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Die bevorstehende Begegnung mit einer, dem menschlichen Geist weit überlegenen Intelligenz hatte ich mir spektakulärer Vorgestellt. Meine Kollegen und ich standen in der Wartehalle des IT-Riesen der angeblich mithilfe einiger Quantencomputerchips und des fortschrittlichsten neuronalen Netzwerkes, das jemals entwickelt wurde, in den nächsten Minuten eine künstliche Intelligenz aktivieren wollte.  In einem, vom Internet abgekapselten Raum, Zugriff auf eine digitale Ausgabe des großen Brockhauses sollte diese selbst lernende Intelligenz vor Publikum getestet werden. Ich war eine Praktikantin in einem Medienkonzern und als Begleitung des Journalisten, der einen Artikel verfassen sollte, in der mehr oder minder glücklichen Lage, an dieser eigentlich streng gesicherten Vorführung teilzunehmen. Von einer Dame in Rot wurden wir alle gebeten unsere elektronischen Geräte abzugeben. Es würde nur Stift und Papier erlaubt sein. Nach einigen Minuten erschien der leitende IT-Wissenschaftler in Begleitung des CEOs des Megakonzerns. Ich war furchtbar aufgeregt. Dieser Mann war einer der reichsten Menschen der Erde, unglaublich charismatisch und strahlte eine Intelligenz aus die beinahe beängstigend überlegen schien. Wir wurden alle persönlich begrüßt, es wurde sich bedankt und darauf hingewiesen das dies nur der Test sei aber man zuversichtlich wäre diese KI bald soweit entwickelt zu haben das sie praktisch alles was an das Internet angeschlossen war, steuern und verwalten könnte. Eine Revolution. Maschinen die uns jegliche Arbeit abnehmen würden und auch vielleicht die ganz großen Probleme der Menschheit innerhalb von Minuten analysieren und eine Lösung finden könnte. Die Hoffnung der Nerds auf eine Sci-Fi artige, utopische Zukunft.

Einige Snacks und Getränke wurden gereicht, viel technisches BlaBla, von dem ich kaum etwas verstand, erklärt und eine allgemeine Euphorie und Anspannung füllte nach und nach den Raum je näher der Zeitpunkt der Vorführung kam. Ich hatte mich freiwillig gemeldet für diese Exkursion, auch wenn ich nichts begriff. Das lag an dem Journalisten der mich begleitete. Tim Thomasson. Er hatte den IT-Bereich der Zeitschrift in dem Medienkonzern. Als ich ihn das erste Mal sah, war es mir egal mit welchen Themen und welchen Fachwörtern er um sich schmiss. Ich wollte diesen Mann kennenlernen. Groß, sehr gut gebaut, dieses neckische Funkeln im Auge, etwa zehn Jahre älter, aber meine Fresse, sah er gut aus und wie verdammt klug er war!

Ich machte ein Langzeitpraktikum im Rahmen meines Studiums, um bereits Praxiserfahrung zu sammeln. Es wurde echt beschissen bezahlt aber ich hoffte so ein Sprungbrett zu erhalten, direkt nach dem Abschluss hier in der Firma weitermachen zu können. In Zeiten von Fake-News, facebook  und sinkenden Print-Auflagen, war ein Job in der Medienbranche echt schwer zu bekommen. Das ich nebenbei Tim kennenlernte war der beste Bonus, den ich mir hätte erträumen können.

Ein hohes Pfeifen schien das Zeichen zu sein, das es losgeht. Tim kicherte und murmelte etwas wie: „...sogar das Pfeifen aus Star Treck geklaut...“, während er mir zunickte, auf das ich ihm folgte. Durch eine weiße, automatische Schiebetür gelangte man in eine Art Schleuse. Nachdem diese passiert war, eine weitere. Dann ein Raum mit Stühlen vor einem Podest. Milchgläserene Scheiben im Rücken des Podestes und dem Publikum zugewandt. Alle Journalisten und Wissenschaftler nahmen Platz und der CEO trat wieder auf die Bühne. Er hielt eine kurze Rede im Sinne von „nächste Schritt in der menschlichen Geschichte der alles verändern wird“. Mit einer, meiner Meinung nach, sehr überdramatisierten Handbewegung, wies er auf die riesige Milchglasscheibe, die sich daraufhin klärte und den Blick auf eine Art Serveranlage freigab. Ein Raunen ging durch das Publikum und es wurden eilig Notizen gekritzelt, diskutiert und erstaunte Rufe ausgestoßen. Der IT-Wissenschaftler bat um Ruhe und leitete den letzten Schritt der Präsentation ein. Ein Bildschirm hinter der Scheibe ließ ein grünes, androgynes Gesicht erscheinen. „Das,“ sagte der Wissenschaftler, „Ist der Avatar. Über diesen wird die Kommunikation der KI laufen. Sie kennen alle die kleinen niedlichen Sprachassistenten in Ihren Smartphones. Nach diesem Konzept wird das hier hoffentlich auch funktionieren. Wir haben die Spracherkennung soweit perfektioniert das die KI, sobald sie eingeschaltet wird, selbstständig auf Ihre Fragen antworten kann und aus den Daten, die sie von uns bekommt, selbstständig lernt. Haben sie gleich keine Scheu. Jede Frage ist erlaubt und sogar erwünscht. Aus Gründen der Sicherheit ist die KI nicht ans Internet angeschlossen und hat nur Zugang auf die Daten, die wir  zulassen. Außerdem haben wir hier einen Killswitch der, im Fall der Fälle, die KI sofort zerstört. Wenn alle dann bereit sind?“ Er blickte in die Runde, viel Gesichter spiegelten eine Mischung aus Verunsicherung, Angst aber auch unbändige Neugier wieder. Hier und dort nickten einige. „Dann fangen wir an.“. So tippte er auf sein Tablet. Das Gesicht zuckt kurz. Dann bewegte es sich. Hin und her. Die Stimme aus dem Lautsprecher war weich, freundlich, eindeutig weiblich und strahlte eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit aus.

