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Sophie 2

Der Regen prasselt rhythmisch auf das Autodach und macht mich schläfrig. Den ganzen Tag regnet es schon, und es macht nicht den Eindruck, dass es bald aufhören wird.

Die dicken Tropfen auf der Seitenscheibe spiegeln die Straßenlaternen, die soeben angesprungen sind, einige verbinden sich und geben sich dann der Schwerkraft hin. Sie hinterlassen schmale Schlieren auf dem Glas.
Ich sehe auf die Uhr in der Mittelkonsole, seit einer Stunde warte ich schon auf meinen Bruder.

Abermals bringe ich seine Akte hervor und studiere die Informationen darin; der Knoten in meinem Bauch wird größer, während ich durch die Zeilen gehe. Diesmal ist er zu weit gegangen.

Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen, ich schrecke auf, denn die Beifahrertür wird aufgerissen. Der Schwall kalter Luft tut sein übriges, und ich bin wieder hellwach.
Mein Bruder nimmt endlich neben mir Platz. Er schüttelt sich wie ein nasser Hund, und ich bekomme die Hälfte ab.

„Hi Sophie, hier bin ich“, knurrt er begrüßend und zieht die Tür hinter sich zu. „Ich hoffe für dich, dass es wichtig ist. Für dich habe ich 'ne heiße Braut sausen lassen.“
Ich rolle mit den Augen.
„Daniel, ich hoffe für dich, dass sie volljährig ist. Ich habe keine Lust mehr, hinter dir aufzuräumen“, schnaube ich verächtlich.
„Du kennst mich doch.“
Das Grinsen in seinem Gesicht sagt mehr als tausend Worte.
„Ja, ich kenne dich, mehr als mir manchmal lieb ist“, schnaube ich erneut, verberge meine Abscheu seiner Vorlieben nicht. Sein Mund wird zu einer schmalen Linie und die braunen Augen verengen sich.
„Du glaubst doch nicht, dass du mich mit diesem Blick strafen kannst“, kontere ich seinen kläglichen Versuch, in meinem Kopf hat sich jedoch schon ein ekelhaftes Bild eingenistet.

„Daniel, das muss aufhören“, schüttele ich es ab, komme zum Grund unseres Treffens.
„Der ganze Scheiß, den du da abziehst, minderjährige Nutten und vor allem, dass du mit Drogen dealst.“
Nun ist er derjenige, der mit den Augen rollt, er will nicht darüber sprechen, aber es langt, es ist genug.
„Findest du das ist ein Spiel? Ich riskiere Kopf und Kragen für dich, jedes Mal. Letzte Woche habe ich Beweismittel verschwinden lassen, damit du nicht eingelocht wirst. Wenn mein Vorgesetzter das herausfindet, bin ich geliefert.“
Er ist schon wieder überfordert und drückt die Hände auf seine Ohren, schaukelt auf dem Sitz vor und zurück. Ich ignoriere es, habe schon zu oft Rücksicht darauf genommen und ihm schon zu viel durchgehen lassen.

„Aber es kommt noch schlimmer, du musst schnellstens untertauchen“, äußere ich mich etwas lauter, greife in die Seitentasche meiner Jacke und bringe einen Zettel hervor. Mein Bruder, der immer noch auf dem Sitz verharrt, ignoriert mich nun. Aber ich weiß, dass er mich hören kann, also fahre ich unbeirrt fort: „In diesem Brief sind Informationen enthalten, die dir vielleicht das Leben retten können, wenn es noch nicht zu spät ist.“
Er löst sich aus der Starre und schaut mich ratlos an, seine Stirn legt sich in Falten.

„Sophie, kannst du einmal in deinem Leben mal nicht mit kryptischer Scheiße um dich werfen und direkt zum Punkt kommen?“

