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In den abgelegensten europäischen Bergdörfern erzählt man sich Geschichten über eine Bergwiese, auf der sich immer wieder zwielichtige Gestalten zusammenfinden sollen, und unheilige Rituale abhalten würden. Unirdische Säulen und seltsame Relikte seien immer wieder in der nahen Umgebung gefunden worden. Diese Geschichten sind nicht von der Sorte, die man nachts seinen Enkelkindern erzählt. Vielmehr wird hin und wieder am Stammtisch oder am Lagerfeuer darüber geflüstert. Diese Bergwiese solle verflucht sein, flüstern sie, dort gehe es nicht mit rechten Dingen zu! Diese Bergwiese wurde von den Bauern gemieden. Ihre Kühe ließen sie weiter unten im Tal grasen. Selbst in Trockenzeiten, wenn nur noch das Gras dieser Bergwiese übrig war, sah man dort niemals ein Tier weiden. Etwas Sonderbares haftete dieser Wiese an. Niemand konnte es recht beschreiben. Auf die Frage, was es mit dieser Wiese auf sich habe, gab man mir keine richtige Antwort. Höchstens so etwas wie „Seltsame Dinge passieren dort oben. Ist nicht gut für die Seele.“


Als ich dort oben ankam, war mir tatsächlich seltsam zumute. Doch meine beinah kindliche Neugier überdeckte das in mir aufkommende Unbehagen. Die Wiese war in etwa kreisförmig und hatte einen Durchmesser von ungefähr 100 Metern. Rund um die Wiese wuchsen mehrere Nadelbäume, die sich teilweise zu kleineren Wäldchen zusammenschloßen. In der Mitte der Wiese lag ein großer Steinhaufen. Das Sonderbarste an der Wiese war jedoch nicht dieser Steinhaufen, oder gar die völlige Abwesenheit jeglicher Bäume auf dieser Wiese. Nein, es war der Geruch. Es war ein unbeschreiblicher Geruch, so ganz anders als jeder Geruch, den ich zuvor gekannt hatte, und erst recht anders, als eine gesunde Bergwiese gerochen hätte. Obwohl die Bewaldung um die Wiese nicht besonders dicht war, warfen die Baumgruppen unnatürlich große Schatten. All dies verlieh mir ein leichtes Gefühl der vorsichtigen Angst. Doch meine Neugier war zu groß. Ich ging in die Mitte der Wiese, um mir den Steinhaufen genauer anzusehen. Auch die Farbe der Steine war seltsam. Untypisch für diese Gegend, nein, sogar untypisch für diesen Kontinent. Diesen grünen Farbton kannte ich nur von bestimmten pazifischen Inseln, aber nicht vom Alpengebiet. Die Steine waren mit einem eigentümlichen Muster versehen, das ich keiner mir bekannten Zivilisation zuordnen konnte. Als ich ein paar größere Steine weghievte, um die Gravuren zu untersuchen, fiel mir etwas am Boden unter den Steinen auf. Dort war ein Loch. Gerademal groß genug, dass ein Mann durchpaßt. Ich bewegte noch ein paar weitere Steine weg, um das Loch besser untersuchen zu können. In dem Loch war eine einfache Holzleiter, die hinunter ins Schwarz führte. Die Leiter sah aus, als sei sie erst vor kurzer Zeit am Fels angebracht worden. Die Neugier hatte mich vollends gepackt. Ohne groß nachzudenken stieg ich die Leiter hinunter.

