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Klick.

Der Polizeibeamte, welcher soeben das kleine Vernehmungszimmer betreten hat, schaltet sein Aufnahmegerät an und sieht seinem Gegenüber direkt in die Augen. Der Mann, der seinen Blick erwidert, ist kaum älter als ein Schulabgänger und scheint sich in dieser Situation sichtlich unwohl zu fühlen. Immer wieder rutscht er auf dem Stuhl herum und versucht, seine Handgelenke in eine angenehme Position zu bringen. Die Handschellen hindern ihn relativ effektiv daran. Der Polizist, welcher seine besten Jahre grad hinter sich zu haben scheint, beobachtet dieses Schauspiel im Schein der grellen Neonlampe noch einige Sekunden, dann unterbricht er mit seiner von Trauer gezeichneten Stimme die Stille.

"Glaub mir, ich würde dich auch lieber unter anderen Umständen wiedersehen. Aber ich denke nicht, dass uns das vergönnt sein wird."

"Warum nicht?" In der Stimme des Angeklagten schwingt offensichtliche Angst mit. Angst vor dem, was ihm bevorsteht.

"Wegen all dieser..." Er muss kurz schlucken. "Wegen all dieser Dinge, die du getan hast. Wegen all diesen Verbrechen, die du begangen hast. Wegen all diesen Menschen, die du umgebracht hast."

"Aber....aber ich war das nicht." Der Junge scheint schon jetzt, zu Beginn der Vernehmung, den Tränen nah zu sein.

"Es tut mir sehr leid, aber die Beweise sprechen eindeutig gegen dich. Im Haus der alten Frau, deren Gliedmaßen du im Garten an die Bäume gehängt hast, haben wir eindeutig deine Fingerabdrücke gefunden. Bei den Kindern, die du mit ihren eigenen Bastelscheren zerstückelst hast, haben wir deine DNA gesichert. Und in deinem Zimmer haben wir Fotos entdeckt, wie du die Abenteuersportlerin an ihrem eigenen Bungee-Seil aufgehängt hast." Die Stimme des Kommissars ist so bitter wie der Geschmack den Todes, den man nach dem Aufbeißen einer Zyankalikapsel im Mund hat.

"Nein...nein das kann nicht sein. Ich war das doch gar nicht! Das muss ein furchtbarer-"

"GLAUBST DU LEUGNEN MACHT ES BESSER?"

Wie von einem Dolch getroffen sackt der Junge in sich zusammen, fällt an die Lehne seines harten Stuhls und lässt das Kinn auf die Brust fallen. Die laute Stimme des Beamten hallt noch durch den Raum, als sich das leise schluchzen des Häftlings darunter mischt. Er weint. Er weint, weil er weiß, dass niemand ihm e glauben wird wenn sogar diese Person den Glauben in ihn verloren hat.

"Hast du überhaupt eine Ahnung, wie es deiner Mutter geht? Sie ist außer sich vor Sorge und Vorwürfen. Tag und Nacht sitzen wir da und fragen uns, was wir falsch gemacht haben. Seit Tagen macht sie nichts anderes, als sich die Augen aus dem Kopf zu weinen. Sie ist mit ihren Nerven völlig am Ende. Und ich bin es auch. Unser Sohn wird angeklagt, der schrecklichste Mörder zu sein, den dieser Staat je gesehen hat. Und es sieht ganz danach aus, als wäre er wirklich schuldig."

"Pa...Papa, wenn ich es dir doch sage, ich bin das nicht gewesen! Ich hab mit diesem ganzen Scheiß nichts zu tun! Warum glaubst du mir nicht?" Die verheulten Blicke seines Sohnes treffen den Polizisten, durchbohren ihn und lassen seine Lebenskraft ausströmen. Die flehende Stimme lässt seinen Zorn abflauen, sie ausrauchen und nur die verkohlten Ruinen purer Depression bleiben zurück.

"Ich glaube dir mein Sohn. Aber das wird dir nicht helfen. Ich bin einer gegen viele. Hier auf dem Revier wird mir niemand glauben, ich bin dein Vater, herrgott. Ich werde dir nicht helfen können. Ich bin der Einzige, der dir glaubt, alle anderen werden in dir für immer das kaltherzige Monster sehen, ganz egal was du sagst." Seine Stimme, bis jetzt schon so voller Trauer, dass ein normales Mensch daran zerbrechen würde, wird noch einmal ungleich bitterer.

"Und ich halte diesen Glauben nicht mehr aus. Ich verkrafte es nicht mehr, in dir den kleinen süßen Jungen zu sehen, den ich so voller Liebe großgezogen habe. Das zerbricht mir das Herz, zu glauben du wärst etwas anderes als das, was du bist, und in dir noch immer meinen kleinen Sohn zu sehen. So leid es mir tut, ich muss aufhören, so zu denken. Von jetzt an bist du für mich, was du bist."

Seine Augen füllen sich mit Tränen, eine Welle der Scheu und der Reue überkommt ihn. Er fürchtet sich vor den Worten, die er gleich sagen wird, fürchtet sich vor der Erinnerung an das, was er alles tun musste. Fürchtet sich vor all den Erinnerungen und der Verzweiflung zu wissen, was er bei seinem Sohn falsch gemacht hat. Er sieht seinem Sohn in die verquollenen Augen, der kurz davor steht zu erfahren, was wirklich passiert ist.

Klick.

"Von jetzt an bist du für mich nichts weiter als das, was du bist.

Nichts weiter als der Sündenbock für meine Taten."

von Duschvorhang

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