher Angst.
„Haben Sie Spannungsgefühle, oder mal ein Ziehen in der Brust gehabt?“
„Kann ich nicht sagen. Der Muskelkater durch die Arbeit ist überall gleich ausgeprägt.“
„Müssen Sie häufiger als gewöhnlich zur Toilette?“
„Also, kann sein, ich bin mir nicht sicher.“
„Wann hatten Sie das letzte Mal ihre Regelblutung?“
„Ich weiß es nicht“, stammelte Irina.
„Liebes, Sie sind ja ganz blass geworden“, stellte die Nonne erschrocken fest.
„Ich darf nicht schwanger sein“, flüsterte Irina mit tränenerstickter Stimme, „Alles, nur das nicht!“
Schwester Aloysia legte das Stethoskop weg, setzte sich neben das Häuflein Elend, in das sich Irina plötzlich verwandelt hatte und legte einen Arm um ihre Schultern. “Es liegt leider nicht in unserer Macht, das zu entscheiden, nur der Herr weiß, welche Prüfungen uns erwarten, und wir können nichts weiter tun, als uns Mühe zu geben“, sagte sie ruhig, „Möchtest du mir erzählen, weshalb du nicht schwanger sein willst? Wer ist der Vater?“
Sie hatte in das vertrauliche „Du“ gewechselt, um Irina ein Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln, doch es dauerte eine Weile, bis diese das Schluchzen unter Kontrolle bekam und die Kraft aufbrachte, um die Worte auszusprechen, die sie seit Wochen in sich einschloss: „Ich wurde vergewaltigt.“
Plötzlich löste sich der Knoten in ihrem Innern vollständig in Tränen auf, und Irina erzählte die ganze Geschichte. Die Nonne lauschte still und erschrocken, bevor sie Irina mit einem Schwangerschaftstest auf ihr Zimmer schickte und bis zur Abendandacht von der Arbeit befreite.

Der Schwangerschaftstest lag auf dem Waschbecken.
Es war bereits einige Stunden her, dass Irina ihn gemacht hatte.
Das Ergebnis war positiv.
Nox Schatten reichte bis ins Kloster.
Irina hatte geweint, bis ihre Augen brannten und die Nase verstopfte.
Jetzt lag sie auf dem Bett und dachte über die Ungerechtigkeit des Lebens nach. Am liebsten hätte sie sich ein Messer in den Bauch gerammt, nur weg mit dem Ding, das da in ihr wuchs, dieses fleischgewordene Hohngelächter, aus einer Nacht, die sie gerne vergessen hätte.
Dann kippte ihr Mitgefühl zugunsten des kleinen Wesens, das nichts von seiner Entstehung wusste und keine Schuld daran trug, dass es durch Gewalt gezeugt worden war. Irina hasste sich dafür, dass sie mit so viel Empathie und einem starken Gewissen gestraft war, sodass sie nicht einmal jetzt nur ihre eigenen Interessen verfolgen konnte.
Sie hätte sterben sollen, aber es war ihr gelungen zu überleben, und jetzt gab es ein zweites Leben, das andernfalls niemals existiert hätte.
Waren sie nicht natürliche Verbündete, sie und dieses neue Leben?
Nein, es kam von Nox, ein Teil des Killers steckte in seinem Blut, in seinem Fleisch, vielleicht sogar in seinen Gedanken.
Das Grauen jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken, während ihr Blick an der weiß getünchten Decke hing.
Eine Miniausgabe des Killers wuchs in ihr heran, um sie jeden Tag daran zu erinnern, was er mit ihr angestellt hatte.
Es musste weg.
Es durfte nicht leben.
Es war unschuldig.
Irina schloss die Augen und weinte erneut.
Während der vielen Stunden, die sie in der Bibliothek verbracht hatte, drängte sich immer wieder eine bestimmte Frage in den Vordergrund: Hätte sie die Kraft und den Mut, um Nox zu töten, wenn sie ihm wieder begegnete? Wäre sie in der Lage ihr eigenes Leben auf Kosten eines anderen zu schützen?
Ihr Inneres antwortete jedes Mal mit einer Mischung aus Trotz, Überlebenswillen und gerechtem Zorn.
