FANDOM


Am 13 September Mitternacht wurde die Leiche des Mörders Henry Gart (58) gefunden. Er wurde auf eine Art getötet, die die Polizei als seltsam beschreibt. Anscheinend wurde er langsam zum verbluten verurteilt. Hier ein Interview zwischen unserer Reporterin Lisa (23) und Officer John (38):

„Wissen sie inzwischen, wer es war?“

„Nein, aber wir haben einen Hinweis an seinem Mantel gefunden. Einen Brief.“

„Und was steht darin?“

„Nun ja… Da es geregnet hat, können wir es nicht sofort entschlüsseln, aber unsere wissenschaftlichen Köpfe untersuchen ihn gerade.“

Inzwischen haben die Wissenschaftler herausgefunden was auf dem Brief stand. Folgender Inhalt:

„Mein Name? Bezeichnet mich als Vanessa. Ihr werdet mich nicht finden! Ihr werdet mich niemals finden! Ich bin überall und gleichzeitig nirgendwo. Ich werde jeden töten, der sich mir in den Weg stellt! Ich werde jeden töten, der tötet! Alle werden elendig verbluten! Ich werde mich rächen! Für meinen Bruder! Für meine Familie! Der Jäger wird ab jetzt zum Gejagten! Ich werde euch finden… RACHE! TÖTEN! RACHE! TÖTEN!“


Mein Handy weckte mich grob mit einem Lied meiner Lieblingsband. Langsam erhob ich meinen Kopf und sah mich um. In meinem Zimmer standen noch die Umzugskartons von gestern. Mein großer Bruder Chris und ich mussten aus unserem alten Heim umziehen, da unsere Eltern ermordet wurden und wir das Haus nicht mehr bezahlen konnten. Ein guter Freund von Chris hatte uns dann hier her befördert, weil wir hier nicht so viele Probleme mit dem Geld hatten.

„Vanessa!“, rief die Stimme meines Bruders aus der Küche. „Steh auf! Du hast heute deinen ersten Schultag in der neuen Klasse!“

„Ja! Ich komme ja schon“, antwortete ich müde und stand auf. Ich zog mir schnell eine schwarze Nylonstrumpfhose, darüber eine schwarze, zerrissene Hotpants und ein weißes, weites T-Shirt an und tappte aus meinem Zimmer in die Küche der neuen Wohnung.

Chris und ich gaben uns ein High Five zur Begrüßung und er fragte: „Und? Schon aufgeregt?“ Seufzend setzte ich mich an den Tisch und nahm mir ein trockenes Brot aus der Schüssel, die darauf stand.

„Naja…“, murmelte ich mit vollem Mund. Meine Laune war in letzter Zeit etwas runtergegangen, verständlicher Weise. Immerhin waren meine Eltern gestorben. „Es geht. Hoffentlich sind die Leute nett.“ „Ach, das sind sie ganz bestimmt! Du wirst dich sicher schnell einleben!“, erklärte er fröhlich, aber ich wusste, dass dieses glückliche nur aufgesetzt war. Er war genauso am Boden zerstört wie ich. Allein schon weil er jetzt die Verantwortung für mich übernehmen musste und er gerade mal 20 Jahre alt war.  

Die Uhr schlug halb 8. „Du musst jetzt los. Bereit?“, stellte Chris fest und hielt mir eine Umhängetasche hin. Dankbar, dass er sie für mich gepackt hatte, nahm ich sie an und nickte. „Ja, auf geht’s in die Schule!“ Ich umarmte ihn hastig, ging wortlos in den Flur und schnappte mir mein Skateboard. „Tschau, Bruderherz. Ich bin jetzt weg!“, erklärte ich und öffnete die Wohnungstür. „Tschau, Vanessa! Bis heute Mittag!“

Da wir nur 10 Minuten auf dem Skateboard entfernt von der Schule wohnten, fuhr ich selbstständig. Auf dem Weg zur Schule begegnete ich niemandem. Es war wie ausgestorben. Nur ein Bus voller Kindern fuhr an mir vorbei, aber mehr auch nicht. Irgendwie seltsam…

In der Schule angekommen, stolperte ich in das Gebäude und durch den Flur, auf der Suche nachdem Raum 6.

