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399px-Thomas de Maiziere Dresden (crop)

Jochen Bühler war Experte für Neurologie und Molekularbiologie. Nach seiner Promotion nahm er häufig wechselnde postdoc-Stellen an. Trotz exzellenter wissenschaftlicher Fähigkeiten wollte ihn niemand dauerhaft anstellen, da es ihm an Teamgeist mangelte.

Was man ihm nun anbot, verlangte jedoch höchste Verschwiegenheit und zudem wurde noch ein fürstliches Honorar in Aussicht gestellt. Ohne sich nach den genaueren Modalitäten zu erkundigen, willigte der arbeitslose Forscher sofort ein. Er sollte schnellstmöglich bei irgendeinem nicht näher genannten Projekt mithelfen, das aus Geldern des Bundes gespeist wurde.

Einen Monat später war der Geheimdienst mit der vollständigen Überprüfung seiner Person fertig. Man holte ihn mit einer glänzend schwarzen Limousine ab und fuhr zum Reichstagsgebäude.

Die schwere Maschine parkte auf dem Friedrich-Ebert-Platz und es war kein Geringerer als der Innenminister Thomas de Maiziere persönlich, der den Neurologen begrüßte.

»Guten Tag, Sie müssen Dr. Bühler sein.« sagte er kurz angebunden.

»Ja, der bin ich, Dr. de Maiziere« antworte Bühler und zwinkerte verlegen, als er den Dr.-Titel des Politikers hervorhob.

»Nennen sie mich doch bitte Thomas, wenn es ihnen recht ist.« bot der Minister an.

»Gerne. Jochen.« Der Forscher nickte nervös, er hatte noch nie mit so einer bedeutenden Persönlichkeit gesprochen. Professoren waren stets Respektspersonen, aber ein Minister des Bundestages war noch etwas ganz anderes.

De Maiziere lief zügig voran und Bühler folgte ihm wortlos. Nachdem sie den Hintereingang passiert hatten, bogen sie nach links ab, folgten dem Gang und ließen sich von einem Sicherheitsbeamten eine kleine Seitentür aufschließen.

Der Raum sah aus wie eine Besenkammer, aber er war bis auf ein verstaubtes, nutzlos aussehendes Regal leer. Durch irgendeinen Handgriff des Ministers wurde ein versteckter Mechanismus aktiviert und eine Tapetentür öffnete sich.

Eine Reihe schwacher Neonröhren erhellte den Gang, der unangenehm steil abwärts führte. Sie liefen fast eine halbe Stunde diesen spärlich ausgeleuchteten Gang entlang. Es roch nach Maschinenfett und Desinfektionsmitteln und schließlich gelangten sie zu einem Fahrstuhl.

»Bitte eintreten, es geht abwärts. Und nicht erschrecken, er ist etwas schnell.« mahnte der Innenminister.

Der Forscher gehorchte stumm und verzog das Gesicht, als der Fahrstuhl sich unsanft in Bewegung setzte. Nach einigen Minuten überlegte Bühler und kam zu der Erkenntnis, dass sie sich bereits viele hundert Meter unter der Erde befinden mussten.

Das abrupte Bremsen weckte ihn aus seinen Überschlagsrechnungen auf und der Anblick, der sich ihm bot, als die pneumatischen Türen sich öffneten, ließ ihn vor Ehrfurcht und Verwirrung erzittern.

Er schaute durch die riesige unterirdische Halle, die von unzähligen Natriumdampflampen erhellt wurde. Von der Plattform aus konnte er die riesige Glaskuppel sehen, die im Zentrum des Raumes stand und in ihren Ausmaßen das runde Dach des Reichstags deutlich übertraf. Offensichtlich war sie mit Wasser gefüllt und im Inneren schwamm, halb von der Dunkelheit verborgen, ein gigantisches, fraktales Gebilde.

Er wagte nicht zu sprechen, während sie beide über Gitterböden und Stahltreppen bis zum Boden der Halle vordrangen. Hier unten schien ein gewaltiger Druck zu herrschen, der wie wild auf die Schläfen drängte und Kopfschmerzen verursachte. Zudem war stets ein merkwürdiges Sirren in der Luft, dessen Ursprung nicht zu lokalisieren war.

Erst als sie am Fuße der gigantischen Glasapparatur angekommen waren, wagte der Forscher, nach dem Sinn und Zweck dieser Konstruktion zu fragen.

»Dies ist unsere Arche Noah!« erklärte der Innenpolitiker stolz. »Nach Adenauers Tod fand man in seinem Gehirn ein Neurozytom.«

»Unglaublich, das ist eine äußerst seltene Form von Hirntumor, kaum zu glauben, dass ausgerechnet Adenauer daran erkrankt ist.« unterbrach Bühler die Ausführungen des Abgeordneten.

