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Kapitelverzeichnis:

Trümmer

Für jede Lösung ein Problem

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Der Regen prasselte rhythmisch auf das Autodach und machte Sophie schläfrig. Den ganzen Tag hingen schon graue Wolken am Himmel, die alles trübe und grau erscheinen ließen. Dicke Tropfen auf der Seitenscheibe verzerrten die Straßenlaternen, die soeben angesprungen waren. Einige flossen ineinander und gaben sich dann der Schwerkraft hin, sie hinterließen schmale Schlieren auf dem Glas.
Die blonde Frau hinter dem Steuer beobachtete das Schauspiel mit müden Augen, ab und zu sah sie auch zur Uhr in der Mittelkonsole und fluchte stumm. Seit einer Stunde wartete sie schon.
Irgendwann brachte sie eine Akte zum Vorschein, die auf dem Rücksitz gelegen hatte. Mit jeder Seite entstanden mehr Sorgenfalten auf ihrer Stirn und in ihrer Brust brannte eine unbändige Angst, die eine Hochzeit mit aufwühlender Verzweiflung feierte. Doch die Müdigkeit in ihrem Körper gewann die Oberhand und die Buchstaben begannen zu tanzen, allmählich zu verschwimmen und undeutlicher auf dem weißen Blatt zu prangen. Dann fielen ihr gänzlich die Augen zu.

Ein lautes Geräusch ließ sie unwillkürlich zusammenzucken.
Der Schwall kalter Luft wirkte wie ein starkes Aufputschmittel und sie war wieder hellwach. Erschrocken erkannte sie das es sich um ihren Bruder handelte, der auf dem Beifahrersitz platz nahm. Er schüttelte sich heftig und sie bekam die Hälfte der nassen Jacke ab.
„Hi Sophie, hier bin ich, knurrte der junge Mann grimmig und zog die Tür zu, belegte sie mit einem finsteren Blick und fuhr ebenso kratzig fort: „Ich hoffe es ist wichtig, oben wartet eine heiße Braut auf mich.“
Sophie rollte mit den Augen und erwiderte scharf: „Daniel, ich hoffe für dich, dass sie volljährig ist, ich habe keine Lust mehr hinter dir aufzuräumen.“
„Du kennst mich doch“, grinste Daniel und zwinkerte vielsagend.
„Ja, ich kenne dich, mehr als mir lieb ist.“ Sie schnaubte und gab ihm damit zu verstehen, wie sehr sie die Vorlieben ihres Bruders verabscheute. Die Augen von Daniel wurden zu schmalen schlitzen und die Lippen pressten sich vorwerfend zusammen.
„Du glaubst doch nicht, dass du mich damit strafen kannst“, konterte sie diesen kläglichen Versuch, der sie in ihre Schranken verweisen sollte.
„Das muss aufhören“, sagte sie ernst, „der ganze Scheiß, minderjährige Nutten, Drogenhandel und am schlimmsten, das du mich zwingst, all dies zu verheimlichen.“
Nun rollte Daniel mit den Augen.
„Glaubst du, das ist ein Spiel? Ich riskiere Kopf und Kragen für dich, jedes Mal. Letzte Woche musste ich Beweismittel verschwinden lassen, damit sie dir nicht auf die Schliche kommen.“ Sie schluckte schwer und sah ihn lange an: „Wenn mein Vorgesetzter davon Wind bekommt, bin ich geliefert.“
Ihr Bruder zog die Knie an die Brust und presste die Hände auf die Ohren, schaukelte auf dem Sitz vor und zurück. Sophie ignorierte sein Verhalten, zu lange hatte sie Rücksicht darauf genommen und ihm viel zu viel durchgehen lassen.
„Lass deine kindischen Spielchen und hör mir endlich zu“, rüttelte sie ihn heftig. „Du musst schnellstens untertauchen“, wurde sie lauter als sie bemerkte, dass Daniel sie noch immer ignorierte. Sie brachte einen zerknitterten Zettel aus der Innentasche ihrer Jacke hervor.
„Darauf sind Informationen, die dir möglicherweise das Leben retten können, wenn es noch nicht zu spät dafür ist.“ Besorgt hielt sie ihn hin. Ihr Bruder verharrte gegen die Sitzlehne und starrte sie ungläubig an.
„Du kannst es einfach nicht lassen, oder?“, wich die Fassungslosigkeit aus seinem Gesicht und machte Wut platz. „Wie wäre es, wenn du einmal nicht mit kryptischen Mist um dich werfen würdest, komm doch einfach mal zum Punkt.“
„Was glaubst du wohl? Das Viertel, in den du deinen Dreck vertickst ist schwarzes Gebiet für dich, das weißt du ganz genau, aber du hast darauf geschissen. Ich will nicht das du als Wasserleiche endest.“ Ein glänzender Schimmer legte sich traurig über Sophies Augen und in ihrer Brust erwachte wieder diese Verzweiflung. Seine Gesichtszüge entspannten sich und wurden zu einem überheblichen Grinsen.
„Ach, ich weiß, die hatten mir so einen Hampelmann auf den Pelz gehetzt, um mich einzuschüchtern, ich hab ihm, na ja, eine Lektion erteilt. Ich denke, die Botschaft ist angekommen.“
Er machte eine beiläufige Handbewegung und atmete erleichtert auf. „Ich dachte schon, es sei etwas Ernstes, Schwesterchen.“ Daniel nahm eine lässigere Sitzhaltung ein, Sophie dagegen gefror zur Salzsäule und aus ihrem Gesicht war jegliche Farbe gewichen. Lautlos segelte ihr der Zettel aus der Hand.
„Die bluffen, der Stoff gestreckt, Dreckszeug, noch ne Woche und die sind weg vom Fenster. Außerdem kann ich ganz gut auf mich aufpassen.“
„Bist du von allen guten Geistern verlassen? Die werden dich zu Hackfleisch verarbeiten du dummes Arschloch“, schrie sie, während Tränen über ihre Wangen liefen. „Ich riskiere meinen Arsch und du hast nichts besseres zu tun dich weiter in den Morast zu reiten.“Nun schrie Daniel auf: „Du verarschst mich, oder?“
„Vertrau mir einfach, bitte“, brach Sophie über dem Lenkrad zusammen und schluchzte laut. „Du weißt, was richtig für mich ist? Nur weil du Bulle bist?“ Er presste die Zähne zusammen und ballte die Hände zu Fäusten. „Ich glaube du überschätzt dich“, spuckte er knirschend, während Sophie versuchte sich zu beruhigen. Vergeblich, sie wimmerte stoßweise und bekam kaum noch Luft. „Hör endlich auf zu weinen, du kleine Heulboje, es wird schon nichts passieren, ich verspreche es.“
Seine Hand ruhte auf ihrer Schulter und für einen Moment war es wie früher, als sie sich noch besser verstanden hatten, doch dieser werte nicht lange. Daniel öffnete die Beifahrertür und ließ sie alleine, wieder brach ein atemloser Schwall über Sophia hinweg.
„Ich hoffe du weißt was du tust“, murmelte sie, blinzelte die Tränen aus ihren Augen und startete den Motor.