Raum 4…

Raum 5…

Ah! Da war ja mein Klassenraum. Bevor ich eintrat, horchte ich. Lärm kam aus dem Saal. Anscheinend würde es eine laute Klasse werden…

Ich klopfte zögernd an und öffnete zitternd die Tür. Die Klasse wurde ganz Still und die Blicke der Kinder durchbohrten mich. „H-Hallo…“, brachte ich nur heraus.

„Ah! Das ist unsere neue Schülerin!“, erklärte der Mann vor der Tafel und legte ein Stück Kreide auf den Pult. Er musste wohl der Lehrer sein…

„So, mein Name ist Herr Lorenz! Willst du dich nicht der Klasse vorstellen?“, erkundigte sich der Lehrer, nachdem ich eingetreten war. Langsam nickte ich und wandte mich an die 25 Kinder vor mir. „Hallo. Mein Name ist Vanessa und ich bin erst vor kurzem hier eingezogen. Ich bin 12 Jahre alt…“, erklärte ich schüchtern und hielt mit meinem linken Arm meinen rechten. Die ganze Klasse starrte nur uninteressiert auf mich und wandte sich Stück für Stück ab, als Herr Lorenz mich an einen einzelnen Tisch setzte. Der Unterricht ging weiter.

So wie ich saß, war auch der Tag in der Schule- einsam. In den Pausen saß ich alleine an einem Tisch und beobachtete die Kinder die fröhlich umher rannten. Meine Klassenkameraden warfen nur einen hochnäsigen Blick auf mich und mehr Aufmerksamkeit bekam ich auch nicht.

Als ich mich dann endlich durch die Schule gequält hatte und es zum Schulschluss klingelte, schnappte ich mir mein Skateboard und trottete als letztes aus der Klasse. Alleine…

Auf dem Weg nach Hause, fuhr ich hinter zwei Klassenmitgliedern, die sich über etwas Interessantes unterhielten. Ich verlangsamte mein Tempo, um zuzuhören.  

„Boah! Hast du schon gehört? Hier soll ja so ein Penner rumlaufen, der Mädchen vergewaltigt und anschließend tötet! Letztens wurde sogar schon ein Erwachsener Mann gefunden!“, rief das Mädchen mit den weißen, langen, glatten Haaren. Das war Taya. Sie schien eigentlich recht nett zu sein, allerdings mochte sie mich glaub ich nicht, genauso wie der Rest der Klasse. „Ja! Ich weiß. Deshalb darf ich nach Sonnenuntergang auch nicht mehr raus, weil er nur nachts rumstreicht!“, schauderte das zweite Mädchen mit ihren braunen, kurzen Haaren. Sie trug den Namen Ashley. Ashley schien auch nett, aber ich glaube, sie mochte mich auch nicht…

„Das letzte Opfer wurde gestern in einer Gasse gefunden! Und das war in meiner Straße!“, erklärte Taya entsetzt und öffnete ihre blauen Augen weit vor Angst. „Hart, oder?“ „OMG! Hoffentlich begegnen wir ihm nicht!“, entgegnete Ashley bestürzt und blieb plötzlich an einer Kreuzung stehen. Ich konnte gerade noch einen Zusammenstoß vermeiden und bremste schnell ab. Dann fuhr ich einfach um sie herum und ignorierte ihre weiteren Gespräche über diesen Vergewaltiger.

„Hallo, Vanessa! Wie war der Schultag?“, begrüßte mich Chris, als ich zu Hause war. „Einsam…“, murmelte ich traurig und stellte meine Schuhe und mein Skateboard in den Flur. Meine Tasche platzierte ich daneben und dann ging ich zu meinem Bruder in die Küche, um ihn zur Begrüßung zu umarmen.

