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Was ist die Steigerungsform von Rennen? Egal, genau diese Geschwindigkeit versuche ich gerade zu erreichen, denn ich komme mir immer noch zu langsam vor!

Eigentlich hatte sich in den letzten Tagen alles zum Guten gewendet. Meine große Liebe hat sich endlich doch für mich entschieden. Sie war im Bett so wild, dass es sogar noch meiner Seele den Atem verschlug. Die Beförderung war unter Dach und Fach und damit war ich zum neuen CFO des größten Immobilienentwicklers des Landes aufgestiegen. Ich musste mich in Zukunft wohl anstrengen, um nur ein 6-stelliges Jahresgehalt einzufahren. Trotzdem war die letzte Zeit auch von viel Stress überschattet. Also entschied ich mich dazu, eine einsame Berghütte in den Alpen zu mieten. Die Abgeschiedenheit sollte mir helfen, zu meinem neuen erfolgreichen Selbst zu finden.


Noch vor wenigen Minuten saß ich auf der Veranda der luxuriösen Holzhütte. Als es langsam dunkel wurde, schaute ich, in Gedanken versunken, den steilen Hang vor mir hinab. Doch da blitzte in den letzten Sonnenstrahlen eine Gestalt auf, die sich langsam meiner Ruhestätte näherte. Noch befand sie sich weit entfernt, doch je mehr ich mich auf die Umrisse konzentrierte, desto mehr schien sich ihr Schritt, ein Bein schlürfend hinterher ziehend, zu beschleunigen. Ich schüttelte meinen Kopf, um diese offensichtliche Illusion loszuwerden. Doch es half nichts. Unbeirrt erklomm das Wesen den Hang mit nur einem Ziel vor Augen: meinem Frieden!


„Na warte, Freundchen!“, weichte der erste Schreck dem Mut, welcher mich zu meinen Erfolgen führte. Ich stürmte in die Hütte, schnappte mir einen Besenstiel und stampfte entschlossenen Schrittes dem Störenfried meiner wohlverdienten Ruhe entgegen. Doch je näher ich kam, desto lockerer wurde der Griff um meine Waffe und desto weicher wurden meine Knie. Es konnte sich bei dem Eindringling um keinen Menschen handeln. Die grundsätzlichen Formen mit einem Kopf, Rumpf, Armen und Beinen stimmten zwar, aber sonst auch gar nichts. Der ganze Körper des Wesens war von riesigen Eiterbeulen übersät und Tentakeln durchstießen diese Ansammlungen aus Ekel von Innen heraus, sodass klebrige Flüssigkeit überall an dem Geschöpf heruntertropfte und bei jedem Aufplatzen in alle Richtung spritzte. In der Abenddämmerung war kein Gesicht zu erkennen, aber die Silhouetten der Tentakeln tanzten wild, an praktisch jeder Körperstelle, im letzten Licht des Tages. „Vielleicht des letzten Tages, den diese Welt je zu sehen bekommt“, war meine unwillkürliche Assoziation.


Als sich mein Gehirn scheinbar in Aufgabe dieser unmöglichen Situation verabschieden wollte, schlug mir plötzlich der Gestank des Geschöpfes entgegen. Ein madig süßlicher Geruch, der in meinen Atemwegen plötzlich den unvergesslich brennenden Nachgeschmack von Batteriesäure annahm. Dieser Schmerz versetzte mich in eine ungekannte Rage. Ich stürmte auf diese Missgeburt zu und begann auf sie einzuschlagen, als ob ich den Teufel selbst in die Hölle zurückprügeln wollte. Zu meiner Überraschung ging das ekelhafte Wesen schnell in die Knie. Ich begann noch weiter zu treten, bis nur mehr eitriger Matsch in die Erde sickerte.


Schwer außer Atem, aber ein wenig beruhigt, trat ich den Rückweg zu meiner Berghütte an. Als die ersten Fragen in mir auftauchten, was da eigentlich passiert sei, erstarrte ich von Neuem. Das Monster kroch, nein schleimte sich regelrecht unter meiner zuvor so gemütlichen Veranda hervor. Eitrig gelbe Augen blickten mich tot an. Nein, so tot waren diese Augen gar nicht – es rührte und schlängelte sich etwas Schwarzes dahinter. Auch diese Tentakeln durchbrachen ihren eitrigen Kokon-– brennender Schleim spritzte auf meine Haut, die Tentakeln aus den Augenhöhlen versuchten mich zu fassen. Ich begann zu rennen!


Und da bin ich nun. Ich hab mir meine Seele aus dem Leib gerannt. Ständig kriecht dieses Monster aus dem nächsten Gebüsch hervor, erscheint hinter der letzten Abbiegung. Ich kann es nicht abschütteln. Wenn ich doch nur schneller rennen könnte. Nichts ergibt mehr Sinn. Was passiert hier? Da poppt in meinem Kopf plötzlich ein rettender Gedanke, wie ein strahlender Anker, auf: „Nichts kann mich kriegen, wenn ich mich selbst erwische!“ Ich sehe einen umgestürzten Baum, dessen einer Ast sich mir wie ein rettender Pfahl durchs Herz entgegenstreckt. Ich laufe darauf zu und stürze mich mit einem kraftvollen Sprung hinein. „Endlich frei!“ Doch, um mich auch bei meinem letzten Atemzug zu verhöhnen, erscheint erneut das Monster vor mir. Hinter dem Baumstamm hervor richtet es sich, langsam in mein Sichtfeld hinein,  auf. Die Tentakeln beruhigen und verziehen sich wieder in das Innere des Körpers. Langsam nimmt das Wesen mehr Gestalt an und das überlegene Lächeln in seinem Gesicht verwandelt sich schnell in ein schallendes Lachen. Ich erkenne plötzlich meinen ehemaligen Arbeitskollegen, dessen Ehefrau nun meine Geliebte ist, den ich in den Selbstmord getrieben habe und dessen Position ich nun in der Firma besaß. Mein letzter Gedanke war wohl fast richtig: „Nichts kann mich kriegen, aber unser Gewissen erwischt uns am Ende doch!“

Autor: Patrick Berger

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