Doch jetzt stand sie vor der Entscheidung, ein Leben zu beenden, das noch gar nicht richtig angefangen hatte. Irina zweifelte an all ihren Überzeugungen, fühlte sich schwach und unfähig ein Urteil zu sprechen.
Dröhnend verkündeten die Glocken, dass es Zeit für die Vesper war und rissen Irina aus der Verzweiflung.
Schwerfällig machte sie sich auf den Weg.
Das Gebet fiel ihr nun besonders schwer.
Wozu beten, wenn es keinen Unterschied machte?
Vielleicht gab es tatsächlich niemanden, der sich um die Belange der Menschen scherte. Vielleicht liefen alle Gebete ins Leere, ungehört, außer von jenen, die sie sprachen.
Wozu an Gott glauben, wenn es keinen Unterschied machte?
Hatte Irina anfangs mit Gott gebrochen, weil sie ihm nicht mehr vertrauen konnte, so zweifelte sie nun entschieden an seiner Existenz.
Niemand war verantwortlich für das Unglück, das ihr widerfahren war, weil es niemanden gab, der sich für sie interessierte.
Leben oder Sterben, das waren zwei Seiten derselben Medaille, die sich zufällig in die eine oder andere Richtung drehte, unabhängig, ob die Gefühle der Menschen daran hingen oder sie der Drehung mit Gleichgültigkeit begegneten.
Irina hatte ihre eigene Medaille gezwungen, in die richtige Richtung zu schwingen, und jetzt musste sie mit den unwahrscheinlichen Konsequenzen leben. Die Chance auf eine Schwangerschaft hatte der Killer schon im Vorfeld ausgeschlossen, weil ihr Überleben nicht geplant gewesen war.
Jetzt quälte sie der Gedanke, dieses Kind könne mehr sein als nur das Produkt einer Vergewaltigung, und brannte Löcher in Irinas Herz.
Zum Abendessen erhielt sie eine extra Portion Gemüse. Ihr fragender Blick wurde mit einem warmen Lächeln der Nonne beantwortet, die heute für das Essen zuständig war. Irina glaubte sich an den Namen Benedicta zu erinnern. Offensichtlich hatte Schwester Aloysia beschlossen, dem Kind einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Über Irinas Kopf hinweg.
Was erwartete sie auch von einem Orden, der sich „Missionsschwestern des heiligen Kindes“ nannte? Sie hätte damit rechnen müssen.
Mit gemischten Gefühlen kaute sie die rohen Paprika- und Möhrenstreifen. Etwas Gutes für das Kind, ein sonderbarer Gedanke, wo sie sich noch nicht einmal sicher war, ob sie es annehmen konnte, oder wollte, dieses Wesen, das in ihr wuchs.
Nach dem Essen fing Schwester Aloysia sie ab und bedeutete ihr ernst und schweigend zu folgen. Verwirrt und mit einer schlechten Vorahnung ließ sie sich in die dritte Etage führen, ein Bereich, den Irina bisher noch nicht kennengelernt hatte. Moderne Seminarräume warteten hier auf Lesungen, Vorträge und Bibelstunden.
Schwester Aloysia winkte sie in einen mittelgroßen Raum, der von leeren Tischen und Stühlen beherrscht wurde, und schaltete einen Fernseher ein. Eine Nachrichtensendung, offenbar eine Dauersendung, die schon den ganzen Tag lief, wurde eingeblendet.
Das Bild zeigte ein großes, mehrstöckiges Gebäude, das in lodernden Flammen stand.
Eine weibliche Sprecherstimme hob gerade zu einem neuerlichen Berichtintervall an: „Die Evakuierung des Gebäudes ist immer noch nicht abgeschlossen, da die Feuerwehr nur über die Fenster einen Zugang zu den höheren Etagen findet. Die eingestürzten und instabilen Treppenhäuser verhindern weiterhin das Vorankommen der Einsatzkräfte.
Es ist nicht sicher, wie viele Patienten und Pflegekräfte noch in dem brennenden Gebäude eingesperrt sind, aber die Feuerwehr arbeitet mit dem Mut der Verzweiflung an einer Lösung. Die Zeit wird langsam knapp, aus vielen Fenstern schlagen bereits Flammen, die Gefahr durch Hitze und tödlichen Rauch ist immens. Trotz verzweifelter Löschbemühungen ist der Brand bislang noch nicht unter Kontrolle.