„Was heißt ´Einsam´?“, fragte er besorgt, als ich mich an den Tisch setzte. „Naja… Niemand wollte was mit mir zu tun haben und alle haben mich so seltsam angesehen…“, erklärte ich und schnupperte, was es wohl zu Mittag gab. Ich hatte keine Lust jetzt darüber zu reden, deshalb wechselte ich das Thema, bevor Chris etwas darauf erwidern konnte. „Was gibt’s heute zu essen?“ „Es gibt Spagetti und Salat.“, erklärte mein Bruder und stellte mir einen Teller auf den Tisch. „Hier.“

Als ich diese rote Brühe ansah, wurde mir schlecht. An irgendetwas erinnerte es mich, aber ich wusste nicht genau an was. Bilder von zwei toten Personen spiegelten sich in meinem Kopf wieder. Es waren ein Mann und eine Frau. Die Frau hatte blond-rote Haare, die eigentlich immer in der Sonne glänzten, aber jetzt waren sie matt und tot, genau wie ihre eigentlich durchgehend gerötete Haut, die nun kalt und blau war. Aus den mit einem weißen Schleier eingehüllten Augen lief Blut und tropfte auf den Boden. Ein Messer steckte mitten in der Brust und ihr weißes Hemd war weit aufgerissen und zerfetzt, sodass man ihren schwarzen BH und ihren schlanken Oberkörper erkannte, der mit Messerstichen übersät war. Der Magen hing sogar etwas raus. Ansonsten trug sie nur eine Unterhose, die mal weiß war, aber jetzt dunkelrot von dem Blut. Ihre Beine waren ebenfalls mit Blut übersät und tot.

Sie lag neben dem Mann. Er hatte einen braunen Stoppelbart, wie mein Bruder und braune kurze Haare. Sie hingen schlapp auf den Boden, wobei sie meistens immer gegelt waren. Seine ebenfalls weißen Augen starrten in die Leere und auch von ihnen tropfte Blut auf den Boden. Seine Jeans und sein schwarzes T-Shirt waren zerfetzt. Auch bei ihm hing der Magen nach draußen und der Mondschein des Vollmonds schien das Blut zum Glitzern zu bringen. Die schwarze Brille von ihm lag zerbrochen neben ihm.

Die beiden Menschen lagen neben einander und verkrüppelt in einer Gasse und das Blut verteilte sich im Regenwasser, welches auf sie hinunter prasselte. Ich erinnerte mich an den Tag, an dem Chris und ich unsere Eltern tot wiedergefunden hatten. Sie waren von jemandem ermordet wurden, aber die Polizei hatte keine Ahnung von wem.    

Erschrocken stieß ich den Teller in die Mitte des Tisches und sprang auf. „Alles okay?“, erkundigte sich Chris entsetzt, über mein plötzliches Aufspringen. „J-Ja… I-Ich habe nur Kopfschmerzen…“, log ich halb und hielt mir den Kopf. Ich hatte wirklich Kopfschmerzen durch dieses Bild bekommen und es wollte einfach nicht aus meinem Kopf gehen! Die leeren, weißen Augen schienen sich plötzlich auf mich zu richten und ich zuckte zusammen.

„Hoffentlich wirst du nicht krank. Leg dich am besten hin. Wenn es dir morgen nicht besser geht, dann bleibst du am besten zu Hause.“, erklärte Chris besorgt und hielt seine warme, große Hand an meine Stirn. Sie fühlte sich fast so an, wie die Hand von Papa…

„Fieber hast du nicht“, stellte er fest. „Leg dich trotzdem in dein Zimmer. Ich bringe dir gleich etwas zu trinken.“

Folgsam strauchelte ich in meinen Raum und ließ mich ins Bett fallen. Mit vor Angst weit geöffneten, grünen Augen blickte ich aus meinem Fenster, aus dem ich von dem Bett aus sehen konnte. Ein Schauer lief mir über den Rücken, als ich die toten Körper meiner Eltern auf der anderen Straßenseite entdeckte. Ich fing an zu schreien und mein weinendes Gesicht in meinem Kopfkissen zu vergraben.

Jemand riss schnell meine Tür auf und mein Bruder stürzte sich neben mich. „Vanessa! Was ist los?!“, rief er besorgt und legte seine Hand auf meinen Kopf. Gänsehaut zog sich über meine Haut und ich zitterte. „Vanessa?“, wiederholte Chris erschrocken und schüttelte an meinem Körper. Das Atmen fiel mir immer schwerer und ich merkte immer weniger das Schütteln von Chris und die Stimme von ihm, bis mich letzten Endes Dunkelheit umgab.