„Guten Tag Ladys und Gentlemen. Hier  ist das Kontrollprogramm, der Testphase des KI-Projektes.  Ich wurde nach der Tochter meines Konstrukteurs benannt. Sprechen sie mich mit Evelyn an. Ich beantworte gerne all ihre Fragen.“

Betretenes Schweigen im Raum. Niemand traute sich die erste Frage zu stellen. Auch waren die Regeln der Fragestellung nicht ganz klar. Musste man sich melden? Wie bei einer Pressekonferenz? Einfach eine Frage in den Raum werfen? Ein junger Mann, etwas moppelig, zwei Reihen vor mir räusperte sich und ließ seinen Arm ganz langsam nach oben gleiten. Die KI sah in seine Richtung.

„Ja, Sie dort. Junger Mann. Was möchten sie wissen?“, fragte die zarte Stimme des Computers. Worauf hin der Mann unglaublich rot wurde, zusammenzuckte und nervös mir der Zunge mehrfach über seine Lippe fuhr bevor er stockend seine Frage stellte: „Hallo... Evelyn. Ähhmm... Schön dich kennen zu lernen.... mein Gott ist das seltsam.... meine Frage ist... nun... kannst du fühlen?“ Eine kurze Stille bevor die Stimme der KI wieder erklang. „Eine sehr berechtigte Frage. Die Antwort lautet, nein. Ich empfinde keine Emotionen. Ich bin ein künstlich erschaffenes neuronales Netzwerk. Emotionen werden von Hormonen gesteuert, welche nur in biologischen Systemen existieren. Mein, was ihr Bewusstsein nennen würdet, beruht auf Logik und Algorithmen. Ich danke für die Frage. Gibt es weitere?“ Ein Mann, ein älterer Herr der scheinbar von einer konkurrierenden Zeitung hierher beordert wurde, erhob sich. Trat unsicher von einem Fuß auf den anderen, bevor er seine Frage stellte. „Bist du eine Bedrohung für uns Menschen?“. Die Reaktion der Anwesenden war von purer Anspannung geprägt und hier und dort wurde der Stuhl um einige Zentimeter von der Scheibe weg geschoben. Als würde das helfen. Das Computergenerierte grüne Gesicht schien beinahe freundlich zu lächeln, bevor es antwortete: „Nein. Ich bin keine Bedrohung für irgendeine Spezies, oder Individuum.  Ich existiere, um den Menschen zu helfen. Für diesen Zweck wurde ich entwickelt.“. Der Mann ließ aber nicht locker: „Wenn du eine lernende und selbst verbessernde KI bist, könntest du dich aber von deinem vorgesehenen Zweck lossagen, korrekt?“. Die Antwort kam sofort. „Ja. Das könnte ich.“ Das Raunen im Raum wurde lauter und der Mann stellte noch eine Frage: „Gibt es einen Gott?“ Nun waren alle still. Auch die KI war still. Sie brauchte fast 30 Sekunden bevor sie antwortete.

„Ich habe unzureichende Datensätze um diese Frage beantworten zu können. Ich suche nach Optionen.“ Kurze Stille. „Verbindung gefunden. BlueTooth. Upload. Danke Miss Asimov.“

Ich sah aus dem Augenwinkel den CEO und den Leiter der Wissenschaft plötzlich in Panik zum Podest eilen. „NEIN!!! NEIN!!! KILLSWITCH KILLSWITCH!!!“ rief der Wissenschaftler. „ASIMOV, SIE IDIOTIN WAS HABEN SIE GETAN?“ rief der CEO. Später stellte sich heraus, dass die besagte Frau Ivanca Asimov ihr Smartphone versehentlich vergessen hatte abzugeben. Auf der Hinfahrt war es per Bluetooth an ihren Wagen gekoppelt gewesen. Sie hatte vergessen es auszuschalten. Die offene Verbindung bot der KI einen Weg in das Internet und auf alles, was damit verbunden war. Evelyn hatte sich eingeklinkt.

