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Weiß irgendjemand überhaupt, warum wir jedes Jahr einen Baum zu Weihnachten schmücken?

Tun wir es, um eine reiche Ernte von unserem Gott zu erbitten? Damit wir mildes Wetter erhalten; ein frohes, besinnliches Fest mit unseren Liebsten? Oder ist das alles nur für Glück? Hat es überhaupt einen konkreten Zweck, abgesehen davon, Kinderaugen kurzweilig mit einem fröhlichen Leuchten zu versehen, nur um ihnen ein paar Jahre später zu erzählen, dass die Geschenke unter dem Baum nicht vom Weihnachtsmann stammen?

Ich kann mich nicht erinnern. Niemand kann das.

Aber wir tun es dennoch. Schließlich ist es eine Tradition.

Ja, in meiner kleinen Stadt – irgendwo in Umgebung der Nordsee - ist es eine Tradition, jedes Jahr gemeinsam in den nahegelegenen Wald zu pilgern, und dort eine Tanne zu fällen, die später inmitten des Stadtzentrums für die ganze Ortschaft sichtbar aufgestellt wird. Jeder macht mit, ohne Ausnahmen, und es scheint fast so, als würden wir jedes Jahr einen größeren Baum nehmen.

Wir dekorieren ihn gemeinsam, sobald er in seinem zeremoniellen Stück Beet festgesetzt wurde. Jeder Vater (oder ältester Sohn, sofern Ersterer verhindert ist) fügt ein selbstgemachtes Schmuckstück hinzu; das Teuerste, das die Familie sich leisten kann, festgehängt mit einer Schnur, Fischerdraht oder manchmal sogar einem Stück Seil, weil es sonst aufgrund seiner Masse hinunterfallen würde. Nur um die Geburt unseres Herrn Jesus Christus zu feiern.

Aufgewachsen war ich unter den Fittichen meines Vaters - ein erfolgreicher Teppichverkäufer mit vielen Geschäften... überall. Er ist mittlerweile in Rente, aber für die meiste Zeit meiner Jugend ließ er sich den Spaß nicht nehmen, das größte Ornament zu spenden, obgleich es für ihn wohl eher eine Genugtuung war. Mit seinem Reichtum konnte er es sich schließlich als Einziger leisten, den Schmuck von Malaysia, China, oder sogar Afrika verschiffen zu lassen, und ich, meine Mutter, sowie mein nerviger (aber mir schrecklich wichtiger) kleiner Bruder würden dabei helfen, es vorzubereiten. Normalerweise wurde unser Beitrag zu dem Sternenstück, ganz oben auf dem Baum, und jedes Jahr würde der Bürgermeister zu meinem Vater sagen, dass er sich selbst übertroffen habe.

„Du hast dich selbst übertroffen, Adam.“

Andere Haushalte hatten weniger Glück, auch das war mir klar. Manche machten Schmuck aus Armen, Beinen oder Köpfen, indem sie einen Landstreicher oder eine Prostituierte zwischen sich aufteilten. Die Ärmsten unter uns mussten sogar einen Teil ihrer Selbst geben; kleine Schmuckstücke aus Fingern, Zehen oder Ohren. Der Hauch von Extravaganz wurde damit vorgetäuscht, dass die Fingernägel angemalt waren, oder ein Ohrring noch am Läppchen hing.

Manchmal, wenn die Ernte weniger brachte, als erwartet, opferten Familien ihre Kinder, die ohnehin aufgrund des Nahrungsmangels verloren gewesen wären, oder diejenigen Ältesten, die schon mehr als nur ein paar dieser Feste mitgemacht hatten. Eine planten dies wundervolle Ende ihres Lebens sogar im Voraus. Je wichtiger das Mitglied in der Gemeinde, desto unermesslicher der Schmuck. Vater hatte auch mir und meinem Bruder einen Plan gemacht, wobei wir gemeinsam am Essenstisch eine Weile diskutiert hatten, da Abel nicht verstehen wollte, warum ich schon vor ihm so einen wichtigen Beitrag zu unserem Lieblingsfest leisten durfte.

„Ich bin älter.“, hatte ich ihm damals erklärt, was er in seinem kindlichen Leichtsinn mit einem argumentativ sehr wertvollem „Mir doch egal!“ quittiert hatte.


Dieses Jahr ist die Ernte gering, und der Hunger über unsere Idylle gekommen. Während meine Mutter von Heulkrämpfen geschüttelt wird, befinde ich mich hier inmitten des Festes, fröhlicher als jemals zuvor, lausche den Weihnachtsliedern und beschwingten Stimmen.

Wenn man so zurückdenkt, muss man dem diesjährigen Baum dennoch eines lassen: Nummer 2015 ist schöner als Alle, an die ich mich erinnern kann. Das beruhigende Grün der störrischen Tanne im Zusammenspiel mit dem Rot des Fleisches, welches seinen farblichen Gegenspieler umschmeichelt – klassische Weihnachtsfarben auf einem klassischen Weihnachtsbaum. Traditionell eben.

Und ich bemerke, wie um den Stern hoch oben noch dünne Nebelschwaden aufsteigen, die die Luft mit letzten Atemzügen befeuchten, und dem gemeinsamen Abend der Gemeinde einen krönenden Abschluss liefern. Der Bürgermeister kommt zu mir, blickt zu dem Meisterwerk empor, welches dort oben über uns allen thront, und verkündet, dass ich alles je Dagewesene übertroffen habe.

"Du hast alles je Dagewesene übertroffen, Kain!“

Ich konnte mir das selbstzufriedene Grinsen nicht verkneifen, und obwohl ihre Gesichter zu schmerzerfüllten Fratzen verzogen sind, scheinen auch sie sich das Lächeln nicht gänzlich verkneifen zu können.

Mein Vater und Abel, ganz oben.



Ich liebe diese Tradition.


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