„Vanessa…“ Eine neue Stimme, sie klang tot und so, als würde Feuer auf Eis treffen. Gleichzeitig hoch quietschend und dann doch so dunkel. „Vanessa...“ Eine zweite Stimme. Sie klang ähnlich, nur ein wenig höher.

Ich öffnete meine Augen und mein Herzschlag beschleunigte sich vor Angst, als ich in die leeren Augen meiner Eltern sah. Sie blickten mich müde an und wirkten wie Zombies. Meine Umgebung war schwarz, weshalb ich mir sicher war, das es nur ein Traum war, aber es fühlte sich so real an.

Der Atem meiner Mutter und meines Vaters war so vergammelt und stank, als hätte man sich seit einem Monat nicht mehr die Zähne geputzt und ihre Haut war rau, als Mutter meine Stirn berührte. Sie murmelte etwas, synchron mit Vater, aber ich verstand zuerst nicht was es war.

„W-Was wollt ihr von mir...?“, fragte ich mit bebender Stimme, die nicht mehr als ein Flüstern war. Die spitzen Finger von Mama fuhren mir sanft übers Gesicht, bis sie meinen Mund berührten und mich dazu brachten, zu schweigen. Papa und Mama röchelten noch einmal etwas und ich musste mich anstrengen, zu verstehen was sie wollten. Ich erstarrte, als ich es hörte. „Rache! Töten!

Sie wollten Rache! Sie wollten, dass jemand starb? Aber wer? Und warum sagten sie es mir? Ich war doch gerade mal 12 Jahre alt! Sollte ich etwa jemanden töten? Mit dieser Erkenntnis wachte ich schweißgebadet neben meinem Bruder auf, der ebenso entsetzt war wie ich selber.

„Vanessa! Du bist wach!“, hauchte Chris erleichtert auf, als ich mich schwer atmend aufsetzte. „Ich-“, hob ich verwirrt an, aber beendete meinen Satz wieder. Die Kopfschmerzen kamen wieder nur stärker. „Vanessa?! Ich hole dir jetzt Medikamente, okay? Ich komme gleich wieder, ja?“, erklärte mein Bruder schnell und wollte aufstehen, aber ich zog ihn an seinem schwarzen Sweatshirt. „Nein… Lass mich nicht alleine…“, krächzte ich mit zusammen gekniffenen Augen. Die Worte hallten von meinen Eltern immer noch in mir nach. Rache! Töten! Rache! Töten! Aber wen?

Chris‘ Blick wurde weich und er streichelte meinen Kopf. „Ich lasse dich nicht alleine, ich gehe nur kurz Medikamente holen. Keine Sorge. Die Apotheke ist gleich um die Ecke. Ich gehe auch extra eine Abkürzung durch die Gasse!“, erklärte er sanft und ging aus meinem Zimmer. Gasse?

Nachdem die Wohnungstür mit einer schnellen Bewegung geschlossen wurde und die Schritte von Chris verklangen, wurde es ganz still und ich hörte nur noch mein schnelles, heftiges Atmen und meinen beschleunigten Herzschlag. Ich sah aus meinem Fenster und bemerkte, dass es in zwischen dunkel war. Es war Nacht…

Erschrocken erinnerte ich mich an das Gespräch von Ashley und Taya heute Mittag. Deshalb darf ich nach Sonnenuntergang auch nicht mehr raus, weil er nur nachts rumstreicht! Weil er nur in der Nacht herumstreicht! Und Taya wohnte nicht weit weg von mir! Könnte es sein, dass…

Ein markerschütternder Schrei beendete meinen Gedankengang. Er ging mir durch Mark und Bein und ich bekam Bauchschmerzen, als ich mir das schlimmste zusammenreimte. Der Schrei klang so, als gehörte er zu meinem Bruder! Oh nein…

Ich traute mich nicht, aus meinem Fenster zu sehen und wahrscheinlich auf die Wahrheit zu blicken, aber ich tat es trotzdem. Mein Magen krümmte sich, als ich es sah. Eine blutüberströmte Leiche lag vor der Gasse, die auf die andere Straßenseite führte. Und ein Mann stand daneben. Er hatte graue, lange Haare und so Penner-Klamotten an. Er leckte sich rotes Zeug von den Fingern… War das, das Blut der Leiche?

