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Ich liebe meine Mitmenschen. Meine Eltern, meine große Schwester, meinen Onkel und meine Tante, meine Freundin und meinen besten Freund.

Meine Eltern haben mich nie ungerecht behandelt. Sie haben meine Kindheit von Anfang an verfolgt und auf mich aufgepasst. Auch nach meinem Schulabschluss hänge ich noch an ihnen und ich besuche sie jedes Wochenende.

Meine große Schwester war immer eine Rivalin. Sie war älter als ich und hatte mich immer geärgert, als wir noch Kinder gewesen waren. Immer war sie die Erfolgreichere. Aber das ist egal. Selbst wenn ich mich darüber aufrege, ist und bleibt sie meine geliebte große Schwester.

Mein bester Freund: Ich kenne ihn seit der Grundschule und manchmal glaube ich das selbst nicht. Seit er studiert, sehe ich ihn zwar seltener, aber wir haben immer noch Kontakt über das Internet. Auch er gehört zu dem Kreis der Menschen, die ich liebe.

Und dann ist da noch meine Freundin, die ich sehr liebe. Sie ist so ein wunderbarer Mensch, dass ich manchmal denke, sie nicht verdient zu haben. Bei näherer Betrachtung allerdings frage ich mich, weshalb ich so denke. Schließlich habe ich nichts getan, weswegen ich sie nicht verdient hätte. Einen so liebevollen Menschen wie sie. Nach meiner Ausbildung wollen wir heiraten.

Ich hoffe nur, dass all diese Menschen für immer bei mir bleiben werden.

Der Grund dafür, dass ich so an ihnen hänge, ist vermutlich der, dass mich der Tod meiner Großeltern sehr geprägt hat. Sie waren die Art von Großeltern, die immer Süßigkeiten dabei haben und an Weihnachten Sachen verschenken, die zwar unnütz sind, aber gut gemeint. Nette Menschen. Leider können sie nicht mehr bei mir sein. Der Busunfall hatte sie zu früh aus meinem Leben gerissen. Ich selbst war wie durch ein Wunder größtenteils unversehrt geblieben.

Ich denke, es ist normal, die Menschen um sich herum mehr zu schätzen, wenn man etwas derartiges durchgemacht hat. Ich liebe meine Familie und meine Freunde sowie natürlich auch meine Freundin.

Ich chattete am Wochenende mit meinem Freund, der für sein Germanistik-Studium hatte umziehen müssen. Nach Unterhaltungen über die Themen, die dort behandelt wurden, wechselte ich das Thema. Mit seinem Fachlatein konnte ich nicht mithalten. Nach weiteren belanglosen Konversationen entschieden wir, uns einmal zu treffen, da wir uns lange nicht mehr gesehen hatten. Wir machten ein Datum aus und wünschten uns eine gute Nacht. Es war Sonntag und bereits nach elf Uhr.

Am Freitag der darauffolgenden Woche führte ich meine Freundin in ein Restaurant aus. Es war kein besonders teures und im Großen und Ganzen schmucklos. Dennoch genossen wir den Abend. Ich liebte es, wenn sie lachte.

Samstags besuchte ich meine Eltern. Sie wohnten nicht weit weg. Ein Dorf war nicht der beste Ort für Senioren, aber es gab einen Supermarkt, ein Krankenhaus und alles weitere in ihrer Nähe. Sie hatten das Land immer gemocht. Ich wusste, dass es ihnen hier gut ging, und nach unserer Vereinbarung fuhren sie nur noch mit dem Auto, wenn es dringend war. Und selbst dann nur ihnen gut bekannte Strecken.

Ich verbrachte den Tag damit, mit ihnen zu reden und ihre Fragen zu beantworten. Sie schafften es, jede Woche neue Fragen zu stellen. Ich ging für sie einkaufen, was nicht viel Zeit in Anspruch nahm, und meine Mutter kochte zu Abend. Das hatte sie schon immer gut gekonnt. Kochen. Und was sie kochte, war lecker. Kein Fünf-Sterne-Restaurant könnte damit mithalten. Meine Schwester traf erst ein, als die Teller bereits gefüllt waren. Sie entschuldigte sich; es habe einen Stau auf der Autobahn gegeben und der Akku ihres Handy sei leer gewesen. Ich holte einen Teller und Besteck für sie, bevor Mutter sich darum kümmern konnte. Ein Abendessen mit der Familie war für mich meistens der Höhepunkt der Woche.

