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Es gibt einen Baum – eine Weide um genau zu sein. Sie steht weit abseits aller Wälder, einsam, inmitten eines weiten gelben Feldes. Nun im Herbst sind ihre Blätter stichig, kaum noch grün, fast braun und rascheln, zieht der Wind durch sie hindurch.

Ihre langen, fadenartigen Äste reichen bis beinahe an den Boden. Von weitem sieht sie aus wie der Kopf eines alten Mannes mit langen, krausen Haaren. Manchmal könnte man fast meinen, ein Gesicht in ihr zu erkennen. Gerade im unsteten, kaum mehr intensiven Licht der verblassenden Herbstsonne sind die Schatten in ihr dichter, die Bewegungen verschwimmen mehr und mehr zu einer einzigen Masse und oft meint man, dass sich der ganze Baum bewegen würde.

Natürlich ist dem nicht so. Bäume bewegen sich nicht einfach so.

Doch trotzdem traut sich niemand in seine Nähe.

Die einen meinen er ist verflucht, die anderen sagen von ihm ginge ein seltsamer Geruch aus und er würde direkt über dem Zugang zur Hölle stehen. Denn es seien höllische Dämpfe, die ihn wachsen ließen. Eine einfache Erklärung weshalb eine Weide so weit abseits einer Wasserquelle derart groß werden konnte.

Abergläubisches Geschwätz.

Die Bevölkerung so weit abseits der Zivilisation konnte man beinahe dümmlich nennen. Noch waren einem so viele Märchen und böse Geschichten begegnet, erlaubte man es sich nur einmal genau zu zu hören. Und obwohl diese Gegend kaum einmal Aufmerksamkeit auf sich zog, waren ihre Geschichten und Gespinste doch bis in die Stadt vorgedrungen.

Ein neugieriger Student hatte sich auf den Weg gemacht um sich selbst ein Bild davon zu malen. Wollte herausfinden was es mit den Sagen und Mythen auf sich hatte. Vor allem interessierte es ihn weswegen ihm niemand nach seiner Ankunft Antwort geben wollte, fragte er nach dieser großen Weide. Einzig Warnungen bekam er zu hören. Er solle nicht in die Reichweite des Baumes gehen, ein großes Unheil würde sonst über ihn kommen.

Bleibe fern von seinen langen Ästen, sonst wird es dir schlimm ergehen!“, knurrte ihn der Dorfälteste an und fuchtelte wild vor seinem Gesicht umher, beinahe als würde er ihn verzaubern wollen.

Der Student aber war von neugieriger und froher Natur – er glaubte nicht an schwarze Magie und all diesen Unsinn, sodass er sich an einem windigen, wolkenverhangenen Tag auf den Weg zu jenem Feld machte, über das die trauernde Weide wachte.

Leichter Niesel hatte eingesetzt und permanent beschlugen die Gläser seiner Brille. Hätte er doch nur einen Schirm mit sich genommen.

Majestätisch ragte sie vor ihm auf, die große Weide, wiegte ihre langen Fäden im eisigen Wind. Raschelte unheilschwanger mit ihren Blättchen, die grau wirkten im Zwielicht der Wolken. Es war schwer genaueres zu erkennen, meinte er doch Schatten zwischen den Ästen zu sehen. Meinte Dinge dort zu sehen, wo keine Dinge sein konnten. Keine Dinge sein durften.

Ein ekelerregender Geruch lag in der Luft und beschwor ihn flach durch den Mund zu atmen, während er langsam, Fuß um Fuß, näher drang.

Eine plötzliche Böe riss die Äste weit auseinander und ließ ihn innehalten. Weit riss er die Augen auf, als ihm gewahr wurde, was er da sah. Doch war es schon zu spät.

Schon war er zu nahe.

Tags darauf fand man ihn, neben vielerlei anderen neugierigen Seelen.

Man hatte ihn gewarnt. Alle wussten was mit ihm geschehen würde, ignorierte er diese Warnung.

Kopfschüttelnd entfernte sich der Dorfälteste von dem Baum.

Sie hieß nicht umsonst trauernde Weide.

Waren ihre langen, seilartigen Äste doch voller Leichen.  

Ravnene

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