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Vorheriger Teil: Scheinendesgold


Tränen flossen unaufhaltsam ihr blasses Gesicht hinunter, während sie rannte. Sie hatte kein Ziel. Keinen Ort, an dem sie im Moment sein wollte. Sie wollte nur flüchten. Flüchten vor der schlimmen Grausamkeit, die sich immer und immer wieder vor ihrem inneren Auge abspielte. Ihr Herz verkrampfte sich schlagartig, als sie ein erneutes Mal mit ansah, was noch vor wenigen Minuten in ihrem Haus stattgefunden hatte. Sie saß in ihrem Zimmer. Die Beine ängstlich wie ein kleines Kind aneinandergezogen und wippte schluchzend auf und ab. Viele mögen sich wohl denken, dass sie von ihrem Vater oder ihrer Mutter geschlagen worden sei, aber so war es nicht, ganz und gar nicht. Sie hatte immer eine sehr schöne und glückliche Kindheit gehabt. Ferner war es das, was sie mit sich selbst gerade durchmachte, das sie unaufhaltsame Tränen fließen ließ. Ihr Handy lag nur eine Armlänge weit von ihr entfernt, während sie angespannt mit ansah, wie die dröhnende Vibration in ein nervtötendes Kribbeln gen Parkettboden überging und Widerwillen in ihren Ohren hallte. Nahezu unaufhaltsam, wie die stetige Vibration selbst, blinkte auch ihr Display immer wieder auf und offenbarte eine neue Nachricht, die sie fast im Sekundentakt von der anderen Seite eines anderen Menschen bekam.


Es tut mir leid.

Ich wollte es nicht.

Verzeih mir.

Caroline?


Diese vier einfachen Nachrichten, hatten mit sichtbarem Erfolg all jene Nachrichten verdrängt, die zuvor mit solch einem Hass und solch einer Ernsthaftigkeit gesendet worden waren, dass Carol diesen von Hass getränkten Texten weitaus mehr glauben schenkte, als eben diese vier, die binnen weniger Sekunden wieder aus ihren Augen verschwanden und das Handydisplay in eintöniges Schwarz eingetaucht worden war: Niemand braucht dich!; Ritz dich zu Tode; Suizid ist die beste Lösung, wenn du deinen Problemen aus dem Weg gehen willst 😉 Und jetzt, kurz nachdem diese Person, welche einst ein Freund, nein, ein Bruder für Carol war, diese eindeutigen Wünsche und Aussagen gesendet oder eher gesagt hatte, schickte er ihr ununterbrochen im Klang des nervtötenden Vibrierens, Entschuldigungen hinterher, die mit Herzen und Küsschen versehen waren, so wie man sie unter Liebespaaren oder aller besten Freunden schicken würde, aber Caroline wusste das keines dieser einfachen, lächerlichen Entschuldigungen ihre verletzte Seele je heilen würden. Es mag äußerst absurd klingen, wenn man sagen könnte, dass diese unerwartete Situation mit dem vermeintlichen Wunsch ihres Freundes, sie solle sich das Leben nehmen, daraus entstand, dass die beiden einen Streit gehabt hatten.


Einen harmlosen Disput, über welchen man sich heute ärgern würde und morgen schon in schallendes Gelächter ausbrechen würde, allein der Absurdität wegen. Jedoch sah es für das Mädchen ganz anders aus. Dieser Disput war etwas, den sie eigentlich hätte vermeiden wollen. Sie wollte nicht von ihrem Bruder missverstanden, sondern verstanden werden. Sie hatte ihm versucht zu erklären, wie sie sich nur fühlte, wenn sie mit ihm etwas bereden wollte, was für sie eine sehr hohe Relevanz hatte, er jedoch nicht das Interesse verspürte ihr zu zuhören – oder schlimmer – er ihre Sorgen mit einem einfachen Abwinken hinfort wischte, ohne dass sie die Chance bekam ihr Problem ausführlich zu erklären. Und wenn all das geschah, dann fühlte sie sich elend. So elend, dass sie selbst die Woge, die ihren schwachen Geist überkam nicht beschreiben konnte. Es war ein eigenartiges Gemisch aus Hitze und Kälte, welches für sie im Einklang mit dem Rinnen der bitteren Tränen wie eine Symphonie wirkte und sie war der Dirigent, der die Dauer der Töne im Form von ihren Tränen und die Intensivität ihres Liedes in Form von ihren Gefühlen bestimmte. In den meisten Fällen ließ sie diese Symphonie nie weiter als über ihr Herz ergehen. Denn würde sie in den Fängen dieses Musikstückes enden, würde sie für immer und ewig diesen grauenvollen Klängen lauschen müssen, was früher oder später mit einem Höllenschrei in Verbindung käme und sich somit ihr eigenes, musikalisches „Gefängnis“ noch enger und fester um sie erbauen würde.


Doch eben jenes Gefängnis drohte sich auch zur jetzigen Zeit um sie zu erbauen, denn ihr Herz fühlte sich mit jedem Takt des Liedes (welches sie zuvor allerdings angestrengt versucht hatte zu verdrängen) immer schwerer an und nahm ihr mit jedem Schritt den sie sich immer weiter von der Straße entfernte, die Luft zum Atmen weg. Etwas scharfes schnitt sie an ihrem Handballen, sie zuckte leicht zusammen. Ihr blasses, vom Weinen verquollenes Gesicht verzog sich quälend langsam zu einer schmerzverzerrten Grimasse, während ihr Gehirn (immer noch in diesem bildlichen Szenario gefangen), nur träge die eben durch die Nerven empfangene Pein verarbeitete. Alles was sie jedoch spürte war ein einfaches Pochen auf ihrer Hand, dass sich ihrem schnellen Herzrhythmus anschloss. Völlig perplex starrte das verweinte Mädchen auf das zersplitterte Display ihres Smartphones und erkannte, wie als wenn dieses Ding in ihrer Hand etwas aus einer anderen Welt zu sein schien, dass sie ihr Telefon völlig grundlos mit sich rumschleppte und dass es der Grund jenes Pochens war, dass allmählich abklang. Wie in einer plötzlichen Trance zeichnete sie mit einem Finger jene Linien nach, die von einem großen, mit mehreren Rissen durchzogenen Punkt ausgingen. Ein erneutes Mal überkam sie eine Erinnerung, die sie vollends in ihrem Gefängnis einschloss:


Nachdem die letzten Sätze ihres Freundes, welche in ihren Augen nach wie vor sinnlos waren, gefallen sind, hatte sie das Handy ungeachtet der Folgen ihres Handels mit Wucht gegen die weiß beklebte Tapetenwand geschmissen und mit einem lauten (der allerdings in ihren Ohren seltsam dumpf erklang) Aufprall zersplitterte das Glas und hinterließ bei dem Kontakt mit dem Boden viele kleine Splitter, die im hellen Licht der Morgensonne freudig glitzerten. Nahezu wirkte es so, als wären die einzelnen Glasteilchen darüber erfreut in vermehrter Anzahl und im Rausch der Wut der gesamten Statur des Glases entkommen zu sein. Sie waren nicht mehr eins, sie waren getrennt; in viele winzige, unbedeutende Teile zerteilt. Eine ganze Zeit lang hatte Caroline ihr Handy dort liegen gelassen und in die plötzliche Stille hineingeweint. Wie zu erwarten, kam nach wie vor nichts vom anderen Ende des Telefons mehr, obwohl sich Caroline im Klaren war, dass das Handy sicher noch funktionierte (wenn es denn wirklich noch funktionierte) und sie ihrem Gerät keinen weiteren Schaden zu gefügt hatte, außer die abgebildete Zerrissenheit, die sich Widerwillen ebenfalls in ihrer Seele wiederspiegelte. Eine zerrissene Seele, die voll Wehmut und unerträglicher Pein ihr Klagelied spielte, während sie in ihrem Käfig dazu verdammt war, auf ewig mit all dem zu leben.


Wieder rannten unaufhörliche Tränen hinunter und suchten den schnellstmöglichen Weg zur Freiheit. Inzwischen hatte Caroline das Rennen ganz und gar aufgegeben, sowie sie sich selbst auch aufgegeben hatte. Müde, jedoch mehr von sich selbst und der reflektierten Situation, als vom Rennen, steuerte sie eine – zu ihrem Glück – nahegelegene Parkbank zu. Kaum trennten sie nur noch wenige Schritte von der Bank, schon erkannte sie, dass es auch jene war, bei welcher sie zum ersten Mal diejenige Person kennenlernte, durch sie im Augenblick buchstäblich durch die Hölle ging. Vollkommen unwillkürlich drängte sich ein erneutes Mal eine lang verdrängte Memoria zu ihr hervor, die sie am liebsten mit allen Mitteln sofort wieder verdrängt hätte (auch wenn es zu bedeuten hätte, dass sie ihren Kopf mehrmals gegen die aus Metall angefertigte Bank schleudern wollen würde. Am liebsten so lange, bis sie der grenzlosen, schwarzen Bewusstlosigkeit verfällt), doch wusste sie, dass ein solches Verhalten zu peinlichem Ansehen in der Umgebung führen könnte, in einer Umgebung, in welcher, besonders zu dieser Uhrzeit, sich jeder nach ihr umdrehen könnte und mit einem einzigen Blick sie für „geisteskrank“ oder „psychopathisch“ verurteilen würde, doch wollte sie dies in keinem Fall eingehen. So musste sie sich ungewollt der Memoria stellen, während sie sich kraftlos auf die Sitzgelegenheit fallen ließ, ihre Augen aufeinanderpresste und ihre Finger krampfhaft unter den dreckigen, mit alten Kaugummis und krabbelnden Insekten übersäten Rand krallte, sodass es am Ende wirkte als würde sie jeden Moment einen gefährlichen Schwindelanfall erleiden.


Die anfängliche Schwärze vor ihren Augen, die sich langsam in verzerrte, ineinander verwischte Farben offenbarte, ließ eine altbekannte Umgebung aufleuchten. So altbekannt, wie jene Umgebung, in welcher sie sich gerade befand: Sie sah Bäume, die durch das verwischte Bild so aussahen, als ob sie ineinander gewachsen wären. Sie sah Menschen. Nein, „Menschen“ konnte man diese Darstellung nicht nennen. Es waren Wesen. Wesen mit verwischten Grimassen. Sie verursachten bei Caroline ein unangenehmes Gefühl. Eine Emotion aus Angst, Neugier und Erstaunen. Ihre Fratzen hatten den Anschein, als wären sie durch ein Küchentuch verwischt worden, so wie auf einem noch frischen, vom Künstler angefertigtem Portrait. Auch ihre Körper waren nicht mehr als verschwommene, verbleichte Skelete, dass sie samt Beine, Rückgrat und Hände durch die Wege trugen. Caroline begann langsam dieses Bildnis aus ihrem Gedächtnis zu vertreiben, indem sie verzweifelt an etwas schöneres versucht hatte zu denken, dessen Ausmaß war, dass sich der schönere Gedanke mit der abscheulichen Erinnerung überlappte. Fast hätte sie es auch geschafft, wäre er nicht in ihre Illusion aufgetaucht.


Im Gegensatz zu den anderen abstrusen Gestalten, war sein Gesicht gesichtslos. Dort lebte nichts außer eine beinahe schon schneeweiße Haut, die sich wie ein weit spannbares Gummi über die Stellen zog, die im Regelfall hätten eine Nase, einen Mund und Augen haben sollen. Unerklärliche Töne verließen seinen Mund, die in des Mädchens Ohren klangen, wie das Murmeln unter einem mit Panzertape festgeklebten Mund. Egal wie sehr sie sich auch anstrengte seine Laute in einen vernünftigen Satz zu entziffern, sie konnte sich nicht im Geringsten einen Reim daraus machen, was er ihr mitteilen wollte. Alles was sie verstand war, dass er sehr wütend über etwas gewesen sein musste, denn dieses anfänglich noch ruhige Murmeln schwoll immer mehr und mehr zu einem zornigen an, der bald darauf ihre Ohren vor Schmerzen klingeln ließ. Der Schmerz wurde zu nehmend intensiver, egal wie sehr sie ihre Hände auf ihre gepeinigten Hörorgane presste. Alles vor ihren Augen begann sich zu drehen, sodass dieses ohnehin schon zerronnene Bild mit noch mehr ineinander lappenden Farben verschmolz. Caroline schrie. Sie schrie sich ihre Seele geradezu aus ihrem Leib, während sie nichts anderes mehr tun konnte als sich diesem Wirrwarr an Farben hinzugeben. Und gerade als sie drohte dem Traumland zu entfliehen und in eine einladende Dunkelheit für eine schier unerreichbare Ewigkeit einzutauchen, griffen zwei ebenso schwarze, doch tote Hände nach ihr.


„Sei unbesorgt“, wisperte eine junge Frauenstimme in ihre Gedanken hinein. Sie klang so unendlich fern und doch so nah. Caroline wusste nicht ob oder was sie empfinden sollte, doch obwohl ihre verwirrten Gefühle nunmehr mit einer schweren Spur Angst versehen waren, gab sie sich bereitwillig der Stimme hin… Am Ende öffnete sie ihre Augen in einer vollkommen anderen Sichtweise, in einer vollkommen anderen Welt. Befreit von dem Gefühlschaos und all ihren Problemen, sah sie vor sich zwei unbekannte Gesichter. Es waren das Lächeln eines Jungen und das eines Mädchens, welches älter als sie selbst zu sein schienen.


BlackRose16 (Diskussion) 15:43, 8. Jul. 2017 (UTC)

Nächster Teil: Sonnengelb

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