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Seitdem ich denken kann, bin ich auf Reisen. Nie verweile ich lange an einem Ort. Deshalb kenne ich zwar etliche Menschen verschiedenster Kulturen, von denen charakterlich Keine oder Keiner dem anderen gleicht, allerdings habe ich nie „tiefere“ Beziehungen gehabt noch Freundschaften fürs Leben geschlossen.

Ich hatte bloß immer meinen Bruder. Früher reiste ich in einem bunt bemalten Wohnmobil. Mein Onkel hatte es mit grinsenden Clowns und Luftballons in allen Farben bemalt, die ich damals aufzählen konnte.

Mit einer kleinen Karawane von Wohnmobilen fuhr der Wanderzirkus meiner Familie damals durch ganz Amerika.

„An Bord“ waren mein Vater, mein Bruder, meine Tante und mein Onkel, meine Cousins und Cousinen, mein Großvater und die Tiere. 7 Hunde, 3 Ponys und 2 Schimpansen.

Das Leben in einem Zirkus gefiel mir, soweit ich denken kann, nie.

Mein Vater trat jeden Abend als Clown auf. Sein Gesicht war komplett weiß geschminkt. Er trug eine rote Clownsnase und bunte Klamotten aus Leine. Die Aufgabe meines Bruders, er ist zwei Jahre jünger als ich, und mir war es immer, eine Person aus dem Publikum zu suchen und diese unter tosendem Applaus in die Manege zu führen.

Diese Person war entweder total freudig gespannt darauf, was sie erwartete, oder fühlte sich geehrt, von dem kleinen Jungen mit den strohblonden Haaren unter den etlichen Zuschauer auserwählt worden zu sein. Vielleicht war sie auch ein wenig aufgeregt im Mittelpunkt einer Zirkusvorstellung zu stehen.

Allerdings reagierten sie nie, wie es logisch gewesen wäre, wenn sie gewusst hätten, was sie eigentlich erwartete.

Sie hätten Todesangst gehabt.

An jedem einzelnen Abend, wenn wir eine Vorstellung hatten, kurz vor unserem Auftritt, nahm unser Vater meinen Bruder und mich beiseite. Er ging dann in die Hocke, sodass er auf Augenhöhe zu uns war.

Jedes Mal starrte ich in diesen Momenten in seine purpurroten Pupillen, die sich so drastisch von dem Weiß seines Augapfels abhoben. Er legte seine großen, massigen Hände auf je eine Schulter von meinem Bruder und mir und sah uns konzentriert an.

Mit seiner tiefen Stimme, an deren Gedanke ich heute noch eine Gänsehaut bekomme, sagte er zu uns: „Vergesst nicht während der ganzen Nummer eure Blicke durchs Publikum wandern zu lassen und nach der Frau zu suchen, die am meisten nach euren Mutter aussieht. Wenn ich euch dann sage, eine Person unter den Zuschauern auszuwählen, die mir bei meiner Nummer assistieren darf, geht ihr zu genau dieser Frau und lächelt sie freundlich an.

Dann nimmt einer von euch sie bei der Hand und bittet sie, euch in die Manege zu folgen. Die Frauen werden nicht immer gleich aussehen. Die eine wird eine knolligere Nase haben und die andere eine hässliche Jacke tragen. Aber sie werden immer eines gemeinsam haben: Eurer Mutter ähnlich sehen. Habt ihr verstanden?“

An dem Punkt nickten mein Bruder und ich immer eifrig. Wir fanden das nicht sonderbar. Es war ein Ritual. Ein Familienritual.

Rückblickend frage ich mich, warum ich das als normal betrachtet habe und nicht misstrauisch war, besonders nach den Nachrichten, welche danach in den Zeitungen standen.

Oft kamen örtliche Polizeibeamten früh am Morgen auf das Gelände unseres Zirkus‘ und fragten nach dem Zirkusdirektor, meinem Großvater.

Daraufhin befragten sie alle Erwachsenen, darunter auch meinen Vater. Von diesem waren die Polizisten immer am meisten verwundert.

Er saß immer vor seinem Wohnwagen (seiner war der Einzige unbemalte) auf einem alten Campingstuhl aus weißem Plastik, welcher sich unter seinem Gewicht bereits verbogen hatte. Die morgendliche Sonne, nach welcher er seinen Sitzplatz immer ausrichtete, hatte seine Schminke zum verlaufen gebracht. Seine Augen wirkten noch kleiner wegen der schwarzen Schminke mit der er sie bemalt hatte.

Die rote Farbe um seinem Mund war verblasst und bis auf seine fleischigen Wangen verschmiert.

Lediglich die lockige, rote Perücke aus billiger Kunstfaser lag neben ihm auf dem Gras. Deshalb sah man auch seine fettigen, zurückgekämmten braunen Haare, dessen Ungepflegtheit er bei den abendlichen Auftritten immer verstecken konnte.

