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Die Sonne strahlte in mein Gesicht und erfüllte sowohl meinen Körper als auch meinen Geist mit einer wohligen Wärme. Wie ein schützender Engel stand sie über uns, als würde sie uns hüten und beschützen, während wir ganz gemütlich unter ihren Augen umherflogen. Ich lehnte mich in meinem gemütlichen Sessel zurück und beobachtete, wie meine Uniformen im goldenen Licht des Sonnenballs funkelten. Drei Streifen reflektierten die Strahlen und lenkten sie ab in die unendlichen Weiten des Himmels. Drei Streifen. Das Zeichen des Copiloten. Die Wolkendecke hüllte die Erde unter uns in einen weißen Mantel, der es mir unmöglich machte, auch nur den kleinsten Blick auf den Ozean unter uns zu werfen. Vor wenigen Minuten hatten wir den Start beendet und waren in die endgültige Reisehöhe aufgestiegen, gefühlte Lichtjahre vom Boden entfernt. Der Gedanke, für das Überleben von Menschen verantwortlich zu sein, die in einer schwerfälligen Metallhülle die Luft zu beherrschen versuchten, jagte mir jedes Mal einen kleinen Schauer über den Rücken. Zumindest hatte es das unten im Simulator immer getan. Jetzt, auf meinem ersten planmäßigen Flug im Cockpit fühlte sich die ganze Sache dann doch nochmal anders an.

Wie ein im Flug erstarrter Vogel glitten wir durch die kühlen Strömungen der Luft, kontrollierten die Anzeigen und Geräte und ließen uns von der netten Stewardess einen heißen Kaffee bringen. Bis jetzt lief alles gut, keine Turbulenzen, keine Anomalien. Der Pilot und ich sprachen wenig miteinander, wir führten ein wenig Smalltalk, mehr nicht. Wie ein humpelnder Greis entschwand die Aufregung langsam aus meinen Gliedern und ließ Platz für eine Ruhe. Fast schon eine Stille machte sich in mir breit, es war wie die Luft um uns herum, diese scheinbare Idylle, für das menschliche Auge unbewegt, und doch durchzogen von den Vasallen der Windgötter. Hier saß ich nun und blickte über die Ewigkeit des Meeres unter uns und die Unendlichkeit des Himmels, den wir soeben durchflogen. Wie ein vorsichtiges Kind an seinem ersten Geschenk zu Weihnachten begannen die Luftmassen leicht an unserem Flugzeug zu rütteln. Außer ein paar kleinen Wellen in meinem Kaffee brachte diese zaghafte Berührung zwar nichts hervor, aber sie reichte, um mich aus meinen Gedanken zurück in die wirkliche Welt zu katapultieren. Ich sah mich um, nicht wissend, wie lang ich in meinen Gedanken ausharrend still gesessen hatte. Der Pilot las seine Tageszeitung. Wir flogen über Autopilot. Alle Werte waren soweit normal. Nichts außergewöhnliches. Beruhigt sackte ich wieder zurück in meinen Sitz, ohne wirklich zu wissen ,warum ich so aufgeschreckt gewesen war. Es war nur so ein Gefühl gewesen, als würde gleich etwas schreckliches passieren. Pure Einbildung also. Meine Hand griff nach meinem Kaffee. Dann sackten wir ab.

Für einen Moment waren wir völlig schwerelos. Ich weiß nicht wie lange wir fielen, aber es kam mir vor wie mehrere Stunden. Das heiße Getränk ergoss sich über meinen gesamten Oberkörper und überzog ihn mit einem gleichmäßig brennendem Schmerz, als würde ich für eine Sekunde das Fegefeuer auf meiner Brust fühlen. Dann stabilisierten wir uns wieder. Ich wusste gar nicht, dass der Autopilot zu so etwas fähig war, aber ich wollte mich auch nicht beschweren. Laut der Anzeige hatten wir mehrere hundert Fuß an Höhe verloren. Ich wusste nicht, was das jetzt genau für uns bedeutete, aber sicherlich nichts Gutes. Die Zeitung meines Kollegen lag auf dem Boden, seine Hände hingegen auf dem Armaturenbrett. Hektisch überprüfte er einige Werte und drückte verschiedene Knöpfe. Ich war zu perplex um mich zu bewegen, dann warf er mir einen strengen Blick zu und ich löste mich aus meiner Starre.

Wir probierten alles aus. Legten Schalter um, flogen Manöver, gaben Funksprüche ab. Nichts half. Wir bewegten uns noch immer stabil, aber viel zu tief, durch die Winde der Welt. Wir probierten wirklich alles um wieder zu steigen, fast hätten wir sogar Ballast abgeworfen, aber wir kamen zu dem Schluss, dass das wahrscheinlich auch nicht helfen würde. Im Moment war unsere Lage auch noch gar nicht so aussichtslos. Wir waren noch immer auf einer guten Reisehöhe und konnten auf dem Radar auch nichts entdecken, was uns irgendwie gefährdet hätte. Aber das genau war ja das Problem. Wir liefen in Gefahr, gefährdet zu werden. Aber auch diese Gefahr war nicht allzu groß. Denn die anderen würden uns ja auch entdecken und manövrierfähig waren wir ja noch. Größtenteils. Es war mehr noch der Schock, der sich wie ein alternder Diktator mit aller Kraft an seinem Thron festklammerte, der uns die schrecklichsten Szenarien in den Kopf schickte. Aber nach einiger Zeit war auch der vorbei. Wir konnten es schaffen. Er war ein erfahrener Pilot und ich einer der besten Absolventen meines Jahrgangs. Die Lage war durchaus meisterbar. Dann fielen wir.