Der Abstieg dauerte lange. Als ich endlich unten ankam, warf ich erst einen Blick zurück hinauf. Ich konnte die Entfernung zum Ausgang nur schlecht abschätzen, doch er schien nur noch wie ein winzig kleiner entfernter weißer Punkt. Ich entzündete die Fackel, die ich zum Notfall eingepackt hatte. Sie leuchtete erst recht spärlich, doch dann immer mehr, bis ich schließlich den Boden erkennen konnte. Er bestand aus großen quadratischen Steinplatten, deren Farbe ich aufgrund des Fackellichts nicht genau bestimmen konnte. Wände sah ich keine. Das Einzige, das ich erkennen konnte, war die Säule, an der die Leiter befestigt war, die ich eben benutzt hatte. Ich ging geradeaus in eine Richtung, bis ich schließlich an eine Wand gelangte. Die Wand war ebenfalls mit diesen seltsamen Symbolen überzogen. Keine Bilder, nur Symbole. Ich vermutete, dass diese eine Schrift darstellten, welche aber schon längst ausgestorben war. Ich ging die Wand entlang, um zu sehen, ob sich Bilddarstellungen, Reliefs oder Ausgänge in der Wand finden ließen. Nach fünfzehn Minuten marschieren sah ich vor mir eine Wand. Ich hatte die Ecke des Raumes, oder vielmehr der Halle, erreicht. Erst jetzt fiel es mir auf: diese Halle musste riesig sein! Warum hatte man von einem derart riesigen Bauwerk noch nie etwas gehört?

Ich bog ab, und ging etwa 20 Minuten weiter, bis ich zu einer Öffnung in der Wand kam. Sie war etwa 3 Meter breit und 5 Meter hoch. Ich ging hinein, ohne mir Gedanken über meine Rückkehr zu machen, denn die Neugier hatte mich vollends gepackt. Der Weg war lange. Sehr lange. Der Gang schien weiter nach unten zu führen. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann die Fackel aufgehört hat, zu brennen. Ich ging, die abgebrannte Fackel immer noch vor mich haltend, weiter. Ich fühlte nur noch das Gehen, nahm zugleich alles und nichts um mich herum wahr. Die Angst war schon längst gewichen, wie auch die Neugier. Im Neutralsten aller Gefühlszustände schritt ich in völliger Dunkelheit voran. Ob es Stunden, Tage, oder sogar Wochen waren, vermag ich nicht mehr zu sagen.


Wann ich das entfernte Licht vor mir zum ersten Mal sah, weiß ich auch nicht mehr. Als ich es realisierte, war es noch sehr klein. Ein kleiner, aber deutlich zu sehender, heller Punkt, vergleichbar mit der Venus am Sternenhimmel. Dies war auch der Zeitpunkt, an dem ich wieder langsam zu mir kam. Den abgebrannten Stumpf, der einmal meine Fackel gewesen war, ließ ich Fallen. Mein Arm schmerzte. Ich ging weiter. Nach einigen Stunden begann der Punkt größer zu werden. Sein Licht beleuchtete den Gang, den ich durchschritt. Immernoch ging es tiefer. Die grünen Wände waren nicht mehr von Symbolen überzogen, sondern von regelmäßigen Mustern und Reliefs, aus denen ich keine Information nehmen konnte. Was mir erst jetzt wieder auffiel: Der seltsame Geruch war noch stärker geworden. Er ließ sich am besten mit alt und abgestanden beschreiben. Doch es lag noch eine gewisse „Wärme“ im Geruch. Mit dem Geruch kam ein Gefühl in mir auf, welches ich nicht kannte. Angst. Nicht irgendeine unbestimmte Angst. Nein. Die Angst vor den Erbauern dieses Ortes, die hier vor ewig langer Zeit solch gigantische und unheimliche Gänge errichten konnten. Doch nun war es für mich zu spät um umzukehren. Ich ging mit wachsender Furcht weiter. Ein feiner Luftzug strömte mir entgegen. Ab einem gewissen Zeitpunkt sah man dem Lichtpunkt eindeutig Konturen an. Nun dauerte es nicht mehr lange, bis ich die reich verzierte Pforte erreichte. Was ich durch die Pforte erblickte, raubte mir nicht nur buchstäblich den Atem, es ließ mich aus purer Angst wie eingefroren dastehen. Einen Schauer über den Rücken kann man das nicht nennen. Es war der Schreckmoment, eines scheuen Tieres, welches nicht versteht, was geschieht, wenn es zum ersten mal in Kontakt mit einem Menschen kommt.


