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Der Himmel liegt über der Erde wie eine undurchdringliche graue Decke. Winzige Tropfen sausen durch die Luft, nahezu schwerelos und benetzen alles und jeden mit einer feinen Schicht aus Wasser. Die Kälte frisst sich durch meine Hose und prickelt auf meinen Beinen wie tausend winzige Eiszapfen. Es wäre ein fantastischer Tag um sich einfach zu Hause ins Bett zu kuscheln, etwas Warmes zu trinken und im Kerzenschein in ein gutes Buch zu vertiefen. Man könnte den einbrechenden Winter hinter den Wänden vergessen und einfach die Seele baumeln lassen. Ein ganz gemütlicher Novembersonntag, das wäre es doch jetzt. Aber nein, ich stehe ja hier in den eisigen Luftmassen, wie in einem Heer aus Geistern. Vielleicht tue ich das gerade wirklich. Denn ich stehe auf dem Friedhof.

Hier in meiner Heimatstadt haben wir nur dieses eine Feld der Toten, normalerweise liegt es das gesamte Jahr über im Schatten der alten Kirche, beseelt mit einigen wenigen trauernden Schatten, die herkamen um ihre Liebsten zu vermissen. Als ob man dafür extra zu diesem unwirtlichen Ort fahren müsste, nur um auf einen Stein zu starren und Blumen über die verrottenden Körper dieser Menschen zu legen. Nur heute, an diesem einen Tag, strömt eine Flut aus schwarz gekleideten Männern und Frauen hierhin, stromert umher zwischen den moosigen Gräbern und knorrigen Bäumen, nur um einen läppischen Strauß abzulegen und sich ein gutes Gewissen für die nächsten zwölf Monate zu erkaufen. Mit dem Gedenken an Leute, die sie sonst in den staubigsten Ecken ihres Hirns verstauen. Eine bloße Zurschaustellung von Scheinheiligkeit ist es, dieser Totensonntag. Und doch stehe ich auch hier.

Ich weiß nicht einmal genau warum, doch trotz aller Ablehnung, die ich diesem 'Fest' entgegenbringe, kann ich mich seinem Ruf nie erwehren. Es ist wie eine dieser Pfeifen, die nur Hunde hören können. Man spürt es nicht wirklich, aber trotzdem bemerkt man eine gewisse Anziehungskraft, diesen Tag doch mit Trauer und Gram zu füllen. Vor mir steht eine kleine Kerze. Sie ist im Prinzip wie die Fassade der Menschen heute. Sie flackert und duckt sich, aber im Großen und Ganzen hält sie stand und kann ihren Schein bewahren. Doch ab morgen ist sie wieder für 52 Wochen erloschen. Es ist ein Jammer. Sie ist eingebettet in einen Kranz, eine stimmige Mischung aus Tanne und Rosen, perfekt passend zum drückenden Zwielicht diesen Monats. Ich würde das natürlich nie zugeben, aber er gefällt mir. Er wirkt auf mich nicht wie der Schmuck der anderen Gräber, so trist und fad, nein, dieser hier wirkt überraschend liebevoll, herzlich und... schön. Wie der Geruch der ersten Weihnachtsplätzchen, wie der erste Kuss, wie all die Momente, vergangen und doch ewig in den Zimmern unserer Herzen. Für einen Augenblick spüre ich tatsächlich so etwas wie Herzwärme. Dann erinnere ich mich an die ganze Show hinter diesem Tag und die kalte Übelkeit, die Ablehnung über die Menschen nimmt ihren alten Platz wieder ein.

Neben mir steht eine Familie, ganz in Schwarz, mit Taschentüchern und verquollenen Augen. Wieso tragen sie eigentlich Schwarz? Würde sich ein Toter, der seine ganze verbleibende Existenz in ewiger Einsamkeit verbringt, nicht viel mehr über Farben freuen? Ein fröhliches Gelb, ein hoffnungsvolles Grün, ein liebendes Rot? Aber nein, es ist dieses erstickende Schwarz. Ich mustere diese Leute. Sie wirken tatsächlich bewegt und in ihrem Gesicht spiegelt sich ein Bild tiefster Trauer und Reue. Ein paar mittleren Alters, ich vermute die Eltern des Toten, halten sich im Arm. Die Frau scheint jeden Moment ohnmächtig zu werden, so bleich ist sie. Ihre Augen stechen aus der Kulisse, so verweint sind sie, wirken wie zwei rote Farbkleckse auf einer weißen Leinwand. Ihr Mann stützt sie, als wolle er ihr Kraft geben, aber sein Blick ist leer. Er scheint jeglichen Antrieb verloren zu haben. Beide halten sie sich, als hinge die Welt der Sterblichen nur noch an ihnen, als würde eine falsche Bewegung sie ins Land der Toten reißen, in das ewige, nie vergehende Grau. Eine letzte Träne kullert über die Wange der Trauernden und fällt lautlos zu Boden. Dann wenden sie sich ab.

Ich weiß nicht genau, irgendwie kamen sie mir bekannt vor. Es war dieses merkwürdige Gefühl, wie wenn man jemanden sieht und genau weiß man kennt ihn irgendwoher, aber einfach nicht erkennt woher. Meistens fällt es einem dann Tage später wie Schuppen von den Augen. Ich grüble noch kurz, versuche mich zu erinnern, wo ich beide schon gesehen haben könnte, aber ihre Gesichter verblassen schon vor meinem inneren Auge. Wahrscheinlich saßen sie mal im Bus neben mir, sind mir bei einem Spaziergang entgegengekommen oder standen neben mir an der Ampel. Nichts Besonderes. Doch irgendwas ist dort. Es ist wie eine kleine Stimme in meinem Kopf, wissend und schmeichelnd, aber auch hart und bedrohlich, die mir einflüstert, was sie hier gesucht hatten. Sie sind die Eltern. Ich habe keine Ahnung, warum ich das weiß, ich weiß es einfach. Es ist wie ein altes Foto, man kann sich kaum noch erinnern, was wirklich war, aber man ist sich seiner Überzeugung ganz sicher. Wie ein verschwommenes Foto. Naja, was auch immer. Sie sind auch nur Akteure in einem großen Spiel, das keiner so wirklich begreift. Einfach zwei Gesichter unter vielen. Und außerdem sind sie ja jetzt weg.

Noch immer bin ich mir nicht ganz sicher, warum ich hier bin. Verdammt, ich kann mich nicht einmal entsinnen, wie ich überhaupt hier hergekommen bin. Mittlerweile bin ich allein und die Dämmerung erobert langsam das Firmament für sich. Ich könnte nach Hause gehen, aber wo wäre das? Mein Zuhause? Ich bin mir sicher eins zu haben, aber es wird auch nicht von Dauer sein. Alles vergeht, nur eins ist gewiss: Nächstes Jahr werde ich mich hier wiederfinden. So ist das immer. Ich werde durch die Welt wandern, alle möglichen Dinge sehen, aber irgendwann wird der Ruf wieder kommen. Und mich wieder zurückziehen. Hierhin. An mein Grab.


von Duschvorhang

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