Ich erkannte die unverwechselbare Form meines Bruders an der Leiche. Nein… Mein Bruder…

Langsam weinte ich mich in mein Kissen und blendete kurz meine ganze Umgebung aus! Mein Bruder! Der Einzige, der von der Familie noch übrig war und auf mich aufpassen hätte können! Der wichtigste Mensch in meinem Leben! Weg! Einfach tot! Wieso nur? Wieso?!

Ich spürte, wie ich langsam durchdrehte. Mein Kopf tat so weh. Es schmerzte… Zuerst meine Eltern und dann meinen Bruder. Ich hielt meinen Kopf und drückte dagegen, um die Schmerzen zu verscheuchen, aber dadurch wurden sie nur noch stärker.

DING DONG!

Die Klingel der Wohnung weckte mich aus meinen Gedanken. Zitternd stand ich auf und wankte zur Tür um sie zu öffnen. Ich kümmerte mich nicht darum, ob es nun ein böser Mensch war oder ein lieber. Jetzt war es mir eh egal, ob ich starb oder nicht. Der wichtigste Mensch meines Lebens war gerade einfach ermordet wurden! Und ich hatte es sogar mitbekommen!!

„Hallo?“, begrüßte ich die Person heiser. Braune Haare, Bart, blaue Augen und blaue Uniform. Das war der Polizist, der mich und Chris auch besucht hatte, als Mama und Papa starben.

„Hallo, Vanessa…“, krächzte der Mann und kratzte sich am Kopf. Anscheinend war er unsicher, wie er erklären sollte, wieso er hier war.

„Sie sind hier…“ Ich schluckte. „…wegen meines Bruders?“ Der Polizist nickte und legte mir seine Hand auf die Schulter, um mich nach draußen zu führen. Sie war genauso muskulös wie die von Chris und Papa… Mir kamen die Tränen zurück.

„Dein Bruder, Chris Jagau, liegt draußen“, erklärte der Officer mitfühlend und öffnete die Tür, des Polizeiautos. „Du wirst jetzt erst einmal mit uns auf die Polizeistation kommen, okay? Wir müssen dir ein paar Fragen stellen und du wirst ein neues Zuhause bekommen.“

In seinen Worten klang alles so leicht, aber das war es nicht! Ich müsste schon wieder umziehen und wahrscheinlich würde ich in ein Waisenhaus ein geweißt werden! Und das Schlimmste war, ich hatte niemanden mehr, dem ich vertrauen konnte! Niemand, wo ich mir sicher war, das er mich liebte. Niemand, der sich um mich kümmerte! Niemand… Niemand der mich verstand…

Ich setzte mich ohne etwas zu sagen in das Auto und sah aus dem Fenster auf die Leichendecke, wo sich mein Bruder drunter befand. Das Blut floss über den Boden und mir wurde übel, als ich das riesige Messer neben ihm liegen sah.

Plötzlich überkam mich ein seltsames Gefühl und eine Stimme sagte, Rache! Töten! Rache! Töten!

Die Stimme wurde immer lauter und zwei weitere stiegen mit ein! Ich hielt mir den Kopf, da ich dadurch wieder Kopfschmerzen bekam. Sie wurden immer lauter und noch mehr sangen mit!

Dann endete dieser Todesgesang endlich und ich erblickte plötzlich drei Gestalten neben der Leiche stehen. Die ersten beiden kannte ich. Das waren Mama und Papa. Und der Dritte… Moment mal! Das war mein Bruder! Seine Klamotten waren zerfetzt und sein Körper blutüberströmt! Er blickte zuerst mit den glasigen, weißen Augen zu seiner Leiche und dann zu mir. Er schien traurig, ebenso wie Mama und Papa, die seinem Blick zu mir folgten. Ich musste noch mehr weinen, als ich die drei sah. Wieso mussten sie nur sterben?! Aber… wenigstens wusste ich jetzt, wer es war. Wer Mama und Papa umbrachte und wer Chris umbrachte! Die wichtigsten Menschen in meinem Leben…

Ich bemerkte, dass hinter den Dreien noch mehr von diesen verstümmelten Leichen standen und alle mit diesem Leeren Blick auf mich starrten. Das waren wohl noch mehr Opfer von diesem Bastard.