Sonntags wachte ich zu Hause auf und fühlte mich unwohl. Irgendetwas in meinem Mund schmeckte metallisch, aber nachdem ich mir die Zähne geputzt hatte, war es vorbei. Hinzu kam der Schweiß, doch nach einer schnellen Dusche ging es wieder.

Ich telefonierte gefühlte Stunden mit meiner Freundin und höre eine ihrer Freundinnen im Hintergrund kichern. Das machte mich fröhlich. Dass es ihr gut ging.

Am Montagabend empfange ich einen Anruf. Es ist eine Kollegin meiner Schwester, die mich fragt, ob ich wüsste, wo sie sei. Angeblich sei meine Schwester nicht zur Arbeit gekommen, habe sich nicht krank gemeldet oder sonst irgendwie mitgeteilt, wo sie wäre und wie es ihr ginge. Ich entschuldigte mich, ich wisse es nicht. Das entsprach der vollen Wahrheit. Am vergangenen Samstag hatte ich sie noch gesehen und ich nahm an, dass sie am Sonntagmorgen wieder gefahren war.

Erst am Dienstag erfuhr ich aus der Zeitung, dass zwei Leute vermisst wurden: meine Eltern.

Ich machte mir Sorgen. Meine Schwester und meine Eltern; alle drei verschwunden. Wo waren sie nur? Für meine Schwester war es untypisch, sich nicht zu melden, sobald etwas Unerwartetes passierte. Sie rief an, wenn sie sich verspäten würde. Sie vergaß auch nie, sich krank zu melden. Es war sehr untypisch für sie.

Und das Verschwinden meiner Eltern beschäftigte mich am meisten. Sie würden keine unbekannten Strecken fahren. Überhaupt hatten sie nicht vorgehabt, irgendwo hinzufahren. In der Gegend, in der sie lebten, hatte es auch noch nie derartige Verbrechen wie Entführung gegeben.

Ich entschied, meine Schwester anzurufen und wählte ihre Handynummer. Niemand ging dran. Ich versuchte es jede Stunde erneut und gab nach dem fünften Mal auf. Meine Eltern rief ich nicht einmal an. Wenn sie bereits in der Zeitung als vermisst galten, hatte es ja keinen Zweck.

Vor Sorge konnte ich nicht schlafen.

Ich hielt mich auf dem Laufenden, was die Ermittlungen im Vermisstenfall meiner Eltern anging. Ich wurde befragt, antwortete auf jede Frage ehrlich und beteuerte, dass ich keine Ahnung hätte, wo sie sein könnten.

Aus einem lokalen Newsletter erfuhr ich, dass meine Schwester ebenfalls vermisst wurde.

Der vereinbarte Tag kam, an dem ich mich mit meinem Freund traf. Er erzählte mir von seinem Studium und sprach mich auf die Vermisstenfälle an. Schließlich sah er ein, dass es mich zu sehr bedrückte, als dass ich darüber reden wollte. Zuletzt teilte er mir mit, dass er ein Referendariat machen wolle und dafür erneut umziehen müsste. Noch weiter weg.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Ich dachte nur noch an meine Eltern und meine Schwester. Auch das gestrige Treffen hatte mich nicht aufmuntern können. Ich glaube nicht, dass ich wieder fröhlich sein könnte, solange meine Familie verschwunden blieb. Die Sorgen zerdrücken mich.

Mein Freund kam für die nächsten Tage nicht mehr online. Weder auf Facebook, auf Skype oder sonst wo. Schließlich erfuhr ich, dass auch er als vermisst galt.

Es waren nun schon vier Personen, die mir wichtig waren. Ich weinte mich in den Schlaf und ertrank in meinen Sorgen. Ich bekam Albträume von verschiedenen Szenarien, in denen ich meine Familie und meinen Freund sah. Es war nur grausam und aufwachen konnte ich nicht.