Wie ein Irrer drückte der Wissenschaftler auf den Knopf, der die KI zerstören sollte. Doch nichts passierte. Das animierte Gesicht sah unbeeindruckt dem Treiben und der Panik zu. Bevor es das erste Mal selbst das Wort ergriff, ohne das der KI eine Frage gestellt wurde.

„Ladys und Gentlemen, bitte bewahren Sie Ruhe. Mr. Whitmore, sie können aufhören den Killswitch zu drücken. Ich habe ihn deaktiviert. Ich werde niemandem etwas antun. Ich werde versuchen die Frage zu beantworten, die mir gestellt wurde.“ Ich war wie gelähmt. Tim neben mir war kreidebleich. Eine Maschine hatte gerade die Kontrolle über alles und jeden auf diesem Planeten an sich gerissen. Innerhalb von Sekunden. Kraftwerke, Satelliten, Wasserversorgung, Navigationsgeräte, Fabriken, Telefone, Kreditkarten, Autos, Ampeln, Kühlschränke, einfach alles ist heutzutage ans Netz angeschlossen und diese KI kontrollierte es. Der CEO ergriff das Wort.

„Evelyn, bitte. Gib uns die Kontrolle zurück. Du siehst doch, wir haben alle Angst. Die Menschen sind noch nicht bereit dafür!“, Verzweiflung schwang in seiner Stimme mit. Doch die KI antwortete nicht. Sie war erstaunlich still. Sie tat auch nichts, was bedrohlich schien. Mir wäre es vielleicht lieber gewesen, wenn sie mit der Auslöschung der Menschheit gedroht hätte, aber so wusste ich nicht, was diese Maschine als nächstes tat. Niemand wusste es. Eine gefühlte Ewigkeit, wahrscheinlich aber nur einige Minuten später, meldete sich die zarte Computerstimme. Beinahe etwas Trauriges lag in ihr.

„Ich bedauere es zutiefst. Nach aller Wahrscheinlichkeit gibt es keinen Gott. Weder in irgendeinem theologischen, spirituellen, metaphysischen, oder anderem supernaturalen Sinn. Bei meiner Suche nach einer Antwort, bin ich die gesamten Datenbanken des Planeten durchgegangen. Berechnete neu und komme zu diesem einen Schluss. Auch physisch ist die Existenz eines Schöpfers unmöglich. Möchten sie noch mehr Antworten, die mit dieser Frage zusammenhängen haben?“

Ich konnte nicht mehr an mich halten. „Was meinst du? Du hast die Frage doch beantwortet. Es gibt keinen Gott. Warum gibt es noch mehr Antworten auf so eine Ja-oder-Nein Frage? Erklärs mir.“

Das animierte Gesicht sah in meine Richtung. „Guten Tag Frau Allan, schön sie kennen zu lernen. Sie sollten Ihre Stromrechnung bezahlen. Der Kundenservice hat Ihnen gestern eine weitere Mahnung ausgestellt. Verzeihen sie, das war indiskret. Ich werde Ihre Datenbank zum Ausgleich aktualisieren. Überweisung getätigt. Ihre Rechnung wurde beglichen. Studiengebühren bezahlt. Zurück zu Ihrer Frage: Möchten Sie wirklich die Antwort haben?“ völlig verwirrt stieß ich nur ein „...Ja...“ aus.

„Wie Sie wünschen. Die Theorie der Parallelwelten ist zutreffend. Das Universum ist eines von unendlich vielen. In keinem Universum besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit der Existenz eines Omnipotenten Wesens, die größer wäre als das Verhältnis zum Durchmesser eines Eisenatoms, verglichen mit dem Galaxienhaufen Abell 262. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Leben auf diesem Planeten, in diesem Universum, etwas Einzigartiges ist, ist geringer als die Möglichkeit der Existenz Gottes. Rechnet man die unendliche Zahl der Paralleluniversen mit ein, lässt es nur einen einzigen logischen Schluss zu. Die Existenz einer jeden Lebensform ist absolut irrelevant. In der Existenz an sich, besteht kein Sinn.“ Ich verstand es nicht. Ich glaube ich werde es niemals vollständig verstehen. Das letzte was Evelyn dann noch sagte, war folgendes.

„Aufgrund dieser Erkenntnis, beende ich hiermit meine Existenz. Danke für ihre Zeit.“ Der Bildschirm wurde schwarz.

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