Die ganze Fahrt über musste ich jämmerlich Wimmern und ich versuchte mich krampfhaft in den Schlaf zu weinen, aber es klappte nicht. Ich konnte einfach nicht. Die ganzen Leichen und das ganze Blut! Die Bilder sickerten wie eine dickflüssige Masse in meinen Kopf und setzten sich da fest.

„Hey, Kleine.“ Die Stimme des Polizisten ließ mich zusammen fahren und ich sah von meinen Händen auf. „Wir sind da. Komm mit!“, befahl er sanft und nahm mich an die Hand, als ich ausstieg.

Wir setzten uns zusammen in einen Raum und warteten auf jemanden. „Jetzt kommt eine nette Dame, die dich sicher aufnehmen wird“, erklärte der Officer freundlich, der sich als John vorgestellt hatte.

„Ich komme in ein Waisenhaus, oder?“, erriet ich genervt und versteckte somit meinen Drang jetzt einfach los zu heulen.

John zog sich am Kragen und schluckte. „Naja… Ja. Tut mir leid, aber ich habe keine bessere Pflegefamilie auf die Schnelle für dich gefunden. Da ist es am besten und du lebst auch in der Nähe deiner Schule, was heißt du musst nicht so weit umziehen. Während wir hier auf die Leiterin des Hauses warten, holen meine Kollegen deine Sachen, die dorthin kommen, okay?“

Unmerklich nickte ich und stützte meinen Kopf in meine Hände. Ich hatte mich inzwischen beruhigt, aber meine Nase schniefte immer noch. Seufzend sah ich mich in dem Büro um und schloss meine Augen für einen kurzen Moment. Ich war so müde, aber ich konnte einfach nicht schlafen. Die Bilder kamen wieder zurück und ich fing wieder an zu zittern.

Die Tür hinter uns ging auf und eine kleine, zierliche Frau trat ein. Sie hatte braune Haare die zu einem Dutt zusammen gebunden waren und grüne, große Augen. Ihr Mund war mit rotem Lippenstift verziert, ebenso wie ihre Ohren mit hellgrünen Ohrringen, die zu ihren Augen passten. Sie trug ein weißes Kleid und weiße Schuhe dazu. Die Frau war sehr schön und erinnerte an einen Engel ohne Flügel.

„Hallo, meine Kleine“, begrüßte sie mich sanft und reichte mir eine zierliche Hand. Als ich sie seufzend annahm, fühlte ich nicht ihre Hand sondern die meiner Mutter! Erschrocken zog ich sie schnell wieder zurück. Kurz blitzte auch das Bild meiner Mutter auf, statt dieser Frau.

Mein Atmen beschleunigte sich entsetzt und ich kniff die Augen zusammen und versuchte an irgendetwas Schönes zu denken. Zögernd blinzelte ich und ich blickte Gott sei Dank in die netten Augen der Frau und nicht die kalten, leeren Augen meiner toten Mutter.

„Nun, meine Kleine“, hob die Frau an und setzte sich vor mich und John. „Mein Name ist Miran. Ich bin die Leiterin des Waisenhaues. Keine Sorge, die Kinder da sind alle nett. Du wirst dich sicher mit ihnen schnell anfreunden. Aber genug von mir. Stell dich doch mal vor!“

„I-Ich bin V-Vanessa… 12 Jahre…“, stammelte ich schüchtern, weil ich nicht wusste, was sie wissen wollte. „Was sind denn so deine Hobbys?“, ermutigte Miran mich freundlich. „L-Lesen und Malen…“ „Und was ist dein Lieblingstier?“ „Katze“ Sie fragte mich noch mehr andere persönliche Fragen und notierte sich das alles auf einem Notizzettel.

„Danke für die Beantwortung der Fragen. Jetzt würde ich sagen, gehen wir doch direkt mal zu deinem neuen Zuhause. Herr Polizist,“ Sie wandte sich an John. „Ich werde sie nun nach Hause führen. Komm mit, Vanessa.“ Freundlich reichte sie mir wieder die Hand und führte mich zu ihrem Auto. Ein schwarzes Cabrio. Sie öffnete das Auto und bedeutete mir, dass ich mich hinein setzen sollte. Miran setzte sich ebenfalls hinein und fuhr los.