Diesmal konnte uns der Autopilot nicht helfen. es setzte auch keine Schwerelosigkeit ein, wie es vorher der Fall gewesen war, nein. Die Nase des Fliegers beugte sich nach vorn. Wir fielen nicht einfach nur, wir schnellten wie ein Komet auf die Oberfläche des blauen Ozeans zu. Weit und breit war nichts zu entdecken, in den vergangenen Wochen war kein einziges Schiff mehr heil über den Atlantik gekommen, deshalb war der transatlantische Seeverkehr so gut wie am Erliegen. Niemand würde uns helfen können. Jedoch war ich überrascht. Nicht das kleinste Fünkchen kam in mir auf, mein Überlebenswille triumphierte mein Inneres und ich nahm alles um mich herum genau war. Der hektische Pilot, der wild auf irgendwelche Knöpfe drückte. Der starke Kaffeegeruch, der von meinem Hemd in meine Nase stieg. Die Schreie und verzweifelten Gebete aus dem Passagierbereich. Ich nahm alles glasklar wahr. Diese Menschen schwebten in Lebensgefahr. Besser gesagt, sie fielen. Aber ich würde sie retten.

Leichter gesagt als getan. Hunderte Methoden der Problembewältigung tauchten aus den Untiefen meines Hirns auf, dutzende Verhaltensregeln, die zur Rettung des Fliegers führen sollten. Aber keine passte. Ich war nie darauf vorbereitete gewesen, eine vollbesetzte Maschine aus dem Sturzflug zu retten, wenn die Maschinen am Versagen waren. Es schien alles so aussichtslos. Doch das wollte ich nicht glauben. Ich versuchte alle Kniffe, die man mir beigebracht hatte, doch nichts half. Die unbarmherzige blaue Oberfläche rückte immer näher und  die Geräusche aus den Kabinen nahmen immer angsteinflößendere und infernalischere Züge an. Die Todesangst dieser Menschen konnte man fast auf der Zunge schmecken. Ich forderte noch die Dienste aller möglichen Geräte an Bord an, doch der Pilot hatte sich schon resigniert in seinen Sessel zurücksinken lassen. "Funktioniert gar nichts mehr?" Ich sah ihn an. Seine Stimme klang plötzlich so alt. Klar, mit seinem grauen Bart und der hellen Haut sah er nicht wie der Jüngste aus, aber trotzdem passte es nicht so ganz. Vermutlich war er einfach in dem Stadium, in dem er sich schon mit seinem Ableben abgefunden hatte und nur noch auf den Tod als Erlösung wartete. "Nein. Nichts geht mehr." Verbitterung schwang in meiner Stimme mit. Ich musterte ihn. Seine Augen waren dunkel wie aufziehende Gewitterwolken. In ihnen lagen Emotionen, tiefer und unergründlicher als ich sie je irgendwo gesehen hatte. Dann tat er etwas, das ich nie erwartet hätte.

Er lächelte. Er öffnete seinen Mund und gab den Blick frei auf eine Reihe perfekter weißer Zähne. "Dann hat es also funktioniert." Seine Stimme klang jetzt nicht nur tief. Sie klang bedrohlich. Und auf merkwürdige Wiese zufrieden. Ich wich so gut ich konnte zurück. Irgendwas an ihm machte mir Angst. Wir waren noch eine knappe Minute vom sicheren Tod entfernt. Erlitt er vielleicht einen Schock? Hatte er einen Anfall oder sowas? "Ab heute." Seine Stimme grollte durchs Cockpit und ich war mir sicher, dass sie im gesamten Flugzeug gut zu hören war. "Ab heute gehört die Luft den Menschen nicht mehr. Ab heute habt ihr sie verloren." Ich wollte ihn fragen, was er damit meinte, aber dann bemerkte ich etwas. Er leuchtete. Eine Art hellblau Aura umgab den Körper des alten Mannes, der nun immer antiker wirkte. "Ab heute seid ihr verbannt. Und jeder, der den Weg  trotzdem wagt, wird das gleiche Schicksal ereilen wie auch euch. Ihr werdet mit diesem Wissen nichts mehr anfangen können, jetzt in den letzten Sekunden eurer jämmerlichen Existenz, aber die Blackbox wird meine Worte für eure idiotische Nachwelt erhalten." Ich konnte kaum noch denken. Allein die Anwesenheit dieses...etwas schien mein Hirn lahmzulegen und mein Sein in seinen Grundfesten zu erschüttern. Und dann sagte er die letzten Worte, die ich jemals auf dieser Erde hören würde.

"Mein Name ist Uranos. Ich bin der Himmel."


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