»In der Tat ist das ein riesiger Zufall gewesen, aber deswegen glauben wir auch alle, dass es ein Werk Gottes war.«

»Worauf wollen sie hinaus? Adenauer starb durch Gottes Hand? Meinen sie das?« fragte der Wissenschaftler völlig verwirrt.

»Aber nein. Er starb an einem Herzinfarkt im hohen Alter von 91 Jahren. Das sehr kleine Neurozytom fand man zufällig bei der Obduktion. Der geistesgegenwärtige Pathologe brachte das Gewebe dann nach Bonn, wo man es groß zog und nach der Wende in diese Hallen transportierte.«

»Was bitte? Ich ich glaube ich höre nicht recht...« der Forscher war entsetzt.

»Darf ich vorstellen? Unser ganzer Stolz.« der Politiker mache eine ausladende Geste und auf einmal sprangen noch mehr Lampen an, die den Innenraum der Glaskugel ausleuchteten und ein gigantisches Geschwür enthüllten.

»Herr Doktor, das ist der Staatstumor, das Herz der Bundesrepublik!« die Augen des Minister funkelten unheilvoll.

Der merkwürdige Druck ließ den Forscher in die Knie gehen, als er das gesamte Ausmaß der Wucherung verstand. Es war weniger der Luftdruck, als viel mehr eine Art Autorität, die von diesem Gebilde ausgestrahlt wurde.

Mit jeder Sekunde, die Bühler auf das gigantische Krebsgeschwür starrte, wurde das Missempfinden in seinem Kopf größer und eine tiefe Trauer überkam ihn. Der Koloss schien unglaublich zu leiden.

»Ich glaube ihm fehlt etwas.« sagte er verhalten.

»Und genau deswegen haben wir sie herbestellt. Sie werden ihn heilen und damit unser Land retten.« Der Bundestagsabgeordnete reichte ihm ein Dossier. »Das sind die Protokolle unseres Adenauer-Auferstehungs-Projektes, die Papiere des Staatstumors.«

Das alles durchzugehen und eine Lösung zu finden, wenn sie überhaupt existierte, das wäre eine Aufgabe für Wochen oder gar Monate gewesen, aber dieses beständige Pochen in Bühlers Kopf machte sich stärker bemerkbar denn je und nötigte ihn, an Ort und Stelle, die Dokumente durchzugehen.

Er wusste nicht, was mit ihm geschah, es war ihm unbegreiflich, seine Augen flogen nur so über das Papier, die Gedanken liefen in ungeahnter Geschwindigkeit und mit der Präzision eines von Meisterhand gefertigten Uhrwerkes.

Dieser Zustand verzerrte sein Zeitgefühl extrem und die immer gleiche Beleuchtung tat ihr Übriges, aber als er mit seiner verbissenen Analyse fertig war, glaubte er, nicht mehr als einen halben Tag dafür benötigt zu haben. Seine Hände zitterten, aber er war noch immer extrem konzentriert, sein Kopf fühlte sich klar an, bis auf das ständige Sirren und Pochen.

Er hatte den Minister völlig vergessen und erschrak, als er sich bemerkbar machte um ihn nach seinen Ergebnissen zu fragen.

»Ich glaube es fehlen einige Wachstumsfaktoren, die eine gesunde Entwicklung sicher stellen. Wir müssen irgendwie ein physiologisches Medium erzeugen, ansonsten wird der Tumor zugrunde gehen oder ewig kümmern, er könnte nicht weiter wachsen.« fasste der Neurologe zusammen. »Allerdings wird es zu lange dauern, diese Stoffe in ausreichender Menge herstellen zu lassen, wenn es überhaupt möglich ist, unser Projekt wird Schaden nehmen, Sie hätten mich früher rufen müssen, Herr Minister.«

»Gibt es denn keine andere Lösung?« fragte der Politiker. Er war den Tränen nahe.

»Wenn sie das so direkt ansprechen...« sagte Bühler mit einem manischen Grinsen »Alternativ bietet es sich an, das Gehirnwasser von jungen, gesunden Menschen zu nutzen, aber bei dieser Größe...«

»Bräuchte man viele Kinder« führte de Maiziere fort.

»Zehntausend!« schmetterte der Forscher mit einer unheilschwangeren Besessenheit in der Miene

»Ich werde es veranlassen, haben sie Dank, Herr Doktor.« antwortete der Minister. In seiner Stimme lag eine Kälte, die nicht zu der Fiebrigkeit seiner wie hypnotisiert wirkenden Augen passte. »Es wird ein Opfer für die Demokratie werden.«

»Ein Fest für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit« korrigierte der Forscher.

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