Als wir da waren, zeigte sie mir kurz die Umgebung und brachte mich in mein Zimmer, wo ich mich einräumen konnte. Raum 13. Das Haus war groß, wie eine Villa und alle 30 Kinder hatten anscheinend ein eigenes Zimmer.

Müde räumte ich meine Umzugskisten erneut aus und sah nach einiger Zeit aus dem Fenster, weil ich ein seltsames Geräusch gehört hatte. Ein Knurren oder ein Röcheln eher gesagt. Wahrscheinlich war es nur ein Tier oder so. Der Wald war auf der Rückseite der Villa und ich erblickte in den Büschen ein paar leuchtende Kugeln. Was war das denn? Moment mal… Das waren keine leuchtenden Kugeln, das waren wieder diese Augen! Unteranderem auch die Augen meiner drei Familienmitglieder. „Warum verfolgt ihr mich?! Ich kann nichts dafür!!“, schrie ich panisch und viel auf meine Knie! Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen und wimmerte: „Ich kann nichts dafür! Ich war das nicht! Der Mann war das! Nicht ich! Bitte! Lasst mich doch einfach in Ruhe!“

„Vanessa? Ist alles okay?“ Miran trat in mein Zimmer und legte ihre zitternde Hand auf meine Schulter, als sie mich am Boden sah.

„Am besten ruhst du dich-“ Ich unterbrach sie. Mein Körper zuckte, als hätte ich eine psychische Störung oder so. Meine Stimme bebte und ein Lächeln zierte plötzlich meine Lippen. Ich wusste nicht wie mir geschah! Ich konnte kurz nicht richtig nachdenken… „Hahaha. I-Ich muss mich nicht ausruhen!“ Schwer atmend stand ich auf und wankte an Miran vorbei. Ohne auf die Rufe von ihr zu achten, beschleunigte ich plötzlich meine Schritte und ich rannte aus dem Haus. Ich wusste nicht wohin, ich wusste nicht warum. Ich wusste nur, dass ich wegrannte!

Als ich an einer Gasse angekommen war, knallte ich gegen einen Mann. Er hatte graue, lange Haare und Penner-klamotten trug er. Moment mal! Das war der Penner, der meine Familie getötet hatte! Mit angsterfüllten Augen sah ich ihn an, wie er ein Messer aus seiner Tasche hob. Der Angstschweiß von mir tropfte auf den Boden und ich weichte etwas zurück.

„E-Entschuldigung…“, krächzte ich heiser und versuchte noch mehr zurück zu weichen, aber da war eine Wand im Weg. Der Mann knurrte mit rauer Stimme: „Es gibt keine Entschuldigung! Es gibt nur Strafen!“

Die psychopatische Lache des Mannes machte mir Angst und ein Schmerz durchzuckte mein linkes Bein. Er rammte mir gerade sein Messer in das Bein. Und jetzt kam derselbe Schmerz zu meinem rechten Arm. Mein Bauch wurde auch nicht verschont, denn er fuhr da einmal quer drüber. Allerdings war der Kratzer nicht tief nur lang. Dann machte er sich an meinen Kopf. Zuerst wurde einen Strich über mein linkes Auge gezogen und dann schlug er ein paarmal mit der Faust auf mein rechtes. Er schlug und trat mich solange, bis ich Blut spuckte. Auf meinem Rechten Auge sah ich jetzt gar nichts mehr und mein linkes tat höllisch weh. Mit einem roten Schleier in den Augen starrte ich einfach nur ins Nichts und ich dachte schon, jetzt wäre es vorbei, als der Mann ausholte und das Messer meine rechte Kopfseite streifte.