Ein wenig später saß Sophie auf dem Sofa, wählte abermals die Nummer ihres Bruders, es klingelte einige Male, dann meldete sich die Mailbox und eine Frauenstimme begann zu sprechen. Sorgenvoll betrachtete sie das Display ihres Smartphones. Sie machte sich  ungeheuerliche Sorgen, es zerfraß sie regelrecht.
„Irgendetwas stimmt nicht“, flüsterte sie, kaute nervös auf der Unterlippe. Die Angaben des Informanten waren vage gewesen, irgendetwas von statuieren. Es machte sie ganz krank. Sie hoffte auf ein gutes Ende, doch das Geräusch aus dem Flur signalisierte ihr eine ganz andere Richtung der Ereignisse. Die Melodie von splitterndem Holz drang durch die kleine Wohnung. Geistesgegenwärtig griff Sophie zu ihrer Dienstwaffe, die die ganze Zeit neben ihr auf dem Polster gelegen hatte. Schnell entsicherte sie die Pistole und bezog Stellung am Türrahmen. Unglücklicherweise war ihr darauffolgendes Voranstürmen nicht von Erfolg gekrönt, stattdessen wurde die Polizistin unsanft von den Füßen gerissen und schlug hart auf dem Fußboden auf. Kaum in der Lage sich zu bewegen, da ihre Sinne damit beschäftigt waren die drehende Kreiselbewegung auszugleichen, tastete sie beschwerlich mit den Fingerspitzen nach ihrer Waffe. Ein Geräusch, das verschwommen zu ihr drang, signalisierte Sophie, das der Hahn eines Revolvers gespannt wurde. Der unerbittliche Griff einer großen Hand fand ihre Kehle und ein kalter Lauf strahlte auf ihre Schläfe ab.
„In welches Loch hat sich dein Bruder verkrochen?“
Die tiefe Stimme klang verzerrt in ihren Ohren, als hätte Darth Vader höchstpersönlich zu ihr gesprochen. Angestrengt bewegte sie die Augenlider, die Umgebung drehte sich mit unnatürlicher Geschwindigkeit, verwandelte sie in eine entrückte Realität. Die Pranke um ihren Kehlkopf schnürte ihr langsam aber sicher die Luftzufuhr ab, rasselnd strömte der lebenserhaltende Sauerstoff durch ihre Luftröhre.
„Wo steckt dein verdammter Bruder?“
Über Sophies Lippen schlich ein kurzes und kaum erkennbares Lächeln, sie hatte recht behalten, aber noch wichtiger, Daniel hatte sich verkrümelt. Er hatte ihr letztendlich doch vertraut.
„Nun gut, du sagst mir jetzt, wo dein Bruder steckt, oder du bereust es du kleine Hure.“
Da sie wenigstens Schemen erkannte spuckte Sophie in die Richtung ihres Angreifers. „Du kannst mich mal du Wichser“, fauchte sie keuchend.
„Du willst die harte Tour, kannste haben.“
Ruppig wurde sie gegen die Wand gedrückt. Röchelnd folgte sie dem unerbittlichen Griff auf ihre wackeligen Beine. Ein fliegender Schwindel erfasste sie, machte sie leicht und schwerelos, bis sie im Wohnzimmertisch landete. Glas und Holz flogen in alle Richtungen. Der Schmerz traf sie nur kurz, da sie in einem Sekundenbruchteil das Bewusstsein verlor.