Aktuell geht man von 87 Toten aus, die in den giftigen Dämpfen ums Leben kamen, doch die Zahl steigt weiter an.
Die Polizei hat eine Notfall-Hotline für besorgte Angehörige eingerichtet.
Wir wechseln zu unserem Korrespondenten vor Ort: Wie ist die Lage?“
Ein Mann mittleren Alters wurde eingeblendet, schütteres Haar, tiefe Falten und Ringe um die müden Augen beherrschten seine Erscheinung, er trug den typischen Ausdruck von Betroffenheit und Mitgefühl zur Schau, die jeder Katastrophen-Reporter zeigte.
„Hier vor Ort verschärft sich die Lage zusehends. Der Katastrophenalarm wurde ausgerufen, man kann die Anspannung der Einsatzkräfte regelrecht mit Händen greifen. Wie jetzt bekannt wurde, müssen in allen Treppenhäusern tragende Wände eingestürzt sein, sodass die Trümmerteile die Treppenschächte vollständig blockieren. Dadurch ist die Evakuierung von vielen Patienten, die in ihrer Mobilität eingeschränkt oder sogar völlig ans Bett gefesselt sind, so gut wie unmöglich.
Das alles ist kein tragisches Unglück mehr, hier hat jemand nachgeholfen. Die Polizei bestätigte vor wenigen Minuten den Verdacht, dass es sich um einen gezielten Anschlag handelt.
Noch hat sich keine Terrororganisation zu der Tat bekannt, aber wir dürfen wohl recht bald mit einem Bekennerschreiben der Täter rechnen. Für die nächsten Stunden hat sich der Innenminister angekündigt. Er will sich persönlich vor Ort ein Bild machen und mit allen Mitteln die Einsatzkräfte unterstützen.
Die Menschen dieser Stadt sind schockiert und bestürzt.
Damit gebe ich zurück ins Studio.“
Die weibliche Sprecherin ergriff wieder das Wort, aber Irina hörte sie nicht mehr. Eine Luftaufnahme des Gebäudes wurde eingeblendet, und sie begriff endlich, dass dies das Krankenhaus war, in dem sie gearbeitet hatte.
Eine eisige Klaue griff nach ihrem Herzen.
So viele Menschen. So viele Hilflose, Alte, Verletzte, Kinder und Erwachsene, Ärzte, Patienten und Pflegekräfte. Menschen, die sie gekannt und gemocht hatte, wie die junge Krankenschwester der Kinderklinik, die grade erst ihre Examensprüfung bestanden hatte, oder der Stationsleiter der Geriatrie, der immer so herzlich lachte. Anita, hoffentlich nicht Anita.
„Bitte, schalten Sie das aus.“ Irinas Stimme zitterte.
Der Bildschirm wurde dunkel und Stille legte sich über die leeren Tische und Stühle des Seminarraumes, wie eine erdrückende Last.
Schwester Aloysia blickte Irina ernst an und fragte vorsichtig: „Das war sein Werk, liege ich richtig?“
Irina schwieg, warf der Nonne aber einen verlorenen, verzweifelten Blick zu.
„Er will Sie quälen, das wissen Sie.“
Sie nickte, unfähig zu antworten. Den ganzen Tag hatte sie geweint, jetzt wollten die Tränen nicht mehr fließen, stattdessen schnürte ihr ein Kloß den Hals zusammen, sodass sie keine Worte fand.
„Nachdem Sie mir heute Vormittag ihre Geschichte erzählt haben, musste ich einfach etwas nachforschen. Es klang so unglaublich, dass ich mich selbst davon überzeugen musste. Dieser Mann hat sich aufs Äußerste an der Menschheit versündigt. Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass ein einzelner Mensch zu solchen Taten imstande wäre“, sie brach ab, als suchte sie nach den richtigen Worten für das, was sie noch zu sagen hatte: „Sehen Sie, der Vikar besaß noch die Zeitungen der letzten Wochen, und ich fand einen Artikel, der offenbar in Verbindung mit der Geschichte steht, die Sie mir über das Grab ihres Verlobten berichteten.“
Jede Farbe wich aus Irinas Gesicht. Sie wollte etwas sagen, musste aber erst den Druck in ihrer Kehle weghusten.