„Was glaubst du wohl? Die wollen dich ausknipsen. Das Viertel, in dem du deinen Scheiß vertickst, ist schwarzes Gebiet für dich, dennoch hast du drauf geschissen. Nun muss ich dafür sorgen, dass du nicht als Wasserleiche endest.“
Ich sehe es seinem Gesicht an, wie der Groschen fällt, jedoch entspannen sich seine Gesichtszüge wieder. Er grinst.
„Ja, ich weiß. Die hatten mir so einen Kerl auf den Pelz gejagt, der mir Angst machen sollte. Ich hab ihn zusammengeschlagen. Ich denke, die Botschaft ist angekommen“, sagt er lässig und macht eine beiläufige Handbewegung, als würde er Smalltalk betreiben. Ich dagegen erstarre zur Salzsäule, und aus meinem Gesicht ist wohl jegliche Farbe gewichen. Mir segelt der Zettel aus der Hand.
„Die bluffen, Schwesterchen, und außerdem kann ich ganz gut auf mich aufpassen“, kommentiert er meine Reaktion, tätschelt meine Wange.
„Bist du von allen guten Geistern verlassen? Die Botschaft ist angekommen? Die werden dich zu Hackfleisch verarbeiten, du dummes Arschloch“, schreie ich so laut, dass ich vor meiner eigenen Stimme zusammenzucke.
„Ich riskiere alles, um deinen Arsch zu retten, und du reitest dich noch tiefer in den Morast.“
Aus seinem Gesicht ist das Grinsen verschwunden, was aber nicht der Tatsache geschuldet ist, dass er geliefert ist. Eher meinem lauten Gefühlsausbruch.
„Ich bitte dich, nur einmal mir zu vertrauen und das zu tun, was richtig ist“, breche ich über dem Lenkrad zusammen, versuche erst gar nicht die Tränen zurückzuhalten.
„Was richtig für mich ist? Das kannst du beurteilen? Nur weil du Bulle bist? Ich glaube, du überschätzt dich. Außerdem verdiene ich dreimal soviel, wie du in einem Monat machst, also spiel dich nicht als Schutzengel auf!“
Er ist geladen und eingeschnappt; er glaubt wirklich, ich bevormunde ihn, dabei will ich ihn vor den Dummheiten schützen, die er leider zu oft begeht. „Es tut mir leid, dass ich dir das Leben zur Hölle mache“, schluchze ich. „Es wird nicht wieder vorkommen, ich versprech es dir.“
Ich vernehme das Geräusch der sich öffnenden Tür, kalte Luft und prasselnden Regen.
„Vielen Dank, Schwesterherz, ich hoffe, du hältst dich auch daran“, es liegt eisige Kälte in seiner Stimme, während mir allmählich klar wird, dass er nicht mehr der Daniel ist, mit dem ich groß geworden bin. Er schlägt mir regelrecht die Tür in mein Gesicht.
Ich atme einmal tief ein und fühle, wie es schmerzt.
„Ich hoffe, du weißt, was du tust“, murmele ich, wische mir die Tränen aus dem Gesicht und fahre los.

***

Ich sitze auf dem Sofa meiner kleinen Wohnung, starre auf das Display meines Telefons. Einige Male habe ich meinen Bruder versucht zu erreichen, doch nimmt er nicht ab. Ich mache mir Sorgen, es zerfrisst mich.
Wenn er schon in Schwierigkeiten steckt?
Die Informationen des Informanten waren vage gewesen. Er hatte etwas von "Exempel statuieren" gefaselt, und von Folter. Es macht mich ganz krank.
Insgeheim rechnete ich nicht damit und hoffte auf ein gutes Ende, doch das Geräusch von splitternden Holz signalisiert mir, dass ich einen gewaltigen Fehler gemacht habe. Es war eine riesige Dummheit gewesen, ihm den Kopf zu waschen.
Ich greife zu meiner Dienstwaffe und beziehe Stellung an der Flurtür, um, wer auch immer die Tür aus den Angeln getreten hat, zu überraschen.
Weit komme ich nicht. Schwärze umfängt mich für einen Sekundenbruchteil, meine Sinne erwachen wieder auf dem Fußboden, der weich unter mir liegt. Schwebend suche ich nach der Pistole, aber mein Verstand ist eher damit beschäftigt, die Kreiselbewegung auszugleichen. Ohne Erfolg.

