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„Wie Hagrid gesagt hatte, was kommen musste, würde kommen... und wenn es da war, würde er den Kampf aufnehmen müssen.“ (Harry Potter und der Feuerkelch, J. K. Rowling, 2000)

Numero vier wäre damit auch durch, dachte ich mir und legte den Schinken auf meinen Nachttisch, welcher ohnehin schon die Bezeichnung „Müllhalde“ redlich verdient hätte. Aber so eine Aufräumaktion lässt sich praktischerweise jederzeit auf den nächsten Tag verschieben. Ich sprang nochmal auf, um meiner Mutter eine gesegnete Nacht zu wünschen, bevor ich mich selber nochmal mit Schmackes in mein knarrendes Bett schmiss.

"Vater unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn d-"

Bevor ich mein Gebet zu Ende sprechen konnte, zuckte ich zusammen. Ich rang nach Luft. Ein lauter Knall hallte durch den gesamten Hinterhof, den jeder einzelne Anwohner gehört haben dürfte. Ich spürte, wie er mein Trommelfell förmlich durchlöcherte. Aus dem Nichts ertönten Schüsse. Zweifellos Schüsse aus Gewehren, welche eine gefühlte Ewigkeit lang auf die Hauswand prasselten, wie Regentropfen auf Asphalt. Ich schloss ohne weiter nachzudenken mein Fenster und rannte so schnell ich konnte ins Wohnzimmer, wo meine Mutter sich bereits ihre Schlafcouch zurecht gemacht hat. Wo zum Teufel ist sie?, dachte ich mir. Die Balkontür stand sperrangelweit offen. Ich rief mit einer leisen, dennoch röchelnden Stimme nach meiner Mutter. Es fielen immer noch Schüsse, just allerdings nicht mehr auf unseren Teil der Hausfassade. Erleichterung breitete sich in mir aus.

Ich trat auf den Balkon und meine Erleichterung wurde innerhalb einer Millisekunde zertrümmert. Mutter lag regungslos auf dem Boden. Eine Blutlache hatte sich auf unserem dunkelgrünen Balkonteppich ausgebreitet. Mein Herz stand für fünf Sekunden still. Ich wendete meinen Blick ab und schaute auf den Horizont. Ein wahres Feuerwerk, so wie wir es vor einigen Wochen am Elbufer selber erlebt hatten. Mein Herz fing wieder an, Blut durch meinen Körper zu pumpen. Ich hatte inständig gehofft, dass mein Herz sich für den anderen Ausweg entscheiden würde. Mutter muss rausgegangen sein, nachdem sie die Explosion hörte. Sie blutete aus ihrem Hinterkopf sowie aus ihrer rechten Schulter. Ich konnte weitere Wunden nicht wahrnehmen, meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich konnte sie hier unmöglich liegen lassen, obwohl mein Bewusstsein die Situation realisierte; Mama würde nie wieder aufwachen. Ich zog sie an beiden Armen ins Wohnzimmer und schloss die Balkontür. Aus weiter Entfernung konnte ich noch vereinzelte Schüsse akustisch wahrnehmen. Ich legte sie auf ihre Schlafcouch und flüsterte ihr weinend zu: "Wach auf Mama. Tu mir nur noch diesen einen Gefallen, ich bitte dich." Unkontrolliert stieß ich einen lauten Schrei aus meiner Seele. Es würde nicht helfen. Wer waren diese Bastarde? Ich hatte diesen Gedanken die ganze Zeit über verdrängt. Meine Atmungsfunktion hatte ich verdrängt. Ich saß regungslos auf der Couch und schaute in Richtung Bücherregal meiner Mutter. "Und erlöse uns von dem Bösen, denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit."

Ich ging in die Küche und wagte einen Blick durch das Fenster. Was ich sah, konnte man gleichstellen mit dem D-Day. Es offenbarte sich ein Bild vor meinen Augen, eines was in mir Angst, Wut und Panik gleichzeitig hervorrief. Geschätzt 200 bewaffnete Leute attackierten das gegenüber liegende Wohngebäude von der Straße aus. Die Hälfte davon überquerte die Straße, einigen waren schon dabei, die Türen aufzutreten. Jeder einzelne Angreifer war maskiert, solche wie ich sie aus den Videos von ISIS kenne. Handelte es sich hier um einen Terroranschlag? Ich konnte diesen Gedanken nicht weiter erörtern, dafür war ich in dem Moment psychisch zu sehr angeschlagen. Das nächste Krankenhaus ist 4 Bushaltestellen von hier entfernt. Abhauen? Keine Chance. Da draußen findet gerade der Dritte Weltkrieg statt. Noch nicht mal in meiner Wohnung bin ich geschützt. Plötzlich vernahm ich Schreie, die aus dem Treppenhaus kamen. Frau Maschke ist die einzige junge Dame in dem Haus und damit die Einzige, die solch einen Schrei von sich geben kann. Ich sprintete durch die Wohnung und knipste jedes Licht aus. Zurück ins Wohnzimmer. Ich konnte den immer noch blutenden Körper meiner Mutter nicht ertragen und schaltete auch hier das Licht aus.

Plötzlich ertönte auch im Treppenhaus ein Schuss nach dem anderen und ich spürte, dass sie immer näher kommen. Ich zuckte wieder kurz zusammen und der nächste Heulkrampf begann. Je näher ich die Schüsse und das Gebrüll der Angreifer wahrnehmen konnte, desto mehr wurde mir die Aussichtslosigkeit dieser Situation bewusst. Meine Mutter würde neben ihrem Sohn elendig verbluten, obwohl ich wusste, dass sie durch den Kopfschuss bereits das Zeitliche gesegnet haben muss. Und ich würde hier nie mehr lebendig rauskommen. Plötzlich verspürte ich ein Gefühl der Entlastung. Noch nie war ich dem Tod so nah wie jetzt und noch nie hoffte ich so sehr ihm zu begegnen, wie in diesem Moment. Ich bemerkte wie man auf unsere Tür eingetreten und im Anschluss darauf geschossen hat. Doch ich war zu sehr von dem Gedanken mitgerissen, meine Mutter wieder zu sehen. Auch der Tod steht auf Gottes Plan. Zwei Personen betraten unsere Wohnung. Sie öffneten die Tür des Wohnzimmers und richteten ihre Gewehre auf mich.

Das Letzte, was ich lächelnd über meine Lippen bringen konnte, war: "Amen". Sodann wurde auch das letzte Licht gelöscht.

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