„Da ist noch mehr?“
„Leider“, die Nonne druckste ein wenig herum, bevor sie sich fasste und langsam weiter sprach: „Es gab einen Mord an einer Frau, die wie Sie als Seelsorgerin in dem Krankenhaus beschäftigt war, das gerade in Flammen steht. Sie wurde vor dem Tod grausam gefoltert, der Mörder hinterließ keine Spuren, aber die Polizei hat Parallelen zu dem Fall der Grabschändung festgestellt. Die Handschrift des Mörders sei identisch, sagen sie.
Liebes, die Beamten suchen nach Ihnen, sie machen sich Sorgen um Ihre Sicherheit. Wussten Sie, dass es auch in Ihrer Wohnung gebrannt hat? Was wollen Sie jetzt tun?“
„Ich kann nicht zur Polizei gehen. Er würde mich finden, und dann waren alle Opfer umsonst.“ Irina hörte ihre Stimme sprechen, aber sie begriff die eigenen Worte erst im Nachhinein.
Warum fehlten ihr die Tränen, jetzt, da Nox ihr auch noch Anita genommen hatte?
Die einzige Freundin, die ihr geblieben war. Irina hatte sich doch bewusst von ihr ferngehalten, damit sie nicht in Gefahr geriet. Wie naiv. Jetzt gab es nur noch Walter, Karstens Vater. Plötzlich war sie sehr froh darüber, dass ihre eigenen Eltern seit Jahren verstorben waren und sie keine Geschwister hatte.
Der Killer lief Amok und tötete alles und jeden, der jemals Kontakt mit ihr gepflegt hatte. Ob Walter überhaupt noch lebte? Oder hatte sie nur noch nicht von seinem Tod erfahren? Irina zuckte erschrocken zusammen. Wann hatte sie angefangen, so gleichgültig und kaltblütig über das Leben ihrer Mitmenschen nachzudenken?
Nox vergiftete ihre Gedanken.
So viele Unschuldige, so viel Tod, so viel Leid, und sie selbst dachte schon darüber nach, dieser langen Liste noch ein weiteres, namenloses Leben hinzuzufügen. Ein kalter Schauer jagte ihr den Rücken hinab.
„Sie fühlen sich doch nicht etwa verantwortlich für das, was dieses Monster tut?“ Schwester Aloysia wirkte aufrichtig besorgt.
„Ich weiß es nicht“, gestand Irina, „Ich weiß nicht mehr, was ich fühle. Er ist wie ein eisiger Sturm. Gleichgültig, wie viele Jacken ich anziehe, die Kälte dringt mir bis in die Knochen und lässt mich frieren“, gestand sie mit zitternder Stimme.
Nox würde auch das Kind töten, wenn er davon erfuhr. Schon allein um sie zu quälen. Ihre Hände wanderten unbewusst zur Körpermitte und legten sich schützend über den Unterleib.
Als es ihr auffiel, zuckte sie unwillkürlich zusammen, und sie straffte die Schultern.
„Ich werde mit der Mutter Oberin sprechen. Sie brauchen mehr Beistand, als wir Ihnen mit unseren bescheidenen Mitteln bieten können“, sagte die Nonne.
„Sie wollen mich wegschicken?“ Irina wurde noch eine Spur blasser.
„Natürlich nicht!“, die Nonne wirkte beleidigt, „Wir unterhalten in der ganzen Welt Korrespondenz mit anderen Orden, auch konfessionsübergreifend. Ich bin sicher, dass wir einen angemessenen Schutz für Sie organisieren können.“
„Woraus soll denn dieser Schutz bestehen?“, wollte Irina wissen. Bitterkeit schwang in ihrer Stimme mit.