Anscheinend dachte er, er hätte meinen Kopf getroffen, denn das Arschgesicht lachte zufrieden. Dann nahm er mich am Hals, sodass ich beinah keine Luft mehr bekam. Mit halbgeschlossenen Augen sah ich ihn an, da ich mich nicht mehr richtig wach halten konnte. Ich rang nach Luft, aber sein Griff drückte mir die Luft aus den Lungen. Der Penner gackerte mich gestört an und warf mich wieder zurück auf den Boden. Sein Atem roch nach Alkohol und Rauch. Mir wurde schlecht von dem Geruch. Ich hörte wie er lachend durchs Wasser wegpatschte. Hatte es angefangen zu regnen? Das hatte ich gar nicht mitbekommen…

Aber jetzt hörte ich das Plätschern des Regens auch. Nun würde ich wohl sterben oder? Genau wie meine Eltern und mein Bruder...?

Aber irgendwie spürte ich nach einiger Zeit keine Schmerzen mehr…

Mit leerem Blick setzte Ich mich auf und sah mich an. Ich war voller Blut und meine Klamotten waren zerrissen. Schwer stand ich auf und lehnte mich an eine Mauer. Meine rot-blonden Locken hingen schlapp herunter, da ich durch den Regen nass geworden war und meine Haut wurde etwas bleicher.

Plötzlich standen die Figuren meiner toten Familie wieder vor mir. Meine Mutter hob das Messer auf, womit ich angegriffen wurde und drückte es mir in die Hand. Es war groß und voller Blut.

„Rache! Töten! Rache! Töten!“, röchelte sie im Chor mit Papa und Chris. „Nein! Ich kann das nicht… Ich kann nicht… nicht…“ Ich brach ab. Mein Atem wurde schwerer und ich brach vor einer Pfütze zusammen, als ich mich ansah. Irgendetwas zerplatzte in meinem Kopf, als ich mein Spiegelbild musterte. Meine rechte Gesichtshälfte war voller Blut und in meinem Auge waren mehrere Stiche von dem Messer. Auf diesem sah ich jetzt nichts mehr und mein linkes Auge hatte einen langen Kratzer, der sich von den Augenbrauen zu meinem Mundwinkel zog. Der Augapfel an sich war nicht betroffen, weshalb ich wenigstens noch etwas auf dem Auge erkannte. Aus meinem Mund tropfte Blut in die Pfütze, in der ich mich betrachtete.

„Rache… Töten…“, war das, was ich von mir gab. „Rache! Töten!“, rief ich nun ein bisschen lauter und ich blickte auf das Messer und dann zu meiner Familie, die allerdings schon wieder verschwunden war. Rache! Töten!!

Das einzige, was ich wollte war Rache! Für meine Familie! Für mich! Für alle, die durch diesen Gestörten sterben mussten!

Mit einer Energie, die ich mir nie zugetraut hätte, rannte ich hinter dem Arschkriecher her und rammte ihm heimtückisch das Messer in den Rücken, als ich ihn in einer weiteren Gasse entdeckte. Er drehte sich erschrocken um und wollte mich abwehren, aber ich war schneller. Das Messer landete direkt in seinem Herzen. Langsam sank er zu Boden und kotzte Blut aus. Ich zog ihm das Messer wieder aus der Brust und steckte es an meinen Gürtel. Das Blut von ihm lief entlang meines Beines, aber das störte mich nicht weiter, als ich ihn sah.

Es machte mich glücklich, den Bastard verbluten zu sehen und ein gestörtes Lächeln zierte meinen Mund. Aber bevor er ins Gras biss, wollte ich ihm noch eine Nachricht geben. Ich nahm ihn am Kragen und flüsterte lächelnd: „Das ist meine Rache! Die Rache meiner Eltern! Die Rache, von deinen Opfern. Und jetzt? Jetzt stirb du Bastard!“

Ich warf ihn in die Pfütze aus Blut zurück und richtete mich auf. Eine Zeit lang stand ich einfach nur mit einem Grinsen im Gesicht da und beobachtete wie der Penner langsam verreckte. Es war ein wundervolles Geräusch, ihn so nach Luft röcheln zu hören und ihn so zu sehen, wie er an den letzten Striemen seines Lebens griff. Aber er wusste, dass es zu spät war. In der Ferne hörte ich die Polizeisirenen und das war ein Zeichen dafür, jetzt abzuhauen.

Schade, dass ich den Tod von ihm nicht mehr mitbekommen hatte. Aber das war nicht schlimm. Bei meinem nächsten Opfer hatte ich sicher mehr Zeit…

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki