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Mein Blick bestand aus verschwommener Farbe. Graue Abstufungen flossen über meine Augen und ich versuchte verzweifelt, etwas zu erkennen, doch es wollte sich einfach nichts manifestieren. Ein stummer Schrei kam über meine Lippen und verängstigt stellte ich fest, dass ich mich nicht bewegen konnte. Schatten huschten an mir vorüber und alles wirkte wie in einem Zeitraffer. Ich fühlte mich verloren. Es schien, als hätte ich keinen Körper, als wäre ich gar nicht in dieser grauen Masse. Immer mehr Schatten schwebten durch die graue Masse, liefen mitten durch mich hindurch und tanzten in meinem Blickfeld umher. Sie schienen mich zu verhöhnen.

Zeit verging und ich spürte, wie sich etwas veränderte. Ich fühlte wie ich alterte, schrecklich schnell und plötzlich. Schmerz zog von meinen Knochen in mein Fleisch und ich spürte, wie mein Atem rasselte. Als wäre ich auf einen Schlag um siebzig Jahre gealtert. Die Schatten sprachen zu mir, ihre Stimmen verzogen und gedämpft, ihre Worte ergaben für mich keinerlei Sinn. Doch aus irgendeinem Grund sprach ich und bewegte mich, ohne, dass ich es eigentlich wollte. Ich lief durch die langen, fast endlosen Gänge, starrte ziellos vor mich hin und folgte einfach dem Schatten, der die ganze Zeit mit mir zu sprechen schien. Verwirrung und das Gefühl hilflos zu sein überkamen mich und ich begriff, dass ich nur ein Beobachter sein würde. Ich fügte mich der Situation.

Das triste Grau wandelte sich in strahlendes, fast schon blendendes Weiß. Ich hatte den Gang verlassen und war alleine, ohne den stetigen Schattenbegleiter, in das kleine Zimmer gegangen. In dem Moment, in dem ich die Gestalt erblickte, die kauernd auf dem Bett saß, verschärfte sich mein Blick und ich erkannte endlich mehr.

Das kleine Mädchen weinte, wippte immer wieder nach vorne und hinten und flüsterte unverständliche Worte vor sich hin. Ihre kurzgeschorenen blonden Haare zeigten einige rote Stellen an ihrem Kopf, so als hätte sie sich die Büschel selbst herausgerissen. An ihren nackten Armen waren tiefe Bissspuren und Kratzer, die man auch an ihrem Hals erkennen konnte. Meine Arme griffen nach ihr, hielten sie fest, mein Mund rief Worte und sofort stürmten Schatten in das helle Weiß des Raumes. Eine unnatürliche Dunkelheit legte sich über das Mädchen und sie wurde fest in ihr Laken gedrückt. Mein Körper nahm eine Spritze entgegen, die mit blutroter Flüssigkeit gefüllt war, und stach die Nadel tief in ihren Hals. Die Kleine schrie vor Schmerzen und wurde im nächsten Augenblick vollkommen ruhig. Die Schatten ließen von ihr ab und verschwanden aus dem hellen Licht. Bewegungslos starrte das Mädchen an die Decke und atmete flach. Mein Körper sprach einige Worte zu ihr, bekam keine Reaktion und verließ ihr Zimmer wieder. Ich hätte ihr so gerne geholfen, doch ich konnte absolut nichts kontrollieren.

Auf dem grauen Gang kamen mir Schatten entgegen, doch wandelten auch hellblaue Geister unter ihnen, die gestochen scharf wirkten. Mein Körper stockte und ich selbst war einfach nur geschockt. Dort liefen meine Freunde, starrte starr vor sich hin und gingen orientierungslos umher. Ich wollte rufen, winken, irgendetwas tun, damit sie auf mich aufmerksam wurden, doch nichts geschah. Mein Körper räusperte sich und ging weiter den Flur entlang, vorbei an den abwesenden Geistern. Er ignorierte sie einfach, so als ob er sie immer sehen könnte. Ich versuchte ein letztes Mal zu schreien, rief ihre Namen, doch kein Ton wollte über meine Lippen kommen. Ich wollte weinen, dich selbst das konnte ich in meinem Zustand nicht tun. Es war ein Gefängnis.

Unbeschreiblich langsam schloss ich meine Lider und bemerkte erst in diesem Augenblick, dass ich bisher nicht geblinzelt hatte. Die Dunkelheit schien eine Ewigkeit anzuhalten. Ich öffnete meine Augen endlich wieder und sah erneut den trostlosen, grauen Schleier. Doch etwas war anders. Mir war unglaublich kalt, doch die Kälte schien nicht von diesem Ort zu kommen. Ich selbst war es. Ich strahlte diese Kälte aus und verursachte damit, dass die tanzenden Schatten mir nicht zu nahe kamen. Es wirkte, als wäre das Grau noch ein Stück weiter verlaufen und die Schatten einfach nur längliche, schwarze Flecken, die sich bewegten. Ich erkannte keine wirkliche Formen mehr, das einzige, was scharf war, war der alte Mann vor mir. Er sah mich direkt an, schluckte seine Angst hinunter und widmete sich wieder seiner Arbeit. Ich wollte ihm folgen, stellte aber schockiert fest, dass ich einer der hellblauen Geister geworden war. Ich schwebte. Unsicher befahl ich meinem neuen Körper sich zu bewegen und er tat es.

Ich folgte dem alten Doktor bei seinen Besuchen und immer betäubte er die Menschen, anstatt ihnen zu helfen. Er wollte sie nur ruhig stellen. Wut flammte in mir auf und ich wollte etwas tun, doch ich konnte nicht. Als ich nach einem Mädchen griff um sie zu trösten, ging meine Hand nur durch sie hindurch und sie fing an zu frösteln. Also ließ ich es lieber bleiben. Ich wusste nicht einmal, wieso ich dem Mann folgte oder wieso ich hier war, aber etwas anderes blieb mir nicht wirklich übrig. In der grauen Farbmasse konnte man einfach keine Tür erkennen. Die Stunden schienen zu vergehen, die Geister schwebten sinnlos in den Fluren umher und der Arzt schien seine Arbeit zu beenden. Ich folgte ihm in den kleinen Raum, der wohl sein Büro sein sollte.

Schlicht eingerichtet, fast schon kalt und unpersönlich. Einzig die riesigen Aktenstapel auf Schreibtisch und neben dem Schrank zeigten, dass dieser Raum tatsächlich benutzt wurde. Müde saß der Mann auf seinem Stuhl und blätterte lustlos in einer alten Akte. Er wirkte einsam und verletzt, so wie er da saß und vor sich hin grübelte. Ich schwebte näher heran und mein Blick fiel auf das vergilbte Foto der Akte.

Das war ich. Die Fotografie war etwas verschwommen, doch die kurzen, roten Haare und meinen athletischen Körperbau konnte ich eindeutig erkennen. Meine freundlichen, hellbraunen Augen schauten den Betrachter des Fotos direkt an. Ich verstand nicht, wie das sein konnte. Ich war nie in einer Psychiatrie. Der Schock traf mich unvorbereitet und zerrte an mir. Ich verließ augenblicklich den kalten Geisterkörper, wurde von diesem merkwürdigen Ort fortgeholt und ließ meine erinnerungslosen Freunde zurück. Ein hoher Schrei löste sich aus meiner Kehle und alles um mich herum wurde Schwarz.

Heftige Kopfschmerzen pulsierten durch meine Adern, meine Finger juckten und meine Beine schienen taub zu sein. Ich holte tief Luft und versuchte mich aufzusetzen und mich zu erinnern. Wir waren zu siebt, hatten gemeinsam im großen Baumhaus zu Mittag gegessen und ein paar hatten Alkohol dabei. Wir wollten die alte Psychiatrie erkundschaften, Geister suchen und den aberwitzigen Mist, den man betrunken halt so macht. Aber was war dann passiert? Ich stütze mich ab, hustete und spuckte das Essen, welches nur noch ein undefinierbarer Brei in meinem Mund war, aus.

Mir fielen die Geister ein, die die Gesichter meiner Freunde trugen und ich versuchte meinen Blick zu fokussieren. Die Farben waren intensiver, blendeten mich beinahe und mein Blickfeld wollte sich einfach nicht normalisieren. Ich erkannte nichts, nur Schemen, die mich viel zu sehr an die Schatten erinnerten. Es verging eine Ewigkeit, bis ich endlich wieder richtig sehen konnte und die Intensität der Farben ein wenig abnahm. Meine Freunde lagen auf dem Tisch, die meisten hatten das Gesicht von mir abgewandt.

Annika, ein sonst hübsches Mädchen, lag mit weit geöffneten Augen neben mir. Die Adern in ihrem Augapfel waren geplatzt, sie glühten beinahe rot. Umso beängstigender war der starke Kontrast mit ihrer eisblauen Iris. Ihr Mund war ein bisschen offen, Essensbrei kam heraus und war vermischt mit Speichel. Ihr Gesicht lag auf dem Teller, die Essensreste hingen in ihrem langen, braunen Haar. Sie war am Essen erstickt. Die anderen schienen demselben Schicksal erlegen zu sein. Mein Würgereflex meldete sich und ich erbrach das restliche Essen, das noch in meinem Organismus war. Zitternd versuchte ich aufzustehen und fiel schwach zurück auf den Stuhl. Ein Röcheln machte mich auf Daniel aufmerksam.

Er lag auf dem Boden, schien zu krampfen und rang damit, sich erneut zu erbrechen. Er hatte sich bereits einige Male übergeben. Sein Erbrochenes stank fürchterlich, verklebte seine schwarzen Haare und hatte sein graues Shirt durchweicht. Ich rief einige Male seinen Namen, er zuckte, reagierte aber sonst nicht weiter darauf. In seinen verkrampften Händen hatte er eine Tüte voller verschiedenster Kräuter. Er hatte sie unter das Essen gemischt, uns damit vergiftet. Ich wusste, dass er Drogen nahm, aber ich hätte nie gedacht, dass er uns welche ohne unser Wissen untermischen würde. Er hatte einige Male zuvor versucht uns zu überzeugen, ebenfalls welche zu nehmen. Wir hatten immer abgelehnt. Daniel hustete, spuckte und erbrach sich erneut. Er klang wie ein sterbendes Tier.

Erst jetzt verstand ich die Situation. Begriff, dass meine Freunde tot waren und Daniel dafür verantwortlich war. Und, dass ich nur mit Glück überlebt hatte. Die Panik überkam mich und ich vergaß für einen Moment, dass ich eigentlich zu schwach war. Ich kletterte hastig die Leiter hinab, stürzte auf den Boden und rappelte mich hustend auf. Ich musste weg, Hilfe holen. Einfach weg. Meine Beine bewegten sich. Ich rannte schnell über die Wiese, stolperte immer wieder und stürzte in den Schlamm. Es fühlte sich an, als käme ich kein Stück vorwärts und als ich einen Blick hinter mich warf, hatte ich die Bestätigung. Ich lag im Dreck, direkt vor der Leiter und hörte oben das Röcheln von Daniel. Tränen bahnten sich den Weg über meine Wangen und tropften auf meine zu Fäusten geballte Hände. Ich wollte weg. Ich musste weg.

Ich kreischte aus Wut und Verzweiflung und presste jegliche Luft aus meinen Lungen, bis mein Bewusstsein flackerte. Ich schnappte nach Luft, aber zu spät. Ich brach im Schlamm zusammen und wieder legte sich die triefende Dunkelheit über mich. Die erdigen Gerüche und die verzweifelten Geräusche von Daniel verschwanden und ich war alleine. Irgendwann fing ich an die beißende Kälte zu spüren, die sich durch meinen Körper fraß. Ich erfror in meiner Starre.

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