„Das wird der Herr uns schon rechtzeitig offenbaren. Kommen Sie, gehen wir eine Runde spazieren. Ich bin sicher, dass es viele Fragen gibt, die Sie quälen. Der Mörder ist schließlich nicht ihre einzige Sorge. Sie erwarten ein Kind, unter den denkbar ungünstigsten Umständen, aber das traf auch auf die heilige Mutter Maria zu“, Schwester Aloysia schenkte Irina ein großmütterliches Lächeln und führte sie nach draußen, in einen lauen Abend, der von Vogelgezwitscher und grünen Knospen beherrscht wurde. Irina fühlte sich unwirklich, neben der Nonne durch den gepflegten Ziergarten zu laufen, der kurz vor dem Frühlingserwachen stand, während ihre Gedanken von Tod und Vernichtung beherrscht wurden. Anfangs lauschte sie noch halbherzig dem gut gemeinten Vortrag, zwang sich an den passenden Stellen zu lächeln, oder gab eine knappe Antwort, doch schon bald glitten die vielen von Gott durchwirkten Worte an ihr ab und sie hüllte sich in Schweigen.
Von Gott war keine Hilfe zu erwarten, während der Killer eine blutige Schneise durch ihre Vergangenheit zog und ihre Zukunft von einem ungewollten Kind beherrscht wurde, für das dieses Aas gleichsam verantwortlich war. Wie viel schlimmer konnte es jetzt noch kommen? Wie oft hatte sie sich diese Frage in den letzten Monaten schon gestellt, nur, um wenig später von einer weitaus schlimmeren Misere heimgesucht zu werden?
Irina fühlte sich einsam und hilflos. Wieder ging ihr der Gedanke durch den Kopf, dass Nox auch das Kind töten würde, wenn er sie fand. Vielleicht waren sie doch so etwas wie Verbündete, wenn der Killer ihnen beiden nach dem Leben trachtete. Das Kind trug keine Schuld daran, dass Irina es als lebende Erinnerung an unaussprechliche Qualen betrachtete.

Später, nach der Vigil, lag sie wach im Bett und starrte die getünchte Decke an. Sie hatte geglaubt, dass der Tod ihrer besten und einzigen Freundin mehr in ihr hervorrufen würde als ein leises Bedauern. Sie hatte geglaubt, der Verlust würde ein Loch in ihr Herz reißen, aber ihr Inneres war bereits so zerrissen und durchlöchert, dass ein weiterer Schaden nicht mehr nennenswert ins Gewicht fiel.
Irina schämte sich dafür.
Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab. Die Schwangerschaft drängte sich in ihre Aufmerksamkeit. Dieses Leben, das sich gegen jede Wahrscheinlichkeit durchsetzen wollte.
Es war genug Blut geflossen, um ganze Landstriche darin zu ertränken, und der Killer watete unbeeindruckt durch knöcheltiefe Schuld.
Irina wollte sich nicht auf sein Niveau herabbegeben, diese Vorstellung widerte sie mehr als alles andere an. Sie fühlte sich nicht in der Lage, ein unschuldiges Leben auszulöschen, gleichgültig, welche Gefühle sie ihm entgegenbrachte.
Sie konnte sich aber durchaus vorstellen, Nox‘ Leben zu beenden, wenn die Chancen zu ihren Gunsten standen und sie mutig genug wäre, aber der Killer hatte es auch verdammt noch mal verdient!
Das Kind sollte eine Chance bekommen, und wenn Irina ihm nicht mit der Liebe einer Mutter in die Augen sehen konnte, würde es andere Eltern geben, die es an ihrer Stelle konnten. Was waren schon neun lächerliche Monate Schwangerschaft, verglichen mit allem, was Nox ihr angetan hatte?
Irina legte die Hände auf ihren Unterleib, dieses Mal bewusst. „Ich weiß, du hörst mich noch nicht, aber sicher bald. Weißt du, ich kann noch nicht sagen, ob ich dich lieb haben kann. Aber vielleicht können wir erst einmal Verbündete sein?“, sie fühlte sich ein wenig albern bei diesen Worten, und das Folgende kam ihr nur schwer über die Lippen, „Der Mann, der dein Vater ist, war sehr gemein zu mir, und er würde auch jederzeit gemein zu dir sein. Also, ich habe beschlossen, dass wir zusammenhalten müssen, denn wir haben einen gemeinsamen Feind und das macht uns dann doch zu Verbündeten, oder? Ich will für uns beide stark sein, wenigstens bis du zur Welt kommst. Danach schauen wir, ob es mit uns funktioniert, okay?“

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