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Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss. Das letzte, was ich hörte, ehe die erdrückende Stille mich begrüßte, waren ihre stampfenden Schritte, die sich weit bis zur Treppe hinab zogen, dann fiel auch die zweite Tür ins Schloss, jedoch leiser als zuvor. Und schlussendlich – Stille. Wütend biss ich die Zähne zusammen. Ballte meine Hände zu Fäusten. Doch diese Wut, welche meine Seele mit einer beunruhigenden Schnelligkeit überschwemmte, galt nicht ihr. Nein, ganz allein mir. Bereits das zehnte Mal in einem Jahr war es gewesen, dass wir unsere Liebe unter Beweis stellen mussten. Und jedes Mal auf’s Neue war ich es gewesen, der den Kampf verloren hatte. Selbstverständlich war es nicht unnatürlich, dass sich Ehepaare hin und wieder mal stritten, doch… unsere Situation galt über dem eigentlichen Maße an Streit.

Bis jetzt waren es immer belanglose Themen gewesen, nichts,  was hätte auf dieser Welt Erwähnung gefunden, doch heute Abend sah es anders aus. Tage zuvor verlief alles so, wie es hätte für ein frisch verheiratetes Ehepaar verlaufen sollen: Ich und meine Schönheit saßen vor dem Fernseher und schauten uns einen Spielfilm an. Als ich meinen muskulösen Arm um ihre zarte, zerbrechliche Schulter legen wollte, wich sie ohne jede Warnung plötzlich zurück und sah mich mit einem Gesichtsausdruck an, den ich nicht von ihr erwartet hätte. Sie wirkte verängstigt. „Was hast du?“, stellte ich die Frage in den Raum. Doch anstatt einer erhofften Antwort, kam eine Lüge, wie sie jeder Ehemann gespürt hätte: „Es ist nichts…“ Zunächst hatte ich angenommen, dass es nur eine Phase war, die sie durchmachte. Doch dabei bemerkte ich nicht, welchen Anlass sie tatsächlich hegte…


Eines normalen Morgens hing meine Geliebte wortwörtlich über der Kloschlüssel. Zaghaft klopfte ich gegen das helle Holz der Badezimmertür und wartete, bis sie sie mir aufschloss. „Was ist los? Geht es dir nicht gut?“, erst jetzt bemerkte ich, wie überflüssig meine Frage war, denn ich blickte in die glasigen, müden Augen meiner Frau, dessen Antlitz gezeichnet von einem herausstehenden Kotzfaden am Mundwinkel war. „Hab wohl was schlechtes gegessen, das ist alles,“ antwortete sie knapp und verschwand ohne ein weiteres Wort durch die Haustür. Die Tage vergingen und allmählich meinte ich zu ahnen, was mit meiner Herzallerliebsten los war.

Die kurzen, doch heimlichen Gespräche die sie mit jemanden am Telefon führte, in denen sie erklärte, dass sie noch nicht bereit sei oder auch die verspätete Tatsache, dass ich einen weggeworfenen Schwangerschaftstest gefunden habe, sprachen Bände. Meine Juliet hatte mich mit einem wildfremden Kerl betrogen! Die Frau, mit der ICH meine Zukunft habe planen wollen, zerstörte diese ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Kurzerhand entschloss ich mich, sie noch am gleichen Abend zur Rede zu stellen. Meine Vermutung musste ich mir ihrerseits mit einer Lüge entgegnen lassen, für die ich sie hätte schlagen können: „Ich habe niemand anderen und ich bin auch nicht schwanger! Ich liebe nur dich!“ Pures Gift triefte mit jedem Wort, das sie sprach heraus. Gift, das unsere Ehe absterben lassen würde. Langsam und qualvoll. Meine aufgestaute Wut entfachte sich zu einem brennenden Zorn, der einem Inferno gleichkam. Ohne auch nur über jegliche Konsequenzen im Klaren zu sein, schritt ich auf sie zu und schlug ihr ins Gesicht.