Die Polizisten, eigentlich für gewöhnlich zu zweit und meistens männlich, fragten meinen Vater jedes Mal, warum er noch geschminkt war. Dieser grinste sie nur breit an und bleckte dabei seine gelblichen, spitzen Zähne.

„Ist das verboten in ihrer Stadt? Wollen Sie mich deshalb verhaften?“, fragte er immer. Die Polizisten verneinten das dann leicht genervt und blickten zu meinem Bruder und mir.

Wir saßen immer auf dem plattgedrückten Rasen und spielten mit kleinen Soldaten aus Zinn, was heutzutage vermutlich kein Kleinkind mehr interessieren würde.

Mein Vater schickte uns dann mit einem Kopfnicken weg und. Von diesem Zeitpunkt an wussten wir nicht mehr, was diese Polizisten wollten.

Das änderte sich, als ich um die 12 Jahre alt war ,und es das erste Mal geschafft hatte, mit meinem kleinen Bruder abzuhauen und einen Ausflug in die Stadt zu machen.

Wir bewunderten gerade die tollen Läden und Schaufenster, als mein Bruder auf einen Zeitungsständer zeigte, in welchem die Tageszeitung ausgestellt wurde.

Unser Onkel hatte meinem Bruder und mir seit einigen Monaten angefangen heimlich lesen beizubringen, obwohl mein Vater uns das verboten hatte.

Zum Glück konnten wir gerade so entziffern, was mit großen Buchstaben auf der Titelseite stand.

 

„Tochter des Bürgermeisters verschwindet spurlos nach Zirkusbesuch“

 

Darunter war ein großes Bild von einer hübschen, strahlenden Frau mit blondem Haar.

Mein Bruder und ich sahen uns erstaunt an, denn wir erkannten sie beide wieder. Es war genau dieselbe Frau, die wir aus dem Publikum ausgewählt und mit in die Manege geführt hatten.

Seit diesem Tag wuchs unsere Angst vor unserem Vater immer weiter. Was unsere Furcht auch nicht verringerte, war die Tatsache, dass mein Vater schon bald nur noch in seinem vollen Clownskostüm, sowie mit der Schminke im Gesicht herumlief und nicht einmal an den wärmsten Sommertagen seine Perücke abnahm.

Das Einzige, was er für die Vorstellung veränderte, waren seine weißen Handschuhe, denn jeden Morgen waren sie rot und so konnte er abends unmöglich auftreten.

Wir wussten allerdings nicht, was wir hätten tun sollen, da keiner unserer Verwandten misstrauisch zu sein schien.

Wir spielten das Spiel also mit.

Als ich dann sechzehn Jahre alt war, bekam mein Bruder eine schlimme Grippe und meine Tante schickte mich mit ihm in ein nahgelegenes Krankenhaus. Dort blieben wir eine Woche alleine, bis mein Bruder wieder gesund war und aus dem Bett ohne fremde Hilfe aufstehen konnte.

Als es Zeit wurde, sich wieder dem Zirkus anzuschließen und das Krankenhaus zu verlassen, weinte mein Bruder und das war schwer für mich anzusehen. Vor allem weil ich genauso wenig zurück wollte.

Ich hatte genug davon, diese Frauen auszuwählen und von meinem gewalttätigen Vater ebenso. Wir beschlossen, abzuhauen und uns selber durchzuschlagen.

Tatsächlich schafften wir es, zu überleben. Auch wenn es in manchen kalten Nächten auf der Straße und mit wenig Essen sehr anstrengend wurde. Wir wurden beide um Einiges dünner und blass im Gesicht, aber das wurde besser, als ich einen regelmäßigen Job als Kellner in einem kleinen Diner fand.

Soweit wir das wussten, suchte niemand nach uns und der Chef des Diners hatte selbst so viel Dreck am Stecken, dass er mich schwarz einstellte.

Wir lebten dann lange in einer kleine Wohnung in einer Kleinstadt im Bundesstaat Louisiana. Schon bald konnte mein Bruder auch anfangen in dem Restaurant zu arbeiten und wir konnten uns mehr zu essen kaufen.

So lebten wir ein einfaches Leben und wenn wir einmal die Lust an unserem Wohnort verloren, zogen wir weiter.

Doch mit den Jahren, wurde die Last des schlechten Gewissens bei meinem Bruder immer schwerer.

Er begann, Zeitungsausschnitte zu sammeln, welche auf vermisste Frauen hinwiesen und klebte sie an die Wand seines Zimmers.

Wenn er als Kellner an der Bar eines Restaurants arbeitete, sprach er immer mit den Gästen über die Frauen, die verschwunden waren.