Eine Ansammlung an grotesk verdrehten und übergroßen Säulen, Monolithen und Gebäuden füllte die Halle. Diese war so groß, dass ich nicht sehen konnte, wo sie aufhörte. Die Formen und Farben die ich sah waren unwirklich, und auf den ersten Blick unmöglich. Was mich aber am meisten erstaunte, war die Lichtstimmung, die hier herrschte. Es war eine Art fluoreszierender Nebel, der in der ganzen Halle verteilt war, und alles gleichmäßig beleuchtete. Das alles konnte unmöglich von Menschenhand erbaut worden sein. Wer oder was auch immer der Architekt dieses unbeschreiblichen Ortes war, musste schon längst tot sein, denn ich hörte kein Geräusch und sah keine Bewegungen. Doch musste dies mal ein belebter Ort gewesen sein. Geradeaus führte eine breite Straße, ins Weiße des Nebels, so dass ich nicht erkennen konnte, wohin sie führte. Das Echo meiner Schritte hallte tausendfachvon den kalten Wänden wieder, sodass es sich anhörte, als ob hundert Mann gleichzeitig marschieren würden. Nach wie vor spürte ich einen Windhauch im Gesicht. Einen schwachen, aber konstanten Windhauch. Hier musste irgendwo ein Ausgang zu finden sein. Als ich die Hauswände genauer betrachtete, fiel mir etwas auf. Die Kanten und Ecken waren merkwürdig abgerundet, als ob sie vom Wasser abgetragen worden waren. Dies ließ zwei Möglichkeiten offen. Entweder führte hier irgendwann einmal ein Wasserstrom durch, oder es war der Wind, der diese Gebäude über Jahrmillionen abgetragen hatte. Sie waren aus massivem Stein gebaut. Gebaut ist jedoch der falsche Begriff. Sie sahen aus, als wären sie alle in einem Stück aus demselben Stein gehauen worden, wie der Boden und die Decke der Höhle selbst. Es musste Jahrtausende, wenn nicht Jahrmillionen gedauert haben, all dies zu errichten, denn ich war schon mehrere Stunden in dieser Höhle in dieselbe Richtung gegangen, und hatte immer noch keine „Mitte“ der Stadt, geschweige denn das Ende erreicht. Rechts und links bogen regelmäßig Straßen ab. Auch sie waren etwa 6 Meter breit, und fassten die Häuser und Monolithen zu Häuserblöcken zusammen. Diese Stadt war zweifelsohne künstlich errichtet worden. Auch hier verschwimmt meine Erinnerung wieder, denn ich weiß nicht mehr, wie lange ich unterwegs war. Irgendwann kam ich zu einem großen Platz, in dessen Mitte eine riesige Säule emporragte und bis zur Decke reichte. Sie war auf der dem Eingang zugewandten Seite mit Symbolen, Mustern und Reliefs überzogen. Die andere Seite war wegerodiert. Mit den Symbolen und Mustern konnte ich nichts anfangen. Mit den Reliefs hingegen schon. Sie stellten abstrakte Formen und Figuren dar. Man sah vierbeinige Wesen mit zwei Armen, welche vor einem anderen Wesen zu knien schienen. Waren diese Vierbeiner etwa die Erbauer dieser Stadt? Die andere Kreatur war etwa fünfmal so groß wie ein Vierbeiner. Sie hatte einen übergroßen Kopf und stand auf zwei Beinen. Das Gesicht ließ nur zwei Augenhöhlen erkennen. Was war dieses Wesen, dass die Erbauer dieser Stadt vor ihm knieten? Das war die einzige Darstellung, die ich erkennen konnte. Die anderen waren entweder zu weit oben, oder von der Erosion zerstört. Ich fertigte eine kurze Skizze des Reliefs an. Anschließend machte ich mich wieder auf den Weg.

Der Weg war lang. Ich ging mehrere Stunden, ohne wieder auf eine Säule, oder eine Wand zu treffen. Plötzlich bemerkte ich etwas. Der Nebel hatte zuvor noch stärker geleuchtet! Es wurde dunkler in der Stadt. Binnen zehn Minuten war es völlig dunkel geworden.Verzweifelt, ohne Licht und ohne Ziel ging ich weiter. Ab da weiß ich nichts mehr. Als ich die Augen aufschlug, fand ich mich auf der Bergwiese wieder.

Noch heute lässt mich eine Frage nicht schlafen: Wer oder was brachte mich zurück, den endlosen Gang hinauf, auf die Wiese?

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