Die Wucht meines Schlags war so stark gewesen, dass ich das leise Trippeln ihres Blutes auf dem Boden vernehmen konnte. Ein plötzlicher Schock durchfuhr meinen Körper, sodass ich nicht ansatzweise in der Lage war zu sprechen oder mich zu bewegen. Nicht ein Wort entglitt meinem Sprechorgan. Nicht ein Zucken veranlasste meinen Körper zur Bewegung. „Juliet, i-ich… Es tut mir leid, i-“ „Halt deinen Mund!“, entgegnete sie barsch. Augenblicklich verstummte ich. Mit einem leisen Flüstern fügte sie hinzu: „Hör einfach auf, mir hinterher zu spionieren. Du hast… ja keine Ahnung, was für eine scheiße ich gerade durchmache!“ Ihre anfängliche barsche Stimme verwandelte sich mit jedem Wort in eine andere, traurigere. Im selben Moment verfluchte ich mich für dieses abscheuliche Hassgefühl, welches mich übermannt hatte. Wie konnte ich nur so dumm gewesen sein?!

Gerade, als ich meine Hand nach ihrer ausstrecken wollte und sie vorsichtig fragen wollte, was denn los sei, drehte sie sich um und ließ mich alleine in unserer Wohnung zurück.


Diese ganze vergangene Zeit vor Augen zu sehen, gab mir das Gefühl, als wären es Jahre gewesen, die uns voneinander trennten. Jedoch waren gerade mal 2 Stunden vergangen seit sie fort war. Normalerweise wäre sie jetzt hier. Weinend hätte sie ihre Arme um mich geschlungen und sich schluchzend bei mir für ihr Abhauen entschuldigt. Tröstend würde ich ihr durchs Haar fahren und ihr abermals versichern, dass alles gut sei und dass Streitereien nun mal vorkamen. Dennoch scheinen all diese Dinge nicht zu passieren. Ab hier hatte ich zwei Möglichkeiten: Entweder, ich warte immer noch wie ein Hund auf sein Frauchen in der Wohnung auf sie – während ich mir die verrücktesten Fantasien ausmalte, die sie mit ihrem neuen Lover betreiben könnte – oder ich machte mich auf die Suche nach ihr. Letzteres schien logischer und zudem beruhigender für mich zu sein.

Während ich die Straßen entlang lief begrüßte mich die vollkommende Dunkelheit. Nicht eine Laterne schien mir die Suche zu erleichtern. Die Taschenlampe meines Handys war die einzige nutzbare Lichtquelle in dieser Situation. Immer wieder wanderte der Lichtkegel von links nach rechts und wieder zurück. Sie konnte überall sein. Ich durfte meine Juliet keinesfalls aus den Augen verlieren! Gerade als ich an einer Gasse vorbeikam, vernahm ich ein leises Tropfen und einen leichten süßlich-metallischen Geruch. Sofort bannte sich in meinem Kopf die Vorstellung, die sich kein Mensch der Welt hätte vorstellen können. Schnell rannte ich in die Gasse hinein und das künstliche Licht fiel auf eine vollkommen nackte, blutverschmierte Frau. Es war meine Frau! Sie so zu sehen ließ mich erbrechen. Ihre Eingeweide hingen lose aus ihrem Körper heraus, ihr Kopf war gänzlich in eine falsche Richtung gedreht worden und das, was einmal ihr Gesicht gewesen sein mochte, war nun nichts weiter als ein mit Sehen und Muskeln übersähter, letzter Rest.

Weinend brach ich zusammen. Meine Hände landeten mit einem lauten Platschen in meiner eigenen Galle. Der aufgehende Gestank im Einklang des verronnenen Blutes brannte in meiner Nase. „Wer… wer hat… dir das angetan?“, wimmerte ich leise, während ich aus nutzloser Tat heraus eine Haarsträhne aus ihrem toten Antlitz entfernte. Dabei verschmierte ich meine eigene Galle an ihren blonden Haaren. Den Rest der endlosen Nacht verbrachte ich weinend, schreiend und zitternd um meine Ehefrau.


Aus der Sicht von Juliet:


Unnachgiebig peitschte der Wind mir meine Haare ins Gesicht. Die aufkommende Kälte ließ mich frösteln. Dennoch war ich mir tief in meinem Inneren bewusst, dass sie nicht von Außen kam, sondern von Innen. Gleich würde ich ihn wiedersehen. Nach all den Jahren würde ich meinem Peiniger wieder ins Gesicht sehen, von dem ich, durch meine eigene Dummheit verschuldet, ein Kind bekommen würde. „Beschissener Alkohol…“, fluchte ich leise und musste mir unwillkürlich die Nacht vor zwei Wochen in Erinnerung rufen. Wenngleich sie nur verschwommen war, erinnerte ich mich genau an den Gesichtsausdruck des erregten Mannes. Er hatte es genossen, genau wie ich. Die Erinnerung daran ließ mich beinahe auf offener Straße erbrechen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte ich endlich unseren Treffpunkt. Es war eine Gasse, die von Menschen mit gesunden Menschverstand gemieden wurde. „Ah, da bist du ja!“, grinste der Mann mich an. Er stand etwas abseits, sodass wenige Lichtstrahlen auf sein Gesicht trafen. Für sein Alter, das ich auf gerade mal Mitte 40 schätzte, sah er erstaunlich jung aus. Ich antwortete nicht, sondern zog ihn fort von der Öffentlichkeit. „Es geht so nicht weiter!“, knurrte ich ihn an. Ich wollte stark wirken, ihm klarmachen, dass es falsch war, was wir hier taten. Nein – es war krank!

Mit seiner fettigen, verschwitzten Hand strich er mir sanft über meine Haare. „Ach liebes,“ hauchte er mir ins Ohr. Ich würgte als sein fauler Atem mich traf. Gott, womit hatte ich das alles nur verdient!? „Wir sind doch für einander bestimmt, nicht wahr? Dann spielt es doch keine Rolle, ob du meine Tochter bist oder nicht. Was hier zählt ist die Liebe!“ Der Gedanke, dass er sich nach unserer Nacht in mich verliebt hatte machte mich krank. Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, schob ich ihn von mir weg und schlug ihm ins Gesicht. „Du bist krank! Du bist nicht mein Vater! Ein verkommenes Arschloch bist du! Gehe zurück in deine Zelle und verrottete dort!“ Mein Vater ließ sich von meinen mutigen Worten nicht abbringen. Im Gegenteil, es spornte ihn umso mehr an mir übel zu tun. „Soll ich dir zeigen, was ich damals mit deiner Hure von Mutter getan habe?!“, schrie er mich an. Es war kein wütender Schrei, sondern ähnelte vielmehr einem Wahnsinnigen, der schon vor Jahren sein Verstand verloren hatte.

Ruckartig presste er mich gegen die Wand. Mit dem Ellenbogen verhinderte er, dass ich schreien konnte. Etwas spitzes, scharfes stach zwischen meine Beine ein. Aus Leibeskräften hätte ich geschrien, doch das einzige, was ich hervorbrachte, waren gurgelnde Laute, die meinen Schleim hervor spuckten. Einige Tropfen landeten auf seinem Oberarm, doch es schien ihn nicht zu stören. Ganz und gar galt seiner Konzentration darauf mich von innen heraus aufzuschlitzen. Sein scharfes Werkzeug glitt weiter hinauf zu meinem Unterleib, dann zu meinem Bauch. Warmes Blut quoll in Unmengen aus mir heraus, vermischte sich mit meiner eigenen Spucke. Mir wurde schwindelig und ich bekam das Gefühl zu fallen. Ich fiel in eine endlose Dunkelheit. Der Druck, der sich an meiner Kehle angebaut hatte, verschwand. Mein Körper erschlaffte und landete mit einem dumpfen Knall auf den Boden.

Das letzte, was ich hörte, ehe mich die Dunkelheit und die damit verbundene Freiheit umarmte, waren die Worte meines Erzeugers: „Verstehst du jetzt? Das ist meine Art zu sagen: 'Ich liebe dich.' So wie ich deine Mutter geliebt hatte.“ Danach folgte ein sadistisches Lachen, welches immer weiter in die Ferne rückte, bis es schlussendlich abklang.


Schwer keuchend, aber zufrieden mit seinem Werk, entfernte er sich von ihr. Ein breites Grinsen zeichnete sich auf seinen Lippen, während er das klebrige, warme Blut von seinen Händen leckte. Es war grandios mitanzusehen, wie er nach Jahren, die er im Gefängnis verbracht hatte, endlich freikam und nun seinen Hass über seine Familie vollends befriedigt hatte. Sein Grinsen wurde breiter, als er an jene Nacht mit seiner Tochter dachte, welche betrunken von einem Pub auf ihn zu kam. Er hatte weitaus mehr befriedigt als nur seinen Hass und dies würde er weiterhin tun. Genüsslich leckte er sich über die Lippen, als er sein nächstes Opfer auf sich zu kommen sah: Ein kleines Mädchen, welches verwirrt und ängstlich den Namen ihrer Mutter rief…     


Geschrieben von: BlackRose16 (Diskussion) 12:49, 5. Mai 2017 (UTC)     

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