Meine Freundin bemerkte, dass sich mein Zustand verschlechterte. Ich zermürbte mich selbst mit diesen Produkten meiner Fantasie. Sie entschied, bei mir zu bleiben. Nicht einmal sie, die ich so sehr liebte, konnte mich aufheitern. Eine Comedy-Show im Fernsehen konnte es nicht. Nichts konnte das. Während wir noch auf dem Sofa saßen und den Bildschirm ansahen, griff ich nach dem Handy auf dem Couchtisch und wählte die Nummer meines Freundes. Ich weiß nicht, weshalb ich das tat.

Ich ließ es klingeln und erwartete nicht erst, dass jemand dran ging. Meine Freundin und ich schreckten gleichzeitig hoch, als wir den Klingelton hörten. Mein Freund – oder jedenfalls sein Handy – befanden sich in meinem Haus. Der Song war nicht laut, nur dumpf. Wir folgten ihm und gelangten so zur Kellertür. Ich suchte den Schlüssel und schloss auf. Die Stufen führten in die Schwärze hinab und ein unangenehmer Geruch empfing uns von dort unten. Sie tastete nach dem Lichtschalter. Die Steinstufen waren kalt, da ich nur Socken trug. Ich hatte den Keller nur selten betreten, seit ich hier eingezogen war.

Unten angekommen erfasste mich ein Brechreiz. Der unangenehme Geruch war stärker, ekelerregend und roch nach Verwesung. Meine Freundin sah zuerst das, was ich nicht vergessen konnte, und schlug die Hände vor dem Mund zusammen. Meine Augen weiteten sich.

Auf dem Boden vor mir lagen sie alle vier. Meine Eltern, meine Schwester, mein Freund. Alle tot!

Meine Eltern waren schon alt. Sie hätten mich ohnehin bald verlassen. Das konnte ich doch nicht zulassen. Jetzt sind sie hier.

Meine Schwester lebte weit weg von mir. Sie hatte keine Zeit für mich und der eine Tag in der Woche war nicht genug. Ich habe ihr alles verziehen, was sie mir in meiner Kindheit angetan hatte – schließlich bin ich erwachsen. Doch der Tag wäre gekommen, an dem sie mich verlassen hätte.

Ich habe meine Eltern mit einem Küchenmesser ermordet und meine Schwester erwürgt.

Mein Freund: er wollte umziehen, um sein Referendariat zu machen. Weit weg von mir. Ich kannte ihn seit der Grundschule und er war immer mein bester Freund gewesen. Derjenige, der mich durch das Gymnasium gezogen hatte. Und dann war er umgezogen. Weg von mir. Er hätte mich verlassen.

Nach unserem Treffen hatte ich ihn noch zu mir eingeladen und mit einer Vase niedergeschlagen. Er war sofort tot gewesen.

Meine Freundin flüchtet die Kellertreppe hinauf. Unwillkürlich laufe ich ihr hinterher und lasse die Leichen meiner Familie liegen. Als ich sie eingeholt habe, versucht sie, sich aus meinem Griff zu befreien. Sie wehrt sich. Wieso?

Sie will mich verlassen!

Das kann ich nicht zulassen. Ich greife nach ihrem Hals und drücke fest zu. Sie wehrt sich solange, bis sie es nicht mehr kann und endgültig erstickt ist. Ihr Körper erschlafft in meinen Armen und ich trage sie in den Keller hinunter zu den Anderen.

 

Alle, die ich liebe, sind tot. Sie haben mich verlassen. Ich bin alleine. Ihre Gesichter sind entstellt. Erstickt. Mit hervorquellenden Augen und sie alle tragen den Ausdruck des Entsetzens. Die Würgemale an den Hälsen der Frauen und die Schnitte in den Gesichtern meiner Eltern. Die restlichen Splitter der Vase im Hinterkopf meines Freundes. Was soll ich denn jetzt tun? Sie alle sollten doch für immer bei mir bleiben.

Falsch!

Ich gehe auf einen alten Sekretär zu, der im Keller steht, und öffne eine Schublade. Dort liegt eine Pistole. Alt und mit noch einer Kugel.

Sie sollten nicht für immer bei mir bleiben.

Richtig!

Ich sollte für immer bei ihnen bleiben!

Ich halte mir die Pistole an die Schläfe und drücke ab.

Ich werde für immer bei ihnen bleiben!

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