Doch meistens ließ er die Gäste dann nicht in Ruhe und fragte sie aus, ob sie diese und jene Frau gesehen hätten oder ob ihre Schwester, Frau oder Tochter nicht auch verschwunden sei.

Unser Chef beschwerte sich bald bei mir, dass die Kunden verängstigt seien, doch ich wusste bereits, dass ich meinem Bruder nicht mehr helfen konnte. Ich hatte lediglich schlimme Alpträume, in denen ich meinen Vater mit seiner dunklen Stimme reden hören konnte und nach einer langen Schicht bildete ich mir oft ein, in einer dunklen Gasse ein rotleuchtendes Augenpaar zu sehen.

Doch ansonsten versuchte ich, vor allem zu vergessen. Denn ich musste, wie ich es schon immer gewesen bin, für meinen kleinen Bruder stark sein.

Der Zustand von meinem Bruder verschlechterte sich schnell und er wurde daraufhin von seinem Job entlassen.

Damit wir trotzdem genug Geld zum Überleben hatten, arbeitete ich mehrere Schichten hintereinander.

Ich ließ meinen Bruder ungern alleine, vor allem weil er viel Zeit in seinem Zimmer verbrachte und einfach nur seine Wände anstarrte, an denen beinahe kein Fleck ohne ein Zeitungsausschnitt war.

So vergingen mehr als vierzig Jahre und der mentale Zustand meines Bruders ging auf und ab. Allerdings war er im Kern immer noch der Mensch, den ich kannte. Klar, sensibel und intelligent.

Er war vielleicht bloß noch ein wenig eigenartig, weil sein einziger Tagesinhalt darin bestand, in den örtlichen Tageszeitungen zu recherchieren (noch nicht Jeder benutze damals täglich Internet!).

Wir zogen alle paar Monate weiter und jedes Mal packte mein Bruder die Zeitungsartikel sorgfältig in eine Kiste und brachte sie in seinem neuen Zimmer wieder an der Wand an.

Als mein Bruder 52 Jahre alt war, wurde er sehr krank. Er hatte eine schlimme Lungenentzündung und musste viele Wochen im Bett verbringen.

Auch nach einiger Zeit verbesserte sich sein Zustand nicht und die Ärzte erklärten mir, dass er die Nacht nicht überstehen würde.

In jener Nacht saß ich am Bett meines Bruders bis seine flatternden Lider ruhten und der Griff seiner knochigen Hand nachließ und weinte stundenlang.

Am nächsten Morgen, die Leiche meines Bruders war gerade abgeholt wurden, begann ich gerade, die Zeitungsausschnitte von der Wand zu nehmen, als mir ein weißer Umschlag in Auge fiel der in Mitten der Zeitungsauschnitte klebte.

Auf dem Umschlag stand in der Schrift meines Bruders mein Name.

Rasch löste ich ihn von der Wand und las den Brief, der sorgfältig gefaltet im Umschlag gewesen war.

„Mein lieber Bruder und einziger, teuerster  Freund,

 

wenn du das hier liest, bin ich meiner Krankheit gewiss erlegen, weil das ist, denke ich, der einzige Grund für dich, diese Wände genauer zu betrachten.

Wenn du rechts von der Tür einen Zeitstrahl bis auf die andere Seite der Tür ziehst, wirst du sehen, woran ich die letzten Jahre „gearbeitet“ habe.

Versuche bitte dich so gut wie möglich an all die Städte zu erinnern, in denen wir gewohnt haben und an die Zeit in der wir dort waren.

Die Zeitungsausschnitte beweisen es: Er ist uns gefolgt.

In jeder Stadt, in der wir jemals waren, verschwand eine Frau, die unserer Mutter sehr ähnlich sieht. Ich weiß, dass du mich für verrückt halten wirst aber bitte bleib vorsichtig.

Ich habe dich unendlich lieb und bin dir dankbar für alles!

 

Dein Bruder.  

 

Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich meinem Bruder nicht wirklich, ging schon bald wieder normal zur Arbeit und versuchte, mit der Trauer um meinen Bruder weiter zu leben.

Eines Abends kam ich nach Hause, war total erledigt nach einer langen Schicht und beschloss eine Dusche zu nehmen.

Als ich fertig war, zog ich den weißen Duschvorhang zur Seite und blickte in den Badezimmerspiegel.

Mir schien vor Schreck das Blut in den Adern zu gefrieren und ich konnte mich nicht von der Stelle rühren.

Dort wo ich eigentlich meine Nase in dem Spiegel sehen sollte, sah ich eine rote Clownsnase aus Schaumstoff, die auf der Oberfläche des Spiegels klebte.

Darüber stand mit blutroten, verlaufenen Buchstaben:

In Liebe,

 

Dein Vater.

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