Der unerbittliche Griff liegt würgend auf meinem Kehlkopf, aus dem ich mich panisch versuche zu befreien. Stattdessen fuchtele ich mit meinen Armen in der Luft umher, und meine Beine zucken unkontrolliert über den Teppich.
„Wohin hat sich dein Bruder verkrochen?“
Die tiefe Stimme klingt verzerrt, als hätte Darth Vader mir einen Besuch abgestattet. Ich blinzele verzweifelt. Meine Augen nehmen nur Schemen wahr, drehen mit unnatürlicher Geschwindigkeit und verwandeln die Umgebung in einen verdrehte dreihundertsechzig Grad Ansicht.
Aus diesen abartigen Eindrücken heraus versuche ich Luft zu schnappen, es gelingt nur bedingt.
„Wo steckt dein verdammter Bruder?“
Der Angreifer lässt seine Pranke gerade so über meinem Kehlkopf ruhen, dass ich nur noch röchelnd nach Luft schnappen kann.
„Ich frage dich nicht noch einmal. Du sagst mir, wo dein verdammter Bruder steckt, oder du bereust es, du kleine Hure.“

„Du kannst mich mal, du Wichser“, stottere ich durch meinen verengten Hals, jedoch kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Eigentlich verziehe ich mein Gesicht eher zur einer debilen Grimasse, die weit entfernt davon ist.
„Du willst die harte Tour? Kannst du haben.“
Ich beginne zu schweben. Oder falle ich? Der Schmerz, der stechend durch meinen Körper rast, lähmt mich schon wieder, na toll, der Typ hat mich glatt in meinen Wohnzimmertisch geworfen. Glas und Holz unter mir.
Delirium umhüllt mich.

***

„Ich glaub, sie kommt zu sich.“
Finsteres Lachen.
Mein Verstand steckt in einer außer Kontrolle geratenen Waschmaschine, mal wieder, ich kämpfe gegen die Übelkeit an, die einhergeht mit stechenden Kopfschmerzen. Ich versuche mich zu bewegen, aber irgendetwas hindert mich daran. Bevor ich einen weiteren sinnlosen Gedanken fassen kann, spüre ich etwas Kaltes in meinem Gesicht.
Wasser.
Ich verschlucke mich und kotze hustend in meinen Schoß, heiße Galle verteilt sich schleimig auf meiner Scham.
„So, mein Schätzchen“, sagt Darth Vader grimmig. „Nun unterhalten wir uns über den Aufenthaltsort deines Bruders.“
Es scheint ein Hauch von Vorfreude mitzuschwingen.
„Wo steckt das feige Schwein?“
Ich blicke auf, wobei es da nichts zu sehen gibt, der Verband um die Augen reduziert meine Wahrnehmung auf null.
„Du kannst mich mal, du Schwuchtel“, spucke ich Wasser, noch immer mit dem Würgereiz kämpfend. Nun macht sich das Rauchen richtig bezahlt, der dicke Schleimkloß drückt beharrlich gegen meinen Kehlkopf und ich versuche diesen herauszuquetschen.
„Leider die falsche Antwort, meine Kleine, aber das lässt sich schnell beheben.“
Wieder dreht sich alles in ein verkehrtes Universum und mein Kopf landet wieder im Wasser, ich huste, kotze, schreie, bis meine Lungen wie Feuer brennen. Atemlos werde ich ausgespuckt und noch mehr meines Mageninhalts landet zwischen meinen Beinen. Ich spüre, wie schmierig es schon geworden ist.

Meine Wangen werden in einen Schraubstock, bestehend aus einer Pranke von Hand, gedrückt, und wieder blubbert der dunkle Lord durch das Wasser in meinen Ohren.
„Fick dich, du Arschloch!“ gebe ich mich kämpferisch, dabei nuschele ich wie ein zertretener Hamster am Samstagnachmittag.

Ich stelle fest, dass der Typ total auf Wasserspiele stehen muss, denn noch einige Male werde ich in das kühle Nass versenkt, bis er beschließt, eine andere Taktik zu fahren.

„Na, gibst du auf?“
Ich lache, muss lachen. Ob das dem Adrenalin geschuldet ist?
Mittlerweile habe ich mich so vollgekotzt, dass mein Körper mit einem schleimigen Film überzogen ist.
„Ich wusste es doch. Du Pussy kannst mir gar nichts.“
Ich lache wieder, blicke wild umher.
Eine Weile herrscht Stille. Dann ertönen metallische Geräusche zu mir, Schritte, Stille.
„Wo?“
Der Typ ist wortkarg geworden, soll mir recht sein, habe Darth Vader nie gemocht, ich schmunzele. Ich schweige fest, habe meine Lippen aufeinandergepresst.
„Wie du willst“, klingt es schon ein wenig verbissener.

Der Schmerz, der glühend in meine Kniescheibe eindringt, lässt mich unkontrolliert aufschreien, und ich schüttele mich hin und her, zerre an den Fesseln. Ich versuche die Pein zu kanalisieren, doch es gelingt mir nicht. Stoßweise atme ich durch die Zähne, die schwer aufeinander liegen, sodass die Kiefermuskeln anfangen zu brennen.
„Du kannst mich mal, du Dreckschwein“, spucke ich durch meine Zähne hervor, in dem Bemühen kämpferisch zu klingen, aber ich wimmere eher und klinge aufgebend.

Wann werde ich durch den Selbsterhaltungstrieb ausgetrickst?
Ich atme noch immer schwer, obwohl der Schmerz sich ein wenig verringert. Ich kann nicht ewig hier sitzen und Widerstand leisten, irgendwann fällt die Mauer in sich zusammen, wird bröckeln, Stein um Stein, bis nur noch Trümmer übrig sind. Bohrende Höllenqual unterbricht den Kontakt zu mir selbst und lässt jeden weiteren Gedanken hinter einem Schleier lodern, bis mein Kopf leer ist. Meine linke Kniescheibe verschiebt sich knirschend nur um wenige Millimeter, doch fühlt es sich an, als würde sie den Kontinent wechseln.

Mein Kreislauf macht schlapp. Alles dreht sich. Schwarzer Schwindel.

„Vielleicht sollten wir sie etwas härter anfassen.“
Keuchend erwache ich, indessen die Stimme schief in meine Gehörgänge wabert.
„Du bist wirklich 'ne Schwuchtel, lass mich ma!l“
Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, während die beiden Stimmen sich darum streiten, wie sie mir noch mehr Pein zufügen können. Mein Gesicht wird aber schnell wieder zu einer starren Grimasse, als sich meine pulsierenden Knie wieder melden.

„Gehen euch die Methoden aus?“
Ich stottere, klinge geschunden, zerstört, und dennoch versuche ich noch immer, Härte in meine Stimme zu legen. Der Schlag in mein Gesicht lässt meinen Kopf in den Nacken schnellen.
„Oh ja, euch gehen eindeutig die Ideen aus“, nuschele ich, viele Sternchen tanzen um mich herum.
„Du wirst schon noch singen, verlass dich drauf! Und am Ende wirst du betteln und flehen, dass du erlöst wirst.“
Darth Vader ist wütend, er schreit mich nun an.

Bevor ich einen weiteren Gedanken verschwenden kann, ertönt ein ohrenbetäubendes Kreischen. Grelles Licht brennt in meinen Augen und ich presse verzweifelt die Augenlider zusammen, ohne Erfolg, es wird immer heißer. Mein Kopf vibriert unkontrolliert und wird von einem tiefen Brummen erschüttert. Der schlimmste Kater hatte niemals diese Auswirkung gehabt, die ich in diesem Moment ertragen muss. Ich schreie und schreie, während meine Haare mitsamt der Kopfhaut von meinem Hinterkopf gerissen wird.

Erst dann setzt der unerträgliche Schmerz ein, mir wird schlecht, es ist keine Übelkeit, wie ich sie normalerweise kenne, kein Unwohlsein. Ich zittere und fröstele, atme sprunghaft, verliere die Kontrolle über meinen Körper. Zwischen meinen Beinen wird es heiß, und mir steigt der Geruch von Urin in die Nase, vermischt mit meinem eigenen Schweiß, der kalt auf meiner Haut ruht. Ich bin kurz davor, wieder das Bewusstsein zu verlieren.
„Wo steckt dein Bruder?“
Die Stimme leiert surreal, als würde sie aus einem alten Plattenspieler kratzen.
„Wirf die Kreissäge wieder an, ich glaube sie verträgt noch eine Ladung.“

„Nein, bitte nicht“, stammele ich abdriftend.

***

Ich erwache aus einer tiefen Besinnungslosigkeit.
Auf meinen Augenlidern liegt eine tonnenschwere Last, die ich nur unter höchster Anstrengung besiege. Über mir nimmt eine weiße Decke Gestalt an. Die Leuchtstoffröhre daran entfacht ein schmerzliches Feuer in meinen Pupillen.

„Ich hoffe, du weißt, was du tust“, stöhne ich zerstört, während unregelmäßiges Piepen ertönt und meine Sinne Stück für Stück heruntergefahren werden.

Autor: Bloody Tears 666

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